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Der Israelit · 1921-02-24 · Heft 8 (24.2.1921) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 8 (24.2.1921)
Date
1921-02-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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M WWM« E Kt, % Jfckt » VoWvttvm- «ad Srt-od^i« la -er Slowake! Der »Bslksverband für die Slovakei", der nationalistisch-zionistische Lenderzen verfolgt, hat bekanntlich bei den letzten Landtagswahlen einen kraffen Mißerfolg erlebt, da kein einziger seiner Kandidaten durchging. Diese- Erlebnis hat den Verband bestimmt, seine früher erfolglos unter, ternommenett Versuche einer Annäherung an die organisierte Orthodoxie zu erneuern, zumal diese durch die Ausbreitung des Agudas Jsroel- Gedankens in der Slowakei inzwischen eine bemerkenswerte Stärkung und Verjüngung erfahren hatte. Auf der letzten Delegiertentagung des Bolksverbands in Ptestany. wurde dem radi. kalen Nationalismus feierlich abgeschworen, der zionistische Redakteur des Parteiorgans—Übrigens persönlich ein frommer Jude — abgesetzt, und alsdann eine neue Verhandlung mit der orthodoxen Landeskanzlei eingeleitet. DaS Ergebnis liegt nunmehr in folgendem Beschluß de- BerwoltungsauSschusses der orthodoxen Landeskanzlei vor: „DaS Präsidium der orthodoxen Landeskanzlet wird ermächtigt, von Fall zu Fall, nach vorheriger Einholung der Zusttmmung des Berwaltungsausschuffes, in wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen mit dem Präsidium de- Volksverbandes vorzugehen. aür momentan wird ein gemeinschaftliches orgehen in Lizenzen- und Flüchtlings fragen gebilligt. Dieser Beschluß hat der ehestens einzuberufenden Sitzung der Landesrep, äfentanz behufs nachträglicher Stellungnahme vorgelegt zu werden." Die Volksverbandspreffe sucht sonderbarer Weise dieses vernünftige, da- Prinzip wahrende und der Zweckmäßigkeit doch Rechnung tragende Entgegenkommen der Orthodoxie in einen Triumph der nationalistischen Theorie und Politik umzudeuten, wogegen sich die Landeskanzlei in einer im Wiener Aguda-Organ veröffentlichten Erklärung entschieden verwahrt. Man wird abzuwarten haben, ob sich das Abkommen in der Praxis bewährt. Sollte dies der Fall fein, so wäre hiermit die Richtigkeist der^ orthodoxen Politik ausschlagendste demonstriert. Genau wie hier im kleinen Kreise eine starke, selbständige Organisation der Orthodoxie die Vorbedingung war für ein friedliches Zusammenwirken der nach ihrer Weltanschauung geschiedenen Gruppen auf dem Gebiete gemeinsamer Interessen, genau so wird auch in den großen Gefamtheitsf ragen der Diaspora wie Erez JiSroelS Keines Feuilleton. Sachurimleben. Krrrrrr. . . J „SBöjS iS"? stöhnt tm finstern Zimmer jemand im Halbschlaf. Rrrrrrring. . . klirrt der Wecker unbarmherzig weiter. «Zwei Uhr iS, Schmule, stehen Sie auf" l „Sckon zwei Uhr"?, ächzt eine -weite Stimme. »N'x möglich"! „Steh'n Sie auf, Schmule, Hetzen Sie ein und machen Sie den Tee"!, sagte der Erste grämlich. „Wir müssen lernen! Dienstag ist das große Verhören und Sie find noch nkt klor in den letzten Sugjes". Schmule ist der reiche Talmid des Anderen, des Awrohom Müller, deö Chaser-BocherS (Correpetitor): der Eine ist älter und gelehrter, der Jüngere aber reicher, das hält die Wagschale. Schmule möchte nicht gerne von der warmen Federdecke in die Kälte steigen; er kann jedoch deur älteren Lehrer nicht zumuten, für ihn zu Heizen und zu kochen. Er selbst aber'ist verwelchltchrer und denkt, daß der Andere daheim gewohnt war,' selbst zu Heizen und zu kochen, währenddem er selbst bei guter Bedienung ausgewachsen ist und nur als Bochur gewissermaßen Soldatendienst leistet. „Ich bin stark erkältet", jammert Schmule von seinem Bette her, «ich kann nicht in der Kälte auf« stehen. Sie müssen schon heute moichel sein und selbst einheizen". nur ein, m ächttge, innerlich unb äußerlich gefestigte „AgrrdaS tziSroel" den Weg ünen können znr gemeinsamen Aufbau-Arbeit, die heute vielfach nottut. Lehrerelend. Kn Nr. 6 bringt Herr Brückhetmrr ein trauriges Bild aus dem Lehrerleben, in dem uns in grellen Farben die Leiden uns Entbehrungen des jüdischen Lehrers aufgetragen werden. Während den an der Volksschule tätigen Lehrkräften Gehälter von 15—20000 MS. zur Verfügung stehen, zahlt man noch heute den Reltgtonslehrern, die die gleiche Vorbildung genoffen haben, Gehälter von S000 Mk., 3000 Mk., und im günstigsten Falle 7—8000 Mk. Also der Lehrer von Irgendwo bezog vor seinem Tode ein Gehalt von 8000 Mk., worüber sich die Oeffentlichkett mit Recht alteriert. WaS würde man aber dazu sagen, wenn man erführe, daß es noch heute femtnartsttsch gebildete Reltgionslehrer gtebt, die S0 Jahre lang ihrer Gemeinde treu gedient haben und sich noch jetzt mit einem JahreSgehalte von sage und schreibe: fünfzehn—nicht tausend —sondern fünfzehnhundert Mark begnügen müssen? Das Nebenetnkommen aus der Schechitoh, Privatunterricht inkl. Zuschüffen von Vereinigungen dürste im günstigsten Falle die gleiche Höhe erreichen, so daß der beneidenswerte Lehrer von Glücksdorf über das fürstliche Einkommen von 3000 Mk. verfügen dürfte. Was soll er mit diesem hohen Gehalte zuerst cmfangen? Reicht der Betrag wohl zur Besoldung des Dienstmädchens und zur Beschaffung der erforderlichen Kleider und Schuhe? Ich glaube nicht. Natürlich essen und trinken darf die Lehrerfamilie nicht, sonst muß sie schon die sauer verdienten Groschen der Kinder in Anspruch nehmen. Daß der Lehrer infolge der Unterernährung seit längerer Zeit leidend ist, sei nebenher erwähnt. Es wirft ein trauriges Bild auf die Gemeinde, deren Mitglieder sich samt und sonders durch den Krieg bereichert haben, daß sie noch jetzt ihrem verdienstvollen Beamten ein solches Hungergehalt vor die Füße wirft. Wo bleibt das vielgepriesene jüdische Rachmonus, wo das Eingreifen der Gewerkschaft der jüdischen Lehrerverbände? Es wäre bald Zeit, daß unsere Gemeinden mit solchen rückständigen Gehältern aufräumen, denn jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert und die Gemeinde, die ihre Lehrer ehrt, ehrt sich selbst. F. „Sie find so erkältet, wie ich ein Seiltänzer bin", brummt der ehrwürdige Ehaser-Bocher. „Dann schwöre ich, daß Sie ein Seiltänzer find". „AluS Ponim"! stöhnt Müller, aber das Krachen feines Bettes verrät, daß er sich doch erhoben hatte. Er tappt zur Waschgelegenheit und murmelt mit verschlafen hohler Stimme das Waschgebet. Ein Span ist bald entzündet, ein kleiner Scheiterhaufen im Ofen errichtet und unterzündet ... Awrohom Müller konnte nie begreifen, wie ein Feuer aus einem weggeworfenen Zündholz oder einer Zigarre entstehen könne. Er mühte sich täglich lange ab, bis er seine kleine Jeuersbrunst tm Ofen verursachen konnte. Er hatte entschieden kein Talent zum Brandstifter. Jetzt blieS er wieder verzweifelt aus voller Lunge in den Ofen, stieß mit dem Schürhaken wütend zwischen die Scheite, versuchte in der Güte und im Zorn, vergebens! Schmule sah aus sicherem Bette behaglich der Sisyphusarbeit feines Meisters zu. „Heizen kann i ch"! sagte er noch unverfroren. „Nun, dann heizen Sie", sagte Müller wütend und zähneklappernd, „ich habe genugwenn Sie beim Verhören nix können wollen, wird das Ihre Sache sein. Sie kennen den großen Ran nicht, in den Lechem mtschne haben Sie nicht einmal noch hineingesehen. Wegen meiner"! Sagt'S und stieg hurtig wieder ins Bett zurück. -„Schwer ist das Leben", seufzte der geschlagene Schmule und erhob sich in verzweifelter Unlust. „Da, lernen Sie, wie man Jener macht"! Er stopfte den Ofen mit Papier voll. „Schma"! schrie Müller entsetzt, „haben Sie mir nit die „Neue Freie Presse" von gestern benützt? Ich Hab' das Feuilleton noch nit gelesen. Hast « Kunst, mit der ganzen Presse Feuer zu machen"! (Dir Sorrel-ondenzeil md Aachrlchleu. Oestevvsirh. ver Streift Ser Jüöüdien Reliolonslehrer- M-n, 16. Februar. Länger als sieben Wochen entbehren die Wiener jüdischen Schulkinder jedes jüdischen Unterrichtes, weil die Majorität des Wiener Kultusvorstandes sich weigert, den Forderungen der Religionslehrer nachzukommen. Die christlichen Kommunallehrer haben den Sympathiestreik angekündigt und in der vorgestrigen „Arbeiter- Zeitung" war eine bezeichnende Anspielung zu finden. Bekanntlich haben die Sozialdemokraten die Absicht, die Vertreter der religiösen Körperschaften auS dem Landes- und Bezirksschulrat zu entfernen. Sie sind hierbei auf Widerstand gestoßen und erklären nun, daß die Wiener KultuSgemetnde moralisch nicht berechtigt sei, zu protestieren..— So weit hätte man eS nicht kommen lassen dürfen und ist höchste Zeit, daß der Streik Setgelegt wird. Polen. Die forOerunaen Oer 3u0en in Polen« Warfcha«, 15. Februar. Die speziellen Forderungen der jüdischen Politik in Polen gehen aus dem Memorandum hervor, welches die jüdische Volkspartet in Polen der Regierung überreicht hat und daS der speziellen Minlsterkommifsion, welche für die Regelung der Judenfrage gebildet wurde, überwiesen wurde, um ihr als Grundlage für ein Referat zu dienen. Das Memorandum erinnert an alle früheren Erklärungen und Versprechen und stellt dann folgende Forderungen auf: 1. Der jüdischen Bevölkerung muß die Unberührbarkeit von Person und Eigentum gesichert werden, daS heißt nnttfemirische Exzesse aller Art, besonderaus Bahnhöfen und Eisenbahnen, müssen energisch bekämpft, die Schuldigen an solchen Exzessen und auch die Beamten, welche durch passives Verhalten bei Exzessen fich mitschuldig gemacht haben, müssen bestraft werden. 3. Die Regierung soll für die Opfer der Exzesse sorgen und ihnen eine Entschädigung für ungesetzliche Requisitionen, für Beraubung an Hab und Gut usw. leisten. 3. Faktische Durchführung der bürgerlichen Gleichberechtigung für die jüdische Bevölkerung: Alle Dekrete, Befehle, Zirkulare und dergl., welche das Prinzip der „Neue Freie Presse" war die einzige Quelle der Bildung der Jeschtba). ' Der Ofen begann aber daS heimliche Gemurmel, daS allein schon die behagliche Illusion von Wärm« oorkäufchte. Schmule entzündete flink die Petroleumlampe, setzte ihr den grünen Papierfchirm auf, stolperte in die Küche um Wasser, langte nach der Sptritu--- flasche, zündete den Schnellsteder an und braute den odiigaren russischen Tee. Nun kroch auch der Chaser-Bocher aus den Federn. Die Gläser wurden mit. Tee gefüllt, die Talmudfolianten aufgeschlagen. Der heiße Trank weckte die Lebensgeister der Beiden und versöhnte sie mit dem harren Schicksal des nächiltchen Studiums. Der Ofen glühte und sandte köstliche Hitzwellrn. Nochmals wurden die Gläser gefüllt, der Zucker zwischen die Zähne geklemmt. Das rann wie Feuer durch die schlaffen Nerven. Der Chaser-Bocher schlug begeistert mit der flachen Hand auf den Folianten und begann mit der unvergleichlichen Taldmudweise: „Omar Rowo-o-o" und zu seinem liefen Baß gesellte sich jubelnd der Sopran des Jüngeren : .. hat Rowo geso-o-o-gt"! Und sie flogen vom LehrhauS der Babylonier zum Afrikaner Raw Aifas, ins Reich der Mauren zu MaimonidsS, in die Provence, durch daS Mittelalter Deutschlands, um von dem zauberhaften GeisteSfluge wieder heimzukehren zu Rabbi MoseS Sofer, dem Rabbi ihrer Jefchibä... Und noch ehe der Hahn gekräht halte, hatten sie mit wundersam disziplinierten Geiste gewaltige Strecken des Denkens durchmessen und alle Permutaiionen der in Sura und Pumpeditha gegebenen Probleme erwogen. Diese armen, mißachteten Bachurim l der jüdischen Presse", Wien,Bratislava).

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