Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1909)
- Date
- 1909-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449387--65794-2508452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette «. Nr. 34 ruhig auch aus einem die Sustentat'vn gezogen werdeneine Stilwidrigkeit liegt also nicht vordiese Gerechtigkeit mag man der heutigen Klausorganisation ruhig widerfahren lassen. Diese nüchterne Gegenüberstellung der Tatsachen, des von Lemle MoseS Reinganum V'st gewollten und des hier Ereignis gewordenen, jetzigen Zustandes bestätigt, was wir oben über das Schicksal dieser Stiftung sagten. Wen aber trifft die Schuld, daß es so geworden ist? Keinen anderen als diejenige Instanz, die seit jeher sich als Geschäftsführerin des Reformjudentums gefühlt und gegeben und ihre Machtmittel dazu ausgenutzt hat, die Orthodoxie aus ihrem Besitzstand zu werfen. Es ist eines der interessantesten Kapitel des Unnaschen Buchs, das über die verhängnisvolle Rolle, die der Oberrat in dem Leben der «Klaus" spielt, Ausschuß gibt. Der Gemeindevorstand fand in seinem Bestreben seine Machtvollkommenheiten über die Klaus auszudehnen, Lasten, die der Gemeinde oblagen, auf die Stiftung abzuwälzen und an Stelle der alten Verfassung, welche mm TiD^n in altem Sinne gepflegt wissen wollte, eine andere zu setzen, welche modernen Theologen die Klausrabbinerstellen ausliefern sollte, beim Oberrat volles Verständnis und Entgegenkommen. Wiederholt nimmt das Ministerium Anlaß, Vorschläge des Gemeindevorstands und des Oberrats als dem Testament nicht entsprechend abzulehnen und beide in ihre Schranken zurückzuweisen. Aber der Vorstand erlahmt in seinem Bestreben nicht und durch das neue Statut der Klaus vom 6. August 1863, welches ihm in der Verwaltung die absolute Majorität sichert, erhält er endlich den Weg frei, die Klaus in seinem Sinne umzugestalten. Durch Verfügung des Oberrat vom 8. Mai 1872 wurde die von der Klauskommission „gewünschte" Einführung der hebräischen Schule genehmigtdann erfolgt von 1886—1888 der Umbau der Klaus¬ und schließlich beseitigten die Statuten vom 4. April 1891 auch noch den letzten Rest scheinbarer Selbständigkeit der Klausverwaltung, indem es den Synagogenrat zur alleinigen Verwaltungsbehörde der Stiftung bestimmt. „Die Klausstiftung hat in den zweihundert Jahren ihres Bestehens viele Wandlungen erfahren. Sie hat Zeiten des Auffchwungs und des Niedergang erlebt und ist auch Zeugin der tiefgreifenden Veränderungen gewesen, die innerhalb der jüdischen Gesamtheit sich vollzogen haben. Bon dem eigentlichen Zweck der Stiftung ist wenig mehr übrig geblieben. Unsere Zeit hat andere Ideale als in den Schacht des Talmuds hinabzusteigen und die dort verborgenen Schätze Der SHtorttt __ _ der Weisheit zu heben, die heute noch ebenso wertvoll find wie vor Jahrhunderten." Mit diesen wehmütig-resignierten Worten schließt Unna seine Geschichte der Klaus. Sie schildern die Situation sehr richtig. Wenn er aber 'in hinzufügt: „Die Möglichkeit einer neuen Blüte ist nicht ausgeschlossen- und vielleicht darf von einem neuen Erwachen des jüdischen Genius auch wieder eine Vertiefung in die jüdische Wissenschaft und frisches geistiges Leben erhofft werden" —so erscheinen für Mannheim dem Kenner der Verhältnisse diese Worte doch wohl als sehr optimistisch. Vielleicht — wäre das nicht eingetreten, was Unna der Klaus zum Ruhm anrechnet, daß „durch sie die Einheit der Mannheimer Gemeinde gewahrt wurde", sondern hätte hier sich eine geschlossene und entschlossene selbständige orthodoxe Gemeinde entwickelt - vielleicht hätte i h r entschiedenes Auftreten das Schicksal der Klaus wenden und es verhüten können, daß es jetzt wie ein Hohn auf Moses Lemle Reinganum 7"2tT klingt, wenn allsabbathisch in der Klaussynagoge sein Testament verlesen wird! Kochenrnnöfcha«. Das ne e Perkien. Nicht so geräuschvoll, aber darum nicht weniger blutig und auch nicht weniger erfolgreich als im Türkenreiche hat die Freiheitsbewegung in Persien gearbeitet. Demnächst wird das erste Parlament im neuen Persien zusammentreten, um das Werk der Freiheit zu krönen und weiter auszugestalten. Das Wahlgesetz, aus dem das Parlament hervorgehen wird, ist noch den alten Machthabern, als das alte Regime in seinen letzten Zuckungen lag, abgerungen worden und dürfte von der neuen Regierung noch in manchen Teilen gründlich nach der demokratischen Seite reformiert werden. Aber schon einige Sätze des Wahlreglementes genügen, um Persien in eine Kulturstufe zu rücken, die es über gewisse europäische Staaten weit hinausragen läßt. Der eine Paragraph besagt, daß Ausländer vom aktiven und passiven Wahlrechte ausgeschlossen seieneine andere Bestimmung lautet dahin, daß den Juden wie den christlichen Gemeinden und den Parsis das Recht zustehe, Ab¬ ' svSuMttov eordnete nach Verhältnis ihrer Bevölerungszahl in das Parlament zu entsenden. Also sind die Juden im neuen Persien keine „Fremde" und „Ausländer", wie etwa in Rumänien oder im russischen Reiche, das sich zum Beschützer, ja zum Kulturapostel in Persien auswirft, sondcrn freie vollberechtigte Bürger, die als solche auch bei der Gesetzgebung und Leitung der politischen Geschicke des La: des vertreten sind. Es ist auch interessant, festzustellen, daß dieses Wahlgesetz der Einwirkung Rußlands, das neben England den größten Einfluß auf die Gestaltung oer neuen Verhältnisse in Persien hatte, zu verdanken ist. Man sieht, Rußland hat im Prinzipe nichts gegen eine Gleichstellung der Juden in anderen Ländern und versteift sich keineswegs darauf, antisemitische Tendenzen nach außen durchzuführen. Wie sagten doch jene braven Pfälzer, die sich begeistert der Anti-Alkoholbewegung angeschlossen haben: „Wir hab^n vorzüglichen Wein, auch vortreffliches Bier und brauchen in der Tat den scheußlichen Alkohol nicht...." Und noch etwas: die bislang in allen Beziehungen bedrückten, verachteten und völlig recht- und schutzlos in ihrem Ghetto eingepferchten persischen Juden sollen nicht allein Vertreter im Parlamente haben, die über ihre Rechte wachen und für eine ihnen zuteil werdende menschenwürdige Behandlung sorgen, sondern auch jüdische Vertreter, die als Juden ihres politischen Ehrenamtes walten, denn so lautet einer der vielen Paragraphen des persischen Wahlgesetzes: „Die zu Abgeordneten zu Wählenden müssen gleichfalls persische Untertanen sein, dem Islam angehören, ausgenommen die Abgeordneten der Christen, Juden, Parsen, die auch fest im Glauben sein müssen." Wir wagen es nicht zu hoffen, daß dieser Paragraph sich in der neuen Aera, die darauf hinausgeht, jeden konfessionellen Einschlag von der Politik auszuschalten und Persien zu einem modernen Nationalitätenftaate zu gestalten, sich wird halten können. Zu wünschen wäre es indessen, daß diese Bestimmung auch weiterhin unter den Juden Persiens als ungeschriebenes, aber zu Recht bestehendes Gesetz in Kraft bliebe. Denn gerade die Verhältnisse in andern zu neuem Leben erwachten Ländern haben es gezeigt, wie wenig der Judenheit und dem Judentum gedient ist mit Vertretern, die, nicht aus der Mitte der laubenstreuen Masse hervorgegangen, ihre Beürfniffe und Interessen auch nicht genügend kennen, um wirkungsvoll für sie einzutreten. Im ersten persischen Parlamente soll also nach dem Wortlaute der Wahlbestimmung ein glaubenstreuer Jude sitzen, vorausgesetzt daß es Kleines Feuilleton. „lletteu." Schauspiel i» 4 Akte« von Hermann Reichenbach. Man schreibt uns aus Berlin: Ein jüdisches Problem, das die Gegenwart beschäftigt, auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. Ein jüdisches Tendenzstück setzt die Federn der Theaterkritiker der deutschen Metropole in Bewegung und zwingt sie, Stellung zu'nehmen zu einer der aktuellsten Fragen, die das öffentlich-jüdische Leben in Preußen-Deutschland bewegen, zu einer Frage, die der preußische Kriegsminister alljährlich bei Vertretung des Militäretats mit mehr oder weniger Gründlichkeit zu streifen pflegt, einer Frage, die endlich im vergangenen Jahre Kaiser Wilhelm zu einer Kabinettsordre veranlaßt hat, und die doch immer noch eine Frage geblieben ist: kann in Preußen ein Jude Offizier werden? Es ist im politischen Teil dieses Blattes zu dieser Frage schon des öfteren vom Standpunkte des gefetzestreuen Juden aus Stellung genommen worden, und diese Stellungnahme wurde dahin präzisiert, daß es an sich recht nebensächlich erscheine, ob Juden im Offizierkorps sitzen, daß die Motive -es gesellschaftlichen Strebertums und des sozialen Ehrgeizes dem ernsten, seiner jüdischen Würde bewußten Juden sogar höchst unsympathisch sind, daß aber andererseits Wert darauf zu legen sei, die Verfassung auf alle Staatsbürger gleichmäßig angewandt zu sehen. Gleichviel, wie man sich zu dieser Frage auch stellen mag, ein sehr großer Teil der deutsch» Juden betrachtet sie als brennende und diesem Umstande hat der Autor Rechnung getragen, als er, augenscheinlich auf die obenerwähnte Kabinettsordre des Kaisers hin, sich entschloß, dem preußischen Offizierkorps ein getreues Spiegelbild vorzuhalten. Und dazu gehört Mut. Fast weniger ein solches Stück zu schreiben, als es aufzuführen, und es ist ein schönes Zeugnis für die Gesinnung des Ober-' regisseurs Held, haß er, wie aus einer Ankündigung in den hiesigen Tagesblättern hervorgehl, den Entschluß gefaßt hat, mit diesem Stück eine Tournee durch die Großstädte Deutschlands anzutreten, nachdem es in Königsberg, Frankfurt a. M. und Berlin Verständnis gefunden und geweckt habe. Wir brauchen kaum zu erwähnen, wie wohltuend schon allein der Umstand berührt, Juden, glaubenstreue Juden, sympathisch auf einer deutschen Bühne dargestellt zu finden. Wir sind in den letzten Jahren in dieser Beziehung nicht verwöhnt worden. Der Jude „Wallenstein" im „Herbstmanöver", die „taktvolle" Art und Weise, in der die Gebrüder Herrnfeld in den letzten Jahren bei reißendem Andrang bemüht sind, einem größtenteils glaubensgen ö s s i s ch e n Publikum, ein Bild ihrer selbst zu liefern, — die Beispiele ließen sich ins Unendliche fortsetzen — lassen einen schrillen Mißton hei Betrachtung der auf die Bühne gebrachten, typisch-jüdisch sein sollenden Gestalten, nicht zum Schweigen kommen. Um so mehr ist daher der schon oben erwähnte Umstand erfreulich,. daß am Ende obigen Stückes die Sympathien des nichtjüdischen und jüdischen Zuhörers unbedingt auf feiten bet jüdischen Gestalten zu finden sind. Uns sollen hier nicht die künstlerisch-literarischen Qualitäten des Stückes beschäftigen. Mit diesen hat sich die Tagespresse abzufinden. Wir wollen nur von Empfindungen reden und erzählen, die in uns als Juden beim Sehen und Hören dieses Stückes wachgerufen wurden. -1 Was erzählt uns das Stück? Eine Geschichte, deren trauriges Motiv in unserem Alltagsleben eine so häufige Erscheinung geworden, daß wir beinahe dagegen abgestumpft sind. Wir Haben uns allmählich daran gewöhnt, zu lesen, daß jemand, um sich für eine staatliche oder militärische Laufbahn zu qualifizieren (!), seinen Glauben wie ein schmutziges Hemd wechselt, den Glauben, der seinem Vater, seiner Familie, seinen Vorfahren, heilig ist und gewesen. Wir haben uns daran gewöhnt, zu lesen, daß ein blühendes Menschenleben im Duell -sein Ende findet, weil ein Ruchloser geglaubt hat, seinen Glauben, den Glauben seiner Väter beschmutzen und besudeln zu dürfen. Wir sind gegen diese traurigen Vorgänge schon so sehr abgestumpft, daß es nötig war, sie. in ihrer für uns Juden so peinigenden Wahrheit auf die Bühne zu zerren, sie uns zu malen, in ihrer ungeschminkten, grausamen Wirklichkeit, mit all ihren traurigen Nebenerscheinungen, den Augen sichtbar. Es war nötig, uns und vor allen Dingen unseren nichtjüdische.n Mitbürgern in aller Deutlichkeit zu Bewußtsein zn führen, wie die staatlich prämiierte Taust eines Menschen, den Frieden, das Glück und die Zn friedenheit einer Familie zu untergraben imstande ist. wie ferner der unselige Kastengeist unserer Offizier korps immer neue Opfer im Duell fordert. Siegmund Lehmann, der Sohn des strengglätt bigen Juden Sender Lehmann läßt sich heimlich ohne Wissen seiner Eltern taufen, weil ihn die Liebe zum Soldätenstand erfaßt hat, und die Reize der Ossi