Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 20-21 (20.5.1920)
- Date
- 1920-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450107--68239-2525331- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2Ö, Mai 19SSÖ .große Zahl Viehhändler, die, ängstlich bemüht, die unzähligen gesetzlichen Vorschriften einzuhalten, seit Jahren so gut, wie nichts verdient haben? Wie mancher Kaufmann hat bis zum Kriegs- Ende fern der Heimat aushalten müssen, während zu Hause die seinen vom Kapitel zehrten! Wo sind die Schuhmacher, die Schneider, die Buchbinder auf dem Lande mit den Kriegsgewinnen? Und,' wenn wirklich einmal einmal irgendwo an Rauhwaren, an altem Eisen, an Webwaren Konjunkturgewinne gemacht wurden von sicherlich mäßigem Umfang, wer ist sicher, daß sie nicht imaginäre Gewinne sind, die ein Nachtfrost in Kürze hinwegfegt! Wer kann bei Prüfung des Geschilderten noch von bösem Willen reden? In meiner Gemeinde waren Familienväter viele Jahre zum Militär eingezogen, andere durch den Krieg erwerbslos, Witwen hatten von einem Teile ihres Vermögens keine Zinsen, aber"nicht ein Steuerzahler hat während des ganzen Krieges aus den geschilderten Gründen seine Kultusfteuer gemildert haben wollen! — Und was wird da noch alles nebenbei geleistet! Wie manche Gemeindelaft wird von Vereinen und Privaten übernommen, um das Gleichgewicht im Gemeindehaushalt nicht zu stören. Es mag Gemeinden geben, wo der Klall- Sinn, wo die Opferfreudigkeit zu wünschen übrig läßt, aber es sind dies sicherlich Ausnahmen. Man verallgemeinere nicht und prüfe mit nüchternem Sinn und ohne Voreingenommenheit, dann wird man zu dem Resultat kommen, daß der „gute Wille" vorhanden ist, aber die „Möglichkeit" vielfach fehlt. Darum bleibe Niemand zurück, der geben kann! Reicher Segen wird aus dieser Rkttungstat erblühen, der fortdauert bis in ferne Geschlechter. LMesporrdeiMN and Aachrlchtea. ver tJerbanö 5er Ofljuaen unö Sie 0lfju5erinrit. Berlin, 10. Mai. Am 6! Mai fand in den Musikersälen Kaiser- Wtlhelmstraße, eine öffentliche Versammlung des Verbandes der Ostjuden in Deutschland statt, in der Professor Dr. Heinrich Loewe über das Thema „Der Verband der Oftjuden und die Ostjudennot" sprach. Der Redner beleuchtete das Verhältnis zwischen Oft- und West-Judentum und wies auf die besondere Bedeutung der ostjüdischen Kultur für die Erhaltung und Stärkung des gesamten Judentums hin. Er geißelte das unbegründet negative Verhalten gew'sser deutsch-jüdischer Kreise gegenüber den in Deutschland lebenden Oftjuden. Der Redner schilderte / sodann die erschütternde Notlage der ostjüdischen Flüchtlinge in Deutschland und die segensreiche unermüdliche Tätigkeit des Verbandes der Ostjuden bei der Durchführung seines sozialen Hilsswerks für die heimlosen Brüder. Herr Rechtsanwalt Feblo wicz sprach über die bevorstehende Gemeinde wählen und wies auf die Notwendigkeit hin, auch Vertreter der Ostjudeu in die Gemeinde-Repräsentanz zu delegieren. , MelöeMgng für fluslänöer. Berlin, 14. Mat. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen schreibt uns: „EinenMZld e zw ang für Ausländer hat der Polizeipräsident von Berlin für den Umfang des Landesbezirkes verfügt, der vom 1. Mai an in Kraft treten wird. Nach der neuemMelde- A« Hsraew. ordnung ist jeder über 16 Jahre alte Ausländer verpflichtet, sich binnen 48 Stunden nach der Ankunft bei der Ortspoltzeibehörde Persönlich anzumelden und bei der Anmeldung ein unaufezogenes Lichtbild mitzubriugen. Ferner werden ie Wohnungsgeber verpflichtet, sich ohne Rücksicht darauf, ob die Wohnung oder Unterkunft gegen Entgelt oder unentgeldlich gewahrt wird, von der erfolgten Meldung zu vergewiffern, und, wenn sie nicht nachgewiesen ist, der Polizeibehörde Anzeige zu erstatten. Ebenso haben die Wohnungsgeber' der Polizeibehörde Nachricht zu geben, wenn der Ausländer die Wohnung oder die Unterkunft aufgtbt. Die Verordnung ist erlassen, um endlich einmal eine genaue Üeöersicht über die sich hier aufhaltenden Ausländer zu gewinnen. Zu diesem Zwecke ist es notwenia, daß alle Ausländer, auch diejenigen, die sich bereits auf Grund früherer Verordnungen bet den polizeilichen Meldestellen vorgestellt haben, nochmals bei der zuständigen Meldestelle melden, damit sie den in der Verordnung angedrahteu Nachteilen, nämlich der Festnahme und gegebenenfalls der Ausweisung entgehen. Dieser Meidezwang gilt im übrigen für das g anzepreußische Staatsgebiet. Es empfiehlt sich, daß auch diebereits seit längerer Zeit in Deutschland sich aüfhaltenden Oftjuden diese Bestimmungen genau beachten, damit sie wegen der Unterlassung derMeldung nicht bestraft werden." Berkin, 10. Mai. In der Sitzung der Re-. präsentantm-Versammlung vom 9. Mai, in der die Frage der Gesamtorganisatlon der deutschen Juden auf der Tagesordnung stand, ist nach eingehenden Diskussion folgende Resolution einstimmig beschlossen worden. „Iw Erwägung, haß 1. die Schaffung einer Gesamtorganisation der deutschen Juden als dringende Notwendigkeit allgemein anerkannt ist) 2. der feit 1869 bestehende und im Sinne einer solchen Organisation wirkende Deutsch- Israelitische Gemetndebund als gegebene Grundlage hierfür erscheint) 3. gegen den vom D. I. G. ausgearbeiteteu und den Gemeinden bekanittgegebenen Verfassungsentwurf von keiner Gemeinde ein prinzipieller Einspruch erhoben worden ist, vielmehr etwa 425 Gemeinden bereits ihre grundsätzliche Zustimmung zu d?m Verfafftmgsentwurf erklärt haben) 4. die Verwirklichung der Gesamrorgainsation demnach in nächste Nahe gerückt ist, sobald die Großgemeinden, insbesondere die Berliner Gemeinde, ihre Zustimmung erklärt haben; beschließt die Reprasentanten-Versammlung, den Vorstand zu bitten, sich mit dem D. I. G. B. behufs Schaffung einer GssüMtorganisattou haU dtgst ins Einvernehmen zu setzen." " Alsdann wurde die Einsetzung einer gemischten Deputation zur Beratung dcr Angelegenheit beschlossen. Weriei aus Polen. Wiederaufbau. — Ueberfälle. — Teuerung. Aus Wanderer und Rückwanderer. — Das innere Leven' Warschau, 10. Mai. Am 31. Mat wird hier eine jüdische Aufbaukonferenz tagen, auf der alle Partei'« und Gemeinden vertreten sein werden. Es soll auf dieser Konferenz alles Nötige und Mögliche zum Wiederaufbau der zerstörten Gemeinden in Polen erhoben werden. Die Agudas „Schlaume Ennmo-Jlsroel^ nimmt hervorragenden Anteil an diesen Bestrebungen. Die Ueberfälle der Hallerschen Soldaten auf bärtige Juden haben in den letzten Tagen solche Dimensionen erreicht, daß Juden überhaupt nicht mehr wagen, sich nach dem Bahnhof zu begeben, da die Bahnhöfe den Haupttummelplatz für die „Volksbelustigung" der gewaltsamen Bartabl Nr. 20 u. 21 Bette 5 ~ schneideret abgeben. Selbst am nationalen Feiertag, dem 3. Mai, da man auch in allen Synagogen der Stadt den Gedenktag der polnischen Konstutition seierlich beging, unterließ man es nicht, Juden ans diese Weise zu drangsalieren. ' Bei einem solchen Zusammenstoß stürzten sich Soldaten auf den bekannten greisen Rabbiner Rabbi Halpern, der es versucht hatte, einige bedrängten Juden in Schutz zu nehmen, und mißhandelten ihn, zum Glück nicht schwer, denn die Angreifer nahmen Reißaus, als sie erfuhren, daß der Rabbiner zugleich Mitglied des Landtages sei. Die Lebensverhältnisse in der Stadt Warschau verschlimmern sich auch sonst mit jedem Tag. Für das Pfund Fletsch wurde vom Lebensmitielamt der Preis von Mk. 25 festgesetzt, tatsächlich werden aber 50 ais 70 Mark gezahlt. Mit den anderen Dingen des täglichen Bedarfes steht es nichtbeffer. Nimmt man noch hinzu, daß jeder Jude, so er sein Haus verläßt, Gefahr läuft, mißhandelt zu werden, ss begreift man es, daß die Emigration heute ais erster Punkt auf der Tagesordnung des jüdischen Lebens steht. Und es ist mit Freuden zu konstatieren, daß sich die Emigrationsgesellschaft nach dieser Richtung hin große Verdienste erworben hat. Die erste Auswanderergruppe konnte sich bereits am 2. Mai, 546^Köpfe stark, in Danzig einschiffen. Die anderen Transporte folgen. Bei all dem fehlt es bet den Juden auch nicht an Lust zur Rückfahrt in die polnische Heimat. Vom „Verbände der polnischen Juden in England" ist beim Außenministerium ein Memorandum eingegangen, in dem die Frage der Rückkehr in England wohnender polnischer Juden nach der Heimat erörtert wird. In England befinden sich etwa 50,000 polnische Juden, von denen nur noch ein kleiner Teil im Besitze der von Polen für die Erteilung des Wohn- und Bürgerrechtes gewünschetn Dokumente ist. Viele aber möchten zu ihren Familien zurück und für desewird in der Denkschrift um Entgegenkommen gebeten. öberrabbiner Creiffmann yxt. Lodz, 9. Mai. Große Bestürzung rief in Lodz und in ganz Polen der unerwartet eingetretene Tod des Oberrabbiners Tre i ftm an n Seine rabbinische wie seine soziale und politische Bedeutung war in der jüdischen Welt allbekannt, und sein Heimgang fällt in eine Zeit, wie sie kritischer die polnische Judenheit noch nicht erlebt hat. So kam auch der ganze Schmerz bet der am Sonntag stattgehabten Beerdigung zum vollen Ausdruck. Ein Komitee, bestehend aus Rabbinern und den angefthmsten Grmeindemitgliedern hatte angeordnet, daß während der Beerdigung alle Geschäfte gesrylosftn und alle Arbeit zu ruhen hatte. Eine nach tausenden zählende Menge folgte der Bahre. Auf dem Fried- Hofe hielten der. Raöblnor aus Pletrlksrv und audcre Redner ergreifende Gedenkreden. In einer Gemelndesitzrrug wurde über die Versorgung der gänzlich mittellos dastehenden Familie beraten. eine öemaltfaf in Biafyffob. Walystok, 9. Mai. Nach eigenmächtig und oberflächlich durchgeführter Revision in den Räumen der Bialystoker Gemeindeverwaltung wurde der gesamte Gemetndevorftand, bestehend aus Orthodoxen, Zionisten und Bund verhaftet. Die Verwaltung setzte sich natürlich kräftig zur Wehr, mit dem Erfolg, das eine neuerliche Untersuchung alle der Gemeinde zur Last gelegten Vergehen als bloße Verdächtigung und Verleumdung erscheinen ließ. Die Verhafteten wurden dann wieder aus freien Fuß gesetzt. Sur Lage in öalitfen. Lemverg, 13. Mai. Der Handelsminister ^empfing eine jüdische Delegation, die sich über unberechtigte Requi-