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Der Israelit · 1922-05-04 · Heft 18 (4.5.1922) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 18 (4.5.1922)
Date
1922-05-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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4. Mai 1932. _ Grunde der enMschen Volksseele noch zur Zeit Scotts feshrmrzetten. Für uns handelt es sich hier aber nicht darum, Vorurteile auszurotten. Wir fragen, welchen Wert hat diese Lektüre für Juden und jüdische Jugend, vermag sie positive Kenntnisse zu verbreiten und Gefühle einzupflanzen, die das Judentum betreffen? Der Jude präsentiert sich ja in unzeitgemäßer Kleidung!, denn zur Zeit der Handlung dürfte, streng! genommen, Judenkleidung unb Judenabzeichen noch nicht in England existeirt haben. Aber jüdisches Blut scheint m seinen Adern zu rollen. Oder ist es am Ende «gar nicht jüdische wenn er für das klingende Gold eine „ a n geb o r e n e " Zuneigung hat? Ist seine zauberhaft schöne Tochter vielleicht eher ein Kind ihres Volkes, wenn ihr jener „eingeborene" Klang ganz fremd geworden, wenn sie mit vollen Händen an Juden wie Christen gibt? Stimmt das wohl zu ihrer Religion? . 'ecott' sagt nicht, ob Isaak und Rebekka fromme Juden sind; das ist auch ganz überflüssig. Denn in jener Zeit, zu Ende des 12. Jahrhunderts, bestand noch nicht die Ansicht, daß man dem Namen nach Jude und dem Leben nach Heide sein könne. Leider fällt aber Isaak aus der Rolle. Er scheint doch wohl Gegenwartsjude zu sein. Er setzt sich nämlich bei dem (die Juden verfluchenden) Nichtjuden zum Esseu hin und verWingt das ihm dargÄotene Fleisch, ohne zu bedenken, daß ein umnoderner Jude, wie er, doch wohl einen Unterschied zwischen koscher und terepho machen müsse. Genauer scheint er es mit einer anderen Sache zu nehmen. So wie Trampe in seinem Roman den Mangel an positiv jüdischen -Charakteren und Riten durch eine Fülle von stereotypen Ausdrücken (wie „ein Opfer riechen lassen" nn steter Verbindung mit dem ausgeschriebenen Gottesnamen) zu ersetzen sucht, so ist .auch die Ausdrucksweise des Juden bei Scott durchsetzt .mit Ausdrücken wie „heiliger Abraham" und jedes dritte Wort .ist: „Gott Jakobs!" Hat jemals ein Jude so gesprochen oder geschrieben, wenn wir von der Sprache des Gebetes ab sehen? Diese geschmacklose Art, Juden zu charakterisieren, ist zwar nicht so kraß wie beim „König von Juda", dient aber auch nur dazu, dem Mangel psychologischen Verständnisses für jüdische Charaktere und das Fehlen, jüdischer Kenntnisse zu verdecken. Der nichtjüdische Leser merkt sich derlei „Eigenheiten" und verwendet sie in seinen „Witzen", der jüdische Knabe schämt sich dieser jüdisch sein sollenden Art, die er gar nicht kennt. Aehnlich ists mit der jüdischen Ethik bei Scott. So hören wir an einer Stelle, daß Rebekka, mnfähig, die beschränkten Ansichten ihrer Religion zu teilen, sich entschließt, für den gefährdeten Nichtjuden zu beten. Was für eine Ansicht bildet sich nun die jüdische und .nichtjüdische Jugend darnach und wie wenig trifft sie die Wahrheit! Daß der jüdische König Salomo für die Heiden betet, die im Tempel ihr Herz ausschütten wollen, daß heute noch Jahr für Jahr in den großen, furchtbaren Tagen des neuen Jahres und der Versöhnung der Nichtjuden im Gebete gedacht wird, ja, daß wir die schönste, kühnste Hoffnung unserer Zukunft nicht trennen von den Träumen der ganzen Menschheit .im messianischen Zeitalter — das bleibt verborgen. „Ein König von Juda" und „Jvanhoe", gleich spannend und gleich viel verbreitet, ist ein Schulbeispiel für die vielen Karrikatureu, die an Stelle von Charakteren geboten werden, siir die Schundliteratur, Hegen, die unsere Kinder durch eine umfassende Organisation eines Prüfungsausschusses geschjützt werden müssen. Unter diesen Umständen begrüßte ich es freudig, daß der oben genannte Verfasser von „Mereleika", 0. Schachinowitz, sich nun der dich-, lerischen Bearbeitung historischer Stoffe zuzuwen- Der Israelit. den beginnt. „Im 'Judenstaat der Ch'azaren" ist bereits erschienen. Die Natürlichkeit und Natu rtreue seiner Schilderungen haben wir schon ober: hervorgjehoben. Indem er die Geschichte ' mit .Sagen umgibt und neben die geschichtlichen Gestalten solche eigener Erfindung stellt, versetzt er den jugendlichen Leser lebhaft in den Charakter der für die Geistesentwicktung des Judentums wichtigsten Zeit vom 8. bis 10. Jahrhundert. Der historische Schauplatz hat sich vor den Augen der Juden vollständig .geändert. Wendepunkte der Weltgeschichte sind eingetreten, große Katastrophen, in welchen alte Mächte der Welt, berühmte Völker der Geschichte ihr Ende gesunden haben. Aegypten und Assyrien, Babytonieu und Persien, Griechenland und Ron: haben mit ifytem Verschwinden ein leeres Blatt in der Weltgeschichte geschaffen mrd die Juden gezwungen, ihre Blicke von Jahrhunderte alten Trägern der Kultur weg und anderen zuzuwenden/ Asiens Bodeit wird gegen den Europas! vertauscht. Ideen und Geistesströmuugen sind aufgekommen, die der Richtung so mancher Völker vollständig neue Linien gezogen haben, 'Sie römisch-hellenistische Bewegung, die Entstehung des Christentums und Islams, haben den Gegensatz zwischen alter und neuer Zeit nur vertieft. Alles hängt nun davon ab, ob die jüdische Jugend die Verhältnisse, unter denen die Juden damals lebten und westwärts wunderten, richtig einschätzt, ob sie die Kette der Ueberlieferung erkennt, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet; sie soll die Stellung erfassen, die die Juden zu den erwähnten Wendepunkten der Weltgeschichte genommen haben; sehen, wie das Judentum der Kultur einer jeden Folgezeit neue Impulse gibt und sie in steter Berührung aus ihrem Entwicklungsgänge begleitet. Das macht die Zeit vom 8. bis 10. Jahrhundert so wichtig für uns Juden, das den. Roman Schachnowitz' so wertvoll für die Jugend. Er läßt die neue jüdische Gesellschaft vor unseren Augen erstehen, nachdem er auch den Sieg erleben läßt, den die erweckende und erlösende Wahrheit des Jüdentmns im Volke der Hazaren davonträgt. Geschichtliches und Romantisches lösen einander wohltuend ab. Der zweite Teil steht hinter dem ersten Teil zurück, weil die großen Gegensätze und Konflikte fehlen. Aber im großen und ganzen ist auch er durchaus gelungen. Nirgends sehen wir Typen, überall wirkliche, lebendige Menschen und Juden in den verschiedensten Schattierungen. Nirgends vordringliche moralische Lehren, vielmehr liegt das Moralische in der Vorbildlichkeit der dargestellten Helden. B en Chisdai und Kosarios-Säliman lösen im jugendlichen Menschen den Wunsch aus, ihnen gleich zu werden au starkem Wille:: zum Guten, Bekennermut und Mannhaftigkeit, an Selbstbeherrschung und religiösem Ernste. Und auch die gegnerischen Charaktere sind nicht eben darum als schlechte Kerle gezeichnet, wie in den Tendenzromanen in üblem Sinne, sondern als Opfer ihrer aus Irrtum beruheudeu Ueberzeugüng. In seinem Roman „Verschollene Brüder" scheint Schachnowitz einen noch dankbareren Stoff, die Falaschageschichte, bearbeitet zu haben. Wir hoffen, daß der Roman nach seiner Veröffentlichung im „Israelit" auch in Buchform nnserer Jugend zugänglich gemacht wird. Aehnlich wie die historischen Erzählungen wirken auch die Biographien, wenn anregend geschrieben, aus das Gemüt der Jugend. Ich erwähne als Muster dieser Gattung nur beispielsweise die des Wiluaer Gaou unb von R. Akibä Eger. Zum Schluß wäre noch die Literatur zu würdigen, die eine poetische Uebertragung unserer Midraschin: und Agada enthält. (Fortsetzung folgt.)! Teile 11. Nr. iS. Lehrernvt. Bon Rabbiner Dr. Moses Auerbach in Köln. Das Wort „Lehrernot" ist doppelt zu fassen als: Not der Lehrer und Not an Lehrern. Seit Jahren wurde in der jüdischen Presse gewarnt, aber nur zum Teil Hai man auf die Warnungen gehört, und jetzt stehen wir vor, fast muß man sagen in der Katastrophe. Als seit Kriegsende die immer mehr anschwellende Teuerung gebieterisch die Erhöhung aller Gehälter forderte, eine Erhöhung, die in Wirklichkeit keine Erhöhung ist, sondern nur ein mehr oder weniger ausreichender Ausgleich der Papiergeldentwertung, — da zögerten Staat und Kommunen viel zu lang, ihren Beamten gerecht zu werden. Der größte Teil der jüdischen Gemeinden wartete noch länger. Die ersten Ansätze, die mit den Teuerungszulagen gemacht wurden, waren völlig ungenügend, oa bis zur Bewilligung dieser Zulagen in der Regel die Teuerung sie schon längst überholt hatte. Eine nachträgliche Bewilligung mit rückwirkender Kraft wurde mit Rücksicht auf den, von den bereits veranlagten Steuern abhängigen Etat nur selten in ausreichendem Maße getätigt. Auf der anderen Seite mußte das System der immer neu zu bewilligenden Teuerungszulagen oder auch Gehaltserhöhungen, demoralisierend auf das Verhältnis der Beamten zur Verwaltung wirken. Wenn jedes Mal entweder die Beamten unter Darlegung ihrer Not um Aufbesserungen einkommen mußten, oder auch, — wie es in besseren Gemeinden vielfach geschah,— die Verwaltung mit Rücksicht auf die Notlage der Beamten Erhöhungen eintreten ließen, so hatte das immer den unangenehmen Beigeschmack einer Unterstützung mit Rücksicht auf die besondere Lage, einen Beigeschmack, dessen Bitterkeit nach der ethischen und sozialen Höhe des jeweiligen Verwaltungskörpers abgestuft war, der aber immer bitter blieb. Im Laufe des letzten Jahres haben endlich viele jüdische Gemeinden den einzig richtigen Schritt getan, ihre Beamten in eine bestimmte Gehaltsklaffe der Staatsbeamten einzureihen, so daß sich nun auch das Einkommen ihrer Beamten im großen und ganzen automatisch der jeweiligen Teuerung anpaßt. Daß dieses bei den Staatsbeamten nicht in idealer Weise gelingt, ist ja bekannt. Aber immerhin ist ein modus vivendi gefunden, durch den das Extstenzmintmum ziemlich sicher gestellt wird. Aber leider ist diese Regelung durchaus nicht überall durchgeführt,- besonders sind zahlreiche Landgemeinden noch sehr im Rückstand. Die Folge hiervon ist die furchtbare Lehrernot in des Wortes doppelter Bedeutung. In erschütternder Weise ist gerade in den letzten Wochen die gräßliche Not zahlreicher Lehrersamtlten, da Deutschlands Bevölkerung — die jüdische wie die christliche — eine Periode der wirtschaftlichen Blüte erlebt, und sei es volkswirtschaftlich betrachtet auch nur eine vorübergehende Blüte, — mußten jüdische Lehrer auf dem Lande an Unterernährung zu Grunde gehen! Doch nicht Klagen ist der Zweck dieser Zeilen, sondern der Versuch, mit G. H. zu bessern. Seitens der Landgemeinden wird die schlechte Behandlung ihrer Lehrer teils damit begründet, die Mittel reichten nicht aus, teils damit, ihre Beamten seien nicht voll beschäftigt. Zur ersten Begründung ist zu bemerken: Von einer übermäßigen Belastung einer Gemeinde kann nicht gesprochen werden, solange die Besteuerung nicht 20°/0 der Reichsetnkommensteuer übersteigt. Wir sind fest überzeugt, daß bei einem wirklichen Umlageverfahren noch nicht 10% erhoben zu werden brauchten, um den Lehrer dem Ortsschullehrer gleich zu stellen, und die anderen Gemeindebedürfnisse zu befriedigen. Mit ganz verschwindenden Ausnahmen dürfte das für das Rheinland zutreffen, in den meisten Fällen auch für die anderen Gegenden Deutschlands. Wo dieses nicht der Fall ist, darf aber nicht der Beamte der Leidtragende sein. Liegt ein wirklicher

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