Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1909)
- Date
- 1909-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. 4tr. 1 Der Israelit. 7. Januar 1609 zubilden, Judentum und Wissenschaft in glorreicher Weise zu verbinden usw. usw. Haltet Euch stark) meine teuren Schüler, gegenüberollen Versuchungen, die Eurer harren . . ." Patriarchalische Worte von solch rührender Innigkeit, wie dieser Abschiedsgruß des dritten Schulberichts, habe ich anderswo nur einmal wieder gelesen: In einer traurigen Broschüre Hirschs aus den 70er Jahren, die von der größten Enttäuschung seines Lebens erzählt . . . Hirschs genialste propagandistische Tat war der Jeschurun. Indessen hat nur eine verhältnismäßig kleine Schar von Verstehenden aus diesem Blatte, in welchem uns aus jeder Zeile der großzügige Denker, die abgrundtiefe Empfindung, der Höhenflug eines gewaltigen poetischen Könnens entgegentritt, sich für ein ganzes Leben einen nachdenklichen Enthusiasmus geholt, der noch heute als ein stiller, tiefgefühlter Dank seinem Erreger auf Geschlechter hinaus seine Treue bewahrt. Die Masse blieb unberührt. Im Gegenteil. Diese propagandistische Tat hat das Heer von Hirschs Gegnern um Tausende vermehrt. Er hat es später in jener Broschüre selbst gestanden, daß er all sein Leben mehr Anfeindung als Liebe erfuhr. Sein Gott hatte Uju einer Zeit des Kanlpfes und der wilden Erregung gesandt. Und er stand in der vordersten Reihe, ganz vorn, wo es am gefährlichsten war. Zu einem sentimentalischen Kopfe, der mit beispiellosem Scharfsinn die widerspruchsvolle Physiognomie einer Zeit erkannte, die alle Gegensätze übersprang, auch dort, wo sie am weitesten klafften, konnte man keine innere Fühlung gewinnen. Es bedurfte der ganzen propagandistischen Beweglichkeit eines so unvergleichlichen Tatmenschen, wie es Hildesheimer war, um weiteren Kreisen die Möglichkeit einer Weiterexistenz des orthodoxen Judentums zu suggerieren. Er war der geborene Propagandist. Diesem milden, goldreinen Lächeln verschloß sich keine Hand. In die gewagtesten Situationen stürzt er sich hinein. Schon als Jüngling schleudert er auf einer Versammlung der Vertreter der Synagogengemeinden des Regierungsbezirks Magdeburg, als Delegierter seiner Vaterstadt, Philippson, dem Goliath jener Tage, feinett ersten Davidslein an die Stirn. Auf dem Landeskongreß in Budapest sucht er die ungarischen Löwen in ihrer Höhle auf, Jerusalem ist seine Geliebte, die Falaschas sind seine Freunde. Das drängt und läuft, verlangt und liebt, rastlos, unersättlich, quälend wie sein Wissensdurst. Er hat die Forderung Hirschs, bei der Lossagung vom Abfall, das vom ^'7 zu trennen, in Reinheit betätigt.-Als Hirsch seine müden Augen schloß, durchfuhr es den jüdischen Westen wie ein elektrischer Schlag Man rvar verstört, nicht nur ein hervorragender Arzt, er muß auch ein Charakter sein, zu dem die Schar der Assistenten wie die Hunderte von Patienten mit Vertrauen emporblicken können. Nun hat sich Herr Pros. B. vor wenigen Jahren, also in bereits vorgerücktem Alter taufen lassen. Täs; in solchen Fällen die Motive nicht gerade aus idealem Gebiete liegen, wissen wir alle, und ich muß für meine Person daraus die Konsequenzen ziehen. Wäre .Herr Prof. B. Jude, so würde ich für ihn stimmen; wäre er Christ, so würde ich natürlich ebenfalls für ihn stimmen, aber für einen getauften Juden kann ich, als Christ, nicht eintreten!" Tie Abstimmung ergab keine einzige Stimme für Herrn Prof. B, und einer der Auswärtigen wurde gewühlt. W er e ursch ä d i g t nun Herrn Prof. B. f ü r di e v e r - a u s g a b t e n T a u f g e b ü h r e n °? ("jbnK Cipa ^VTHT) Man schreibt aus Jerusalem: Ter Sberkaimakam Souby Bev, hat einen Vorschlag bezüglich der Erweiterung des Stadtgebietes von Jerusalem veröffentlicht, der für die zukünftige Entwicklung der heiligen Stadt von der weittragendsten Bedeutung '-ein wird falls derselbe von dein ottomanischen Ministerium in Konstantinopel gutgehcißcn wird. In Jerusalem steht nur das Gebiet innerhalb der Stadtmauern unter der Verwaltung der städtischen Behörden, während die ganze Umgebung der Altstadt Krongebiet ist. In den letzten Jahren hat sich Jerusalem infolge des außerordentlich großen Zuzugs von Juden sehr ausgedehnt, die Einwohnerzahl ist auf das Doppelte gestiegen, doch war der Erwerb des Bodens mit unendlichen Schwierigkeiten verbunden. Es mußte nämlich wegen eines -jeden Ankaufes eines Grundstückes mit der Regierung in Konstantinopel ververwundet, entsetzt. Wie ein Juwelier, . der seinen kostbarsten Edelstein verliert. Ein Meteor war erloschen. Ein Gaon aus der Zeit der jüdischen Antike war verschieden. Als Hildesheimer starb, haben sich die Herzen von vielen Tausenden mit schmerzlicher Wehmut erfüllt, und heiße Tränen, wie sie nur die persönlichste Liebe weint, netzten sein Grab. Die deutsche Orthodoxie hatte ihren „Rebbe" verloren. Wir haben heute gut fragen, warum sich die „Freie Bereinigung"' nicht schon in den 80er Jahren auf Grund propagandistischen Zusammenarbeitens der beiden Heroen der deutschen Orthodoxie auf breiterer Basis organisierte. Glaubt man denn, daß ein aus einer Zeit des wildesten Kampfes stanrnlender psychischer Gegensatz sich ohne weiteres ignorieren läßt? Ein Widerspiel geschichtlicher Kräfte läßt sich nicht, und wenn es Tausende wollen, in ein harmonisches Geleis hineinkommandieren. Des Ablaufs langer Jahre bedurfte es, bis in der Vorstellung eines nachgeborenen Geschlechts die Lichtgestalten jener Beiden zu einem Typ verschmolzen und sich allmählich der Wunsch vorbereiten konnte, einem schönen Traum greifbare Gestalt zu geben. Dieser Wunsch, die Synthese des Sentimentalisch-Ideologischen mit dem Naiv-Propagandistischen in den konkreten Formen einer lebendigen Tat in die Wirklichkeit hinauszusetzen, hat vor Jahresfrist zur Reorganisation der „Freien Vereinigung" geführt. Sie ist eine ebenso psychologisch interessante, wie historisch bedeutsame Schicksalsfrage an die Zukunft. 3&di$cbc Heiligtum rr in €rcz Jisroel Bon Dr. Grünhut in Jerusalem. So oft Erez Jisroel seit der Verbannung der Juden aus ihren Erblande, auch seinen Besitzer wechselte, neue Städte über Trümmern eingeäscherter alter Straßen und Gassen, über Schutthaufen antiker Bunten, je nach dem wie oft sie geschleift wurd.il, bald zu Hügeln, bald zu Bergen auwuchsen haben sich dennoch auch mancherlei Ueberreste altjüdischer Schöpfungen bis auf unsere Tage erhalten. Zahlreich sind sie allerdings nicht. Ein Knabe kann sie an den Fingern herzählen Fragen wir aber: was befindet sich davon in jüdischem Besitze?, so wird die Antwort lauten: Nichts! Was aber noch schlimmer; nicht einmal zugänglich sind dem Jehudi manche seiner Heiligtümer. Ich brauche bloß an die n^SDöri mX'fc zu erinnern, wenn diese Tatsache überhaupt noch eine Bestätigung bedürfte. Zu der Höhle der Erzväter in Hebron, handelt werden; jeder, der die türkischen Verhältnisse kannte, wie sie vor der Cinführnng der Konstitution herrschten, weiß, daß die Erlangung eines kaiserlichen Jrade zur Erwerbung von Boden nur eine Bakschischfrage war, an der wegen übergroßer Fordernnggen die meisten Verhandlungen scheiterten. Tie Regierung verlauste rroh dieser Mißstände viel Land, da der Zuwachs der Bevölkerung die Notwendigkeit der Käufe veranlagte: es blieb jedoch aller Boden stets Eigentum des Sultans: es ist klar, daß ein solches System der Eni Wicklung der Stadt Jerusalem sehr hinderlich war. Ter Vorschlag des Gouverneurs an die Regierung geht nun dahin, Vaß das Stadtgebiet, das in Zukunft unter der Verwaltung der städtischen Behörde selbst stehen solle, bedeutend erweitert iverde; das neue Stadtgebiet von Jerusalem würde einen Umfang von ca. 15 Wegstunden umfassen. (Jüdische Lyrragogengesäiigc und irische Bolksmusit.f lieber dieses Thema schreibt der irische Schriftsteller Joseph O'Mara in einer amerikanischen Knnstzeitschrift: „Man kann mit Bestimmtheit sagen, daß die ganze irische Volksmusik von der jüdischen abstammt. «Wie alt ist eigentlich die jüdische Synagvgal- Musik, beziehungsweise die synagogalen Gesänge? In jüngster Zeit haben sich verschiedene Forscher dieser Frage zugewendet. Die Juden haben bekanntlich gewisse Melodien, mit welchen sie bic Verlesung.der Thora, der Hafthoraus und Megillans, wie Esther, Echah, ferner am Simchas Thora bei Chasan- Thora, die Akdomaus, Kol Nidre rc. rezitieren. Daß diese Melodien jüdische, echt jüdische sind, die das jüdische Herz bewegen, scheint mir zweifellos zu sein. Dafür spricht hie Tatsache, daß sie überall, die bedeutend höher als oas Weichbild der Stadt gelegen, führen etwa zwanzig Treppen hinan. Sechs derselben darf der Jude betreten, aber unter der Gefahr, mit zerbrochenem Schäoel die Stätte wieder zu verlassen. Wie diesem Uebel abzuhelfen sei, das ist allerdings schwer zu sagen. Dort wo nun einmal nichts zu machen ist, dafür sind wir auch nicht verantwortlich. Dagegen möchte ich die Oeffentlichkeit auf einen Punkt aufmerksam machen, wo Abhilfe ebenfalls nottut und möglich ist. Es ist dies die Grabstätte der Mutter Rahel. Vor Jahren hat das Grab ganz im Freien gelegen. Gelegentlich seines ersten Besuches im hl. Lande nahm sich der seel. Montefiore dies zu Herzen und ließ ein Häuschen über dem Grabe erbauen. Der Schlüssel dazu befindet sich zwar in jüdischen Händen, aber was nützt das? Die Vorhalle ist Jedermann zugänglich und da um das Grab herum ein moslemischer Friedhof sich befindet, wird die Vorhalle von den Arabern zu Waschungen ihrer Leichname benutzt. Noch mehr. Wie neuerdings verlautet, soll dort eine arabische Kolonie angelegt werden. Zwar gehörte einst, vor etwa dreißig Jahren das hier inbetracht kommende Terrain Juden,' allein diese haben sich im Verlaufe der Zeit ihres Rechtes begeben. Wer ein Gut erwirbt, lautet das zu Recht bestehende Landesgesetz, der darf es nicht so und so lange brach liegen lassen, widrigenfalls geht das Grundstück in den Besitz seines ersten Eigentümers über. Die Juden haben demgemäß keine Ansprüche auf das Land, da ihre Rechte verjährt sind. Wohl aber bietet sich ihnen gegenwärtig die Gelegenheit vom neuen dar, das Grundstück abermals zu erwerben. Es hat sich hier auch zu diesem Zwecke ein Komitee gebildet, das die Absicht hat, dort ein 2ir1 zu gründen. Da dies aber größere Beträge erfordern wird, die erst aufgebracht werden müssen, so wäre es meines Erachtens angezeigt, daß sich berufene Männer, denen 21V'N mmrc gelegen ist und 13Q» N122 am Herzen liegt, der Sache annehmen wollten, nnd erwägen, wie und auf welche Weise sie praktisch durchzuführen sei. In einem hier abgedrucktem Ptö*l2 blp bezeichnet Herr Rabbiner Sonnenfeld den Gegenstand für dringend geboten. Jedenfalls ist er wichtig genug, um ihm näher zu treten. R. Jsr. Meir-Radin, bekannt als Gaon und Verfasser vieler 2'IQV, verspricht materielle Hilfe. Damit ist ein erheblicher Schritt nach vorwärts getan. Auf einen zweiten Punkt macht uns Herr Professor Dalman hier aufmerksam. Er ist nicht minder wichtig. Es handelt sich hiebei um nichts Geringeres als '2122N ^N12, den wichtigsten "irr all unserer Heiligtümer. wo Juden sind, gesungen werden und daß sie selbst den modernsten kantoralen Kompositionen zur Grundlage dienen müssen, wenn diese wirken wollen. Auf die Frage aber, wie alt alle diese Melodien sind, gibt es recht interessante Antworten der Fachforscher. Kol Nidre, sagt man, sei blos 400 Jahre alt. Tie Melodie der Akdomaus ungefähr 800 Jahre. Der Tonfall bei Verlesung der Thora, der Heftoraus, ferner für Liturgie bei Chasan Thora und Chasan B'reschith soll sogar nach einer Version 2400 Jahre alt und noch so erhalten geblieben sein, wie sie im Tempel zu Jerusalem gesprochen, beziehungsweise gesungen wurden. Zeugnis hiefür ist der „Trop" oder die „Neginaus" in der' jüdischen Bibel. Tie Irländer behaupten nun, daß 300 Jahre nach Entstehung des Christentums eine Anzahl Juden und Christen nach Irland gekommen seien. Diese hätten nun die unverfälschte jüdische Musik mit nach Irland gebracht. Später wurde diese altjüdische Mustt besonders durch den irischen Kirchenfürsten Sankt Patrick patrvnrsiert und verbreitet. Bon ihm erzählt die Legende, daß er auf seinen einsamen Wanderungen über Fluren und durch Wälder, die Psalmeiz in der jüdischen Melodie laut vor sich hingesungen habe. Das habe nun so mächtig auf seine Landsleute gewirkt, daß sie's ihm nachtaten und ihre Volkslieder aud) auf diesen jüdischen Ton stimmten. .Seit bieder Zeit habe die irische Musik in allen ihren Urten den auffallenden altjüdischen Zug." ' (S3