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Der Israelit · 1925-04-08 · Heft 15-16 (8.4.1925) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 15-16 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 21)
Language
German
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w \ o> Max Brod und sein jüdisches Werk. Von Dr. W. Mas in AürH i. ZS. I. Auf Max Brod und fein Werk „Heidentum, Judentum und Christentum" war bald nach dem Erscheinen desselben von dem berufensten Interpreten jüdischer Geistesströmungen der Gegenwart in diesen Blättern - hingewiesen worden. Zwar hat Max Brod in seinen folgenden Werken und besonders in einem bald darauf in der „Jüdischen Rundschau" erschienenen Aufsatz gezeigt, daß seine Stellung zum Judentum, wie sie sich in jenem monumentalen Werke kundgibt, von ihm wieder aufgegeben ift,. bennod) bleibt bas t&ud) wertvoll als Tiotument jüdischen und menschlichen Geistes. Brod selbst hat in diesem Werk sehr viel aufs Spiel gesetzt. Er mußte sich sagen, daß der große Kreis nichtjüdischer Leser sich daraufhin von ihm abwenden würde; die wenigsten vertragen Schwärmerei fürs Judentum auf Kosten des Christentums und Heidentums. Aber auch eine ganze Menge jüdischer Leser konnte feine Be- geisterung für eine von ihnen längst ausgegebene Sache übelnehmen. Dazu kommt der Ernst der Weltanschauung, zu der er sich in diesem „Bekenntnisbuch" hindurchgerungen hatte, die an nichts vorübergeht, was einen jeden von uns schon im innersten aufgerührt hat; dazu kommt endlich die heiße Liebe zum Talmudjudentum, die Selbstverleugnung und Selbstüberwindung, die ihn in den Stand gesetzt haben, aus dem großen Meeer des Talmuds eine jüdische Lebensanschauung zu gewinnen. Freilich: ob es die jüdische Lebensanschauung ist, zu der man sich bekennen muß, mag füglich bezweifelt werden. Aber daß seine Ideen zu einer jüdischen Lebensanschauung einen wertvollen Beitrag liefern, ist sicher und leitete mich bei dem Versuch, sein Werk in einer Oberprima auszugsweise zu lesen. II. Jüdisch ist vor allem die Gegenüberstellung: Heidentum, Christentum, Judentum. Sie zeigt, daß Brod dem konsequenten Nationalismus fernsteht, wenigstens bei der Anlage des Werkes ferngestanden hat. Denn vom Standpunkte dieses mußte er dem Judentum ein Deutsch-. Franzosen- oder ein anderes Volkstum entgegenstellen. Christentum und Heidentum sind aber Weltanschauungen und durch ihre Gegenüberstellung mit dem Judentum bezeugt Brod, daß er als charakteristisches Element eine .Ideenwelt ansieht, deren Anerkennung die Zugehörigkeit zum Judentum begründet. Welches ist nun das unterscheidende Merkmal dieser drei geistigen Mächte, die die Welt beherrschen? Gewiß wird man sagen, der Glaube an einen, drei oder viele Gottheiten. Mit Recht lehnt Brod (man vergleiche Hirschs Kommentar zur Malki-Zedek-Geschichte) diese Auffassung ab. Ueber theoretische Anschauungen wäre das Leben längst hmweggeschritten. Tatsächlich sind extreme Christen des Mittelalters und der Moderne (Dante und Kieekegaard) dem Judentum sehr nahe gekommen und extreme Heiden als Typen des Judentums angesehen worden. Nicht der Glaube an einen Gott charakterisiert das Judentum, sondern die Einstellung zu den Menschen und zu den Dingen, vor allem die Stellung zum Diesseits und Jenseits. Der Christ, der konsequent seiner Lehre nachleben will, hat nur Sinn fürs Jenseits. Dieses Leben und diese Welt sind nichtig, ihre Freuden sind eitel, ihre Leiden sind. süß, über allem Jammer liegt der Flor der Erbsünde ausgebreitet. Der Heide kennt nur diese Welt, sieht Menschen und Menschheitswirken im Diesseits beschlossen, selbst die Beschäftigung mit den Idealen des Guten, Wahren und Schönen bewegt sich in der Richtung des Diesseits, zielt letzten Endes auf eine Beglückung der Menschheit hin. Der Jude aber sagt zum Diesseits weder ja, noch nein, oder auch beides, mit aller Entschiedenheit und Inbrunst bejaht er das Diesseits. Das sind Ideen, die Juden und Christen und Heiden tagtäglich trennen, wenn sie dem Leid und Elend des Daseins gegenüberstehen. Brod hebt den zweifachen Leidenscharakter des menschlichen Lebens hervor und unterscheidet hiernach: edles und unedles Unglück. Alle kleinen und kleinlichen Sorgen, Hemmungen und Strömungen des Alltags, die in den niedrigsten Funktionen des Daseins begründet, oft durch Dummheit und Leichtsinn verschuldet, behebbar und abwendbar sind, nennt er unedles Unglück. Edles Unglück ist die verzweifelte und unabänderliche Tatsache der Ohnmacht und Beschränktheit des Menschen, die ihn mit tiefer Melancholie erfüllt, wenn er sich seiner Kleinheit und Endlichkeit gegenüber der gewaltigen Größe und den unermeßlichen Kräften der unendlichen, ewigen Gottheit bewußt, wird. Nicht alle Menschen empfinden diese beiden Arten von Unglück auf gleiche Weise. Der Heide kennt das letztere gar nicht, weil es ihn im Genuß des Diesseits stört. Seine ganze Kraft stellt er in den Kampf gegen das unedle Unglück, seine ganze Trauer gilt dem Mißerfolg auf diesem Gebiet; der Christ erkennt dieses wieder nicht als Unglück an, kämpft beileibe nicht gegen es an, es ist ihm vielmehr selbstverständliche und willkommene Gelegenheit, den Blick aufs Jenseits, dem edlen Unglück zuzuwenden, was der Grund ist für christliche Vorliebe für die charitativen und Missionsbestrebungen. Das Judentum stemmt sich zwar mit aller Macht gegen das unedle Unglück, erschöpft sich aber nicht darin, sondern hält sich für das edle Unglück den Blick frei. Ist doch auch die Wirkung des edlen Unglücks auf die menschliche Seele ganz anders wie die des unedlen. Während dieses mit dem deutlichen Nebengeräusch des Unrichtigen verbunden ist und den Menschen niederdrückt, unfähig macht zu höherem Tun, ist jenes von der Art des Erlebnisses einer Tragödie im Theater, erhebt, reinigt, bessert, macht produktiv. Das sind die nana bw ünm wie sie im Talmud genannt sind, die Leiden, die Gott aus Liebe sendet, die anderen die Leiden des göttlichen Zornes, als Geißel für die Menschen. Gewiß ist auch das unedle Unglück von Gott, ebenso wie der böse Trieb, der es vielfach verschuldet. Aber Gott will nicht, daß der böse Trieb des einen Einfluß oder gar Zwang ausübe auf andere, daß einer dem bösen Trieb des anderen gehorchen müsse, daß am unedlen Unglück des einen der andere leide. Das zu verhüten, ist Sinn aller Politik. Wie stehen wir zum unedlen Unglück? Das ist das Problem der Probleme. Das Judentum weist dem edlen wie dem unedlen Ugnlück feine Stelle im Weltenplane ein. Das ist nicht nur eine Frage der Lebenskunst, das ist vielmehr die Frage, ob es Willensfreiheit gibt oder nicht. Ganz gewiß gibt es eine solche, erklären im Namen des Judentums seine gebildeten Vertreter, und Max Brod sagt ebenso in seinen früheren Werken, wie z. V. in Tycho Vrahes Weg zu Gott: Alles geht, wenn man nur will. Aber durch viele Leiden ist er zur Erkenntnis gekommen, zu der er sich in diesem Werke bekennt: Es geht nicht alles; daß der Mensch frei sein und alles seinem Willen unterwerfen könne, ist nur soweit richtig, als es sich um unedles Unglück handelt, da ist er rpümn mzwnn Mitarbeiter am Schöpfungswerk und seiner Erhaltung, ja, da gelingt es den Menschenkindern, „den Vater zu besiegen' nach dem Worte des Talmuds. Unfrei ist er aber, und von der göttlichen Gnade abhängig, inbezug auf das edle Unglück, wo der Mensch nichts tun kann, nichts tun soll, als vertrauend, liebend, sehnsüchtig des Wunders harren, das die Schrecken der Jrdischkeit aufhebt. III. Gottesfurcht und Mizwa-Freude sind die Hauptmerkmale der jüdischen Seele, jene als Errungenschaft menschlichen Ernstes, dieses als Geschenk göttlicher Gnade. Diese unscheinbaren Sätze beleuchtet Brod mit Parallelen aus und zu der jüdischen Geschichte, mit einer reichen Fülle von Zitaten aus dem Talmud und aus Beobachtungen über das jüdische Leben, mit Geist und Begeisterung immer neue' Seiten des Problemes entdeckend. Gemeinhin sucht man das Wesen der jüdischen Psyche im>Mangel an Naivität, im Überwuchern des Verstandesmüßigen. Buber sieht im Juden den Typus des Orientalen, der im Gegensatz zum Abendländer eine motorische Natur sei, sich stets angespannt, durch den Antrieb seiner Seele zur Tat und Entscheidung getrieben fühlt. Demgegenüber betont Brod die Unhaltbarkeit der einen i 12716

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