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Der Israelit · 1921-11-10 · Heft 45 (10.11.1921) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 45 (10.11.1921)
Date
1921-11-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 45 des „Braelit". Sechszehn Frauen. (Eine tragikomische Geschichte aus der Kriegsleidenszeit Jerusalems.) Bon I. Y. (Schluß.) . . ' Die den Frauen von Seiten des deutschen Kommandanten gewordene Hilfe war nicht bedingungslos. Sie bedeutete nur einen einstweiligen Aufschub des Auswelsbefehls, unter der Anordnung, daß die Frauen erst auf ihre Reise- Fähigkeit ärztlich untersucht werden mußten. Nur diejenigen, die von Stabsärzten als reisefähtg befunden werden, hätten das Land zu verlassen, die Kranken und Schwachen, denen die lange Reise nicht zuzumuten sei, könnten bleiben. Auf diese Weise wurden die Frauen in ihrem alten jüdischen Gefängnis wieder unter gebracht. Vor dem Gebäude des Hachnossas Orchim in Meah Schearim standen braune Gesellen, Gewehr bei Fuß, Wache, und hüteten die Greisinnen, daß keine vor der ärztlichen Untersuchung entweiche. Jetzt tritt die Erzählung in eine ganz neue Phase ein, es ist jetzt eine echte türkische Geschichte mit dem Refrain: „Morgen und nicht heute!"' Die Inhaftierten bleiben in Hast und warten, warten und warten, indes die Äerzte jeden Tag etwas Besseres zu tun haben und die Untersuchung immer auf morgen verschieben. Die Verhandlungen zwischen Beamten und Aerzten sind langwierig und umständlich. Die ersteren müssen und möchten handeln, die letzteren haben aber keine Zeit . . . Die Polizei kann nicht schlafen. Sechszehn Landesverräterinnen vor ihrer Nase und können nicht abgeschoben werden, die Stabsärzte schlafen gut und sagen immer uno immer wieder: „Morgen!"... So vergehen Tage und Wochen. Gegen dieses „Morgen" türkischer Bea.nlen kann keine Macht mit Erfolg ankämpfen. Auch nicht der deutsch-türkische „Vonpascha". Man munkelte sogar schon von einigen politischen Eifersüchteleien zwischen den Deutschen und Türken,' und die Insassinnen des Asyls waren zum Anlaß einer kleinen Machtprobe. Zuletzt gab der deutsche Kommandant den Rat, eine jüdische Deputat on sollte beim Politischen Amt vorstellig werden und gegen die Austreibung Einspruch erheben. Man verstand zwar nicht, was dieser Austreibungsbefehl, dieser rein lokale Willkürakt mit dem Politischen Amt zu tun hätte, aber man befolgte diesen Rat. Man ging zum Leiter des Politischen Amtes, nicht mit Protest und Einspruch, sondern mit der bescheidensten Bitte. Es nützte nichts. Die. Deputation wurde schroff abgewiesen, und nach dem ganzen Empfang und der Art, wie der allmächtige Hussan Bey mit ihnen sprach, durften die Herren noch Gott danken, daß es mit dieser Abweisung sein Bewenden hatte. Er deutete nämlich an, daß es ihm sehr verdächtig vorkomme, daß sie sich für Landesfunde verwenden und fragte vielsagend, ob sie sonst noch Beziehungen zu diesen Verräterinnen pflegten... Das Politische Amt habe großes Interesse für Spione und alle, die zu ihnen in irgend einer Beziehung stehen . . . Nun schienen alle Stränge gerissen. Zum Glück oder Unglück hatten «ber die Aerzte immer noch keine Zeit. Da entschlossen sich die Greifinneü'Md nahmen ihre Sache selber in die Hand . . . Die Entscheidung nahte. Eine der Frauen wurde plötzlich krank und starb nach drei Tagen. Das Grab auf dem Oelberg konnte ihr keiner mehr streitig machen. Als man die Tote hinaustrug, weinten die anderen Fünfzehn bitterlich, nicht aus Mitleid mit der Verstorbenen, sondern aus Neid. Wenn sie nur auch schon einmal soweit wären . . . Ihr Wunsch und ihr stilles Gebet wurde von Gott zum Teile erhört. Eine nach der anderen erkrankten die Frauen und io einem Zeitraum von 14 Tagen waren von den Sechszehn nur noch Zehn vorhanden. Aber zu diesen Zehn kamen bald noch Hunderte von Männern und Frauen, die der Austreibung .harrten, junge Menschen, denen es nicht allein um die heiligen vier Ellen Grundbesitz auf dem Oelberg zu tun war, sondern dte im Lande leben und arbeiten wollten . . . Aber da kam urplötzlich die Wendung! Dte alte Jentel (sie war übrigens die erste, dte man auf oen Oelberg hinausgetragen hatten) hatte doch Recht behalten, Vetter Jemael war noch nicht ganz so schlecht und hatte doch schließlich sein gutes Herz entdeckt. Ganz plötzlich, mitten in der Angst und Erregung, wurde mit Pauken und Trompeten die neue Bestimmung ausgerufen: Die Listen der Einbürgerung waren neu angelegt, alle diejenigen, die' zu spät mit ihrer Anmeidung gekommen waren, wurden jetzt wieder ausgenommen und jede Frau, sofern nicht ihr Mann in einem der Fett d.'Ständer lebte, oder diese Tat verheimlichen konnte, erhielt die Einbürgerung. Man konnte auch trn Notfälle irgend einen Scheidebrief vorzeigen und auf Grund dessen die Einbürgerung erhalten . . . Und es kam auch darin nach der Voraussagung Jentels, daß man Bielen, Vielen, die auf dieses verspätete Privileg verzichteten, das Bürgerrecht zwangsweise auferlegen mußte. Viele aber von den früher Eingebürgerten zerrissen oder versteckten ihre Natura ltsationsurkunde und zogen wieder ihre alten Papiere hervor, um als Ausländer mit dem ersten besten Schiffe das Land verlassen zu können . . . Unter den letzteren befanden sich sogar solche, die von Geburt an echt-e ottomanische Staatsbürger waren. Allein, die zehn Frauen von den sechszehn hier geschilderten, wußten die Wohltaten der türkischen Regierung sehr zu schätzen und sahen mit der türkischen Einbürgerungsurkunde in der Hand froh und glücklich dem Tage entgegen, da sie ihr Erbteil auf dem Oelberg für ewige Zeiten antreten durften . . . Aus den Kindheitstagen unserer Großen. III. R. Moses Sofer. Nur zwei Jahre nach ihm starb sein Schwiegersohn, Rabbi Moses Sofer, der Verfasser des Chm am Sofar als Rabbiner in Preßburg, wo viele Hunderte von Schülern zu seinen Füßen lernten. War der Wilnaer Gaon und R. Akiba aus dem Osten, so stammte Mosche Sofer aus dem Westen, der bei seiner Geburt ganz im Zeichen der französischen Literatur stand. Die Eltern hatten in Frankfurt a. M. ein kleines Geschäft. Mutter und Vater waren Abkömmlinge berühmter Rabbiner in Frankfurt und Darmstadt, aber Vermögen hatten sie nicht. Das Geschäft ging schlecht und brachte kaum genug zum Leben ein. Da schickte ihnen der Himmel einen Gast, der ihnen das trübe Leben erleichterte. Seit dem Tag,, da der kleine Mosche eingekehrt ' war, hatten^ sie andere Sorgen als die ums tägliche Brot. Der Junge sollte gottesfürchtta i und ein „Ben Tauro" (Sohn der Thora-Ge-! lehrter) werden. Als seine Mutter das einjährige? Kind auf den Armen in die Synagoge trug, vert hüllte sie dessen Gesicht mit einem Tuche, dami. auf der Straße nichts Unreines auf es eindringe. Nock nicht vier Jah' e alt, kam er ins Cheder Eines Tages kam er weinend nach Hause gelaufen. Was war geschehen? Der Lehrer hätte ihn ohne Grund verhauen. Vom Vater nach den näheren Umständen gefragt, erzählte er: „Wir übersetzten gerade: neiKn Erde vom Erdboden. Da fragte ich, das ist doch selbstverständlich, daß die Erde vom Erdboden genommen wurde. Da schrie mich der Lehrer an, ich sollte ihn in Ruhe lassen. Und als ich jagte, ich wollte doch nur verstehen was ich lernte, da wurde er zornig und schlug mich// N. Schmuel, Mosches Voter> war mit Recht ärgerlich über den Lehrer, derstatt die Erklärung Rasckis zu dieser in der Tat auffälligen Stelle nachzusehen, alle Schwierigkeiten mit dem Prügel beheben wollte und nahm den Jungen aus dem Cheder. Damals lebte in Frankfurt Rabbi Nathan Adler, der daselbst seine Jeschtwa hatte. Diesem erzählte der Vater den Vorgang. Da redete ihm N. Nathan zu, ein so begabtes Kind doch nicht fremdeil Leuten anzuvertrauen. „Hat Ihnen Gott so einen Jungen geschenkt, so müssen Sie selbst seiner warten!" Jetzt widlnete sich der Vater selbst dem Unterricht seines talentvollen Knaben. Unter seiner trefflichen Leitung machte er Riesenfortschrttte, sodaß er im Alter von acht Jahren bereits „Chidusche Tauro", d. h. originelle Lösungen taimudischer Fragen fand. Später, als er bereits eine große Schülerzahl um sich gesamnlelt hatte, trug er einmal solche „Chiduschim" vor. Als aber die gelehrten Zuhörer triftige Einwendungen dagegen hatten, da sagte er lachend: „Ereifert Euch nicht! Diese Gedanken rühren noch aus meiner früheren Kindheit her; ich habe sie ndt sieben Jahren niedergeschrteben." Eines Tages — Mosche war damals acht 'Jahre alt — erhielt Frankfurt einen seltenen Gast: den berühmten Verfasser des Jeruschalmt- Kommentars: P'nei Mosche, der sich auf einer Durchrttse durch Frankfurt befand. Rabbi Schmul brachte ihm seinen Sohn mit der Bitte, ihm etwas zum „Leinen" (Lernen) aufzugcben. Alsbald kam der Knabe, um sich examinieren zu lassen. Der Gaon war erstaunt zu sehen, wie tief dieser kl ine Knirps in die Gemoro eingedrungen war und meinte schließlich, wenn er glauben solle, daß Mosche die Stelle ohne fremde Hilfe gelernt' habe, so müsse er sich schon gefallen, lassen, daß er ihm ein anderes Stück öufgebe, ohne daß er das Zimmer verlasse. Daraufhin gab er ihm ein Stück aus dein Mischnaabschnttt „Kodoschim" zum Lernen auf. Mosche hatte aber gerade diesen Abschnitt schon einmal mit seinem Vater gelernt gehabt und es zeugt von der Gedächtniskraft des Kindes, daß er das Thema noch so frisch in Erinnerung hatte, daß er es klar und lebendig vor dem erstaunten Rabbi behandelte. Jetzt war der Gelehrte überzeugt, und er bat den Vater, ihm den Jungen nach Jerusalem mitzugeben. Des Knaben Augen leuchteten. Auch der Vater war einverstanden. Aber die Mutter wollte sich nicht von ihrem Mosche trennen. So blieb er in Frankfurt. Es war, wie wenn die Natur sich hätte rächen wollen, weil dieser Knabe mit seinem Geist so weit über seine Jahre hinaus entwickelt war. Mit zehn Jahren lua: er so klein wie andere mit sechs Jahren. Die nolwendtge Folge war, daß er leicht übersehen wurde. Im Beth-hamidrasch stand er gewöhnlich auf einem Stuhl oder gar auf dem Ofen, um sich Geltung zu verschaffen, wenn eine taimudische Debatte dte Geister in Atem hielt. Seine äußere Unansehnlichkeit wirkte aber auch auf seine innere Entwicklung ein und hatte l nicht immer angenehme Folgen. Er gewöhnte

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