Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1908)
- Date
- 1908-10-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. N«. 43. Der JSraeltt. 39. Oktober 1908. Fragen, namentlich der Autonomie der Israeliten bereite. Es sei sehr schwer, nahezu unmöglich, die Juden in eine einheitliche Organi- , satton zu bringen, weil die Orthodoxen keinen ein- . heitllchen Status mit den Neologen bilden wollen. — Der Abgeordnete Julius Hody . bemerkte dazu, man könnte die Sache vielleicht derart lösen, wie sie bei den unierten und nichtunierten griechischen Katholiken gelöst wurde. Bei diesen Konfessionen bestehen nur geringfügige Unterschiede, und sie erhielten dennoch * selbstständige Organisationen!" 309i!die 3u9enfein9e. Budapest, 25. Okt. Aus Nyir-Bätor (Ungarn) wird ein Fall berichtet, der sehr bezeichnend ist für den erbitterten : Judenhaß in den Kreisen der neologen Juden. Anläßlich der Installation des neuerwählten Oberstuhlrichters Simak fand ein Bankett statt, bei welchem auch mehrere Juden anwesend waren. Einer derselben, ein Herr Edmund Mandel, richtete nun in einem längeren Trinkspruche an den Oberstuhlrichter das Ersuchen, „er möge die hiesigen Streimel-Juden ausrotten, da dieselben die Stadt beschmutzen." Ferner bat Mandel, der Oberstuhlrichter möge die Talmud-Thora- ' Schulen der „Streimeljuden" sperren, da dort kein ungarisches Wort gesprochen werde. Die Ausführungen Mandels wurden von den anwesenden Juden mit „Eljen" Rufen aufgenom- - men. Ein liberal gesinnter Bauer namens Basvarl jedoch polemisierte gegen Mandel und " meinte, im Gegenteil, es möchten noch hunderte glaubenstreuer Juden sich im Orte ansiedeln, enn gerade diese gereichen zum Wohle des Bauernvolkes und nicht die irreligiöse Intelligenz derselben. Hieraus entspann sich eine formelle Judendebatte, in deren Verlaufe der Obeistuhlrichter rundweg erklärte, er könne sich die Anregungen Mandels nicht zu e gen machen, denn das Gesetz verfüge nicht darüber, nach welcher Mode sich der Bürger kleiden solle. Jeder kann sich kleiden wie es ihm beliebt. Auch die Talmud-Thoraschule stehe — wie er sich bereits früher überzeugt habe, — auf . gesetzlicher Grundlage und könne daher nicht g^Mt werden. .! i RuMarrd. Petersburg, den 22. Oktober. Den beiden Anwälten im Bialystocker Progrom-Prozeß, tellersohn und Skarjatin, ist nun vom taatsanwalt eröffnet worden, daß sie wegen ihrer Reden im Gerichtssaale, in denen sie bekanntlich rücksichtslos auf die wahren Schuldigen den Judenmorden aufmerksam machten, vor Gericht gestellt. werden. Herr Hellersohn sollte gleich in Haft genommen werden, wurde aber nach vielen Mühen gegen eine Kautton von 5000 Rbl. wieder auf fteien Fuß gesetzt. Die Paragraphen, auf Grund deren die Haupwerhändluna gegen die Anwälte eingeleitet wird, betreffen Aufreizung und Aufwiegelung der einzelnen Bevölkerungsklassen zu Revolutionszwecken. Daß diese Paragraphen auch einmal auf Advokaten wegen oer von ihnen in öffentlicher Gerichtssitzung gehaltenen Plädoyers anzuwenden feie \, lag gewiß nicht im Sinne des Gesetzgebers und anfänglich auch nicht in der Absicht der Behörden. Die Echten Russen, die jene offene Sprache nicht verschmerzen können, ruhten jedoch nicht, bis sie den Paragraphen ausfindig machten, der sich zu ihrem Zwecke verdrehen ließ. In der Sitzung der Anwältekammer am letzten Montag wurde nun, allerdings unter Abwesenheit der echtrussischen Anwälte, gegen das Vorgehen des Staatsanwalts energischer Protest eingelegt und beschloffen, aus prinzipiellen Gründen gemeinschaftlich gegen eine solche Bergewalttgung der NMefteiheit eines beeidigten ^Rechtsanwaltes .Stellung zu nehmen. Am gleichen Tage, da die Anklage gegen die Rechtsanwälte eröffnet wurde, wurde auch hier bekannt, daß fünfzehn Teilnehmer, am Bialystocker Progrom, die zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt waren, vom Kaiser begnadigt worden sind. Petersburg, den 24. Oktober. Die Bergjuden im Kaukasus, denen vor einiger Zeit von der Regierung das Anerbieten gemacht worden war, in Polizeidienfte zu treten, für die sie die Regierung wegen ihrer großen muskulösen Gestalten offenbar für sehr geeignet hielt, bekamen jetzt plötzlich von der Regierung eine Anfrage, ob sie Juden oder Karai'ten seien. Dazu ist zu bemerken, daß die Bergjuden eine Anzahl von Rechten haben, die den Juden nicht gewährt sind, während die Karai'ten, eine jüdische Sekte, die nur die Bibel, nicht aber den Talmud anerkennt, den Russen völlig gleichgestellt sind. Natürlich wären die Bergjuden ob der Antwort, die sie der Regierung geben sollen, nicht in Verlegenheit. Denn sie sind Juden, ob sie auch insofern eine Ausnahmestellung einnehmen, als sie feit vielen Jahrhunderten im Kaukasus ansässig und mit der Gegend sozusagen verwachsen sind. Allein es darf wvhl mit Sicherheit angenommen werden, daß ihr offenes Bekenntnis zum Judentum ihre Entrechtung, wenn nicht gar ihre Ausweisung aus dem Kaukasus zur Folge haben wird. Sie sind entschloffen, auf alle Fälle ihre Religion auch äußerlich nicht zu verleugnen. Biele von ihnen greifen jetzt schon zum Wanderstabe. Ihr Reiseziel ist meistens Palästina. Minsk, den 23. Oktober. Seit acht Jahren besteht hier eine jüdische Schulfarm, die von der ICA kräftig unterstützt, jüdische junge Leute zu vollendeten Landwirten heranbildet. Hat jedoch ein junger Mann diese Schule absolviert, so bleibt ihm, weil er sich hierzulande in der Landwirtschaft nirgends betätigen kann, weiter nichts übrig als der Wanderstab. Die meisten emigrieren nach Amerika, wo sie kraft ihrer Fähigkeit sich meistens eine gute Positton erringen. Am 7 Oktober befand sich nun eine solche Emigrantengruppe, bestehend aus etwa 20 Zöglingen der genannten Farm, am Bahnhof, um nach Argentinien auszuwandern. Die ganze Schule mit der Lehrerschaft, sowie die Verwandten hatten bereits rührenden Abschied von den Abziehenden genommen, als im letzten Augenblick die Polizei erschien und die ganze Gruppe ins Arrestlokal abführte. Nachdem sie zwei Tage und zwei Nächte dort, abgeschlossen von aller Welt, zugebracht hatten, wurden 'die Jünglinge wieder auf freien Fuß gesetzt, mit der Verpflichtung, ihren Reiseplan vorläufig aufzugeben. Bis jetzt ist den Betroffenen über ven Grund dieser sonderbaren Maßregel und der Verhaftung kein Wort mitgeteilt worden. Frankreich. 605 orienfalifdie Sthulroerh der Alliance Israölife. Paris, 22. Oktober.^ Die Inspektions-Kommission der Alliance Jsraölite, die den Auftrag hat, das orientalische Schulwerk der Alliance zu prüfen, wird ihre Reise am 29. ds. von Marseille aus antreten und Aegypten, Palästina, Syrien, die Türkei und Bulgarien besuchen. Sie besteht aus den Herren: Israel Lovi und M. S. B6KLdict aus Paris und Dr. Porges aus Leipzig. Wie verlautet, hat die Alliance das Verlangen zahlreicher angesehener deutscher und holländischer Mitglieder, oer Kommission auch einen Vertreter der konservativen Richtung beizugeben, mit dem Bemerken abgelehnt, daß für die Auswahl ihrer Vertrauensleute religiöse .Gesichtspunkte nicht in Betracht kämen. Rumänien. 6er 619 more 3u9aica. (Bon umerem Korrespondenten.) Jassy, 23. Oktober. Die Bewegung gegen di? mittelalterlichen Formen des Judeneides dauert fort. Oberrabbiner Dr. Niemirower und Rabb. Taubes haben etwa 46 mal die Vornahme des Eides abgelehnt. Auch in Braila wird sehr energisch gekämpft. Die Synagogenvorsteher Silberstein, Agent Bloemer usw. die die Synagoge nicht öffnen wollten, erhielten Geldstrafen. Der neue Brith. Orden, mit Dr. Stern an der Spitze (Bukarest) machten alle Versuche in dieser wichtigen Angelegenheit zu wirken.- Der Caffationshof wird nächstens in dem Prozeß Dr.. Niemirower in der Frage zu entscheiden haben. Der Rechtsbeistand des hiesigen Obberrabbiners ist der frühere Minister Diffesen, welchem Rumänien die Reformen eines Gesetzbuches zu verdanken hat. In allen Kreisen sieht man mit Spannung dieser Frage und der Entscheidung derselben entgegen. Dr. Beck und Dr. Niemirower planen einen Kongreß der rumänischen Rabbiner zur Entscheidung dieser Frage. Bukarest, 25. Okt. Daß wir in Rumänien jederzeit Gewaltakte gegen die jüdische Bevölkerung zu erwarten haben, ist heute keine große Neuigkeit mehr. Aber, daß die Regierung eS wagt, auch gegen solche Juden mit brutaler Gewalt vorzugehen, die sich in blutigem Kriege ihre bürgerlichen und politischen Rechte erworben haben, die also gewiß rumänische Staatsbürger sind, war bisher doch noch selten der Fall. Mit der fortschreitenden Kultur sind wir aber auch dahin gelangt. Wie seinerzeit auch an dieser Stelle berichtet wurde, ist im vorigen Jahre die Verstaatlichung der Wein-Ausschankstellen durchgeführt worden. Es wurden damals einige tausend jüdische Familien mit einem Schlage brotlos gemacht, da für > die Uebernahme eines staatlichen > Weinausschankes der Besitz der staatsbürgerlichen Rechte Bedingung wurde. Da nun die Negierung den Juden diese widerrechtlich vorenthielt, so konnten die allermeisten bisherigen Inhaber der Weinverkaufstellen solche nicht mehr übernehmen. In der Praxis wird die Verstaatlichung nun so durchgeführt, daß die Weinschänken von den Dorfgemeinden verpachtet werden. Kürzlich wurden in Daumanesti, einer Dorfgemeinde im Distrckte Bacau, zwei jüdische Weinschänker, die rumänische Staatsbürger sind, die den Krieg von 1877/78 mitgemacht haben und sich ihr Bürgerrecht erkämpft haben, nicht zur Pacht zugelaffen, ja noch mehr, sie wurden aus dem Dorfe kurzer Hand ausgewiesen. Die beiden Männer, die Familienväter sind, find nun nach Bukarest gekommen, um hier Gerechttgkeit zu suchen. Doch kann man ihnen wenig Hoffnung machen, daß sie sie finden werden. Sie beabsichtigen jetzt, eine Audienz beim König nachzusuchen, die ihnen aber wenig helfen wird, selbst wenn der König fie empfängt, da in Rumänien der König nach einem bekannte Worte nur herrscht, während die Minister regieren. iftrbei Konstantinopel, 4. Okt. Der Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft, Herr Huguenin, hat vor den jüngsten jüdischen Feiertagen eine Zirkularverfügung an die Hauptämter des gesamten Eisenbahnnetzes gerichtet des Inhaltes, es solle die Diensteinteilung so vorbereitet werden, daß die jüdischen Beamten der Gesellschaft während ihrer hohen Festtage dienstfrei seien. Bei dieser Gelegenheit sei hervorgehoben, daß bei allen in der Türkei im Betrieb befindlichen Eisenbahnen Juden in großer Zahl in allen Dienstgraden beamtet sind. Vorzugsweise sind es nach der Türkei eingewanderte russische Juden, die sich mit Vorliebe dem Eisenbahndienst widmen und das besondere Vertrauen der Direktionen genießen. Das gilt namentlich von dem jüdischen Streckenpersonal, den Zug- und Lokomotivführern, Heizern und Schaffnern, well diese fich durch Nüchternheit und Gewissenhaftigkeit auszeichnen und damit die Betriebssicherheit des EisenbahndiensteS erhöhen.