Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1925)
- Date
- 1925-05-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Pros. Dr. Abraham Berliner ^xr. Obcrrabbiner Koppel Reich inIBudapest. Rabbi Akiba Eger ^x: Sette 18 Nr. 22 Der Israelit 23. Mai 1926 ..*■ < Mmii WMW seren Augen aufs Neue sich beleben. Als großer genialer Forscher betrat er nie begangene Pfade und bahnte uns die Wege in die alte vergangene Welt zurück. Im Jahre 1873 unternahm Prof. Berliner mit Unterstützung des preußischen Kultusministeriums seine erste Forschungsreise nach Italien; und Jahre hindurch besuchte er in zwanzig weiteren Reisen fast alljährlich alle wissenschaftlichen Bibliotheken. Durch sein Raschi-Werk war sein Gelehrten-Ruf bereits nach Italien gedrungen und so wurde ihm in die Bibliothek des Vatikans Zugang gewährt. Dort entdeckte er eine zahllose Reihe sehr bedeutender Schriften, deren Kenntnis unsere jüdische Literatur in besonders wertvoller Weise bereichert hat, worunter die Kommentare von „R. Chananel" und „Rabbssnu Gerschom" zum Talmud, die er später herausgab. In Parma förderte er die „Massorah zum Targum Onkelos" ans Tageslicht, die dann im Jahre 1875 mit Unterstützung der Berliner Akademie der Wissenschaft erschien. In den übrigen Städten Italiens entdeckte er Noch eine große Anzahl anderer kostbarer Handschriften, die sich alle als ebensoviele Lorbeer-Blätter in den unverrvelklichen Ruhmeskranz des großen Historikers Abrayam Berliner einflecyten. Auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung leistete Abraham Berliner Hervorragendes. Im Gegensätze zu den früheren Historikern schlug er einen ganz neuen Weg in der Behandlung dieses Wissenszweiges ein. Bisher hatte man allgemein nur die äußere, düstere Geschichte der Juden beschrieben, er aber suchte uns ein Bild vom inneren, hellen Leben unserer Väter im Mittelalter zu geben. Sein 1871 erschienenes Werk „Aus dem innneren Leben der deutschen Juden im Mittelalter" stellt eine glänzende Lösung dieser durch spärliche Quellen äußerst erschwerten Aufgabe dar. Durch seinen Aufenthalt in Italien angeregt, widmete sich Berliner auch der Geschichte der Juden in Italien und veröffentlichte unter anderem im Jahre 1893 seine zweibändige „Geschichte der Juden in Rom". Als Anerkennung für dieses gründliche und vorzügliche Geschichtswerk wurde er zum „Cavaliere della corona italiana" ernannt. Von der reichen Ernte seines italienischen Aufenthaltes dürfen unter den vielen Früchten, die dort reiften, noch feine folgenden Werke nicht unerwähnt bleiben: „Ein Gang durch die Bibliotheken Italiens", „Hebräilche Grabschriften in Italien" (200 Inschriften aus Venedig, 16. und 18. Jahrhundert), „Aus den letzten Tagen des römischen Ghetto", „Censur und Confiscation hebräischer Bücher im Kirchenstaate". Vom Jahre 1874—75 gab Berliner die wissenschaftliche Zeitschrift „Magazin für jüdische Geschichte und Literatur" (1—2) heraus, welche er von 1876—1893 gemeinsam mit dem Rektor des Berliner Rabbinerseminars, dem bekannten Dr. David Hoffmann, unter dem Titel „Magazin für die Wissenschaft des Judentums" fortsetzte. Es würde viel zu weit führen, hier auch nur alle wichtigeren Werke und Aufsätze in den verschiedensten wissenschaftlichen Zeitschriften, in denen Berliner mit seinem lodernden Geiste die Nacht der Vergangenheit erhellte und in das Dunkel der Sprachforschung hineinleuchtete, anzusühren. Aus der reichen geistigen Schatzkammer, die er mit den Juwelen seiner Werke gefüllt, seien nur noch die folgenden Perlen genannt: „Hebräische Poesien des Meir ben Elia aus Rvrvich", „Das älteste bekannte Gedicht in hebräischer Sprache von Mose Sakut", „Persönliche Beziehungen zwischen Christen und Juden im Mittelalter", ferner das aktuelle Werk „Zur Lehr und Wehr über und gegen die kirchliche Orgel im jüdischen Gottesdienste", und das sich als letzter Ring in die lange Kette seines Schaffens einreihende Buch von hochwichtiger Bedeutung „Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuch der Juden", zweibändig, dessen Fortsetzung anläßlich der 80. Geburtstagsfeier des großen Gelehrten in Israel zur Ausgabe gelangte. Am 22. April 1915 folgte er im nahezu vollendeten 82. Lebensjahre kinderlos seiner 9 Jahre früher Heimgegangenen Gattin in ein besseres Jenseits betrauert von der wissenschaftlichen Welt und beweint vom Judentum. Von seinem Wandel auf Erden zeugt kein Denkmal von Stein und Erz; er selbst hat sich durch seine Werke ein unvergängliches Monument gesetzt. " Skreifzüge durch das Fränkische Saalekal. Eine kulturhistorische Plauderei von Jul. Straus, Volksschullehrer in Westheim. Die neue Saaletal-Bahn nach Bad Kissingen erschließt eine reizende Gegend dem allgemeinen Verkehr. Man kommt vorüber an bescheidenen Dörfchen, alten Stadtmauern und Trümmern, durch herrliche Wälder, üppige Wiesen und gesegnete Ackersluren. Von den letzten Höhenzügen der Rhön, die der fränkischen Saale gar oft den Weg streitig machen, grüßen Schlösser, Burgen und Burgruinen. Da türmt sich hoch auf der Sodenbera. ehemals ein Vulkan, der aber längst erloschen ist. Dafür duftet in seinem Walde der Waldmeister. Wie einst im Mai, wo der junge Ritter Götz von Berlichingen bei feinen Verwandten auf der Sodenburg weilte. Vom stolzen Schloß Saaleck aus überschauten einst die Fuldaer Fürstäbte ihr kleines Reich. Mühselig arbeiteten unten die kleinen Bauern, kletterten die Winzer die sonnenbeschienenen Hänge ihrer Weinberge empor. Mühselig geduckt schleppte auf der. Landstraße der fuldaische Schutzjude sein Warenbündel ins nächste Dorf. Sein faltenreiches Gesicht zeigt bekümmerte Gedanken. Warum auch nicht? Hatten doch vor wenigen Woche» erst wieder, im Januar 1582, die Räte der Städte Hammelburg, Brückenau, Fulda und. Geisa den Fürstabt „um Abschaffung der Juden oft untertänig und hochflehentlich" gebeten. Hatten die Dränger diesesmal Erfolg, wo der Fürst im Roten Schloß zu Hammelburz weilte und sie ihr Gesuch erneut Vorbringen wollten? . . . Wehmütig tönt in solchen Zeiten der Kümmernis das Flehen aus der alten dumpfen Synagoge: Schäumer Jisroel! Hüter Israels, behüte den Rest von Israel, laß nicht untergehen Israel, das oa rufet: Schma Jisroel!.... Der Traum zerrinnt. Die Fürstäbte von Fulda ruhen in ihrer Gruft. An manchem Hammelburger Gebäude ist noch ihr Wappen. Wir gehen in die Judengasse, sie läßt nur noch ahnen, wo das Villenviertel der Vortabren gestanden. Der Zug führt uns weirer mnd bald grüßt die Ruine Trimberg. Wie ein stummer Beschützer blickt sie hinab aus das kleine Dörfchen Trimberg, das sich am Hang hinaufzieht. Anspruchslose Häuschen, eingebettet im sommerlichen Grün der Sträucher und Blumen; ihr Schatten schwebt im silberglänzenden Wasser der oorüberziehenden Saale. Ein Bild für Maler. Vor unseren Augen aber träumt langsam ein längst entschwundenes Bild herauf; aus dem frühen Mittelalter, damals, als Walther von der Vogelweide seine unsterblcchen Lieder sang: Ein strahlender Sommermorgen. Blauer Himmel, Sonnenschein. Der Wiesengrund ein Blumengarten. Das Dorf wie ausgestorben. Sonntag ist's. Langsam stapfr der Dorfwächter durch die hügelige Gasse und wenn er zuweilen, bedächtig umherschauend, stehen bleibt, und den wuchtigen Spieß aus den Boden aufstötzt, dann schrecken genäschige Stare von den Johannisbeeren auf, springt ein Kettenhund mit heiserem Bellen aus seiner Hütte. Auf der Wiese spielen jüdische Kinder, schwarzlockige und blonde. Die Buben haben ein neues Spiel gelernt. Sie werfen flache Steine dicht übers Wasser hin. Wie Schwälbchen tauchen die Steinchen ein wenig ein, kommen wieder heraus, auf ab, auf ab, so machen sie tänzelnd immer kleinere Schritte, um endlich leise glucksend zu versinken. Ein schöner blonder Knabe hat keine Augen für das Spiel. Er hat die Hände unter den Kopf geschoben, so liegt er im Grase und träumt. Ein leiser Wind trägt von irgendwo Glockenklang herüber. Ein Kuckuck ruft Schwarzamseln flöten, und eine Lerche jubelt hoch über der Trimburg. Dort hinauf fliegen die Träume des jungen Süßkind. Gestern war er wieder oben gewesen mit dem Vater, der weit und breit alle heilsamen Kräutlein kannte und aus ihnen oft dem alten Grafen einen Tee bereiten muhte. Und weil davon seit Tagen die quälenden Schmerzen nachgelassen hatten, war der alte Burgherr so gnädiger Laune wie schon lange nicht. Verschwunden war das scheußliche Reißen in den Gliedern. Er konnte wieder zu Pferde steigen und ins Jagdrevier. Ein fahrender Sänger war aucb soeben angekommen. Hell auf leucyteten dem Knaben die Augen, als der Graf ihm auf die Schulter klopfte und meint: „Süßkind, du darfst hier bleiben und zuhören; ich weiß ja, daß du dies gerne tust. Und.. .... „Süßkind dichtet wieder," schreien die Kinder. „Wollt ihr euch heimscheren, ihr Schreihälse," drohte der Wächter mit dem hochgehaltenen Spieß und wie der Wind ist die Kinderschar zerstoben.Der kleine Träumer Süßkind wurde ein Dichter. Hier in seiner Heimat Trimberg war um das Jahr 1200 eins kleine jüdische Gemeinde, von der keinerlei Erinnerung mehr vorhanden ist. Der Dichter hat ihren Namen unsterblich gemacht. Rühmend wird er in der Burgchronik genannt, er, der in schönstem Deutsch spricht zu einer Zeit, wo die Judenschaft abgeschlossen von der Umwelt lebte und entweder die hebräische Spracbe oder ein Gemisch von Jüdisch-Deutsch redete. Daß der Nachtrag zur Heidelberger Handschrift (Universität Heidelberg) die Lieder eines einzigen jüdische» Minnesängers aufbewahrt, nämlich Süßkinds, zeigt immerhin eine Wertschätzung, wie man sie sonst in jener Zei! der Kreuzzüge für Juden nicht hegte. War es doch i» jenen schlimmen Tagen, wo man die Juden verfolgte, verachtete und ihnen oft nur die Wahl ließ zwischen Abfall vom Glauben oder Tod. Für den Juden Süßkind war es kein geringes Wagnis, in der Kleidung des höfischen Sängers von Burg zu Burg zu wandern und feine neuen Lieder zu singen. Denn wo andere, mochte ihr Sang auch zuweilen seicht und gedankenlos sein, beim Burgherrn williges Ohr, offene Hand und gastfreies Haus fanden, da mußte der jüdische Minnesänger nicht *