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Der Israelit · 1909-08-26 · Heft 34 (26.8.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 34 (26.8.1909)
Date
1909-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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den Vertretern der „Alliance Israeiite Universelle", deren Einfluß leider in Persien nicht minder mächtig ist als im ganzen Orient, nicht schon beizeiten gelingen wird, den nichts ahnenden persischen Behörden gegenüber das als „jüdischen Glauben" zu deklarieren, was ihr als gut und dienlich erscheint. , PaläflinenfKdie „Dufhlärung.* Bor uns liegt ein kleines, in der heiligen Stadt Jerusalem im Jahre 5669 gedrucktes Heftchen, das den vielversprechenden Titel führt: 1H3*D7 jntn („Samen nach seiner Art"). Verfasser ist ein als Lehrer am Lehrerseminar und an der Lämelschule tätiger Herr Suta, und Gegenstand des in Form von Schullektionen gehaltenen Büchleins ist die Fortpflayzung oer Pflanzen, Tiere und Menschen. Die Verblüffung die man im ersten Augenblick darüber empfindet, die in ernsthaften pädagogischen Kreisen West, europas als schweres Problem empfundene Frage nach dem Ob und Wie der sexuellen Belehrung hier in der altehrwürdigen Sprache der Propheten frisch-frei-fröhlich gelöst zu sehen, wächst erheblich und wandelt sich allmählich in Widerwillen, wenn man das Büchlein durchblättert und von seinem Inhalt im einzelnen Kenntnis nimmt. Man braucht wahrlich nicht zu den Allzuängstlichen, Rückständigen zu gehören, um der Meinung zu sein, daß die sogenannte sexuelle Aufklärung — wenn man sie überhaupt im schulpflichtigen Alter für angebracht hält — sich auf den Ersatz des Storch-Märchens durch einige knappe Angaben über das Wachstum des Menschenkeimes zu beschränken habe. Alles was weiter geht und den wohltätigen Schleier kurzer Hand zerreißt, den gesunder pädagogischer Sinn und natürliches Schamgefühl über den Fortbau der Menschenfamilie gebreitet, ist in seinen Wirkungen auf das jugendliche Gemüt noch gänzlich ünerprobt, und man braucht nur das Tasten und Experimentieren auf diesem Gebiete in der „Aufklärungs"-Literatur zu verfolgen, um bedenklich und vorsichtig zu werden. Unsere jüdischen Weisen und die in ihrem Geiste wirkenden Rabbinen waren wahrlich nicht von übertriebener Prüderie. Der Geist der Reinheit, der sie beseelte und aus dem heraus sie bis in Sprache und Kleidung, Haltung und Lebensgewohnheit hinein, dem Juden eine nirgends sonst erreichte Atmosphäre gesunder und datzei durchaus nicht blutleerer Sittlichkeit schufen, er ließ sie in der unbefangensten Weise auch an jene sexuellen Probleme herantreten. Aber eines schwebte ihrer sozialpädagogischen Wirksamkeit als oberster Leitstern vor: zwischen der. Betätigung menschlicher und animalischer Sinnlichkeit eine Marse Grenzlinie zu ziehen und jene durch einen ganzen Komplex von Vorkehrungen und Veranstaltungen für das menschliche Bewußtsein ins Bereich der sittlichen Freiheit emporzuheben. In schärfstem Gegensatz zu diesen jüdischen Maximen wird hier den jüdischen Kindern Jerusalems von ihrem Lehrer das Verständnis für das Mysterium des Werdens am — bellenden Hofhund und am schwarzen Ochsen erschlossen, wird mit einer recht bedenklichen „Natürlichkeit" die kindliche Aufmerksamkeit auf Dinge gelenkt, an denen nach den Vorschriften des Religionsgesetzes auch nicht zufällig das Auge haften sollte. Die nach dem Rezept dieser rwrv n'ijnö „aufgeklärten" Kinder werden für die Probleme der Tierzucht jedenfalls frühzeitig lebhaftes Interesse gewinnen, und die Übertragung dieser Art von Interesse auf die Gattung „domo sapiens* dürfte durch den Hinweis, daß auch 132N nvo überhaupt non 03 TOn f-on n?3v onjo-D W31231 o'DDn o'32 11'OV'I m? ly’ntn 007X21 kaum wesentlich geadelt werden können. Mit welchen Gefühlen dieses Produkt jungjüdischer Erziehungsweisheit von den besonnenen Elementen der . heiligen Stadt ausgenommen worden ist, bedarf keiner Darlegung. Die westeuropäischen Organisationen, in deren Dienst der Verfasser tätig ist, werden nun zwar die Benutzung des Merkchens in ihren Anstalten zweifellos nicht dulden - symptomatisch aber wohnt dem Büchlein dennoch eine weitgehende Bedeutung inne. Es ist geradezu ein Schulbeispiel für die Kritiklosigkeit, mit der man in den kulturfreundlichen Kreisen des heiligen Landes jede Extravaganz, die auf irgend einem Gebiete in Europa sich breit macht, schleunigst „ins Hebräische" übersetzt und womöglich noch übertrumpft. Ob nun die hebräischen Gymnasiallehrer in Bibelkritik und Re ligionsgeschichte exzellieren oder Herr Suta seine Sporen als „moderner" Lehrer durch eine ganz lich nx^-freie „sexuelle Aufklärung" sich verdien» — es ist immer dieselbe Weise, derselbe Text: 0*132 n\131 ID1? H«r arm Macdror für die o'xniin o'O'. 1. Tn W? in unserem Leben irgend ein Zeitabschnitt seinen Abschluß erhält, mahnt die jüdische Sitte an den Abschluß unsere- Kontos, das jeder von uns in dem Schuldbuch des großen Weltgläubigers hat. Bei den hohen Passivposten, die da winzigen, unscheinbaren Aktiven gegenüber stehen, ist das kein erfreuliches Geschäft. Viele gehen ihm aus dem Wege und wirtschaften leichtsinnig weiter. Sie haben weder Zeit, noch Bedürfnis, Bilanz zu machen und verlieren im Drang des hastenden Lebens ganz das Bewußtsein von den Verpflichtungen ihres sittlichen Solls, die unerfüllt auf ihnen lasten. Sie glauben, es werde morgen und übermorgen so weiter gehen, wie es gestern und vorgestern gegangen ist. Aber allabendlich, wenn der Tag zur Neige geht, und die Nacht ihre Schwingen ausbreitet, wenn die schaffende Hand erschlafft und der eilende Fuß inne hält, allabendlich witt> die ihr Recht fordernde Natur zur unablässigen Mahnerin an die Zeit, in der Hand und Fuß für immer stille stehen und der strebende, ringende, genießende Mensch überwältigt zum Schlafe niedersinkt, aus dem es in dieser Zeitlichkeit kein Erwachen mehr gibt. Die jüdische Sitte greift diesen Moment auf und läßt die ihrigen nicht zur nächtlichen Ruhe'sich niederlegen, ohne daß sie sich ihre große Lebensschuld zum Bewußtsein bringen, sie anerkennen und den Vorsatz zu ihrer Minderung und Abtragung fassen, kurz ohne Bekenntnis ihrer Verschuldungen und Fehler, ohne 'ni niiCO. Runden sich die Tage zur Woche, so erscheint der Sabbath, der heilige Gottesbote als Mahner an denjenigen, der ihn gesandt, an den Schöpfer und Eigner des ganzen Universums, dessen bloße Lehensträger wir hier sind und führt uns durch Einstellung jeder Werktätrgkeit zur Selbstbesinnung und zum Bewußtsein dessen, was wir ihm schulden. Gestalten sich die Wochen zu Monaten, so erlangt dieses Bewußtsein eine Vertiefung, die jeden Monatsanfang zu einer Zeit der Sühne mS2 jot umwandelt, und uns aus dem neu erstrahlenden Mondlicht frisches zuversichtliches Hoffen auf Gottes Verzeihung für allen Fehl und jede Schuld gewinnen lehrt. Seinen Höhepunkt erreicht jedoch das Bewußtsein unserer Schuld und das Bedürfnis sie zu sühnen, wenn der Kreis der Monate den Jahresring schließt und einen neuen beginnt. Die letzten Tage des scheidenden und die ersten Tage des neu beginnenden Jahres sind daher J1X7 'o\ Tage, die an unseren festen Willen höhere Ansprüche als sonst stellen, und die je nach der Entfaltung und Betätigung dieses Willens zu einer göttlichen Gnadenzeit, zu o'onn '0' werden, die uns zu rown, zur Rückkehr zu Gott und unserer verlassenen Lebenspflicht rufen, um mit dem göttlichen Angebinde der nn'^D und m£D, der nnno und nnotr, der Verzeihung und Sühne, der Reinheit und Heiterkeit uns wieder in die neu gewährte Daseinsspanne zu entlassen. zierslaufbahn ihm verlockend erscheinen. Er läßt sich taufen, obwohl er weiß, daß diese Tat den Tod seines Vaters bedeutet, obwohl er weiß, daß er die Liebe seiner Cousine Rahel, eines tapferen, frommen Mädchens verlieren wird. Er glaubt, seine Schande den Seinen verbergen zu können, da ja durch die .Kabinettsordre des Kaisers allen Konfessionen der Weg zum Offizierspatent geebnet und geöffnet sei. Doch nicht lange soll er sich seiner mit solch niedrigen Mitteln erkauften Würde freuen. Der Vater hört von der Taufe, er glaubt nicht daran, schickt seinen Freund Salomon, der der Pate Siegmunds ist, zu diesem in die Garnison, um von diesem selb st die Wahrheit zu hören. Siegmund, der gerade im Kreise seiner Kollegen Sedan feiert, verleugnet seinen Paten, doch dem Vater, der jetzt eintritt, gefielt er die Schande. Es kommt zum Skandal nnt den Herren vom Offizierkorps, die Siegmund soeben noch seine Kollegen genannt hat. Siegmund quittiert eine Beleidigung, die seinem Vater und Salomon galt, „standeshalber" mit der Visitenkarte. Vom Vater wird Siegin und verstoßen, für Sender Lehmann ist sein Sohn tot. Er sitzt um Siegmund „ Schiw 0 h ". Mutter und Rahel verzeihen. Im Duell, das Siegmund mit seinem ehemaligen Standesbruder besteht, läßt er sich tötlich verwunden. Aussöhnung mit dem Vater und Tod. Das in ganz rohen Strichen jener fast zur banalen Alltäglichkeit gewordene Vorgang, der doch in seiner nackten Wahrheit in uns jüdischen Zuhörern tiefen Schmerz auslöst, in dem Herzen der nichtjüdischen Zuhörer — Beschämung ervxckt. Wir. sehen den Vater, wie er, der fromme, gottergebene Jude, vom Schmerze dahingetrieben wird auf jenes niedere Stühlchen, wir hören, wie er, dem das Vertrauen der ganzen Gemeinde gehört, seine Ehrenämter in die Hände des Rabbiners zurücklegt, weil er sich picht mehr für würdig hält, sie zu bekleiden, und wrr sehen in ihm zum Schlüsse doch wieder den Menschen im Vater erwachen, der an das Totenbett des sterbenden, reuigen Sohnes eilt, dem er nach Eintritt des Todes das Kadischgebet nachsagt. Und wir müssen die Empörung in uns zurückkämpfen, die uns bei dem Gedanken aufsteigt, daß all das Gehörte und Gesehene kein Dichter als schauerliches Bild uns auf die Bühne gezaubert, sondern daß. ein Maler uns die Wirklichkeit in ihrer unerbittlichen grausamen Nacktheit vor Augen geführt, um uns all das Schreckliche sehen und würdigen zu lehren, das täglich um uns, in unseren Reihen vorgeht und woran wir uns schon so sehr gewöhnt haben, daß wir das Schreckliche daran fast übersehen. E. * * * Soweit unser Berichterstatter. Wir können unsererseits für die vom Deutschen Theater beabsichtigte „Ketten"-Tournee nicht die Begeisterung empfinden, die sie bei unserem Herrn Mitarbeiter erweckt hat. Gewiß — es ist furchtbar, jüdische Väter um ihre verlorenen Söhne trauern zu sehen. Aber waren diese Söhne nicht schon verloren, ehe das Taufwasser sie benetzte? Wird durch die Träne um den Getauften nicht die heiligere, bitter genug schmeckende Zähre aus dem Bewußtsein gedrängt, die der fromme Vater um de» gesetzentfremdeten, glaubens losen Sohn vergießt oder doch vergießen sollte? Die Taufe bedeutet, rein menschlich betrachtet, eine Lüge, und der Kampf gegen eine staatliche Förderung und Züchtung solcher Gesinnungslosigkeit ist vollkommen berechtigt. Wenn aber der Jammer des jüdischen Baterherzens uns rühren, wenn die Zerstörung des Familienglücks, die Zertrümmerung eines ganzen Lebensbaues im jüdischen Kreise als künstlerisches Motiv die Tiefen der Seele aufwühlen soll, dann verliert die Tragödie der Taufe all ihre Bedeutung gegenüber dem weit furchtbareren und leider in höherem Maße typischen Trauerspiel des Abfalles vom Judentum ohne offizielle Austrittserklärung. Die Taufe bricht nur welke Zweige, der Abfall rafft — oft leider — kraftvolles Wachstum dabin. Die Taufe läßt sieben Tage trauern — wer aber beschreibt die Tragödie der gebrochenen Bater- und Mutterherzen, denen der Leichtsinn und die Selbstüberhebung der Söhne ein Leben der Trauer bereitet, ja, den Todesstoß versetzt? Zur Urgescbicbte des jüdircve« Volker. Wir erhalten folgenden Artikel von n i ch t j ü d i s ch e r Seite, mit dessen wissenschaftlichen Voraussetzungen wir uns zwar nicht einverstanden erklären können, der aber wegen des hohen Foscherernftes auf uns nahe liegenden Gebieten, der sich darin kundgibt, hier eine Stelle finden soll. Vielleicht wird dadurch ein Fachgelehrter angeregt, sich von Herrn Tr. Schmid-Blank über feine missenschaftlichen Pläne genauer orientieren zu lassen, und sich so ein Urteil darüber zu bilden. Dies scheint uns jedenfalls die unerläßliche Voraussetzung für jede weitere Förderung zu sein. Die Zuschrift lautet: „Die Urgeschichte der semitischen Rasse und somit auch des israelitischen Volkes ist in Wirklichkeit noch wenig aufgehellt. Hervorragende Gelehrte wie Fürst, Ewald, Ascoli, Rud. v. Raumer, Friedr. Delitzsch u. a. haben sich bemüht, durch das Mittel der

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