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Der Israelit · 1924-03-20 · Heft 12 (20.3.1924) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 12 (20.3.1924)
Date
1924-03-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4 Nr. 12 Der Israelit 20. März 1021 Korrespondenzen « nacoricoien. Detttsehes Reieh. Ludendorff und die jüdischen Frontsoldaten. Berlin, 9. März. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten E. D. Berlin hat in seiner Tagung vom 9. März 1924 folgende Entschließung gefaßt: Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat mit Entrüstung von den Beschuldigungen und Verdächtigungen Kenntnis genommen, die General Ludendorff im Münchener Prozeß gegen die deutschen Juden ausgesprochen hat. Nur parteipolitische Leidenschaft hat den militärisch verantwortlichen Führer des deutschen Feldheeres zu Verdächtigungen verleitet, wie sie ungerechtfertigter und ehrenlränlender kaum jemals ausgesprochen worden sind. Im Namen der jüdischen Frontsoldaten, die wir alle in uns das Bewußtsein tragen, mit Opferwilligkeit und Hingabe unserer Kraft dem Vaterlande gedient zu haben, im Namen der vielen Tausende jüdischer Männer, die ihre Treue mit dauerndem Siechtum bezahlt haben, im Namen der 12 000 jüdischen Soldaten, die unter Führung General Ludendorsss den Heldentod gestorben sind, im Namen der trauernden Witwen und Waisen, Väter und Mütter, weifen wir die uns zugefügten Beleidigungen zurück und sind uns gewiß, daß die erdrückende Mehrheit des deutschen Volkes von diesen ungeheuerlichen Verdächtigungen nichts wissen will! Eine Regierungsauskunft über die Ostjude« in Deutschland. Berlin, 11. März. In dem Antwortschreiben der Regierung auf die Interpellation des Abgeordneten Graefe (Thüringen) betreffend den durch den Beuthener Prozeß aufgedeckten Ostjudenschmuggel wird, wie die I. T. A. erfährt, noch folgendes festgestellt: „Es muß schließlich noch darauf hingewiesen werden, daß selbst, wenn etwa tausend — nicht etwa hunderttausende— ostjüdischer Einwanderer auf diese Weise nach Preußen gelangt sein sollten, die Verhältnisse sich im Laufe der letzten Monate wesentlich verschoben haben. Es ist als sicher anzunehmen, daß etwa zweidrittel der ostsüdischen Einwanderer das Land wieder verlassen haben; in Großberlin z. B. hat sich ihre Zahl auf etwa ein drittel verringert; im Ruhrgebiet befinden sich höchstens nur noch tausend. dieser Einwanderer. Es ist deshalb mit Bestimmtheit anzunehmen, daß. fo bedauerlich die durch die Beuthener Prozesse an den Tag gelangten Erscheinungen auch sein mögen, dennoch der durch sie eingetretene Schaden nicht den Umfang angenommen hat, den die Anfrage Nr. 2039 glauben machen will. Aus dem Reichstag. Berlin, 12. März. In der Sitzung des Reichstages vom 10. März ergriff im Verlauf der politischen Aussprache der sozialdemokra'.ifche Führer, der frühere Reichskanzler Scheidemann, das Wort und polemisierte gegen General Ludendorff, der in seinem Buche „Der große Krieg" u. a. gesagt hat, neben den zielbewußten Juden im „Berliner Tageblatt", in der „Frankfurter Zeitung" gäbe es noch Bierpolitiker, die für eine freiheitliche Bewegung schwärmten. Aus diesen Gedankengängen baute Ludendorff die Dolchstoßlegende auf. In Wahrheit habe Ludendorffs überstürzte Waffenstillstandsforderung die Niederlage besiegelt. Zu Helsferich gewendet, sagte Scheidemann: „Haben Sie nicht daran gedacht, daß an der Stelle, an der Sie dabei standen, an der Stelle, an der ich jetzt stehe, einst der jüdische Marxist Ludwig Frank gestanden hat? Freilich. Ludwig Frank ist tot; gestorben auf dem Schlachtfeld. Sie leben, um zu schimpfen. Die Hetze gegen Juden und Marxisten ist modern geworden und Sie treiben mit ihr ihre politische Geschäfte und das dümmste Märchen ist Ihnen gut genug, um unsere Vaterlandslosigkeit zu beweisen." Der deutschnationale Abgeordnete Deglerk polemisierte gegen Scheidemann und führte zum Schlüsse aus, die Zwangspensionierung aller Beamten, die das sechzigste Lebensfahr überschritten haben, ist nicht zu rechtfertigen. Man sollte lieber die jüdischen Beamten abbauen, die sich selbst als Zionisten bezeichnen. (Beifall bei den Deutschnationalen.) Der Antisemitismus in den deutschen Schulen, Berlin, 13. März. Eine Anzahl hervorragender Berliner Pädagogen hatte sich aus Einladung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu einer Aussprache über „Schule und Antisemitismus" eingesunden. Als erster Redner führte Studiendirektor Dr. Henning aus, es sei leider eine Tatsache, daß der Antisemilismus in die höheren Schulen eingedrungen sei. ungeachtet dessen, daß 1914 die jüdischen Schüler der oberen Klassen mit großer Begeisterung für Deutschland als Freiwillige in den Weltkrieg gezogen sind. Nicht weniger als 15 frühere jüdische Schüler Dr. Hennings sind im Kriege gefallen. Dr. Henning beklagte, daß durch Hineintragen des Antisemitismus in die Schule die Beziehungen des Lehrers zu seinen Schülern und der Schüler zu ihren Mitschülern einen häßlichen Zug erhalten. Ein Lehrer habe sich gerühmt, in seiner Klasse würden Juden nie lange bleiben, er würde schon dafür sorgen, daß sie möglichst bald ausscheiden. Oft werden aber auch die Kinder schon im Elternhause verhetzt. Professor Dr. H'.ldebrandt sieht den Hauptgrund für das Eindringen des Antisemitismus in die Schule in der Politisierung der höheren Schulen. Er verlangte einen Zusammenschluß der Jugendverbände aller Richtungen. Frau Studiendirektorin Gerhardt wies daraus hin, daß heute das Deutschtum im Auslande ähnliche Leiden durchmachen müsse wie die deutschen Juden An dem Beispiel Spaniens könne die Schule zeigen, wie die Austreibung eines Volksteiles die ganze Wirtschaft eines Landes zu zerstören vermag. Ein Vertreter der völkischen Richtung führte dann aus, das völkische Problem, das heute die brennendste Tagesfrage ist, könne in der Schule nicht übergangen werden. Geheimrat Dehnicke versuchte, das Anwachsen des Antisemitismus in den höheren Schulen dadurch zu erklären, daß die deutsche Jugend zurück will zu dem Bismarckischen Ideal des „gesunden Nationalegoismus", während die Mehrheit der jüdischen Schüler auf der Seite des Internationalismus. Pazifismus und Kommunismus stehen. Der Schulreformer Professor O e st r e i ch trat diesen Ausführungen entgegen und verlangte ein direktes Entgegenwirken gegen den Antisemitismus in den Schulen. Der einzige Jude unter den Vortragenden, Mittelschullehrer Stern, schilderte als Vater die Leiden jüdischer Kinder in antisemitisch-verseuchten Schulen. In manchen Gegenden Deutschlands geht der Judenhaß in den Schulen bis zu dem durch Vereinbarung festgesetzten Brauch nichtfübischrr Schüler, mit jüdischen Schülern nicht zu sprechen. So wirkt die Verhetzung des Elternhauses auf die ohnedies zur Grausamkeit geneigte Jugend. An der bis Mitternacht sich hinziehenden Aussprache beteiligten sich Redner verschiedener Richtungen. Köln, 14. März. Am jüdischen Lehrerseminar zu Köln ging am 14. März die diesjährige Entlassungsprüfung, deren mündlichen Teil Herr Regierungs- und Schulrat Dr. Hilderscheitl leitete, zu Ende. Sämtliche Prüflinge bestanden dieselbe, zum Teil unter Befreiung von der mündlichen Prüfung. Sabbat-Anfang und -Ausgang. iü Ort: Änf< Uhr rag Min. & c 1924 ltum 5684 Üu Uhr sg. Min. Frankfurt a. M. 6 10 22. 16. 7 25 Berlin .... 6 15 März Adar U 7 02 München . . . 6 15 7 08 Köln. 6 15 7 30 Stuttgart . . . 6 15 7 20 Breslau. . . . 6 15 6 45 Nürnberg . . . 6 — 7 11 Hamburg . . . 6 25 7 23 nur an die Frommen, bei denen ja, auch ich sage „leider", die nichtjüdische Namensgebung so oft anzutreffen. Freuen wir uns bei ihnen wenigstens damit, daß ihr Namen einen jüdischen Inhalt, wenn auch keine jüdische Form repräsentiert. Erkennen wir an, daß es besser so ist als umgekehrt. Verstehen, wenn auch nicht entschuldigen wir ihre Schwäche, die Freude an einem „schönen" Namen hat. Ueberlassen wir Ilebertreibungen dem gerechten Fluche der Lächerlichkeit. Von einem ■mn npin reden zu müssen, wie der Anonymus glaubt, liegt wohl kein Anlaß vor; denn vrnipsr?-nr iwv gebraucht ja ein jeder seinen oe»-Sicherlich wurde auch der iwv pn sich nicht so ausführlich mit den v'i'-i eines solchen •nin npir. befassen, wie er . es z. B. 129, 16 f. tut. Um aber nicht wieder mißverstanden zu werden, schließe ich mit den Worten: Der Wunsch, daß ein Jude sich einen jüdischen Namen zulege, ist so einfach und natürlich, so ansprechend und verständlich, daß er es nicht verdient,. erst durch schiefe historische Beweisführung, durch maßlose Argumente oder durch übertriebene persönliche Verunglimpfung derer, die sich einen profanen Namen zulegen, aber jüdisch leben, gestützt zu werden. Dabei gestatte ich mir nochmals auf den tradierten Familien- Minhag hinzuweisen, daß pietätvoll dje Namen verstorbener Voreltern gewählt werden; wie mir von geschätzter Seite geschrieben wird, in Holland auch diejenigen noch lebender. Ein Sonderfall sei noch herausgehoben. Ueberaus häufig, fast möchte ich sagen in den meisten Fällen, finden wir heute, daß Glaubensgenossen, denen ein richtig biblischer Name mit auf den Lebensweg gegeben worden, diesen später, wenn sie mehr an die Öffentlichkeit hinaustreten, in einen modernen umwandeln. Aus einem Abraham wird plötzlich ein Adolf, aus Salomon — I Siegbert, aus Mosche — Martin, aus Levi — Leo. Wir finden dies selbst bei solchen, die als Leuchten jüdischen Lebens und selbst jüdischer Wissenschaft dastehen. Hier besteht vielleicht eine direkte Zurücksetzung j des jüdischen Namens. Herr Dr. B. C. wird mir jwohl darin beipflichten, daß in jedem einzelnen solchen Falle der Vater, wenn er es vorausgesehen hätte, mit Recht besser dem Sohne wie der Tochter gleich bei der Geburt einen „schönen" profanen Namen gegeben hätte, um so den biblischen vor dieser einstigen Zurücksetzung zu bewahren. Vielleicht haben wir hier einen der Gründe dafür zu sehen, daß seit jeher die profanen Namen so überhand nehmen konnten im Judentum. Für das religiöse Leben der heilige biblische, für das profane Außenleben der profane. Vielleicht dürfen wir sogar gegen frühere Jahrhunderte einen Fortschritt konstatieren. Der „unjüdische" Name wie z. B. Symmachos (owvio) galt damals für alle Fälle, bei uns nur im profanen Leben; für das religiöse Leben hat jetzt jeder seinen richtigen, eigentlichen biblischen Namen. Witze und Wörtchen. In Posen starb ein Wucherer, der allezeit die Leute ausbeutete und nie an den Gemeindelasten trug. Der „Heilige Verein" verlangte von den Erben eine horrende Summe für die Bestattung. Die Söhne führten Klage beim Stadihauptmann und dieser machte dem damaligen Oberrabbiner R. Akiba Eger Vorhaltungen über ungleichmäßige Behandlung. „Es ist schon richtig," erwiderte Rabbi Eger, „wir zahlen geringe Summen für ein Grabstüä, weil dieses ja nur gemietet ist bis zur Auferstehung. Wucherer haben aber nach Talmud keinen Anteil an der Auferstehung der Toten. Also hat er das Grab für ewige Zeiten und der Preis ist nicht zu hoch." Man fragte einen vielgeplagten jüdischen kleinen Kaufmann, welche Sidro die Woche gehe. „Alle aus einmal," gab er zurück, „im Leben lerne ich „Ki ßeze lamilchomo", meine Gläubiger lernen mit mir „Mischpotim". „Die Geschäfte halten bei „Nizowim" und das Vermögen bei „Wajelech", und wenn's so weitergeht, nähere ich mich dem „Waseschew" .... (Israel Zangwill wieder in England.) Israel Zangwill ist am 12. Februar in Plymouth eingetroffen. Seine Hauptaktion in den Vereinigten Staaten war bekanntlich die Begrüßung des amerikanisch-jüdischen Kongresses am 14. Oktober, die soviel Aufsehen erregt hat. Am 14. Februar beging Zangwill seinen 60. Geburtstag. Wochenkalender. 82.-29. März 1924 / 16.-23. Adar II. 6684 Samstag März 22 IS 16 YTK Sonntag 23 17 2 Montag 24 18 Dienstag 25 19 Mittwoch 26 20 Donnerstag p 21 Rosch-Chaudesch-Bensche» ins wns Neumond: Freitag, den 4. April, nachm. 2Uhr4Ü^M Freitag 28 22 Samstag i9 ■»rnw 23

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