Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1922)
- Date
- 1922-05-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12. Nr. 18. Notstand vor, so ist es Pflicht des Bundes gesetzeslreuer Gemeinden resp. des D. I. G. B. ihren Mitgliedgemeinden zu helfen. Der andere Einwand gegen die Gleichstellung des Reltgionslehrers gegen den des Ortslehrers ist: Er sei nicht voll beschäftigt. Dieses Moment ist zu erwägen bei der Ueberlegung, ob ein Bedürfnis für einen eigenen Lehrer vorliegt. Hat man sich aber zur Anstellung entschlossen — und in den allermeisten Fällen wird dieses der richtige Entschluß sein — dann muß man die Konsequenzen ziehen und seinen soz'alen Pflichten Nachkommen. Wenn der Lehrer die für die Kinder notwendige Mtndestzahl von 4 Wochenstunden für jede Gruppe erteilt, so bedeutet das allein bei nur drei Altersgruppen schon 12 Stunden. Und das dürfen die leitenden Männer der Gemeinden nicht vergessen: Für ihre Kinder ist es notwendig, in gesonderten Altersgruppen unterrichtet zu werden, sollte jede Gruppe auch nur 2 Kinder umfassen. Bei kombiniertem Unterricht von Kindern im Alter von 6—14 Jahren, und seien es nur 6 Kinder, kann nicht Genügendes erreicht werden. Das eigenste Interesse der Kinder erfordert die Teilung tn Gruppen. Ist nun der Lehrer auch Schauchet und Chason, so hat er bei gewissenhafter Erfüllung seiner Pflichten genügende Beschäftigung. Das Bororen am Schabbos und den Jomimtauwim, das Latnen erfordert viel Zeit zur Vorbereitung; ebenso kostet nicht nur die Schechito Zeit, sondern auch das notwendige ununterbrochene Weiterlernen. Hierzu kommt die Tätigkeit des Lehrers als des geistigen Führers der Gemeinde, die nicht nur die Zeit des Schiurs und des Vortrages fordert, sondern viele Stunden der sorgfältigen Weiterarbeit. Eine Gemeinde, die es versteht, ihren Lehrer würdig zu behandeln, wird auch in der Regel einen würdigen Lehrer haben. Wo aber eine Gemeinde tatsächlich für den Lehrer nicht genügende Beschäftigung hat, da müssen sich eben mehrere Gemeinden zusammenschließen, wie es vielfach längst üblich ist. Wo der Lehrer nicht sein Auskommen findet, um mit seiner Familie anständig leben zu können, wird er natürlicher Weise das Streben haben, die Gemeinde baldigst zu verlassen, und findet er auch in anderen Gemeinden nicht die Aussicht auf ein normales Einkommen, so wird er sehen, den Lehrerberuf aufzugeben. In den letzten Monaten haben sich diese Fälle in einer für die Zukunft der Landgemeinden erschreckender Weise vermehrt. Hand in Hand hiermit geht die Abnahme des Nachwuchses für den Lehrerstand. Immer weniger Eltern entschließen sich, ihre Söhne in die Lehrerseminare zu schicken, und mehr und mehr wenden sich die wenigen Absolventen der Seminare anderen Berufen zu. So folgt der Not der Lehrer die Not an Lehrern. Wenn nicht in allernächster Zeit eine Besserung eintritt, so werden bald die Landgemeinden auch bet bestem Willen keine Lehrer mehr finden. Die wenigen verbleibenden jüdischen Lehrer werden von den Städten schnell absorbiert werden. So sehr wir die Hilfsaktion für die unter mangelndem Können oder Wollen ihrer Gemeinde leidenden Lehrer als Zeichen erwachten Verantwortlichkeitsgefühls der jüdischen Oeffentlichkeit begrüßen, und so sehr wie ihr recht, recht guten Erfolg wünschen, so müssen wir uns darüber klar sein, daß durch diese Aktion die Not der Lehrer wohl gelindert, aber nicht beseitigt werden kann. Hierfür sehen wir nur das eine Mittel, daß sämtliche Gemeinden ihren Lehrern zumindest das jeweilig gleiche Gehalt bieten, wie es der Volksschullehrer des Ortes bezieht, mit allen entsprechenden Zulagen. Es ist Pflicht der Gemeindeverbänd?, dafür Sorge zu tragen, daß tn allen ihren Mttgltedsgemetnden diese Forderung erfüllt wird. Dann wird mit der Not der Lehrer auch die Not an Lehrern Nachlassen. Gerade unter unseren Junglehrern gibt es G. s. D. noch, viele Idealisten, die die Pflicht des schönsten aller Berufe, des Lehrerberufes, gern weiteitragen wollen, wenn ihnen die Möglichkeit Der ZSraelit. geboten wird, ihre wirtschaftliche Existenz dabei tn ehrenvoller Weise zu finden. Es ist aber allerhöchste Zeit. Wir haben manch bitteres Wort unterdrückt, weil wir glauben, daß die Logik der Tatsachen ein besserer Anwalt ist, als der Vorwurf. Auch beabsichtigen wir nicht das Mitleid zu erregen. Der jüdische Lehrerstand Deutschlands bedarf nicht des Mitleides. Vielmehr ist es röttg, daß die jüdische Gesamtheit sich ihrer Pflicht gegenüber den Lehrern bewußt sei, noch mehr aber der Pflicht ihren Kindern gegenüber. Denn letzten Endes handelt es sich um diese. Jüdische Gemeinden Deutschlands, denkt an eure Kinder, an eure Zukunft, sorgt dafür, daß ihr auch weiterhin Jngendbildner haben werdet. Ueber euer eigenes Schicksal habt ihr zu entscheiden B"ro mnm Die SchüchtgeWren. . 80 Pfg. 3 Ml. 40--50 Mk. (150---200 Mk.j 15 20 Mk.: Seit Jahren berichten nns die jüdischen Blätter von der in den meisten Lehrerhänsern herrschenden Not. Teils aus mangelndem Gerechtigkeitsgefühl, teils aus Mangel an den erforderlichen Mitteln hat man dem jüdischen Beamten bisher die der jetzigen Geldentwertung entsprechenden Gehälter verweigert. Nirgends tritt diese Ungerechtigkeit deutlicher hervor als bei den Schächtgebühren, die zu nutz st eine wesentliche Einnahmequelle des jüdischen Lehrers sind. Vorstehende Johlen möge» dies veranschaulichen. Die obere Zahl links 80 Pfg. nennt uns den Kallspreis sür ein Psund Fleisch, den wir zumeist in der Vorkriegszeit entrichten nlilßtell. Wie glücklich ivaren wir doch vor dem Kriege! Was ' bekamen wir uidjt alles für 80 Pfg.' Gingen wir zunr Krämer dann konnten u:u° für 80 Psg. unser Wochenmehl oder I. Pfd. Tomor kaufen, beim Bäcker konnten wir hiesür 2 Laib Brot oder 30 Brötchen eriverben. Ans dem Wochenmarkt reichte dieser Betrag ziun Einkäufe eines Körbcherks Eier oder eines Pfund Butter etc. Und heute! Was ficfommcu wir jetzt sstr 80 Pfg.? Noch llicht eincit Schuhriemen! Vielleicht 1 bis 2 Nadeln oder 2 Stahlfedern. Heute zahlen wir für 1 Pfd. Fleisch lü bis 50 Mark, sür 4 Psuild Mehl das gleiche. Für 1 Pfd. Tomor müssen wir gleichfalls 40 bis 50 Mark zahlen. Und die Bäuerin gibt nns sür 40 Mark vielleicht 12—13 Eier, wahrend sie nns vor delll Kriege für 80 Psg. 20 Eier überreichte. Wir sehen also, daß die Preise für die unentbehrlichsten Lebeilsmittel um das sünszig- bis sechzigfache gestiegen sind! Die gleiche Preissteigerung ist auch bei den Schuhwaren, Klei-, dungs- und Wäschestücken etc. eingelrelen. Auch die Arbeitslöhne find heute fttnfzigmal so hoch, als sie vor dein Kriege waren. Man sollte nun mit Recht erwarten dürfen, daß aiich die Schächtgebühren in gleicher Weise erhöht norden sind! Jedoch werden wir durch die rechts stehenden Zahlen eines anderen belehrt. Unsere Gemeindemilglieder grollen eben nicht emsehen, daß der jüdische Lehrer und Knltnsbeamte von der Teuerung in der gleichen Weise, wie alte anderen Stände, betroffen wird uitb glaubt, daß er als Hnngerkünstler leichter als jeder andere sich durch die Klippen der Tenernng in Sicherheit bringen wird. Also vor dem Kriege empfingen die meisten Kollegen und Kultnsbeantten für das Schächten eines Großviehes eine Gebühr von 3 Mk. Es war dies zwar nicht übermäßig viel für die Ausübung eines solch verantworüingsvoUcn Nebenamtes. Doch konnte man sür 3 Mark schon vielerlei einkanfen. In kleinen Lehrersamilien reichte dieser Betrag zum Einkäufen des Wochenfleisches. 'Auch konnte mail sich für 4 Mi, IM diesen Betrag einmal den Luxus einer Bratgans gestatten. Wie imr bereits gesehen haben, [iub die Preise der meisten Berbrauchsgegenstände ums ft'mfzig- bis sechszigfache gestiegen. Dem jetzigen Fleischpreise von 40 50 Mk. pro Pfund würde laut mathematischer Berechnung eine Schächtgebühr von 150—200 Mk. für ein Großvieh angemessen sein! Welch einen Sturm würde es entfesseln, wem', ein jüdischer Kultusbeamter deu Mul haben würde, eineu solchen Betrag für. eine Schächtuilg zu fordern! Und doch ists nichts mehr als die übliche Gebühr von 3 Mk., die er vor denc Kriege verlangen durfte. .In den meisteil Gegenden Deutschlands bewegen sich die Schächtgebühren für ein Großvieh zwischen 15 und 20 Mk. Sie betragen also kaum ein Zehntel des Betrages, welcher der jetzigen Teuerung entsprechen würde! llitb dabei ist man noch der Meinung, man habe dem Schocktet durch die fünffache Erhöhung der Schächtgebühren eine außergewöhnliche Vermehrung seines Einkommens gewährt. Vor zirka 4 Wochen hatte ich das seltene Glück, für einen auswärtigen Metzger ein Große rieh schlichten zu dürfen. Ich forderte für die Amtshandlung die hier übliche Taxe Oou 30 Mk. Der Metzger, der zuhause nur 15 Mk. Gebühren zu. zahlen brauchte, fnuh dies außergewöhnlich hoch und gab seiner Empörung gegen meine unverschämte Forderung bei hiesigen Metzgernwiederholt Ausdruck. Inzwischen hat der Schvchet des betreffenden Ortes wegen hohen Alters sein Amt liiebeliegen müssen. Tie Stelle wird demnächst nnsgeschticben werden — nnd die Schächtgebühren für ein Großvieh fiub inzwischen bereits auf 50 Mk. erhöht worden! Muß doch der zukünftige Schvchet des betreffenden Ortes ein unverschämter Mall« sein, indem man ilpn nichr nur 30, sondern sogar 50 Mk. Gebühren entrichten muß! Den allen Schvchet, der seine Kraft im Dienste der Gemeinde verbraucht und der sich sür die Mitglieder derselben anfgeopfert hatte, entlohnte, man mit 15 Mk. Es ist dies die alte Erfahrung. Den alten, verdienten Beamten läßt man hungern unb darben. Und erst bei der Suche nach einem neuen Beamten gewährt mall eine angemessene Bezahlung. Möchtet! nun endlich auch einmal die Schachten sich ans ihrer Lethargie anfraffen und die der jeweiligen Tenernng entsprechenden Gebühren verlangen! Fr. Aus Rah und Fern. Berlin, 3. Febr. Ter D e l e n i e r i c n i a i, des L c v (i a »des der jndis eh e n Lchrerver- , eine im Teilt scheu Reiche findet in diesem Jahre > am 6. und 7. Juni in B e r l i u statt. Bar-sitzender J des Ortsausschusses ist Kollege Hermann Falken I berrg, Berlin X. 37, Lvttmnstr. 22; Tel. Norden (3222). Tas Z e n trat b ii r o, au das alle Zn schristen zu richten sind, befindet sich bei Frau Ro senthal-Bndtvig, Berlin RW. 52, Cnlvinstr. 20, Moa bit 3615. Köln, 28. März. M 0 n a t s 0 c r s a Ni m l n n g des Ziveigvereins Rheinland d. B. g. j. Lehrer. Fn unserer am Sonntag, den 96. März stnttgesnndenen Monatsversanimtung referierte Herr Seminarlehrer G nt ln trefflicher, äußerst an regender Weise über das aktuelle Thema: „Wie stel len wir nns zur Arbeitsschule?" Tie reichhaltige» Ausführungen gipfelten in der besonderen Hervorhebung, dns; wir jüdischen Lehrer von jeher den Prinzipien und Gedanken der netteren Päda gogik, die .vor allem den Schüler voll rezeptiver zu produktiver Selbstarbeit bringen will, stimpatisch ge gennberstehen. In der Diskussion beteiligten sich die erschiene neu Mitglieder sehr lebhaft und mit erstaunlichem Optimismus, — vielleicht ein gutes Zeichen sür die jenigen. die trotz des Masse,lelends die Mafsendeier tion zlvch nicht mitgemacht haben. - : I. Raphael-Köln.