Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1909)
- Date
- 1909-01-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der 8-raeltt Dette 4 7. Januar 19c s > Häuser und Anstalten, diese herrlichen Denkmäler jüdischer Humanität, find, so muß doch leider andererseits konstatiert werdendaß viele dieser Anstalten inbezug auf ihre rituelle Führung und den Geist, der darin waltet, so bestellt sind, daß sie weder von dem armen Juden, der die Hilfe nicht um sein Judentum erkaufen will, benutzt werden, noch von den gesetzestrenen jüdischen Kreisen unterstützt werden können. Herr Juftizrat Breslauer erörtert auch die für ihn sehr interessante Frage, ob eine gesonderte jüdische Wohlfahrtspflege er-" forderlich sei und ob es nicht bester wäre, sie mit den nichtjüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen zu verknüpfen. Für uns gibt es eine solche Frage natürlich gar nicht. Da der Jude von Religionswegen zu einer gesonderten Lebenshaltung verpflichtet ist, so .wird er es niemals übers Herz bringen, von seinem armen kranken Bruder für die ihn: geleistete Hilfe eine Pflichtverletzung zu verlangen. Auch Herr Justizrat Breslauer hält den Augenblick noch nicht für geeignet, um ein Zusammenwirken der jüdischen mit den nichtjüdischen Wohltätigkeitsinstituten anzustreben. N o ch n i ch t, vielleicht aber später einmal! Dies beweist, daß der Verfasser aus ganz anderen Motiven — wohl solchen rein sozialer Natur — zu seiner Ablehnung des fraglichen Zusammenschlusses gelangt ist. Und das ist bedauerlich, umsomebr als die Arbeit, wie schon bemerkt, eine Fülle wertvollen Materials enthält, das auch bei einer durchgreifenden Reorganisation des jüdischen Armenwesens in unserem Sinne, bei einem Versuche, die Wohltätigkeitsinstitutionen der Berliner Gemeinde in jüdische Institutionen umzuwandeln, berücksichtigt werden müßte. Samson Raphael Rtrscb und Israel Hildesheimer w Ein Epilog zum Uereinstag. Bon Tr. Raphael Breuer in Frankfurt a. M. Zu den Aufgaben einer künftigen Hirsch- Biographie muß auch der Versuch gehören, das innere Verhältnis ihres Helden zu Israel Hildesheimer psychologisch darzulegen. Ein paar Bemerkungen dürften, wenn auch flüchtig hingeworfen, vielleicht schon jetzt willkommen sein. Vor allem wird sich der Biograph zu hüten haben, in die Armseligkeit jenes Tropfes zu verfallen, der, nach einer verbürgt wahren Geschichte, vor dem Laden der hiesigen Kauffmann'- schen Buchhandlung, als die Photographien von Hirsch und Hildesheimer daselbst einmal nebeneinander ausgestellt waren, zu seinem Weggenoffen die tiefsinnige Bemerkung machte: „Vergleichen Sie doch nur einmal das strenge Fanatikergesicht des Einen mit dem mildlächelnden Zuge im Angesicht des Andern!" So einfach liegt die Sache nicht. In diesem Punkte wird die kritische Sonde auch des eifrigsten Unverstandes sich vergeblich mühen. War Hirsch ein Fanatiker, dann war's fürwahr sein-Zeitgenosse auch. Das KJWrn |TT5ß rnnK verlieh auch seinem Haupte die Weihe eines von Gott gesandten, Leichtsinn und Abfall mit heiligem Zorne geißelnden Propheten: eine Tatsache, die schon 1899, im Todesjahre Hildesheimers, der Präsident der „Freien Vereinigung"^ in seiner synagogalen Denkrede unzweideutig zum Altsdruck brachte. Hier ist nichts zu wollen. Ich beschwöre den Leser, recht zu verstehen, wenn ich es wage, das Resultat jener psychologischen Scheidung, in Anlehnung an Schillers berühmte Kunsttheorie, mit einem Worte vorwegzunehmen: Hirsch war sentimentalisch, Hildesheimer naiv. Sentimentalisch ist nach Schiller diejenige Dichtkunst, die nicht, wie die naive, unter dem unmittelbaren Eindruck der Natur, sondern unter dem Einfluß von Ideen das Leben darstellt. Eine Anwendung dieses kunsttheoretischen Gegensatzes auf die beiden Heroen der modernen deutschen Orthodoxie wird sofort einleuchten, wenn man sich vergegenwärtigt, was der Zweck ihrer Sendung war, und die Art, wie sie auf die nur ihnen hörbare Stimme, die sie zum Künden und Wirken drängte, reagierten. Ihres Lebens Timbre: das, was ihr seelisches Sein als Unterton, ja als bestimmende Klangfärbung durchzitterte, wurde schon in früher Jugendzeit durch das zum Tönen gebracht, was man unter Eintritt des Ghettojuden in die moderne Kultur versteht. Wie man sich zur letzteren zu verhalten habe, war der Hauptinhalt, wenn auch nicht ihres theoretischen und praltischen Schaffens, so doch ihrer geschichtlichen Mission: eine Frage, die heute wohl mehr als je östliche Gemüter erhitzt, für uns aber durch die brutale Macht der Tatsachen längst ihre faktische Erledigung fand. Glaubt doch der Zionismus auch in unserem Wesen geradezu assimilatorische Zersetzungserscheinungen diagnostizieren zu können. In der Frühzeit jener beiden jedoch war diese Frage, die für unser Empfinden nachgerade anfängt, abgeschmackt zu werden, die dringlichste unter allen. Außer Zweifel stand sür Hirsch, wie für Hildesheimer, die Unmöglichkeit einer Aussperrung dieser mit Sturmesgewalt vordringenden Kultur. Verschied, n war nur die Art, wie sie diesen Sturm auf sich wirken ließen, der Einzug dieser modernen Bildung durch die Poren ihrer geistigen Individualität Für Hildes- «r. 1 heimer selbst hat ein Bildungsproblem niemals existiert. Mit der Unbefangenheit einer kindlich reinen Seele ist er aus der Ghettoatmosphäre seines Halberstädter Mutterheims — sein Vater war früh gestorben — in die neue Zeit hinausgetreten. Für ihn persönlich war die Juden - gaffe nicht gefallen. Er nahm sie' von Altona nach Hamburg und nach Halle mit Ist Wissen Gift? Was kann Werder, Gesenius und Rüdiger schaden? Wer zu Ettlingers Füßen saß, wer ein rechter D3H TöSn ist, der wird auch in den akademischer Hörsälen der Hegelianer und Orientalisten so unberührt wie in einem Beth-Hamidrasch bleiben. Mit einein sprichwörtlich gewordenen Fleiß und einem fabelhaften Gedächtnis ausgestattet, warf er sich auf die.Bücher. Im Schoße einer aristokratischen Familie von materieller Sorge befreit, erwarb sich Hildesheimer ein Wissen von enzyklopädischer Mannigfaltigkeit, das ihn befähigte, an seiner Rabbinerschule zu Eisenstadt, neben einem vielstündigen Talmudunterricht, Exegese, Grammatik, deutsche Literatur, Geschichte und Mathematik zu lehren: Eine Schaffenskraft, die uns heute mit sprachlosem Erstaunen erfüllt. Freundnachbarlich lagen die heterogensten Kulturelemente in diesem mit einer fast unbegrenzten Aufnahmefähigkeit ausgestatteten Kopfe nebeneinander. Er, der große Kenner der rabbinischen Literatur bis in ihre letzten Dezisorenverzweigungen hinein, der ungarischen Rabbinen aus den 50er Jahren schon als junger Mann, als er mit ihnen zum erstenmal in Wiener-Baden zusammentraf, durch sein m^pa zu imponieren verstand, hat sich mit einer Abhandlung über Bibelinterpretation den Doktorhut erworben, über jüdische Maße und Münzen, die Septuaginta re. gehandelt und mit gleicher Liebe, mit der er Halberstädter Grabsteine entzifferte, eine „Mincha Tehora", eine Schrift über die religiösen Pflichten des jüdischen Weibes ediert. Infolge der natürlichen Reinheit, der . naiven Unbefangenheit, mit der Hildesheimer in die neue Zeit hineinwuchs, brachte er es zuwege, daß der Gelehrte iu ihm den Juden mit der alten Ghettoseele nicht verdarb. Abermals beschwöre ich den Leser, nicht mißzuverftehen, wenn ich sage, daß Hildesheimer gerade durch diese zwanglose Verknüpfung von Oft und West intellektuell ein viel modernerer Mensch war als Hirsch. Der Verfasser des Horeb war kein Mann unbefangener Rezeption. Eine Verkoppelung gegensätzlicher Bildungsklemente an und für sich empfand er als eine qualvolle Diskrepanz. Als sich in der Seele Hirschs der Osten mit dem Westen rraf, brach eine wilde intellektuelle Gärung los, die nur in einer gänzlichen Verarbeitung dieser westlichen Elemente, durch Zerreibung des eingedrungenen Staffs, ihre Schlichjetzigen. Und warmn soll Dir das Leben nicht kleb und lebcnswerr sein» da doch Ein Augenblick in'Rückkehr zu Gott und 'in der Ausführung guter Werte auf d t e ] c r Welt vorzüglicher ist als alles Leben in: j e n e r W e l t?" „Tu, Baker, bist Jude, und hast Befriedigung durch dein Judentum, du empfindest Vergnügen an deinem Sabbath, an deinen Tehilimsagen, dn freust dich deines Beshamidrafch-Befuches. Aber ich, was für eine Art Jude bin ich? Was für ein Judentum ist denn mir zuteil geworden? Hegt mein Herz irgend welchen Glauben, irgend welches Gottvertraueu? Nur insofern bin ich Jude, daß ich keine Befriedigung von irdischen, leiblichen Genüssen empfange, das; ich meine Zeit nicht mit leerem Tand und Sport zu verbringen imstande bin, aber außer diesen negativen Dingen lebt nichts in meinem Herzen; nicht das Geringste, lieber Vater. Junge Leute wie ich, schweben schon zu -ihren Lebzeiten zwischen Erde lind Himmel: materielle Genüsse, irdische Vergnügungen tönnen ihr Herz nicht ausfüllen ulld den Himmel haben sie auch verloren, weil sie auf dem Wege zur weltlicheil, sogenannten wissenschaftlichen Bildung versäumt haben, die religiösen, die jüdischen Güter zu pflegen. Weil die Alten nicht Tatkraft genug besessen haben, und die Jungen, welche von Bildnngstaumel und Ehrgeiz befallen, die schlichte Frömmigkeit der Eltern geringschätzten, iticht anfniert sam machten, wie köstlich und notwendig gerade dieser Schatz für den Menschen ist: weil die Anhänger der Religion nicht auf die Heranwachsende Jugend achteten, daß sie den Halt des Glaubens nicht verlören, und weil sie nicht das Verständnis besaßen, bei der Erziehung des neuen Geschlechtes klug Thorawissen mit allgemein menschlichen Wissensfächern zu verbinden und die Ergebnisse der Bildung harmonisch zu vereinen rnit den Lehren des .iltüberlieferten Judentums. So haben wir Jungen das Judentum verworfen, weil wir es nicht kannten, i»nd was uns die Welt gegeben hat, es füllt uns nicht ans und kvi'r schweben' in der Lust opne einen Strahl wärmender Hoffnung, ohne tröstliche 'Aussicht. Ein Leben wie dieses, hn, wie ist es bitter, da ist der Tod Erlösung.... Verzeihe, Vater, daß ich mit meinen lästerlichen Rede» deine reine, vollkommene Seele gekränkt hibe." Und bei diesen Worten siel Gedalja dem Vater um den Hals und weinte. Es >var das erste .'Aal, daß er weinte. Aber der starre Eispanzer, der sich um sein Herz mit dämonischer Macht gelegt lynt.’, war gebrochen. „Kehre zurück, mein Kind, kehre zurück zu «sott," rief der Vater erschüttert ans, „wenn das Verhängnis, daß dn die irdische Welt verlassen mußt, nicht' abwendbar ist, so büße wenigstens das himmlische Leben, das ewige Dasein nicht ein!" _ „Verzeihe doch, Vater, Liebster, verzeihe," rief der Sohn wie ivahnsinnig und wiederholte seinen Au. schrei, zwei-, dreimal, bis die Wächter kamen und sie trennten. „Ist er vielleicht doch nicht zur Rückkehr gelangt?" fragte sich sein Vater, nachdem inan ihm die Hinrichtung des Sohnes gemeldet hatte. „Sollte er so gesunden sein, ohne sich in seinem Herzen bekehrt zu haben? Unmöglich so was; im letzten Augenblick hat er gewiß den frommen Glauben wieder gewonnen!" Und Jochanan kam es vor, als hatte er den Jungen in dessen letztein Allgenblick gesehen, auf die Knie fallend, auf bcv Erde sich hinstreckend, nnd die Augen in die Höhe gerichtet, dort am hellen, klaren Himnrel fccit Schöpfer suchend, den Schöpfer, der in ldrsichtbarteit sich zurückgezogen hat. Und gewiß, Gott, dttk die Melk erleuchtet, hat sich ihm offenbart, in ttn'-agvarein Glanze sich ihm gezeigt, llnb mit einer Stumm' voll unendlichen Erbarmens hat er ihm ins Herz geredet nnd Trost zugesprochen. „Du armer, unglücklicher Jüngling, verirrtes Kind, warum suchst dn mich? Ich bin ja so nahe, ich bin ja bei dir." Und G-edalja antwortete mit einem Jubelruf: „Höre, Israel, der Elvige ist unser Gott, der Ewige ist Einzig/' lind das Wort „Echod" hat er geiviß gesprochen und gedehnt, so lange der Strang des Heiners ihm Zeit liest. So ifl Gedalja gelotst gestorben, es ist ja anders gar nicht möglich Jochanan erhob bei diesen Gedanken beji Blick und siehe, wer tolnint chn hcrgeschritten ans leisen Sohlen? Jener Jüngling, der ihm eiilst, an jenem surchlbaren Tischobeaw die Kinoh ans den Händen gerissen halte, ja, der war es, Und mit ihn: eine Schar anderer junger Leute und Mädchen. „Kommen sie auch h j e r h e r , an diesen hochheiligen Platz, um wiederum hinaus zu zerreisten und Schmähungen ans die um Zion Trauernden zu häufe»?" dachte Jochanan mit Schrecken. Aber bald erkannte er, daß dies llicht die Absicht der Jünglinge war. Tenn siehe, jener stolze Jriligling zog die Schuhe von den Füßen, kauerte sich aus das Harle Pflaster, ließ das Haupt aus die Knie siilteil uttb sing an zu weinen, bitterlich zu lvernen. Und diese Tränen trafen Jochanan; wie Tränen d e s T r o st e s träufelten sie aas Jochanans Herz. Sein unendlicher Schmerz, der nie zur Ruhe kam, in diesem An geübt m löste er sich. „Ha, die Erlösung naht, die Erfüllung ist da, es trifft ein das schöne Wort des Propheten Maleacha: er führt zurück das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu den Vätern."-—r