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Der Israelit · 1921-11-10 · Heft 45 (10.11.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 45 (10.11.1921)
Date
1921-11-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Geile 9 Nr. 4b sich daran, wegen seines Aeußeren beurteilt und falsch beurteilt zu werden. Schließlich entwickelte sich von selbst daraus bei dem Knaben die Lust, durch verblüffende Bemerkungen sich ins rechte Licht zu setzen, was dem Knaben so manche Demütigung eintrug, ja seine ganze Charakterentwicklung gefährdete. Jene trotzige Aeußerung, die er als vierjähriges Kind gegenüber seinem Lehrer getan, war noch gut abgelaufen. Ernstere Folgen hatte eine andere, die er als 16jähriger Bachur getan. Mosche gehörte einem Verein an, dessen Mitglieder jeden Schabbos abwechselnd einen halachischen oder agadisch n Vortrag hielten. Als Mosche an der Reihe war, begann er mit einer Frage seines Großvaters, des berühmten Talmudgelehrten Maharschach. Alle Bachurim staunten über die scharfsinnige Frage. Doch der junge Enkel, der damals allerdings schon den ganzen Talmud im Kopfe hatte, sagte nach einer Weile, wie um sich an der Ueberraschung der Genossen zu weiden: „Mein Großvater soll mir's mochel sein (verzeihen), aber er hat sich mit dieser Frage geirrt." Zur Begründung dieser Worte kam er nicht mehr. Denn sein Vater hatte sie vom Nebenzimmer aus kaum gehört, als er auch schon hinübereilte und feinem Mosche in Gegenwart aller Bachurim eine Ohrse^e applizierte, weil er gewagt hatte, so über jeiiieii Grvßvcuer zu sprechen. So unbedeutend dieser Vorfall scheint, muß er doch aus Mosche einen tiefen und sehr ungünstigen Emfluß ausgeübt haben. Er scheint sich damals in seiner Verbitterung und aus gekränktem Ehrgeiz ernstlich mit dem Plane getragen zu haben, dem Lernen zu entsagen, da er doch seinen Geist nicht frei betätigen könne. Da erreichte R. Nathan Adler aus merkwürdige Weise, daß Mosche seinen Entschluß nicht ausführte. Indem er ihm verbot, bis auf weilercs mit feinem Vater zu sprechen, erreichte er einerseits, daß jener Vorfall nicht we:tere Debatten nach sich zog, andererseits, daß sich Mosche umso mehr an ihn anschloß, sodaß er im Meer des Talmud bald wieder alle aufgeregten Pläne begrub. Nach einiger Zeit verließ R. Mosche mit seinem Lehrer R. Nathan Frankfurt. Aus dem Kind war ein Mann geworden. (Die Bibel in 513 Sprachen übersetzt) Die Britische Btbelgesellicyafl hat die Bibel wiederum in einer Reihe neuer Uebersepungen herausgkgeben und ist augenbi ckuch damit beschästisti, weitere ÄusaabkN in 40 neuen Sprachen zu veröffentlichen, während im letzten Jahre zehn solcher neuen Übersetzungen erschienen waren. Die Ausgaben des l.tzten Jahres nun den unter anderem gedruckt auf.- Venda (Nord-Transvaal), Popo (Togo), Tangale (Nord- 9iiflerin), Chokwe (Angola), £>nmr (Assgm), Patpatar (Bismarck Archipel),?)ao (Nyafsa-See) u. a. Mehrere Missionen werden in Äüize England verlassen, um den vorerwähnten Völkern die Bibel in ihrer Sprache zu bringen. inderecke Rückkehr. Von Heinrich Einstädter. Die Zeit, die es den Kindern erlaubt, im Freien zu spielen, geht ihrem Ende entgegen. Es wird kühler. Herdststürme erzählen von kommenden trüben Regentagen. Täglich ruigt sich die Sonne früher, um dem sich dehnenden Abend Platz.zu machen. Desto eifriger nützen die Kinder die noch bleibenden warmen Nachmittags stunden. Sie _SDer Israelit. tummeln sich mit den Ziegen um die Wette auf den grünen Herbstmatten. Sie sammeln an den Hecken Hagebutten und im Walde Haselnüsse. Sie durchstreifen die ganze Gemarkung, denn sie fühlen, daß es gilt, Abschied zu nehmen. R chard Pohl steigt an einem sonnigen Nachmittag auf den Ringberg, von dem aus man fünf Dörfer sehen kann, und auf der anderen Seite wieder hinunter, bis er sich plötzlich in der Nähe einer großen Fabrik si-ht, die zu der nächsten Stadt gehört. Er ist überrascht, denn er hat gar nicht gedacht, daß er so wett vom Dorfe entfernt ist. „Das kommt davon, wenn man nicht aus dem Wege bleibt", murmelt er, und schlägt rasch die entgegengesetzte Richtung ein, um noch vor Nacht nach Hause zu kommen. Doch beim Überspringen eines Baches verletzt er sich den Fuß, und mit einem Schmerzensschrei läßt er sich auf den Boden nieder. Da tönt die Sirene der Fabrik, und ein Strom von Arbeitern und Arbeiterinnen ergießt sich aus dem weiten Tor. Eine Frau, die ärmlich gekleidet ist und deren Gesicht durch ein großes Kopftuch fast verhüllt wird, schlägt einen schmalen Pfad ein, der in der Nähe des Knaben vorbeeführt. Sie bemerkt ihn und sieht Tränen aus seinen Wangen. Da eilt sie auf ihn zu, um ihm zu helfen. Vorsichtig löst sie den Schuh, untersucht den Fuß und -tröstet freundlich das ängstliche Kind. „Dein Fuß ist nur verstaucht", sagt sie, taucht ihr Taschentuch in den Bach und kühlt damit das Gelenk. Bald fühlt der Knabe, wie der Schmerz weicht, und nach einer halben Stunde kann er schon wieder das Gehen versuchen. Wie er sich mit der einen Hand aufftützt, um sich zu erheben, berührt er einen Gegenstand. Es ist ein kleines Mäppchen, und als er es off net, sieht er in ihm einen Zettel mit hebräischer Schrift. Doch schon hat die Frau es bemerkt. Sie errölet und greift schnell danach, da es ihr aus der Tasche gefallen ist. Der Knabe ist sehr verwundert. Er schaut der Frau fragend ins Gesicht. Doch sie wendet sich verlegen ab. „Du mußt eiten", spricht sie, „wenn du noch vor Nacht heimkommen willst." Mit diesen Worten hilft sie dem Knaben auf und unterstützt ihn beim Gehen. Unterwegs fragt sie so viel, daß Richard gar nicht recht zum Nachdenken kommt. Aber die beiden kommen sich mit der Zeit immer näher, werden immer vertrauter mireinander, und so erfährt Richard, daß die Arbeiterin jeden Tag nach Feierabend auf den Ringberg steigt, um von dort ihr Elternhaus sehen zu können, und da er ein kluger Junge ist, entnimmt er ihren Fragen und ihren Andeutungen so viel, dnß er sich zusammenretmen kann, wer seine Beschützerin ist. Durch den Zettel war ja bereits sein lebhaftes Interesse geweckt worden. Längere Zeit zeigt er der Frau nicht, daß er sie erkannt hat. Als sie aber endlich auf dem Ringberg stehen und ihr sehnsüchtiger Blak Lebenhofen sucht und sich nicht davon trennen kann, da ergreift Richard sanft ihre Rechte und spricht: „Sie sind Fanny, die Tochter vom alten Löser." — Da treten große Tränen aus den Augen der Frau und werden zu Bächen, die gar nicht versiegen wollen. Sie zieht den Knaben zu sich hinab aus einen Stein und spricht aus übervollem Herzem mit ihm wie mit einem Erwachsenen: von einer glücklichen Kindheit, von jugendlichem Leichtsinn und seinen Folgen, von der Flucht aus dem Elternhause, von Scham, Reue und nagendem Heimweh. Nicht alles ist Richard neu. Er kennt gut die alten Ettern, die die einzige jüdische Familie in Lebenhofen bilden und zur Gemeinde seines Heimatdorfes Rmg gkhören. Frau Löser hat ihm schon manchmal von ihrer einzigen Tochter erzählt, die ein so liebes Kind gewesen und wahrscheinlich nicht einmal Jüdin geblieben sei, und manches hat er auch durch andere Leute und seine eigenen Ellern gehört. lO.sNovember 1921. Sechs Ian Jahre sind verflossen, seitdem Fanny in unseliger Verblendung ihr Elternhaus verlassen hat. In der Fremde, im Elend hat sie ihr Unrecht eingesehen. Die Liebe zu ihren Eltern ist wieder in ihr erwacht und hat sie schließlich unwiderstehlich heimwärts getrieben,- aber sie kann die Scheu und das Schamgefühl nicht besiegen, das sie an dem letzten Schritte zur völligen Rückkehr hindert. Seit vier Wochen arbeitet sie unter fremden Namen in der Fabrik. Da sie am Sabbat feiert, erhält sie nur geringen Lohn. Ihre Kost besteht säst ausschließlich aus Kaffee und Brot. Aber sie kann wenigstens jeden Tag das Haus sehen, in dem die leben, die ihr auf dem ganzen Erdenrund die teuersten sind, und wie ein Amulet trägt sie stets einen Streifen Papier mit sich, auf den sie das Gebet geschrieben hat, das sie schon als kleines Kmd für die Eltern gl sprachen: „Der Allbarmherzige, er segne meinen Vater, meinen Erzieher, und meii e Mutter, meine Erzieherin." Der gute Knabe weint m t der Unglücklichen. Wieder und wieder bittet sie ihn, sie doch nicht „zu verraten". Aber auf seinen Wunsch überläßt sie ihm beim Abschied den Zettel. — Spät kommt Richard nach Hause. Die Mutter wundert sich über seine Schweigsamkeit. Still v:rz>hrt er sein Abendbrot und geht bald zur Ruh. Ankeren Tags aber sehen wir ihn nachmittags auf dem Wege nach Lebenhofen. Frau Löser ist erfreut, als er in ihr Stübchen tritt. Sie holt ihm Zwischen und Birnen und sitzt sich zu ihm, um mit ihm zu plaudern. Im Lehnstuhl ruht indessen der alte Mann, raucht seine Pfeife und liest die Zeitung. Nach einem halben Stündchen ist er eingenickt. Leiser spricht die Greisin, um ihn nicht zu wecken. Und ganz unwillkürlich kommt ihre Rede wieder auf Fanny. „Ich kanns noch heute nicht verstehen. Sie hatte uns doch so lieb. Sie war so brav und so fromm. Und hat uns dennoch ganz vergessen und ihn da oben auch." So lispelt sie und wischt sich die Tränen ab, die ihre Wangen netzen. Da schaut der Knabe ernst zu ihr empor, und ruhig, aber fest spricht er: „Sie hat Sie nicht vergessen und den lieben Gott auch nicht." Und als die Greisin ihn erstaunt und fragend anbllckt, sitzt er hinzu: „Jeden Tag betet sie für Euch. Jeden Abend muß pe das Dach sehen, unter dem Ihr lebt, und diesen Zettel trägt sie stels mit sich." Ein jäher Schrei weckt den Alten. Er hält das Papier in seinen z'tternden Händen und schaut abwechselnd ohne Verständnis auf es und aus den ernsten Knaben, der ihn vorkommt — wie ein Engel vom Himmel. Rauschhaschono ist etngezogen. Die Synagoge in Ring ist gefüllt bis auf den letzten Platz. Andächiige Beter senden die tiefsten Wünsche hinauf zum gnädigsten Richter. Unter ihnen sehen wir drei Bekannte, Einer, ein würdiger Geis, steht ganz vorn. Sein Gebet und sein Sinnen ist Dank, Dank, unendlicher Dank. Ein Zug der Freude verklärt sein Gesicht. Wenn er heute mit seiner Frau in sein Heim zurückkehrt, da wird ks nicht mehr leer sein. Da ist Eine, eine gar Lebe, Gute! Morgens hat sie die Eltern zur Synagoge begleitet, dlber nach dem Schofardlasen ist sie wieder heimgeeilt, um sür ihre Teuren das Festessen zu bereiten. — Ein Knabe stehr andächtig neben seinem Vater. Während er im Gebetbuche lieft, daß Gott die Zerstreuten Israels wieder sammeln möge, daß dann alles Uebel von der Erde verschwindet, nickt er mit dem Kopse, als ob er sagen wollte: „Ich verstehe das". Und oben in der Frauenschul weint eine Greisin. Und als ihre Nachbarin den Arm sanft um sie schlingt und leife fragt: „Warum denn immer noch?" Da flüstert sie ihr ins Ohr: „Vor Glück!"

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