Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-05-20 · Heft 20-21 (20.5.1920) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 20-21 (20.5.1920)
Date
1920-05-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450107--68237-2525329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ser AsrarM. Nr. 20 u. 21. Seite 3 Sßandauer Str. 16 iv C Konigstraße 11-14 Gegründet 1815 Kaufhaus für Wäsche, Klriöuns, Seidenst »ffe, Voll-, wirk- «aö Webwarea, Har-ineg, Teppiche Wäjche-Msstattungen Anfertigung in eigenen Werkstätten Vohnungs-Eiurichtungen vier Stockwerke M ö b e l Wan »erlange öie itlustrirrte Preisliste Nr. 1920 20. Mat 1920 . als theoretische Belehrung, NVIV'V sein Leben und Wirken belauscht und in sich ■ ausgenommen und als einen Schatz Praktischer Wegleitung, von d'em er heute noch zehrt, in das Leben hinausgetragen hat, ein tiefes Herzensbedürfnis, das Andenken an diesen Führer des deutschen Judentums zu erneuern und das Bild dieses Großen in Israel den Lesern menschlich näher zu bringen. I. Zunächst sei es mir gestattet, das Leben und die Wirksamkeit des Rabbi in seinen Hauptzügen darzulegen. Geboren in Halberstadt, dieser uralten, frommen jüdischen Gemeinde, wo jüdisches Leben stark pulsierte, besuchte der Rabbi die jüdische Schule seines Heimatsortes. Daun ging er nach Altona, um zu den Füßen des berühmten Rabbiners Jakob Ettlmger - zwei Jahre lang mit einem Fleiße ohnegleichen Talmud zu studierenzur gleichen Zeit horte er auch Vorträge des Chacham Bernays, des Oberrabbiners von Hamburg. Oft erzählte er uns Schülern mit tiefer Ehrerbietung und mit einer Liebe, die das Grab überdauerte, von seinen großen Lehrern. Nach Halberstadt zurückgekebrt, vervollständigte er sein weltliches W ssen, wobei er sich besonders in der Mathematik auszetchnete, und bestand nach verhältnismäßig kurzer Vorbereitung um dortigen Domgymnasium mit großem Erfolg dieMaturitäts- Prüfung. Mit zwanzig Jahren bezog er die Universität Berlin, wo er Philosophie, Literatur, Orientalische Sprachen und Mathematik studierte. Einer seiner Lehrer war dort der Literarhistoriker Professor Dr. Werder, der bis in die siebziger Jahre hinein an der Universität Vorträge hielt, und ich erinnere mich noch, wie der Rabbi, trotz seiner karg bemessenen Zeit, es, wenn immer möglich, einzurichten versuchte, einmal in der Woche die Vorlesung seines greisen Lehrers zu hören. Während seiner Studien hatte der Rabbi schwer mit des Lebens Not zu ringen. Sein Vater war früh gestorben, seine Mutter lebte in ärmlichen Verhältnissen. Es gab Zeiten, in denen der Rabbi kein Feuerungsmaterial besaß - im harten Winter im ungeheizten Zimmer studierte er, bald lesend und schreibend, bald, um der Kälte zu begegnen, hin- und hergehend, aber mit ungebrochenem Mut, immer stetßig und strebsam. Da riß ihn ein glücklicher Umstand aus allen materiellen Sorgen. In Halberftadt lebte damals Kommerzienrat Joseph Hirsch. Während der Besitz großer Retchtümer allzu oft den Verlust der jüdischen Gesinnung mit sich bringt und zur Verleugnung der jüdischen Weltanschauung führt, war dieser edle, fromme und wohltätige Mann, auch als das Glück ihn emporgehoöen, ein ausgezeichneter Jude geblieben. Mit Aufmerksamkeit hatte er den Werdegang des Rabbi verfolgt, in welchem er den künftigen Erhalter und Vorkämpfer des traditionellen Judentums erblickte- und er rechnete es sich zur Ehre, den aufstrebenden Jüngling, der schon in früher Jugend mir der Krone der Thora geschmückt war, für seine Familie zu gewinnen. Er selbst ging zur Mutter des Rabbi und fragte sie, ob sie mit der Bewerbung ihres Sohnes um die Hand seiner Schwester Henriette einverstanden sein würde. Man kann sich denken, mit welcher Freude dieser hochherzige Vorschlag ausgenommen wurde. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß nun die Not des Rabbi, ein Ende hatte. Mehrere Jahre warteten die 'Verlobten auf die Stunde ihrer Vereinigung. Die Briefe, welche die Brautleute mit einander wechselten, würden es wohl verdienen, veröffentlicht zu werden. Diejenige»», die sie lesen durften, sind entzückt von dem Fluge hoher Ideen und von dem keuschen Reiz, der sie auszeichnet. Aber war auch die materielle Not von unserm Rabbi genommen, eine andere, geistige Not lastete schwer auf ihm. Er, der sein Volk und seine Thora so heiß und innig liebte, sah mit tiefem Schmerz, wie das Judentum in Deutschland stagnierte und dem Untergang entgegenging. Fiel doch die Jugendzeit des Rabbi in jene Jahre, in welchen das deutsche Judentum in seinen Grundvesten zu wanken schien. Er selbst hat diesen Zustand einmal in einem Vortrag mit folgenden Worten geschildert: „Mindestens neun Zehntel der Jugend gehörte damals teils zu den Religionsverächtern, teils zu den Religionsverrätern, oder im besten Falle zu den Gleichgültigen. aJtou scheute sich geradezu, sei es in religiöser Obser- O Herr, wie glänzt in heil'ger Pracht dein Nam' am Himmelszelt, Wie ist verherrlicht deine Macht weithin durch'S All der Welt! Da sprach der Herr: Mosel», mein Knecht, willst du nicht Rede stehen? Gib ihnen Antwort, daß sie dich in deiner Größe sehen! Doch er darauf: Wie darf, o Herr, ein Wort an sic ich richten? Wie, wenn ihr Fcuerhauch mich trifft, mich tötend zu vernichten? Da sprach der Herr: Umfasse nur den heil'gen Gottesthron- Geborgen dann in seinenr Schutz bist du vor jeden» Droh'n. Und über ihn den Himmelsglanz ausbreitet Gott als Zelt, Und so geschirmt in Wolkenflor zur Antwort er sich stellt. In deiner Lehre steht: Ich bin dein Gott in Ewigkeit, Der aus der Hast Mizraims dich erlösend hat befreit! Hat jener Engel Heer etwa des Dienstes Joch ge- * trage»», Daß solch ein Wort der Mahn»»ng du zu ihne»» konniest sägen? Du sollst nicht fremden Göttern je Anbetung rveih'n und Ehre! Wie? Unter den Heiden wohnen sie, bedürftig solcher Lehre? Der Sabbatruh' sei eingedenk, des Tags dem Herrn geweiht! Wie? schwere Arbeit drücket sie, sie brauchen Ruhezeit? Entheil'ge Gottes Namen nicht zu einem falschen Eid! Giht's Handel und Gewinn wohl dort, der feindlich sie entz»veit? Werivoll für den Fachmann sind seine „Beiträge zu einer jüdischen Homiletik" (1905). Als glänzenden Apologeten gegen natur wissenfchoftliLe Hypothesen zeigt ihn seine Broschüre: „Die Vorträge des Paters Erich Waßmann" (1907). In seinem „Briefe an die Gesetzestreun Badens" (1907) und in der Schrift „Gesetzestreues und liberales Judentum" (191.3) sehen »vir ihn als wahrhaften, feingebildeten Kämpen, der eine geistvolle, scharfe Feder gegen das beabsichtigte Attentat auf den Siddur und gegen die „Richtlinien" führt. Er hat auch viele wertvolle Aufsätze im „Israelit" und in anderen Zeitungen veröffentlicht. Den größten Einfluß auf die gesetzestreue Judenheit aber übt der Jubilar durch die Herausgabe seines „I e s ch u r u n", dessen 7. Jahrgang jetzt erscheint. Diese Zeitschrift, die hervorragende Mitarbeiter hat, ist nicht nur für den wissenschaftlich Gebildeten, sondern auch für den Laien ein Wegweiser in der bewegten Gegenwart mit ihren religiösen und politischen Zeitfragen und ist die literarische Ausprägung des Mottos K""» Lp min. Die Leitartikel Wohlgemüth's, die alle Tagesfragen in jüdischer Beleuchtung besprechen, sind 'Muster tiefgründiger Behandlung und vollendeter Schönheit der Form. Besonderes Aufsehen in jüdischen und nichti jüdischen Kreisen erregten die zehn Aufsätze über den Weltkrieg, die auch als besonderes Buch „Der Weltkrieg im Lichte des Judentums", weite Verbreitung gefunden haben. Bemerkt sei noch, daß Dr. Wohlgemuth durch feine langjährige unterrichtliche Tätigkeit an der Religionsschule d«r Adaß Jisrol entscheidenden Einfluß auf einen Teil der jüdischen Jugend Berlins ausgeübt hat. Das Bild des Jubilars wäre nicht vollständig, wollten wir nicht auch feines edlen Menschentums Erwähnung tun. Wöhlgemuth ist von geradezu rührender, echter Bescheidenheit. Eine heilige Menschenliebe durch- ' glüht ihn. Gewaltiges leistet er für bedrängte Glaubensgenoffen, besonders für de Ostjuden. Für Jeschiwaus usw. ist er unermüdlich tätig. Seine rein menschliche Teilnahme für die.persönlichen Schicksale seiner Schüler hat ihm deren Herzen erobert. So möge denn dem verehrten Jubilar iW n«o *iy seine jetzige Schaffenskraft erhalten. Die aufrichttgen Wünsche seiner Kollegen, seiner Schüler und seiner zahlreichen Verehrer begleiten ihn auf seiner»» ferneren Lebenswege. Mseh und die Engel. Bon Michael Sachs. Als in den Himmel Moseh stieg, die Lehre z»» empfangen, Da Hub die Schar der Engel an vor Gott in lichtem Prangen: O Weltenherr, der Erdensohn — was will er in den Sphären, - Was soll der Sterbliche von Staub im Kreis der Heilgen, Hehren? Da sprach der Herr: Er will das Wort ernpfahn, das. Menschen lehrt! O Herr, antworten sie darauf, ein Kleinod reich an Wert. Das du so lang hast ausgespart, das älter als die Welt, Willst du der« Menschen weihen, der in Staub so bald zerfällt? Was ist der Mensch, daß du auf ihn die Blicke rvolltest senken? Der Sterbliche, daß du noch sein in Gnaden solltest denken? r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.