Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1925)
- Date
- 1925-01-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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; \l. ••' •;;; '••••K •-••..• . : . . ■ .. - .. ,.■ ' . . 29. Januar 1925 Der Israelit */m Korrespondenzen « ßacbricMen. Deutscher Reietz- Eine kritische Jahresbilanz der bayerischen Kurorte. Berlin, 23. Januar. Dr. Richard Hu ls ch in e r teilt der „Vossischen Zeitung" mit, daß die bayerischen Kurorte auf ein kritisches Jahr zurückblicken. In den eigentlichen Sommerfrischen und den von den Touristen besuchten Gebirgsorten ist der Verkehr sehr erheblich zurückgegangen. Sogar in München hat die Zahl der Uebernachtungen um etwa 10 Prozent abgenommen. Als eine der Ursachen dieses Rückganges gibt Dr. Huldschiner an, daß im Jahre 1924 die Politik eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Namentlich jüdische Sommergäste, die sonst nach Bayern zu kommen pflegten, haben es vorgezogen, ein Land zu meiderl/ in dem die Hitlerei groß werden konnte, und in dem He befürchten wußten, sich antisemitischen Anrempelungen auszusetzen. Die Zahl derjenigen, die aus diesem Grunde ferngeblieben sind, läßt sich nicht einmal schätzen, da die Fremdennerkehrsstatistiken die Religionsangehörigkeit der Reisenden nicht berücksichtigen. Eine ntzue Wendung in der Sache Steiger.— Verhaftungen angesehener Lemberger Juden. L e m b e r g , 27. Januar. Unter der Lemberger Judenheit herrscht Bestürzung über die rätselhaften Haussuchungen bei angesehenen Juden Lembergs und über, die Verhaftungen von Juden, die am 22., 23/und 24. im Zusammenhangs mit der Angelegenheit Steiger vorgenvmmen worden find. Der jüdische Student Stanislaus Steiger ist feit mehreren Monaten in Haft unter der Beschuldigung, ein Bomben- -attentat gegen den Präsidenten der polnischen Republik Wojciedchowsky während dessen Anwesenheit in Lemberg versucht zu. haben. Die gesamte Judenheit Lembergs Und Polens ist vvn Steigers Unschuld überzeugt, und nimmt Anteil an seinem Schicksal. Bekanntlich hat das -Kriegsgericht, däs unmittelbar nach dem mißlungenen ^.'Attentat eines Unbekannten gegen Steiger verhandelte, /die Verhandlungen abgebrochen, weil keinerlei greifbare ^Beweise für Steigers Beziehungen zum Attentat erbracht werden konnten. Steiger wurde den Zivilbehörden übergebene Die/ukrainische militärische Organisation sandte -wiederholt Erklärungen an die Presse, daß das Attentat von ihr organisiert und Steiger nichtsdamit zu tun > hatte. In der Folge wurden auch einige Ukrainer unter dem Verdacht, mit dem Attentat und den Atten-; tätern in Verbindung zu stehen, verhaftet. . Man erwartete jeden Tag die Freilassung Steigers, dessen Un- : schuld als erwiesen galt. £ < , Ueberraschung, daH Mtz Hölizer den'^DngKihrMU ÄorsiMndem des''großen jüdischen Handwerkervereins„Htd äharüzsliü" M. Gläsermann, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde und Stadtverordneter von Lemberg, sowie den Vizepräsidenten des genannten Handwerkervereins D. M. Münz . verhaftet und mehrere Revisionen bei verschiedenen Persönlichkeiten und Institutionen unternommen hat. Verhaftet wurden feryer Herr Jenner, der Besitzer^ einer der größten Druckereien, sowie der Inhaber einer photographischen Anstalt. Alle diese Haussuchungen und Arreste wurden auf die Aussage eines gewissest Miketin hin vorgenommen. Dieser Miketin hatte vor einiger Zeit einen gewissen Panciszyn als den Urheber des Attentats gegen den Präsidenten bezeichnet. Jetzt zog er seine Aussagen zurück und erklärte, daß'die erwähnten Juden ihn verleitet hätten, falsches Zeugnis abzulegen. Miketin erzählte, die Juden hätten ihm 5000 Dollar für die falsche Zeugenausi - äusfage versprochen. .Die Vertreter des'füdlschen - Parlamentsklubs, die Deputierten Reich, Rosmarien und Sommerstein, besuchten im Zusammenhang, mit den Verhaftungen von Juden den Innenminister Ratajsky, sowie den Justizminister. Beide Minister versprechen, die Angelegenheit zu verfolgen. Am 25. Januar hielt der Vizepremier Thugutt mit dem Jüstizminister eine Konferenz , über die neue Wendung in der Attentatsfache ab. Die Konferenz der jüdischen Stadtverordneten Litauens. K o m n o , 21. Januar. Die Konferenz der jüdischen Mitglieder der Stadtverordnetenversammlungen in Litauen ist nunmehr geschlossen. Am letzten Sitzungstag hielt Deputierter Dr. Robinsohn ein Referat über die Taktik der jüdischen Sejmfraktion. Er wies darauf hin, daß die jüdischen Parlamentarier gegen ihren Willen in die Opposition zur Regierung gedrängt morden sind. Nach langen Diskussionen wurde der jüdischen Sejmfraktion das Vertrauen ausgedrückt. Ferner wurde beschlossen, einen Verband der jüdischen Stadtverordneten Litauens zu schaffen. Die litauische Regierung und die Kehiloh. K o w n o , 15. Januar. Die Führung der G e b u r t s l i st e n wurde im Verordnungswege den Gemeinden entzogen und wieder den Rabbinern übertragen. Die Maßregel ist im Interesse der Stärkung des rabbinifchen Einflusses sehr erfreulich. Rabbinerwahl in Pjysf-Karlin. P i n s k, 24. Januar. Die alte Doppelgemeinde Pinsk-Kaxlin hat Rabbi Aron W a l k i n , bisher in Amzislaw, zum geistigen Oberhaupte gewählt. Rabbi Wälkin hat sich durch seine halachischen Wefke zu Talmud und Dezisoren den Namen eines Gelehrten erworben und ist auch als erfolgreicher Redner und Mann der Tat gut bekannt. Schon vor dem Kriege setzte er sich zusammen mit den großen russischen Rabbinern für die Idee der Agudas Jisroel ein und in der Kattowitzer Versammlung sah man Rabbi Walkin unter» den eifrigsten Arbeitern. Von da aus unternahm er zusammen mit Herrn Rabbiner Dr. Meier Hildesh e i m e r - Berlin eine A m e r i k a r e i s e, bei welcher Gelegenheit er auch in England und anderen Ländern für die Thora wirkte. In Sowjetruhland von der Gesamtheit und ihren Interessen, fast gänzlich abgeschnitten, stellte Rabbi Walkin seine Arbeiten doch nicht ein und beteiligte sich unter großen Schwiergketen an der Kenessio in Wien. Als die Lage in Rußland Unertäglich wurde, flüchtete der Rabbi voriges Jahr nach Korvno, von wo aus er nun auf einen der ältesten Rabbinersitze in Polen berufen wurde, der seit dem' Tode des großen Rabbi David Karliner unbesetzt geblieben war. Man darf unter der Führung Rabbi Aron Walkins nur das Beste für das' Judentum dieser polnischen Provinz erwarten. Geschichte des Kommunismus in einer Jefchiwa. Riga, 20. Januar. Der Lubawitscher Rebbe in Petrograd Schneerfohn wandte sich an den Stadtsowjet mit dem Ersuchen, ihm die Eröffnung einer Jeschiwa (jüdische Religiöse Hochschule) zu erlauben. Der Sowjet erteilte hierauf die Antwort, die Eröffnung werde nur dann erlaubt wöröen, wenn in dem Lehrplan, täglich eine Stunde dem Studium der politischen ' Ökonomie und wöchentlich 3 stundest dem Studium der Geschichte des Kommunismus^eingeräumt, werden. Kaschruth Vorschriften haben Gesetzeskraft. Washington', 18. Januar. Das amerikanische O b e r st e Gericht hat dieser Tage eine Entscheidung getroffen, daß die im Staate Newyork von den jüdischen Gemeinden eingeführte Kaschruth-Ordnung vor den amerikanischen Gerichten als öffentliches Gesetz gilt. Eine ähnliche Entscheidung hat bereits das Newyorker Staatsgericht getroffen. Dagegen hatten jüdische Kaufmannsorganisationen Berufung eingelegt. Diese jüdischen Kaufmannskreise wollen das Wort koscher als „rein" und „einwandfrei" interpretiert sehen. Das oberste amerikanische Gericht hat aber im Sinne des Newyorker Staatsgerichsthofes entschieden, daß _etn Geschäftsmann, der das Wort „koscher" unrechtmäßig gebraucht, . sich, vor den amerikanischen Gesetzen strafbar mache. ' ...;-‘ik^ '“•'r 5 E eite 8 Richter Satherland, der die Entscheidung des Obersten Gerichtes vorlas, erklärte ausdrücklich, daß die jüdische Bevölkerung, die auf rituelle Lebensführung Gewicht legt, geschützt werden muß. In der Begründung wird ferner hervorgehoben, daß der Oberrichter Louis D. Brandeis, der Jude ist. an dieser Entscheidung nicht teil hat. Der Gehilfe des Oberstaatsanwaltes, Samuel Hofstetter, der den Newyorker Kaschruth-Rat gegenüber den Gerichten vertreten hat, gibt bekannt, daß er im Aufträge des Kaschruth-Nates eine Formulierung der Kaschruth- Vorschriften, die laut Entscheidung des obersten . Gerichtes in Amerika ^u gelten haben, demnächst vornehmen wird. Personalien. Rabbi Jehuda Krause Frankfurt a. M>, 27. Jan. Ein Großer in Israel ist von uns gegangen. Der yvim» p rr*» nYirr» n"i» am pur, der alte Posener Dajan Krause hat ' in Frankfurt a. M., im Altersheim auf der Rechneigrabenstr. 18, am ^Beginn des eas?rr> am Sonntag abend seine große, reine Seele im 87. Lebensjahre ausgehaucht. Oi n"d w pmy 1BS1) rppji aiv pppa ualpn p Ein gesegnetes Leben liegt abgeschlossen vor uns, brs zum 87. Jahre zu lehren gab seinem Haupte: fa rnw Es sei mir, der ich mich mit Stolz seinen Schüler nennen darf, undder ihm, wie ein Sohn nahe gestanden hat, vergönnt, kn Kürze ein Lebensbild von ihm zu Feben. Ein Kind sehr frommer Eltern, in Oftrowo geboren, wuchs er auf in heiliger Atmosphäre. Seine Mutter brachte ihn schon im Alter von etwa 2—3 Jahren ms Bethhamidrasch herein, damit er in der Lust der Thora atmen möge. Früh kam er zu großen Lehkern. Gemeinsam mit seinem späteren Kollegen im Dajanat Posen, Samuel Silberberg V"xr lernte er in Kempen bei Rabbi David Leib Schlesinger, bei dem berühmten Grätzer Raw, Rabbi Elijahu Gutmacher, bet Rabbi Raphael Mauscheh Levy in Posen. Er kam dann nach Kollo in Polen, an der deutschen Grenze, wo er aus dem vornehmen Hause Marcus die edle Lebensgefährtin, die ihm viele Jahre im Tode vorausging, erwählte. 11 Jahre lebte er im Hause seiner Schwiegereltern, und wurde damals schon als. großer. pan t»Vp verehrt. Heber 40 Jahre wirkte er' als Däjän m. Posen. Mit dem Posener Raw Dr. Feilchenfeld .y~x und dessen Nachfolger Dr. Freimann '"2 verband: ihn innige Freundschaft, ebenso mit seinen Kollegen im Dajanat: Rabbi Mosche Landsberger irxt» Samuel Silberberg Wt. und dessen jungem Nachfolger. i Nabbi Äehuda Krause Der Hauptsitz seiner Wirksamkeit aber war sein np!>ts> pp» das alte Posener «man pp, in dem der Lehrstuhl noch steht, von dem. aus Rabbi Akiba Eger gelehrt, und dem neben diesem Stuhle der Name des Dajan Krause die Weihe und den großen Ruf gab. Hier sammelten sich um ihn — früh und abends' — Größen der Thora, wie sie wohl im letzten halben Jahrhundert in keinem anderen Orte Deutschlands/vereint zu finden waren. Ich möchte nur die Namen nennen: Rabbi Moscheh Ephraim Znckermann V-xt» Rabbi Hirsch Levy V-xr, R. Samuel Silberberg . i>"xr, Herr Prekarczyk >xr» Lehrer Jacobsohn ä'xr, und den noch lebenden Herrn Bogelsdorf. Jeder van -rofcp, der . in seinen Bannkreis trat,, wußte nicht, ob er mehr sein pwp>a oder sein Pip'm bewundern sollte. Ein phänomenales Gedächtnis ^listz ihn 0'D und D'pBiB vollkommen beherrschen, und das heilige Feuer dem v& sprühte aus seinem geistvollen, schönen Gesichte, wann er bPip lernte und lehrte.