Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1903)
- Date
- 1903-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'• .U 1080 Geist wird mit Verwunderung zum mindesten auf seine Epigonen herabblicken, denen das Wort „religiöser Duldsamleit" nur dann berechtigt erscheint, wenn es sich um die eigene Partei handelt. — Der Kluge baut vor, daß die Bäume des Centrums nicht in den Himmel wachsen! - —t— Breslau, 17. Juni. Am Donnerstag, 11. dieses. Monats, fand die erste ordentliche General-Versammlung des vor nunmehr Jahresfrist gegründeten Vereins „Zur Speisung armer Israeliten" statt. Dieser Verein, welcher den Zweck verfolgt, armen Israeliten an Sabbaten und Festtagen kräftiges Abend- und Mittagbrod unentgeltlich zu verabreichen, und ferner vor den Festtagen an hiesige unbemittelte Glaubensgenossen kostenlos Fleisch zu vertheilen, hat sich trotz seines verhältnißmäßig kurzen Bestehens in Folge seiner wohlthätigen, jedermann sympathischen Tendenz bereits eine große Zahl von Anhängern erworben. Wir entnehmen dem Jahresbericht über die Thätigkeit im ersten Vereinsjahre Folgendes: „Dem Verein zur Speisung armer Israeliten," der am 4. Mai v. I. von kaum 20 Herren in's Leben gerufen wurde, gehören heute bereits 223 Mitglieder an. Die Jahreseinnahmen beliefen sich auf insgesammt Mk. 1437.15, die aus Mk. 79 freiwilligen Spenden und Mk. 1368.15 Beiträgen bestanden. Hiervon wurden Mk. 979.46 verausgabt, sodaß unter Hinzurechnung eines dem Verein vom Vorsitzenden, Herrn Adolf F r e y h a n, überwiesenen Fonds von Mk. 20 als Kassenbestand Mk. 477.770 verblieben. Infolge der sich von Monat zu Monat steigernden Einnahmen war es dem Vreein möglich, allen an ihn gestellten Ansprüchen genügen zu können. Da jedoch zu befürchten ist. daß die Kischinewer Ereignisse und die Panik, die sich als Resultat derselben der gesammten russischen Judenheit bemächtigt hat, Massenauswanderungen zur Folge haben werden, so dürsten sich auch die an den Verein gestellten Ansprüchen wesentlich erhöhen, denen er dann nur gerecht'werden könnte, wenn sich ihm eine große Anzahl neuer Mitglieder anschlösse. Wie wir ferner dem Bericht entnehmen, sind schon in diesem ersten Wirkungsjahre weit über 1200 Mahlzeiten sowie über 1 Zentner Fleisch vertheilt worden. Diese Zahlen beweisen zur Genüge, daß der Vorstand vollauf das Seinige gethan hat. die Hungrigen zü sättigen, so weit als es natürlich die Vereinsmittel gestatteten. Die Mitgliedschaft kann schon mit einem Quartalsbeitrage von 1 Mk. (jährlich 4 Mk.) erworben werden und nimmt Neuanmeldungen der Schriftführer des Vereins Wilhelm Freyhan, Breslau, Freiburgerftr. 21, jederzeit entgegen. Könitz. Ein Nachspiel zu den Konitzer Prozessen bildet das rechtskräftig gewordene Erkenntniß des ärztlichen Ehrengerichts für die Provinz Westpreußen gegen Dr. Arthur Müller in KoNitz. Das Verfahren gegen Dr. Müller war auf Grund der Bekundungen des Ersten Staatsanwalts Schweigger aus Könitz im Prozeß wider Bruhn und Genossen eingeleitet worden. Dr. Arthur Müller hat aus Akten, die seinem Vater, der als Kreisarzt mit der Begutachtung der Winterschen. Todesursache betraut war, amtlich zugestellt worden waren, heimlich Abschriften genommen und dem antisemitischen Berichterstatter Werner gegeben. Als die Indiskretion ruchbar wurde, kam es zur Einleitung einer Disziplinaruntersuchung gegen Beamte der königlichen Staatsanwaltschaft, bis durch Zuiall die Thäterschaft Dr. Müllers offenbar wurde, obwohl er seine Aussage verweigerte. Das Erkenntniß lautet: „In dem nicht förmlichen ehrengerichtlichen Verfahren gegen den Arzt Dr. Arthur Müller in Könitz hat das ärztliche Ehrengericht für die Provinz Westpreußen unter Vorsitz des Dr. Li<win nach mündlicher Anhörung des Angeschuldigten beschlossen: Der Angeschuldigte Dr. Arthur Müller in Könitz ist der Verletzung der ihm als Arzt obliegenden Pflichten (8 3 des Gesetzes vom 25. November 1899) schuldig und wird deßhalb zu einem Verweise und zur Tragung der Kosten des Verfahrens verurtheilt." Posen, im Juni. Vor einigen Tagen ist durch den Tod ein Mann aus unserer Mitte geschieden, dem ein ehrender Nachruf aus berufenerer Feder, als es die meinige ist. gebührte. Herr Abraham Cohn verschied nach kurzem Leiden am achten Tage nach seinem 87. Geburtstage. Er stammte aus Glogau, einer Gemeinde, die im vorigen Jahrhundert sich durch die Fülle der in ihr vertretenen min auszeichnete, in welcher der Verfasser des mm re» lehrte, und aus der ein Michael Sachs, ein Munk hervorgingen. Auch er wurde demnach im elterlichen Hause rrom 'mn S? *xvni erzogen und auch in profanem Wissen ausgebildet. In seiner Jugend besuchte er alsdann die damals noch blühende Jeschiba in Lissa, studirte darauf in Berlin, wo er auch seine talmudischen Studien fortsehte und ließ sich, nachdem er einige Jahre in seiner Vaterstadt gewohnt, endlich in Posen nieder. Obgleich Geschäftsmann, unterließ er es dennoch nicht, sich mit ra ™ zu beschäftigen, galt als wahrhafter n'n und war täglicher Besucher des Beth Hamidrasch. Was ihn besonders auszeichnete, war seine Tüchtigkeit in pnpm rem und hebräischer Stylistik und Poesie. Er beherrschte die heilige Sprache wie seine Muttersprache und lieferte werthvolle wissenschaftliche und poetische Beiträge für verschiedene hebräische Zeitschriften, als rmsen inrr, Magazin für jüdische Litteratur u. c. Erst vor einigen Jahren erschien von ihm eine Sammlung hebräischer