Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 20-21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 No. 20 u. 21 Der Israelit. 20. Mai 1920 - -: vanz, sei es auch nur im Namen, seine Abstammung und sein Judentum zur Schau zu traqen. Gebildet sein und denk Judentum vollends den Rücken kehren, das schien ihnen identisch zu sein. Die Verfolgungssucht der Reformer nahm Dimensionen an, deren selbst der mittelalterliche Fanatismus sich nicht hätte zu schämen brauchen. Ueberall öde Verlassenheit und Verzweiflung!" Die Emanzipation hat die Mauern des Ghetto gesprengt. Bis dahin waren die Juden von ihren christlichen Mitbürgern durch Ausnahmegesetze getrennt gewesen, welche ihnen die Möglichkeit zur freien Entfaltung ihrer Kräfte nahmen. Sie hatten treu den Lehren unserer Gesetze ihr eigenes Leben gelebt. Nun wurden sie mitten in das Getriebe der Welt gestellt, konnten teilnehmen am allgemeinen Wettbewerb auf allen Gebieten menschlichen Strebens und empfanden erst fetzt, wie schwierig die Erfüllung der jüdischen Pflichten war, deren Uebung sie früher für selbstverständlich gehalten hatten, und die ihnen ebenso notwendig erschienen waren, wie die Luft zum Atmen. Zuerst verschämt, dann aber immer dreister und lauter, erhob sich der Ruf nach einer „Reform" des Judentums. Das Judentum müsse, so hieß es, „zeitgemäß" umgestaltet werden. Alle Gebote, die den Juden im Verkehr mit Nicht-Juden Schranken auferlegten, und deren Erfüllung unbequem war, sollten beseitigt werden. Es fanden sich gefällige Rabbiner, die den Wünschen der Gemeindevorsteher willig entgegen kamen und — als ob es auch bei uns Priester gäbe, die lösen und binden können — erlaubten, was Gort verboten hat, und „das Joch der Pflichten", unter dem sie bisher geseufzt, von den Juden nahmen. Holdheim, der radikalste Wortführer der Reform,'. wollte alle diejenigen jüdischen Gebote abschaffen, die ihm als rein national erschienen, während die eigentlichen religiösen Pflichten erhalten bieiben sollten. Da wurden als national auf den Index gefetzt: Sabbat und Festtage, Speise- und Reinheitsgesetze, die Brismilo und das Verbot der Mischehen. Uebrig blieben dann freilich nur als eiserner Bestand des Judentums die moralischen Pflichten und der Glaube an einen Gott. In jener Zeit der allgemeinen Verwirrung fehlte es an überragenden Führern, deren Autorität auch außerhalb des engen Kreises ihrer Gemeinden unbedingte Geltung gehabt hätte. Welches Unheil wäre doch verhütet worden, wenn Hildesheimer und Hirsch fünfzig Jahre früher auf die Welt gekommen wären! Weil die ersten Juden, welche Bildung besaßen, Abtrünnige gewesen waren, galt die Bildung in den Kreisen der Frommen als verpönt, und fast wurde es als ein Axiom betrachtet, daß Bildung und Frömmigkeit nicht mit einander vereinbar seien. Die großen Rabbiner jener Zeit waren Meister talmudischer Gelehrsamkeit, Männer von edelstem Charakter und von tiefster Frömmigkeit, aber die Bildung ihrer Zeit war ihnen fremd geblieben. Sie konnten n it der Jugend nicht in der Sprache der Gebildeten diskutieren und immer mehr sank ihr Einfluß und ihr Ansehen. Ein allgenreiner Zusammenbruch jüdischen Pfltchtenleöens drohte sich vorzubereiten, und der Ausspruch eines der ersten Vorkämpfer der Reform: „Bis in einigen Jahrzehnten werde niemand in Deutschland mehr wissen, was das Wort koscher und trefo bedeute", schien zur traurigen Wahrheit werden zu wollen. In dieser trüben, religiös zerklüfteten, hoffnungsarmen Zeit wuchs der Rabbi heran. Die Abkehr der Gebildeten vom Judentum tat ihm bitter weh. Einmal, so erzählt uns einer seiner Zeitgenossen, war der Rabbi durch die Vorgänge seiner Tage ganz besonders betrübt. Da schrieb er zu seinem Tröste mit Kreide an die Türe semes Zimmers die Worte des Propheten Jesaia: „Und wenn nur ein Zehntel übrig bleibt .... und wie bei der Eiche und bei der Terebinte, wenn man sie fällt, der Stamm zurückbleibt, so ist heiliger Samen ihr Stamm." Die religiösen.Führer des Volkes, die Rabbiner, müssen — das erkannte der Rabbi damals schon klar und deutlich — wenn sie wirken wollen, sich mit deZ Bildung ihrer Zeit vertraut machen, sie müssen wissen, was sie den Gottesleugnern zu erwidern haben. Aus dem 'Arsenal der Wissenschaft ihrer Tage müssen sie die Waffen holen, um die alte Thora zu verteidigen und zu erhalten. War R. Saadia Gaon, der das Judentum gegen die Hochflut des Karäertums so wirksam verteidigt hat, nicht einer der gebildetsten und erleuchtetsten Geister seiner Zeit? War Maimonides, der '„zweite Moses", eine unserer größten Autoritäten, nicht aller Wissenschaften kundig? Bildung und Frömmigkeit sind keine Gegensätze und sind es nie gewesen NS' pK “pS ar min. Die Thoratreue muß mit Weltbildung vereinigt werden, dies war von nun an die Parole, die der Rabbi für sein Leben annahm. Auf diesem Grundsatz hat er seine Wirksamkeit aufgebaut, und es ist bewundernswert, mit welcher unbeugsamer! Konsequenz und Energie er seiner Weltanschauung treu blieb, wie er für sie kämpfte und ihr zum Siege verhalf. In Halle, wo er die Vorträge von Gesenius und Rödiger hörte, vollendete der Rabbi seine Studien und promovierte dann im Jahre 1844 Wie feilte« sie, die Himmewfchar, die Söhnc lichter * Sphären, \ Erfüllen wohl die hell'ge Pflicht: Du sollst die Eltern l ehren?! Und Mord und Ehebruch und Raub — willst denen j du verb'eten, } Die hell im Glanze strahlen dort in ew'gen Lichtgebieten? An die kein sünd'ger Reiz sich wagt, wo nicht die Flamme schürt Ter gift'ge Haß, die Eifersucht, die nie der Neid berührt °? Da solches sie vernommen nun, da waren sie's zufrieden, Daß Gott die Lehre sandt' herab für Israel hienieden, Und alle Huben freudig an: Wie wird, o Herr, -voll Pracht Dein Nam' hinfort verherrlicht sein auch in der Erdennacht? Und alle wurden Freunde jetzt dem edlen Goilesknechte, Und jeder lehret ihn ein Wort, daß er's zur Erde brächte. . Und auch der Tobesengel gab ihm ein Geschenk zum Segen, Wie er, wenn einst die Seuche rafft, den Weihrauch sollt' aufleg-n; Wenn einst die Scharen Israels vom Tod gemähet fallen, Dann sollte heil'ger Dust empor zu Himmelhöhen > wallen, Er sollte stehen «ritten in den Toten und Lebend'gen, Da würd' er des Verderbers Macht, des jähen Würgers bänd'gen. Bon wannen hat er's denn gewußt, als kam die schwere Stunde, Wenn er es damals nicht gehört ans jenes Engels Munde? Familienvachrlchten. Barmizwoh-Feier. Jakob, Sohn des Herrn Charles Nordmann-Bambcrger, Basel. Sadhat-Ansang und Ausgang. mittag u. -Q-iaa mv. 8RT( Anfang BstUW AuSgang Mr!d^1920l 5680! Uör Min. Frankfurt a. M. I 21. 1 1 45 Mai 5. Siwan 9 10 Bertt« . . . . 7 j 30 8 58 München . . 7 15 8 42 Straßburg . —! —■ ... — Stuttgart. . . — i . : — — Pofeu ... ...; ... ■ . NürubeTO, . 7 — 8 51 Haurbnrn . . . — 9 28 ~igo Dr. Goldschmidtiaya Taunus-Sanatorium Bad Homburg v. d. H. (3468 für Nervöse, innerlich Kranke, Erholungsbedürftige. mit einer Dissertation über die rechte Art der Bibelinterpretation. Eine Frucht seiner wissenschaftlichen Arbeiten war auch eine Schrift, die in den Kreisen der Gelehrten berechtigtes Aufsehen erregte und allgemeine Anerkennung fand: „Materialien zur Beurteilung der Septuaginta", in welcher er die biblische Massorah rechtfertigte und die abweichenden Lesarten der ältesten Bibelübersetzungen teils als irrtümlich, teils als gefälscht nachwies. Bald darauf führte der Rabbi seine Gattin heim und gründete mit ihr in Halberstadt sein Haus. Es war die ruhigste Zeit seines Lebens. Ein Amt bekleidete er nicht. Der Drang zu lernen und zu forschen, das Wort der Gotteslehre zu ergründen und immer tiefer in das Verständnis der Thora einzudringen, füllte seine Wünsche und seine Zeit vollständig aus. In dieser Zeit legte er den Grund zu dem staunenswerten jüdischen Wissen, das ihn auszeichnete und das ,auch seine Feinde widerwillig anerkennen mußten. Schon damals sammelten sich um den jungen Gelehrten Schüler, denen er sein Bestes gab. Nur einer von ihnen sei genannt: Dr. Marcus Lehmann, der nachulalige Rabbiner von Mainz, der als Redakteur des „Israelit" einen großen Einfluß gewonnen und oft dankbar anerkannt hat, daß er nicht nur sein Wissen, sondern vor allem die Richtung seines Geistes in erster Reihe dem Rabbi verdankte. (Fortsetzung folgt). Die Erhaltung der Landgemeinden. Von Samuel Jeselsahn in Neckarbischofsheim. In Nr. 16 des Israelit wird unter obiger Ueberschrift, ausgehend von der in Baden etngeleiteten Aktion zur Herbeifchaffung eines Existenzmlnimums für die Lehrer und Kantorest, auch die von den orthodoxen Verbänden veranstaltete Sammlung besprochen und am Schlüsse darauf hingewiesen, daß merkwürdigerweise die Propaganda der gesetzestreuen Verbände auf den Einwand stößt, die Mitglieder der Landgemeinden seien heute „im Durchschnitt so leistungsfähig, daß sie sich bet gutem Willen selber helfen könnten." Man kann ohne Weiteres dem in Nr. 46 erschienenen Artikel recht, geben, wenn er dieser Auffassung entschieden entgegentritt. Denn eine ernstliche Prüfung der einschlägigen Verhältnisse muß ergeben, daß sich eben die Landgemeinden „nicht selber helfen können." Man bedenke, daß auch die kleinste Zwerggemeinde, solange sie ein Minjan hat — wenn ihr nur noch ein Minimum jüdischen Lebensgeistes innewohnt — mit allen Fasern ihres Seins an ihrem Gotteshause, an ihrer Religionsschule, an ihrer MLwo, an ihrem Friedhof? hängt, daß olle Gemeinde-Institutionen wenigstens einigermaßen erhalten werden müssen. Niemand wird bestreiten wollen, daß diese Dinge heute ein Vielfaches gegen früher kosten. Wie oft scheitert dte so notwendige-Reparatur einer Thora-Rolle an den unerschwinglichen Kosten! Wie primitiv sieht eine Mikwo etner^ kleinen Landgemeinde aus, weil die Gelder fehlen, sie mit einigem Komfort auszustatten. Mit welchon Schwierigkeiten erst ist es verknüpft, den Gemeinde-Beamten — insbesondere dem Lehrer — nur soviel Gehalt zu geben, daß er sein Leben fristen kann. Man. beachte, daß es eine große Anzahl Landlehrer gibt, die es bei ihrem Sammelsurium von Fixa nicht auf 2000 Mk. p. a. bringen. — Und da soll es nur an dem „guten Willen" fehlen, überall Abhilfe zu schaffen! Dte Gemeinden meines Rabbinatsbezirks. mögen hier als Beispiel dienen! Vor 50 Jahren hatte keine einzige Gemeinde mehr Institutionen zu unterhalten, als heute, obwohl damals ihre Seelenzahl das 4—öfache der heutigen betrug. Und sind die Steuerzahler Der Gemeinden alle wirklich zahlungsfähiger geworden? Sind die vielen Witwen, dte von einer kleinen R^nte lebten, nicht viel schlechter daran, als früher? Haben alle Viehhändler, Kaufleute, Handwerker Krtegsgewmne gemacht? Gibt es nicht eine