Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1908)
- Date
- 1908-10-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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29. Oktober 1908. Der JSraelit. Seite 9. Ro. 43 r ValLstirra. vie PsrlomentswM ln lenilalsm- Jerusalem, 19. Oktober. Die Wahlen zmn türkischen Parlament haben Astern hier stattgefunden. Das Ergebnis ist die Wahl dreier Mohammedaner, ttotzdem 1229 von den 3289 Wählern Jerusalems Juden sind. Die Wahl erfolgte durch 160 Wählmännec, Don denen allerdings nur zwei Juden waren, Dr. Levy und David Uellin. Die zionistischen Kreise hatten dennoch mit der Möglichkeit gerechnet, Dr. Levy durchzubringen, indessen scheint dessen angebliche Popularität bei den Mohammedanern praktisch durchaus nicht in die Erscheinung getreten zu sein. Das einzig Befriedigende an diesem Ergebnis ist die Mederlage Untobis, der nicht einmal bei der Urwahl ein Mandat erlangte, obgleich die in seinem Schlepptau segelnden Jemeniten und Urfalim wie ein Mann für ihren Patron stimmten. Tunis. Tunis, 30. Sept, Ende voriger Woche starb hier der österreichisch-ungarische Konsul Joseph Valensi im Alter von 60 Jahren. Der Verstorbene war ein Bruder des Generals Gabriel Balensi und ein treuer Sohn seines Volkes. Das Leichenbegängnis des Konsuls Balensi gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung für den Heimgegangenen, der sich in allen Bevölkerungsschichten der größten Achtung erfreut hatte. Sämttiche jüdische Einwohner von Tunis, alle Honorationen, sämtliche Konsule, die Vertreter des Bey und des Generalresidenten gaben dem Verstorbenen bis in den Friedhof das letzte Geleite. Dem Sarge wurde eine Fahne des österreichischen Kaiserhauses voran^etragen, während ein Teilnehmer auf einem Kiffen die zahlreichen Orden des Verblichenen trrm. Am jüdischen Friedhofe hielt Rabbiner Haim Boceara dem Verstorbenen einen rührenden Nachruf. Konsul Balensi hinterläßt zwei Söhne, Alfred und Theodor Balensi, die angesehene Advokaten in Tunis sind. llttmkcbtes. Berlin, 25. Oktober. Das Zentralkomitee der Zionistischen Bereinigung für Deutschland hielt am 2b. Oktober unter Vorsitz des Herrn Dr. Bodenheimer hier, eine Plenarsitzung ab. Die Tagesordnung erstreckte sich auf sämtliche Gebiete der Organisation und der Propaganda. Es wurde einstimmig die Durchführung des Beschlusses des Delegiertentages aus Anstellung eines Parteisekretärs für dringend erforderlich erklärt. Ein von Herrn Julius Simon verfaßtes Schekelflugblatt wurde einstimmig genehmigt und soll in den nächsten Wochen in einer Massenauflage verbreitet werben. Zur Verstärkung der Paläftinapropaganda wurde ein Ausschuß unter Leitung der Herren Dr. Friedemann und Hermann Struck eingesetzt. Dem Ausschuß wurde auch die Ratio nalfondspropaganda übertragen. Die aus dem Delegiertentag eingesetzte Gemeindekommission, sowie der Ausschuß zur Förderung der Jnnen- «r b e i t erstatteten ausführliche Berichte. Die Ausschüsse sind noch mit Vorarbeiten beschäftigt. Die Sitzung schloß mit einer Besprechung der politischen Verhältnisse in der Türkei. Berlin, 24. Oktober. Nach einer Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universelle sind Meldungen eingegangen, wonach die Juden von Bagdad der Gegenstand fortgesetzter Angriffe sind, sodaß sie ihre Häuser nicht verlassen können; es herrscht vollständige Handelsstockung. Mannheim, 25. Oktober. Die Klaus in Mannbeim (Lemle Moses Klausstiftung), der Sammelpunkt der Gesetzestreuen dahier, beging am letzten Sonntag die Feier ihres 200 jährigen Bestehens. Herrn Rabbiner Dr. Unna wurde bei diesem Anlasse vom Großherzog das Ritterkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen. Ueber den Verlauf des äußerst gelungenen Jubuäumsfestes werden wir in nächster Nummer ausführlich berichten. Hannover, 23. Oktober. Hier hat sich ein Komitee zur Sammlung und Erhaltung jüdischer Altertümer der Provinz Hannover gebildet. Neben Kultus- und Ritualgegenständen, die ihres Alters wegen außer Gebrauch gesetzt sind, jedoch für die jüdische Kultus- Zrnd Kunstgeschichte zuweilen schätzenswerte Dokumente find, sollen auch Archivalien, schriftliche Dokumente und Druckwerke, die sich aus die geschichtliche Vergangenheit der jüdischen Gemeinden der Provinz beziehen, gesammelt werben, um den Grundstock zu einem Provinzialarchiv zu schaffen. Tauberbischofsheim, 25. Oktober. Der hiesige Svnagogenrat hat an das Gkljeime Kabinett ein Ergebcnheitsschreiben gerichtet, weil es ihm bei der Anwesenheit des Grotzherzogs hier, dadurch, daß er bei der Einladung übergangen wurde, nicht möglich war, den patriotischen Gefühlen der hiesigen Israeliten Ausdruck zu geben. Nunmehr ist aus dem Geheimen Kabinett'hierauf eine Antwort gekommen. 'In dieser heißt es, daß beim Großherzog keineswegs die St vorlag, die Vertretung ber israelitischen Gee von den Vorstellungen in hiesiger Stadt auszuschließen. Das Unterbleiben dieser Vorstellung sei lebiglich darauf zurückzusühren, daß eine Anmeldung der Vertretung bei den Se. Königl. Hohheit begleitenden Herren nicht erfolgt ist. Der Großherzog bedauere, die Vertreter der israelitischen Gemeinde nicht gesehen zu haben, und hoffe, daß sich bei einem anderen Anlaß hierzu Gelegenheit geben werde. Gnese», 24. Oktober. Der Barbierlehrliug Johann Fritsch aus Schubin und ber Arbeitersohn Bronislaus Majer aus Gollantsch hatten sich wegen Vergehens gegen die Religion zu verantworten. Beide Angeklagten und noch mehrere junge Burschen begaben sich im April d. Js. in die jüdische Leichenhalle auf dem Friedhof in Gollantsch. M. und F. zerschlugen mit Steinen und Stöcken die an der Wand der Halle befindlichen religiösen Gebetstafeln. Dieses war für die Burschen noch nicht genug, denn sie begaben fick am folgenden Tage wiederum zur Halle, sammelten Späne, Gras und Papier, legten es auf eine Tonne und verbrannten nun die zertrümmerten Gebetstafeln. Majer erhielt als Anstifter zu dieser Tajt 2 Wochen uno Fritsch 3 Tage Gefängnis. Berditschew, 22. Oktober. Schwere Folgen hatte eine falsche Feuermeldung in einer hiesigen Synagoge. Während des Gottesdienstes am letzten Festtage rief Jemand „Feuer!" Unter 'den Anwesenden brach eine Panik aus; am Ausgang entstand ein fürchterliches Gedränge. Zwei alte Frauen wurden im Gedränge erdrückt, vierzehn Personen erlitten schwere Verletzungen. Newyork, 19. Oktober.' Wie erinnerlich, hat vor einiger Zeit in Springfield im Staate Illinois eine Straßenrevolte stattgefunden, die einen anarchistischen Charakter angenommen hatte, und in welcher der Polizeichef William Domigan auf offener Straße gelyncht wurde. Unter dem Verdachte, der Urheber der Revolte und der Anführer des Mobs gewesen zu fein, wurde Abraham Raymer, ein. Jude verhaftet und dem Gerichte übergeben. Die antisemitischen Blätter hatten diesen Anlaß benützt, um gegen die Juden zu Hetzen und verlangten die Einschränkung der Einwanderung von Juden. Vorige Woche fand 'unter großem Andrange des Publikums die Schlußverhandlung gegen Abraham Raymer statt. Obgleich die Familie nicht die Mittel hatte, dem Angeklagten einen besonderen Rechtsbeistand zu sichern, wurde Raymer von der Anklage frergesprochen, ta er mit der ganzen Revolte nichts zu tun hatte. Umhi$fPe$ei. Frankfurta. M , 29. Okt. Mittwoch den 28. K Mts., abends 9 Uhr, wurde das Wintersemester der Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung '22C Ilbni eröffnet. Der Borfitzende, Herr Leopold Schwav, begrüßte die zahlreich erschienene Versammlung und wies aus den Arbeitsplan und die getroffenen Neueinttchtungen für dieses Semester hin, woraus Herr Redakteur S. Schachno Witz das Wort zu seinem Referate über „Die Sintflut in Geschichte und Glauben der Völker" ergriff. Vom Grundsätze!7!D_P1 ausgehend, führte der Redner all die Einwürfe und Etnwenduugen an, die von denjmigmKreism gegen denJ lutbericht gemacht werben, in welchen man die Kraft verloren hat, das Gotteswort rein zu genießen. Besonders machte ber Redner auf die Unhaltbarkeit der von Die fiel und Delitzsch ausgestellten Hypothesen aufmerksam. In dm romantischen und blumenreichen Flutsagen der alten Völker, auf die der Referent ausführlich emging, glaubte er jenes Tasten und ruhen, jene dunkle Gottesahnung zu entdecken, die sich auch sonst im Kulte der Naturvölker kundaibt. Der Bortrag, der in feinem Grundtone eine Klarstellung der jüdischen Flutüberlteferung nach Thora und Talmud bedeutete, erntete reichen Beifall. Mtt einem kräfttgm Schlußworte des Borfitzenden. Herrn Schwav, nahm der erste Vortragsabend sein Ende. — Auf Veranstaltung der gleichen Bereinigung findet nächsten Montag den 2. November, abmds 9 Uhr, im großen Saale deS früheren Kaufmänn tfchen BereinS, Langestraße 26, ein Bottrag des Herrn Moritz A. Loev über das Thema „Gib t eS ein lib erales Judentum?" statt, zu welchem Gäste, Damm und Herren, auch Gegner, eingeladen find. Dem Borttag soll sich eine Diskussion anschließen. Bet ber hohm Aktualität des zur Behandlung stehenden Stoffes darf auf eine starke Betelltgung isrechnet werden. ßk^Fr<mk««rt a. M., 33. Okt.FDer Verein „Monteftore" dahier versendet feinen Arbeitsplan für das Wintersemester 1908/09. Die BorttagS-Abenbe, die wie bisher Mittwochs abgehattm werden, werde« im groß« Saale der „Löge zum Frankfurter Adler", die musikalischdellamatortschm UnterhattungS-Abmde im großen Saale des ftüherm „Kaufmännischen Vereins", Langestraße r«, abgehalten. Wie aus dem Programm ersichtlich, ist es dem Vereine gelungen, eine Reihe bewährter Redner zu gewinnen. Berlin. 25. Okt. Am Sonnabend, den 24. OK. cr., vereinigten sich die Mitglieder der M t s r a ch i - G r upp e Berlin zur Entgegennahme des Berichtes über die Misrachi-Konferenz in Frankfutt a. M. Sie hattm die Ehre in ihrer Mitte Herm Dtrettor Dr. Grünhut aus Jerusalemun>HerrnW.Iawitz, Berlin,beg üßmzu können. Der Borntzmde begrüßte die Bersammlung und schloß seine Ausführungen mit einem warmen Appell, in misrachistisch gestnntm Heiken eifrig zu werben, möglichst zahlreich und schnell den Schekel an die Misrachi-Berttaumsmänqer abzuliefern, damit 'UM Kongreßjahre die für die Föderationsbildung nötige Anmhl von 3000 Schekolim zusammenkämen. Zur Schulfrage machte Herr Dr. Grünhut intereffante Mitteilungen über die Verhältnisse in Palästina und zeigte, welch ein großes und wahres Kulturwerk der Mtsracht durch seine Schulgründung in Angriff nehme. Er empfahl die Uebernahme der Tachkemom Schule in Jaffa, die sich leicht zu einer modernm Schule ausvaum ließe. Der Vorsitzende konntt mttteilm, baß sich die Berhcmdlungen wegm ber Schule dem Abschluß nähern und man voraussichtlich die Tachkemoni Schule zu Jaffa über» nehmen werde. Hamburg, 24. Okt. Der Israelitische Unter» stützungsverern für Obdachlose hat in der Nähe des Hauptbahnhofes ein Grundstück erworbm, um dvtt ein eigenes Heim für Durchreisende zu erttchttn, in dem zu» g eich die Be.leidungsabteilung des Vereins untergebracht werden soll. Ein größerer Umbau ist nötig, um das Grundstück für die Zwecke des Vereins einzurichten. Die Vermattung des Vereins hat einstimmig beschlossen, das neue H im zum Andenken an den Begründer des BereinS „Daniel Wormser-Heim" zu benennen und so dem Freunde der Aermften unter dm Armen ein wohlverdientes Denkmal zu setzen. Pos.«, 26. Ott. Am Sonntag den 25. d. Mts. beging der hiesige Synagogenverein der wohltätigen Freunde das 100jährige Stiftungsfest. An der Feier, welche in dem festlich gefch »ückten Tempel stättfand, waren außer dm sämtlich anwesmbm Mttgltebem noch zahlreiche Gäste erschienen. Die Feier wurde durch eine Festrede von Sr. Ehrwürdm Herm Gemeinderabbtner Dr. Feilchenfeld eröffnet, woran fich Herr Rabbiner Karo, sowie Herr Rabbiner Dr. Bloch anschloß. Sämtliche Herrm wtesm in dorttefflichm Motten auf die hohm Ziele des Vereins, welcher im wahrm Sinne deS WotteS em „Verein ber wohltättgm Freunde ' genannt werben kann, hin, ümn es gilt Bedürftige zu unterstützm, Kranke zu pflegm und sich an Gottes Wott zu nbauen. Herr Oberkantor Feldmann brachtt einige Psalmen sowie Wechselgesänge von Chor und Kantor stimmungsvoll zum Ausdruck, wobei seine schöne und klangvolle Tenorstimme die F ier ganz besonders verschönte. Am Abmd fand in dm Räumen der Stern'schm Säle ein Festeffm statt, wobei ein Porauches, ein Geschenk der Damm, überreicht wurde. Hieran schloß fich ein eigens für biesm Zweck Verfaßtes Theaterstück, welches großen Beifall erntete. Das Fest kann im ganzm als ein gelungenes bezeichnet werden. 8. A. Torualja, 23. Okibr. Am Borabmd des 71NQV bat hier ein jV'd *tl3PT, welches Herr I. Rosenberg, Präses der hiesigen' Gemeinde, gestiftet hat, stattgef inden. Vom Haufe des Herm Rosenberg wurde das unter Chupa und bet Fackelbeleuchtung, unter Mitwirkung der Feuerwehr in dm Tempel getragen. An dem Festzuge Beteiligte fich die ganze Bevölkerung ohne Unterschied der Religion. Ueberall, wo. der Zug vorüaer kam, wurden die Fmster belmchtet. K- S. PersoMalit«. i*Sft Frankfurt a. M., 27. Oktör. Einen jährtgm habm wir hmte zur Ruhe gekettet, an Grab — so wollte er's — kein Wott der Verehrung und Anerkennung gesprochm werden durste, und der doch wie settm einer dm huldigenden Dank der Gesamtheit für et» reiches, ganzes jüdisches Lebm, für ein volles, erfolggekröntes Lebens werk verdient: Herr Maximilian Bier. In Köln geborm und erzogen, kam Max Bier schon 1855, nach dem frühen Tod des Vaters, siebzehnjährig nach Frankfurt a. M., wo damals die Treugebiiebmm in d« neugegründeten Religionsgesellschaft fich zu sammeln begannen. Zu ihr zog es auch dm Jüngling, und aus tau Kreis der Stein und Gmoffm heraus, im Gegmfatz zu andersdenkenden Genossen, wandte er fich mtt dem ganzm Enthusiasmus ferner edlen Seele der Adaß Jefchurun und ihrem genialen Führer zu. Die Freundschaft mtt Rabbiner Httsch das gemeinsame Wirken mtt dem großm Manne — Bier war wtederhott im Ausschuß und Schulrat der Gemeinde tättg — gehörte zu de» underlierbarm geisttgm Befitztümem seines Lebens, unfein Antlitz strahlte, wenn er von jenm fchwerm und ßchaffensfrohen Tagm erzählte, in taten ec an Meisters Seite seinen klarm Verstand und seine Blldung im Dimste der Gemeinde betättgm durste.