Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1909)
- Date
- 1909-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israel Ein Centralorgan fOr das orthodoxe Judentum Begründet oon Dr. in übinz 90. Jahrgang . _. .... 26. BuguB 1909. Sranhfurf a. M.. den g E|u| gggg M 84. Abonnement pro Bierteljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. S.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kt., Rußland 1 Bub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Berlag. HestauSgabe nur dirett. Der Israelit erscheiitt jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene , Eolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenaamahme nur durch Haasenstein u. Bögler A.-G„ Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt au den Berlag erfolgen per: Conto hei de« Postscheck-Amt Frankfurt a. Vt. 9to. 844. Conto bet der ft. ft. Postsparkasse «bien Ao. 79 MS. Conto bei dem K. Postsparkassenanet Budapest St». 18424. Conto bei der stttgaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser Rrtihel unfl Correfpondewen des „Israelit“ ift nur unter genauer Quellenangabe, unö, soweit es ficfi um größere fUitffifte handelt, nur nadi vorheriger Oenehmigung gestattet Die Gescbicftte einer Stiftung. In der noch erst zu schreibenden „Geschichte der Reform in orthodoxer Beleuchtung" wird den alten, frommen, jüdischen Stiftungen ein besonderes Kapitel zu widmen und der Darstellung der wandlungsreichen Schicksale, welche sie unter den Händen von Männer erfuhren, deren religiöses Fühlen und Denken nur zu oft kaum noch in Spuren Berührung mit dem der Stifter und Begründer aufwies, ein breiter Raum zu gewähren sein. Ist doch kaum eine andere Erfahrung so wie diese geeignet, an ihr den völligen Mangel des Empfindens für Brauch und Recht historischer Conttnuität, die Ber kümmerung des Gehörorganes für die Stimme der Gerechtigkeit und Billigkeit, die ganze Fülle liebloser Pietätlosigkeit und aller frommen Scheu barer Selbstherrlichkeit, kurz das ganze Bündel unsympathischer Eigenschaften kennen zu lehren, welche den Grundcharakter der sogen, jüdischen Reformbewegung im Großen wie im Kleinen und allüberallbilden. Für diese Kreise galt von jeher weder die Rücksicht auf das mxo non-'ian, noch der zum eisernen Bestand aller Kullurrechlssysteme zählende Satz, daß Wille und Absicht des Testators für die Auslegung und Behandlung des Letztwillens als maßgebend zu erforschen sind, wenn es — in ihr Calcul nicht eben. paßte- und da kein Kläger, und noch seltener ein Richter war, so vermochte nichts jene altehrwürdigen, frommen Stiftungen vor dem Schicksale zu schützen, daß durch gekünstelte und gezwungene Ausdeutung und Uebersetzung der zumeist hebräisch abgefaßten Testamente und, wo diese Künste versagten, mit Hilfe einfacher, brutaler Gewalt die G lder ihrer Bestimmung entfremdet und zur Unterstützung anderer Zwecke verwendet wurden, welche den Erblassern oft genug. Sünde und Gräuel geschienen härten! Wie hätte es denn aber auch anders gehen könnest?! Diese Männer haben Hand gelegt an die heiligsten Güter ihrer Religion; nicht Kultus noch Ritus, nicht Gesetz noch Tradition waren sicher vor ihren dreisten „Verbesserungen"- ja. das Daseim des Schöpfers selbst war für nicht Wenige unter ihnen eine „durchaus" diskutable und diskutierte, „wissenschaftliche" Frage — und sie hätten davor zurückbeben sollen, ein paar armselige Taler anzutasten, die ein altmodischer Jude, der es nicht bester verstand, vor grauen Zeiten für .TVDy'i min gestiftet und mit einer Zweckbestimmung hinterlasten hatte, die dem fortgeschrittenen, erleuchteten Geist der Enkel alles Andere eher denn respekteswert erschien?! Man türmt nicht Offa auf Pelion, um sich vor einem Mäuslein in ein Loch zu verkriechen! Für Erfahrungen dieser Art bieten sich ungewollte Beispiele in Hülle und Fülle in der Lokalgeschichte fast aller deutschen Großgemeinden, von vereinzelten, rühmlichen Ausnahmen abgesehen. Den Anlaß, sie heut? wieder einmal zu betonen, bietet uns die nunmehr, nach Erscheinen des 2. Heftes abgeschlosten vorliegende, treffliche Geschichte der Mannheimer Klaus von Rabbiner Dr. Jsak Unna. („Die Lemle Moses Klaus-Stiftung" in Mannheim. Frankfurt a. M. 1908|09. I. Kauffmann). Die Gerechtigkeit gebietet, vorweg zu erklären, daß diese Stiftung und ihr Schicksal nicht zu denjenigen Fällen zählen, in welchen die zur Stütze und Förderung altjüdischer Sinnes- und Lebensart testierten Fonds geradezu zu einem Instrum e n t der Zerstörung und Verwüstung von DKT miöKl herabgewürdigt wurden. Aber auch so bleibt genug an Empörendem und Unbilligem zurück, um die schärfste Kritik wachzurufen und zu rechtfertigen. Die Mannhein, er „Klaus", die im vorigen Jahre auf das ehrwürdige Alter von 200 Jahren zurückblicken konnte, ist nicht das Werk Vieler, die zur Gründung einer Thorahstätte zusammentraren, und hat, nach dem Willen ihres Gründers, auch nie Unterstützung aus der Gemeinde erwarten und annehmen sollensondern ein einziger Mann — einzig auch in seiner Art! — Lemle Moses Reinganum btwi?roN td* D"Q f)at sie geschaffen und mit, für seine Zeit, opulenten Mitteln ausgestattet, damit min als die Grundlage und der Eckstein des Judentums/ ohne Nebenzweck und nur um ihrer selbst willen hier für ewige Zeiten gepflegt und hochgehalten werde und zehn berufene D'JMn 6et ausreiche, dem Auskommen in äußerlicher Sorgenfr eiheit ihre Zeit und ihr Interesse ungeteilt dem Thorahstudium und dem Forschen in der Lehre widmen wögen. So lange er lebte, wachte er darüber, daß diese seine Absicht in jeder Hinsicht erfüllt werde. Und damit auch nach seinem Ableben seine Stiftung „für ew ge Zeiten" bestehen bliebe und ihren Charakter behielt, vermachte er ihr in seinem Testament — ein herrliches docnment humain — ein Kapital von 100,000 fl, das zu 6 pCt. ausgeliehen war, ferner die Häuser, in denen sich daS Lehrhaus und die Synagoge befanden, sowie auch die Gebäude, in welchen die Gelehrten ihre Wohnung haben, der Klaus zum Eigentum und bestimmte, daß falls die Erben daS Testament anfechten oder in einem Punkte nicht gewissenhaft zur Ausführung bringen sollten, sie an die Gemeinde Mannheim ein Strafgeld von 400,000 fl zu bezahlen hätten! „Das Studium sollte die ganze Aufmerksamkeit der Angehörigen des Lehrhauses in Anspruch nehmen und sie sollten während der ganzen Woche niemals außer zur Mittags- und Äbendessensstunde das Lehrhaus verlassen. Nur bei besonderen Veranlassungen konnte eine Ausnahme gemacht werden." In diesem Sinne bat Lemle Moses seine Stiftung errichtetdie Forderung, „Du sollst über die Lehre nachsinnen Tag und Nacht" sollte in seinem Lehrhause ihre volle Verwirklichung finden, und die Vertiefung in die Lehre sollte den Schülern nicht bloß ein bestimmtes Maß von Wissen vermitteln, sondern ns sollte sie auch zu einem streng sittlichen Leben heranbilden und sie befähigen, alle die Opfer, welche der Glauben ihnen auferlegte, freudig zu ertragen." Heute ist die Klaus eine Gemeindefreischule für Religiosunterricht, speziell für Unterricht im Hebräischen geworden. Direktor derSchule ist Herr Conferenzrabbiner Dr. Steckelmacher, dessen Name der weitesten Oeffentlichkeit durch seine „Mitarbeit" an denr famosen Badischen Gebetbuch und durch die publizistische Vertretung dieses allseitig verurteilten und unter dem Verdikt der Synodalwähler förmlich zusammengebrochenen Opus als eines Vertreters der radikalsten Reform bekannt geworden ist. Als Lehrkräfte wirken neben Herrn Rabbiner Dr. Unna noch der zweite Rabbiner, Herr Dr. Oppenheim, der, wie zu seinen Ehren gesagt sei, zwar stets eine Brüskierung der Empfindungen Andersdenkender sorgfältig vermieden, aber anoerseits, als ehrlicher Mann, nie ein Hehl daraus gemacht hat, daß er in religiöser Hinsicht den Standpunkt der Anstalt vertritt, der er seine Ausbildung verdankt, das ist die Berliner „Hochschule". Wetter: Das Parterre des Klausgebäudes wird mietweise von einem jüdischen Geschäfte eingenommen, das „natürlich" am tt"Vl rar geöffnet ist- und so erleben die Besucher der Klaussynagoge allsabbatlich den rar es mitansehen zu müssen, daß die Stätte, welche Lemle Moses Reinganum V'XT zu einem toyn tSHpa bestimmt und hergegeben hat, zum Schauplatz eines rar ViVn ärgster Art geworden ist. Non ölet! Für die Klaus, wie sie heute ist, darf