Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1909)
- Date
- 1909-01-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449354--65181-2507806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1__tung fand, während Hildesheimer — wohlgemerkt, was den Zuschnitt seines geistigen Habitus betrifft — sich von dem Gelehrtentypus der Zeit in nichts unterschied, stellt Hirsch den vollkommen unmodernen Typ eines die Wiffenfchast nicht neben die Thora stellenden, sondern innig mit ihr vermählenden Ueberwinders dar. In dieser restlosen Auflösung von auf nichtjüdischem Boden emporgewachsenen Werten zu einem Ferment einer eigenartigen, sagen wir, modernen Ghettokultur, war Hirsch der größte Assimilant des 19. Jahrhunderts. Bei Hirsch liegt die Wissenschaft der Universitäten nicht oben auf. Kein Gymnasium hat ihn für reif erklärt, kein Doktorhut hat ihn geschmückt (Dr. Samson Raphael Hirsch — es klingt beinahe wie Dr. Moses Sofer!) Mit seiner Bibelinterpretation hätte er schwerlich bei irgend einer Fakultät anzukommen vermocht, selbst wenn er seinen Psalmenkommentar als Anhang dazu gegeben hätte. Ein Neuling, der aus den Schriften Hirschs den europäischen Westen kennen lernen wollte, wird nicht auf seine Rechnung kommen. So unendlich viel auch Hirsch gelesen, gehört, gesehen und geforscht hat — der in den Erzeugnissen dieses 60jährigen, fast ununterbrochenen literarischen Schaffens niedergelegte Stoff an positivem Prc fanwissen ist erstaunlich minimal. Woher konnnt das? Restlose Assimilation. Ausscheidung alles für die Erzeugung jenes neuen Typs jüdischer Bildung unwesentlichen Krams. Umgestaltung alles eingedrungenen Profanwissens zu jüdischen' Blut und Saft: Das Werk eines unter dem Zwang einer großen Idee das scheinbar natürlich Gegebene korrigierenden, verarbeitenden, sentimentalischen Kopfes. Bedurfte Hildesheimer für das Ausleben seiner geistigen Art eines eisernen Fleißes, eines ungewöhnlichen Gedächtnisses, einer selbstlosen Liebe zum Wissen, mag dessen Gegenstand ein talmudisches Problem, die Hieroglyphenschrift eines Grabsteins, die Septuaginta oder der Reformeifer eines Geiger sein, so bedurfte Hirsch für das Werk jener innerlichen Assimilation, der Kraftquelle einer geistigen Energie, die den halachischen Extrakt der gesamten Thorawissenschaft Hand in Hand — genauer, Blut in Blut, mit dem Geiste der modernen Kultur unter die Bot Mäßigkeit eines Gedankens zwang, verbunden mit einem vom ttHlprr iTH berührien, bei aller Abneigung gegen die zünftige Metaphysik, doch unverkennbar echt metaphysischen, in den wesentlichen Gehalt aller Dinge trachtenden Interesse. Es ist darum kein Zufall, daß Hirsch seinen großen Kollegen als Stilist und Rhetor übertraf. Das Natürliche, Selbstverständliche,Ursprüngliche ist durchsichtig und klar. Es bedarf keiner pathetischen Wucht, keines faszinierenden Redner- Der JLraeltt. Wortes, um das, was in Hildesheimer vorging, in die Massen hineinzutragen, es ihnen begrifflich nahe zu bringen. Man sah den Weisen der Thora, den Mann des akademischen Wissens und den Glorienschein einer wahrhaft großen, ethischen, jüdische n Persönlichkeit darüber ausgebreitet: Was verschlug es, daß er kein „Prediger" war, daß ihm die Gemoro besser sstand als das Bäffchen, und sein Stil — übrigens ein ähnlicher, wie der des Chacham — an Hegel und Schlegel gemahnt? Um aber den seelischen Assimilations- Prozeß, den Hirsch vielleicht schon im ersten Augenblick seines Erwachens (wer kann da hineinschauen?) begonnen und vollendet hatte, in die Welt hinauszuprojizieren, konnte er das zündende Wort in Rede und Schrift nicht entbehren. Nur die Kunst vermag, was im dunklen Urgrund einer menschlichen Seele sich regt und schlummert, überwindend vermählt und sich vermählend überwindet, sinnfällig zu äußern. Daher der wogende Stil der 19 Briefe und des Horeb, das sonderbare, embryonale „Mensch-Jisroel", in welchem sich Ost und West umarmen, eine Art Jargon, in welchem sich — Kenner seiner Schriften werden verstehen, was ich meine -- der Geist der deutsch-klassischen Literaturperiode mit der traulich anheimelnden Weise unserer Altvordern küßt. Weni für den Nachklang dieses Kusses das Gehör fehlt, hat keme Aussicht, diese Schriften jemals zu verstehen oder auch nur zu goutieren. Es ist ohne weiteres klar, und darüber hat sich auch Hirsch keinen Augenblick einer Illusion hingegeben, daß auf dem Wege und infolge einer künstlerisch noch so wohl gelungenen Fassung und Wiedergabe eines seelischen Prozesses, von dem gesamten jüdischen Volke, so weit es in die neue Welt hinausgetreten war, ein Betreten desselben Weges, ein siegreiches Durchmachen derselben Entwicklung, ein gleich geniales Ueberwinden einer notwendigen Gärung, plötzlich über Nacht unmöglich erwartet werden konnte. Was einem einzelnen Genius in einem göttlichen Momente gelingt, dazu bedarfs für ein Volk oft des Ablaufs ganzer Weltperioden. Ich glaube, wenn die emanzipierte jüdische Gesamtheit jenen neuen Typ des modernen Golusjuden, der zum erstenmale — soweit unsere Kultursphäre in Betracht kommt — schon in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Hirsch überwältigend zur Selbstoffenbarung drängte, organisch aus sich selbst herausgearbeitet haben wird, dürfte der Zweck des Exils erreicht und der Augenblick für den Anbruch der Geula gekommen sein. Es ist darum ein sehr kümmerlicher Irrtum, von der Anzahl der Schüler und Getreuen Hirschs auf die propagandistische Suggeftionskraft seines Systems zu schließen. Das System Samson Raphael Und von Jochanans Augen rannen Zähren, andere Tränen, Tränen der Freude. Tenn noch war Israels Hoffnung nicht verloren, denn das junge Geschlecht verstand das Herz der Alten und fühlte ihren Schmerz mit. Und da lebt die Hoffnung auf, das; sie auch noch den Trost sich erfüllen sehen. „Wäre Gedaljah nicht getötet worden," fuhr Jochanan in seinem Selbstgespräche fort, „dann hätte ich ihn gewiß auch mit unter dieser Schar hier gesehen und auch er säße da bei uns. Aber, mag dem sein, wie ihm wolle, er ist zu Gott, zu dem Gölte Israels zurückgekehrt." Und als an Jochanans Ohr das „Kaddisch" aus dem Munde jener Jünglinge schlug, da erwachte er aus seinem Sinnen und er stimmte kräftig in ihren Chor ein und sprach diesen erhabenen Lobspruch Gottes für das Seelenheil seines Sohnes, mit dem ihn jetzt wieder Seelengemeinschaft verband. (Die Juden in Messina und Reggio.) Tie von jurchtbarem Geschicke betroffenen Städte Süditalicns hatten nur wenige Juden in ihren Mauern. Mit Ausnahme «einiger jüdischer Familien, die sich dort in den letzten Jahren ansässig gemacht haben, vielleicht auch einiger jüdischer Kaufleute, die sich dort während des Unglückstages geschäftshalber aushielten, dürsten leine Juden der Katastrophe zum Opfer gefallen sein. Einst aber waren sowohl in M e s s i n a wie in Reggio blühende jüdische Gemeinden. In Messina sollen sich schon vir der Zerstörung des zweiten Tempels Juden angesiedelt haben. 1170 fand dort der Reisende Benjamin von Tudela 200 jüdische Familien, die ein geordnetes Gemeindewesen unterhielten und einige Synagogen besaßen. 1453 machtet die Juden in Messina 3 Prozent der Bevölkerung aus. Reggio, seit 1398 von Juden bewohnt, hatte seine verwitterten Ghettotore bis aus die Gegenwart erhalten, die heute wohl, wie die anderen alten und neuen Paläste und Gebäude einen Trümmerhaufen bilden. Bekannt sind in der Geschichte der Juden Jta ln ns die Juden niärkte in Reggio, die weirberühmt waren und auch die christliche Handelswelt ans den: ganzen Lande in» Judenviertel Reggio» lockten. 1492 traf die Austreibung die Juden Siziliens und machte auch beiden blühenden Gemeinden den Garaus. Zuerst von Messina verbannt, ereilte die Juden in Reggio dis Geschick der Ausweisung im Jahre 1511. Sie gingen nach Holland und nach dem Oriente, um nicht wieder zu kommen. Andere und bessere Zeiten waren für die Juden Italiens gekommen, der Süden konnte aber bis aus den heutigen Tag schon wegen seiner ungünstigen wirtschaftlichen Lage keinen besonderen Reiz auf die Juden Italiens, die zumeist dem Kausmamisstande angehören, ansüben. (Zur Ehrenrettung Delilas.) Tie a n t i s e m i - t i s ch e G e l e h r s a m k e i t, aus die wir im K lein e n Feuilleton der letzten Nummer aufmerksam machten, ist auch anderen Lesern der antisemitischen Presse ausgefallen. Ein Rechtsanwalt aus Berlin schickte der „2 t u a tsbürger - Z eitu n g", die den Artikel oes „Reich" über die Frauen i m I u d e n t u m natürlich brühwarm nachgedruckt hat, folgende Berichtigung: „In Ihrer heutigen Nummer bringen Sie einen höchst scharfsinnigen Artikel über die Neigung der Juden, Antisemiten durch hübsche Frauen, die ,u diesem Zwecke von den wohlbekannten jüdischen Geheimorganistaionen gedungen werden, umbringen zu lassen. Sie erklären dadurch auf die einleuchtendste Weise den geheimnisvollen Tod des Präsidenten Felix Faure und des verdienten russischen Staatsmannes Nkurawiew. Zur Begründung Ihrer Anschauung ber- 7. Januar. Seite 5 Hirschs krankt bloß an der Genialität seines Begründers. Laffen wir die Geschichte ihren Lauf beenden, und wir werden staunen, welch glänzende Zukunft — noxn jHKtt DO« — ihm Vorbehalten ist. Ankers liegt die Sache bei dem großen Gesinnungsgenossen Hirschs. Die Genialität Hildesheimers war ihrem Ursprung und Wesen nach von vornherein auf das volkstümlich Propagandistische gerichtet. Kein dunkler Urgrund, sonnige Klarheit im Wesen und Denken. Dabei geschnitzt aus dem Holze der Zeit. Eine Persönlichkeit, die sich gegen die Breslauer Anstalt nicht, wie ihr Frankfurter Partner, mit wahrhaft orkanartigem Ungestüm aufbäumte, sondern ihrem geistigen Habitus nach es versuchen konnte, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Während die wissenschaftliche Welt mit Hirsch, dessen Haupt in die Zukunft hinüberragte, wie die Liliputaner mit Gulliver, nichts rechtes anzufangen wußte, und er sich glücklich schätzen mußte, als Siddur- Lamdon von ihr überhaupt irgendwo einrangiert zu werden, stand ihr Hildesheimer viel näher, nnd sie hätten ihn alle begeistert als ihren Mann gefeiert, wenn er eben nicht so — furchtbar orthodox gewesen wäre. Die selbstverständliche Unbefangenheit, mit der Hildesheimer zwei Kulturen in seinem Wesen verband, mußte ihn naturgemäß dazu führen, einen seelischen Prozeß, dessen Ablauf ihnl selbst so einfach dünkte, in einem Kreise heraufzubeschwören, der für eine glückliche Ueberwindung der Gärung nichts weniger als reif war. Wie nun, wenn diese Elsenstädter Bachurim aus Ungarn, Mähren, Niederösterreich, Galizien, Preußen, Bayern, Württemberg, Kurhessen und Dänemark, von denen der erste Schulbericht spricht, in ihrer Seele nicht jene Hildesheimersche Leuchtkraft besaßen, um über das Zweigestirn von Ost und West jenen echten Glorienschein von und N21VX zu werfen, der das Haupt ihres Meisters umstrahlte? Das konnte, das wollte er nicht glauben. Hatte Hirsch schon nach Ablauf von kaum vier Jahren einen östlichen Kreis verlassen, der ihn nicht verstand, erschien Hildesheimer ungefähr um dieselbe Zeit, da Hirsch aus Nikolsburg nach Frankfurt kam, in Eisenstadt, um 18 harte Jahre hindurch immer wieder von neuem den propagandistischen Versuch zu machen, eine von vornherein unmögliche Position zu einer möglichen zu gestalten. „Mit welchen Gefühlen ich meine teure Anstalt verlasse, vermag keine Feder zu beschreiben, sie hat n.ir den Entschluß, Eisenstadt zu verlassen, vorzllgsweise erschwert,- mein Herz hängt an jedem einzelnen wackeren Mitgliede derselben und begleitet die sich Zerstreuenden mit den heißesten Segenswünschen. Mögen sie alle Gelegenyelt finden, sich zu echten Jehndim auswenden Sie in geschickter Weise Beispiele aus der biblischen Geschichte, z. B. den Fall der nicht genug zu verdammenden Esther. Leider verdächtigen Sie aber auch Telila, die den starten Simson umgebracht har. Im Interesse dieser ehrenwerten Tame bitte ich Sie mit Beziehung aus § 11 oes Preßgesetzes jestzustellLu, daß sie keine Jüdin war, sondern zum Stamme der Philister gehörte und auch im Aufträge der Philister gehandelt hat, während Simson ein Jude war. (Rrchter 13.5 nnd 10.4 ff.) Tie Philister sind aber bekanntlich, wenn auch vielleicht keine wirklichen Arier, so doch jedenfalls stramme Antisemiten gewesen, die Ihr Wohlwollen in hohem Grade verdienen. Ich hoffe, falls Sie Zweifel an der Anwendbarkeit de» § 11 haben sollten, jedenfalls auf Ihre Loyalität gegenüber der braven Telila. Mit ausgezeichneter Hochachtung ganz ergebenst usw." (Pro nihilo ) Bon zuverlässiger Seite wird uns folgende kleine, aber lehrreiche Geschichte mitgltcilt: In einer großen süddeutschen Stadt, die sich u. i. durch einen großen Prozentsatz jüdischer üinwohuer auszeichnet, ist die sehr begehrte, gut dotierte Stelle des Oberarztes am städtischen sl v a n k e it h a :t j e zu besetzen. Aus der großen Zahl von Bewerbern werden drei zur engeren Wahl gestellt: die Professoren B., H. und I. Professor B. hat die stärksten Ehanecn, denn er ist, abgesehen von seiner sachlichen Befähigung, der einzige Einheimische. Unmittelbar vor der entscheidenden Abstimmung erbebt sich ein Mitglied der Anstaltsdeputation, selbst Arzt und Sprößling einer altaugesehenen Patriziersamilie, um folgendes auszusühren: „Meine Herren! Käme es nur auf die ärztliche Befähigung an, so würde ich Herrn Pros. B. unbedingt meine Stimme geben. Aber der Leiter eines solchen Instituts muß