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Der Israelit · 1925-04-08 · Heft 15-16 (8.4.1925) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 15-16 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 19)
Language
German
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L AvM 192Ö Der Israelit SK. 16/16 Setk 19 AÜMt'nMörte sich Awrohmel, der zwvl, jährige, Dem Tisch und griff erstzögernd, dännmitwilder Haft -und Gier -nach den Hreifen. Einige wenn folgten ihm. Die anderen Jungen blieben aber wie angenagelt auf ihrem Platze und wandten das Gesicht um, um der Versuchung zu entgehen. Ein Faustschlag der Soldaten .zwang sie aber wieder gradaus nach dem relchgedeckten Tisch zu schauen. So verging wieder eine volle Stunde. Die kleinen Helden hatten auch diese Prüfung bestanden. n die Kaserne zurück wurden nur die Treugebliebenen geführt. Die Anderen wurden von, der Mehrzahl abgesondert und sie dursten nichts mehr mit ihr zusammen sin. Die jüdischen Knabenwurden dei schmaler Kost und vielen Schlägen' weiter in der Kaserne behalten. Unter den Kindern befand sich ein zehnjähriger, hochaufgeschossener, stark abgemagerter. Junge mit blitzenden Glutaugen. Er hieß Mend el und mar der Sohn eines Schneiders.. Der Junge hatte zu Hause für sein Alter schon j sehr viel gelernt und seine Gottesfurcht war ins diesen Tagen der Not und Prüfung noch stärker angewachsen. Dieser kleine Junge war vom ersten Tage an der Führer der ganzen Gruppe. In jeder unbewachten Minute sprach er auf sie unter Tränen ein, sie möchten doch ausharren und wie Abraham gegen Nimrod, wie Chananja, Michael und Asaria in Babylon, wie die „zehn Märtyrer" in Rom den Namen Gottes Hieligen und Feuer noch Wasser fürchten, denn überall sei Gott, der ihre Seele schützend ausnehme. In kurzer Zeit hatte sich der kleine Mendel eine Macht über die Jungen errungen, daß sie alle bereit waren, für ihn ins Feuer zu springen Er nahm den Freunden den Eid ab, alles zu tun und zu hatten, was ihnen geboten und möglich war. Er war es, der morgens in aller Frühe, da die «poldaten noch. schlummerten, von Lager M Lager, ging: und die Kinder weMe, haß M ihr Hetzet verrichteten bevor noch der Dienst begann. Zuweilen holte er die Knaben aus dem Mitternachtsschlaf und lernte mit ihnen d i e Mischnaabschnitte, die er auswendig konnte. Die Peinigungen und Quälereien zur Bekehrung der. Jungen hörten aber nicht auf und wurden immer umrträglicher. Man schlug sie ohne Erbarmen, entzog--ihnen die Nahrung, ließ sie stundenlang barfuß auf Schnee und Eis stehen.. Eins.Tages wurden sie im Hofe in Reih und Glied aufgestellt und dann erging der Befehl: .Die nun entschlossen sind, die Taufe rzunehmen, bleiben stehen, die anderen aber treten drei Schritte zurück. Hinten aber standen Soldaten mit vorgestreckten Lanzen. Alle traten sie zurück und stießen in die Lanzenspitzen. schrien sie7 Mitten' in dis Schmerzens- Hreie der Kinder dröhnte die Stmme Mendels: „Auf, Kinder, zur Heiligung des <sottesnamens! ..." Und schon sprang er mit lautem „Schma" in Das Wasser, hinter ihm her alle anderen, die gleich von den Wellen erfaßt wurden. Die Soldaten, die diesen Heldenmut der Kleinen nicht erwartet hattten, sprangen ihnen bestürzt nach, um zu retten. Drei 'Kinder ertranken. Die anderen wurden gerettet und in halbtotem Zustande ans Ufer gezogen. Nach diesem mißlungenen Bekehrungsversuch hatten die Kinder eine Zeitlang einige Ruhe. Abe r die Versuchungen wiederholten sich bald wieder und schwerer, Eines Tages erschien in der Kaserne Awrohmel, der frühere Kamerad. Er war jetzt zwölfjährig und schon Christ, hatte gute, saubere Kleider an und sah wohlgenährt aus. Er war von den Offizieren zu den Kindern geschckt, um sie zu überreden und hatte zu diesem Zwecke eine ganze Menge von Süßigkeiten und Leckereien mitge- Junger Talmudist Nach einem Bilde von Jacob Krestin Manche fielen schwer-verwundet zu Boden. Die anderen mutzten wieder vor und wieder zurück, einmal und noch einmal. Alle, mit Ausnahme von zwei, wiederholten den blutigen Gang. Als auch das versagte, wurden sie nach einigen Tagen außerhalb der Stadt an den großen Fluß geführt. Dort standen Soldaten mit kleinen Booten, und nun ertönte Befehl: „Ueber den Fluß! Wer bereit ist, die neue Religion anzunehmen, darf eines der Boote besteigen, alle anderen aber, die in ihrer Hartnäckigkeit verharren, haben den Fluß in den Kleider zu Fuß zu durchwaten." Der Strom war breit und tief, und kein ein öiges der Kinder konnte schwimmen. Zwei Jungen Kennten sich von den anderen und bestiegen laut weinend ein Boot. Die anderen blieben bewegungslos stehen. Da sausten aber die Stöcke und Peitschen der Soldaten auf sie nieüer und drängten sie ans Wasser. „Ins Boot oder in den bracht. Er machte sich zunächst an einen siebenjährigen, kränklichen und ausgemergelten Jungen heran. Aber plötzlich trat Mendel dazwischen, schob den kleinen Jungen zur Seite und fing im Flüstertöne eine Unterhaltung mit Abrohmel an. Man sah, wie Mendel auf ihn einredete und Abrohmel weinte. Bald verschwand Abrohmel, ohne weiteren Versuch gemacht zu haben. Es verging ein voller Monat. Da brachten eines Nachts zwei Soldaten in de Schlafabteilung der jüdischen Jungen einen großen Soldatenmantel, der eine blutige Masse in sich hüllte. Es war Awrohmel, den sie so zugerichtet hatten. Die Knaben mühten sich, ihn noch zum.Leben zu erwecken, und als er für eine Minute die Augen aufschlug, bat er, ihm „Oschamnu" und „Al chet" vorzusagen und dann Schma Jisroel mit ihm zu beten. Noch vor Morgengrauen hauchte er feine Seele aus. Den Kindern war es erlaubt, ihn nach jüdischem Gesetz zu begraben. Den Zusammenhang der Dinge erfuhren die Kinder erst später. Unter dem Einfluß jenes Abends, da er bei seinen früheren jüdischen Kameraden weilte und die Mahnungen Mendels in sein Herz aufnahm, fing Awrohmel an, seine Bekehrung zu bereuen, und eines Tages, als er mit den anderen Bekehrten in die Kirche geführt wurde, riß er in plötzlicher Gesühlsaufwallung das Kreuz an seiner Brust los und warf es zu Boden. Die Strafe folgte auf dem Fuße. So kam es, daß er nachts sterbend in die jüdische Avreilung eingeliefer. wurde. . . . Bei all diesem mutigen Ausharren verminderte sich doch die Zahl der kleinen Helden täglich. Biele unterlagen den Mißhandlungen. Einige flüchtten freiwillig aus diesem Leben der Pein und Versuchung. Zwanzig wurden von der Masse abgesondert und auf entlegene Dörfer verstreut, wo sie bei lieblosen Bauern größter Drangsalierung ausgesetzt waren und, auf sich allein gestellt, doch nach und nach ihr Judentum verloren. Unter denen, die ins Dorf verbannt wurden, befand sich auch der kleine Mendel. Er suchte wiederholt und vergebens zu flüchten. Als man ihn zum dritten Male erfaßte, stürzte er sich vom obersten Stockwerk auf die Straße und fand den Tod „zur Heiligung des göttlichen Namens." Ein Jahr später wurden die Soldatenzöglinge nach W j a t a überführt. Von den 200 Kindern wären nur noch zwölf im jüdischen Glauben geblieben, deren Führer jetzt an Stelle des toten Mendel Gerson Falk war. Er verwaltete das Erbe Mendels mit gleicher Treue und Beharrlichkeit. Sie hatten sich fest zusammengeschlossen und ein Buch mit Bestimmungen und Verpflichtungen angelegt, um ihre jüdische Lebensführung mitten in den Gefahren stets in strengster Kontrolle zu behalten. Vier Jahre unsäglichen Leides vergingen. Die Kinder wurden älter und klammerten sich an das mit so viel Opfern Errungene immer mehr und krampfhafter. Mählich wurden doch die Schinder und Henker müde und gaben ihr Handwerk auf. Deren einige fingen sogar an, mit einem gewissen Respekt auf die kleinen Helden hinzuschauen. Eines Tages erschien ein ganz alter General und fragte geradeheraus: „Beharrt ihr immer noch, Kinder, im Glauben der Väter?" „Zu Befehl, Exzellenz. Wir verharren in unserer Religion!" „Werdet ihr unter keinen Umständen die Religion verlassen?" „Unter keinen Umständen, Eure Exzellenz!" „Meine Hochachtung," sagte der General. „Blewet, wie ihr seid. V>r so die Treue gegen seinen Gott bewahrt, wird sie auch gegen seinen Kaiser und König hüten." Die Worte wirkten ganz ungeheuer auf die an Schimpf und Spott und Mißhandlung gewöhnten Kinder. Es war bei ihnen ausgemacht, daß es der P r o p h e t E l i a in Menschengestalt und Generalsuniform war, der zur Belohnung ihrer Terue also zu ihnen sprach. (Schluß folgt.) Annderecke. Frankfurts großer jüdischer Sohn. Aus der Jugendzeit des Chasam Kofer. (Siehe Bild aus Seite 20.) Der größte Sohn der Frankfurter Judenheit , in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Mosche Soser, der nachmalige „Chasam Sofer". Die Geschichte seiner Kindheit und seiner Jugend ist ein Stück der Frankfurter jüdischen Geschichte um die Wende des 19. Jahrhunderts. In Frankfurt, das um diese Zeit eine Mutter-

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