Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 15-16 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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■ Der Israelit Sette 20 Nr. 15/16 gemeinde in Israel und eine Stadt voll von Weisen und Gelehrten war, lebte ein frommer und gelehrter Kaufmann namens Samuel, Sohn des Moses Sofer mit seiner Frau, die allgemein schlechthin als die „fromme Reife!" bezeichnet wurde. Samuel war von mütterlicher Seite Enkel des Rabbi Schmuel Schotten, des bekannten Vorsitzenden der Frankfurter Dajamin zur Zeit des Chettobrandes 1711, — aus dem er, wie durch ein Wunder, das Manuskript seines Werkes „Kos Jefchuos" gerettet hatte, während alle feine Habe und Bücher ein Raub der Flammen wurden. — Die väterliche Linie Samuels ging zurück bis zu Rabbi Schimeon aus Frankfurt, dem Verfasser des „Jalkut Schimoni", öer* wiederum seinen Stammbaum bis auf Rafchi zurückführte. Auch Reisel war die Tochter angesehener und hochgelehrter Eltern. Die Ehegatten lebten glücklich, nur von dem Kummer bedrückt, daß sie nach zehnjähriger Ehe noch mit keinem Kindersegen Herzensreinheit in höchsten Ehren stehenden Rabbi Nathan Adler. Und dieser sprach: „Wenn Euch Gott ein solch herrliches Kind anvertraut, so habt Ihr die heilige Pflicht, dem Gebote: Und schärfe es Deinem Kinde ein, zu genügen und selbst mit ihm zu lernen." Das nahm sich Samuel zu Herzen, befreite sich so gut es ging von seinen Geschäften und widmete alle gewonnene Zeit seinem Sohne. Der kleine Mosche durfte, wenn er abends nach einem arbeitsreichen Tage zu Bette ging, nicht eher einschlafen, als bis er eine an ihn gestellte halachifche Frage beantwortet hatte. Es ist bezeichnend für den u:rnst und die ungeheure Gewissenhaftigkeit des kleinen Mosche, daß er, obwohl er nach Kinderart Süßtzigkeiten sehr liebte, kein Zucker und Zuckergebäck anrührte, seitdem er hörte, daß bezüglich der Brocho Zweifel bei den Dezisoren bestehe. Reben Rabbi Nathan Adler lebte damals in 8 ÄyÄ 1°L5 ■ Niger um seine Person als vielmehr um die Dinge, die man von feiner Lebensart und der Bewegung um ihn herum befürchtete. Ein chafstdifcher Meister, der Verfasser des „Noam Elimelech" sagte-von ihm, daß seit dem Baalschemtow keine reinere Seele zur Erde gekommen sei als diese des Ravoi Nathan Adler. Unter den Schutz dieses Großen und Heiligen kam Mosche, ein Kind noch, und fühlte sich von dem ersten Augenblicke von dem Meister so angezogen, daß dieser ihm den Stempel seines Geistes für das ganze Leben aufdrückte. Es ergab sich sogar später, daß Mosche sein Vaterhaus ganz verließ und bei Rabbi Nathan Mahnung und dauernden Aufenthalt nahm.' Dieser Wechsel hatte eine etwas tragikomische Geschichte. Es war nämlich üblich in der Schule des Rabbi Nathan Adler, daß an jedem Sabbat ein Schüler eine Drascha aus Eigenem hielt. Der dreizehnjährige Mosche knüpfte an eine vom Urgroßvater Rabbi Schmuel Schotten ge- -wiv onn WM UV// , miwj. MM:, bedacht waren. Auch dieser sehnliche Wunsch der frommen Leute ging endlich in Erfüllung. Am 7. Tischri 6523 (1763) kam das Kind, ein kräftiger Zunge, zur Welt. Es war an einem Freitag gegen Abend, und die fromme Mutter betete, daß die Geburt sich noch vor Sabbatanbruch vollziehe, damit man ihretwegen nicht den Sabbat entweihen müßte. Just um die Minute des Sabbatanfanges erblickte der Knabe das Licht der Welt, erblickte das Sabbatlicht. Das Kind erhielt den Namen Mosche nach dem frommen, gelehrten Dater Samuels. Der kleine Mosche wurde buchstäblich aus den „Knien der Thora" erzogen. Als die Mutter ihn mit vier und fünf Jahren täglich ins Cheder führte, verhüllte sie sein Gesicht, damit cr von der Werktägigkeit und der Unheiligkeit der Straße nichts gewahr werde. Der Junge wuchs geistig mit jedem Tage und verriet einen Verstand, der alle in Staunen setzte. Eines Tages kam er weinend aus dem Cheder nach Haufe. Um den Grund seiner Tränen gefragt, sagte er, er habe beim Chumischunterricht an den Rabbi eine Kaschje (Frage) gestellt und als Antwort — eine schallende Ohrfeige erhalten. Der Vater ließ sich den Gegenstand Herfagen und fand, daß die vom Kinde gestellte Frage gar nicht so unsinnig war, daß vielmehr Rafchi sie stellte und beantwortete. Der Jähzorn des Qefyrere verdroß Samuel und er fürchtete von ihm eine Abschwächung des Lerneifers bei dem Kinde.. So beriet er sich mit dem damals in Frankfurt ob seiner Gelehrsamkeit und Frankfurt, von allen hochgeachtet, Rabbi S a l - m a n C h o ss i d, der in einem villaartigen Hause ein heiliges, weltabgeschiedenes Leben führte und unausgesetzt lernte Und lehrte. Zu -ihm kam der siebenjährige Mosche. Unter Aussicht und Anleitung dieses seines eigentlichen ersten Lehrers lernte er den Traktat Beza aus und sagte aus Eigenen ein Hadran, der schon die ersten Funken des wachsenden großen Geistes zeigte. Diesen Hadran trug Chassam Sofer siebzig Jahre später seinen Schülern in Preßburg bei Beendigung des genannten Traktates vor und verriet es ihnen erst nachher zu ihrem unbeschreiblichen Staunen, daß dies die Schöpfung eines Siebenjährigen sei. Durchreisende Gelehrte prüften den Jungen und bewunderten seine Fassungsgabe und Vertrautheit mit der Materie. So der Verfasser des „Schaagas Arje". Rabbi Mosche Katzenel.endogen, der Verfasser des Kommentars „Pnei Mosche" zu Jeruschalmi aus Bjalistok, der gleiche große Lehrer, der den Wilnaer Gaon zu dessen Kindeszeit sozusagen entdeckte, nahm sich auf seiner Durchreise auch des kleinen Mosche an und wollte ihn mit nach Palästina nehmen, was aber am Widerstand der Mutter scheiterte. Statt dessen kan: er bald in die Schule des Rabbi Nathan Adler. Und dieses wurde entscheidend für seine fernere Laufbahn, wohl auch für eine ganze Epoche jüdischen Geisteslebens. Rabbi Nathan Adlers Leben und Kämpfe in Frankfurt sind bekannt. Die Kämpfe gingen westellte Kaschje an und wies nach, daß bei näherer Einsicht hier gar keine Schwierigkeit vorliege. Der Vater Samuel hörte dabei einen despektierlichen Ton gegen den großen Ahn heraus und wies den Jungen mit einer Ohrfeige öffentlich zurecht. Es war die zweite L-yrfeige in seinem Leben, die von nicht minderer Bedeutung für seine fernere Lebensbahn war. Hatte das Kind die väterliche Züchtigung mit Liebe entgegengenommen, so nahm sie der Lehrer, Nathan Adler, fast als persönliche Beleidigung. Cr fürchtete aus einer solchen strengen Erziehung eine Beeinträchtigung der Liebe zur Thora bei seinem Schüler. Um das Kind wei teren Versuchungen nicht auszusetzen, setzte er es durch, daß der kleine Mosche ganz zu ihm kam und in seinem Hause blieb. Er durfte um diese Zeit mit dem Vater kein Wort sprechen, so lautete der etwas unerklärliche, aber gewiß einem höheren Zwecke dienende Befehl des Meisters. Ralmi Nathan Adler hütete nun und betreute dos Kind, bewachte fein leibliches und geistiges Gedeihen, wie jemand, der berufen ist, einen kost' baren Edelstein aus der Hülle heraus zu schleife; (Schluß folgt,)