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Der Israelit · 1908-10-08 · Heft 41 (8.10.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 41 (8.10.1908)
Date
1908-10-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 4L. Der Israelit. 8. Oktober 1908. tum wie die Orgel katholischer Kultusart — und damit im Zusammenhang die Ueberschätzung der Bedeutung des Gemeinde-Gottesdienstes überhaupt für Wesen und Leben des Judentums. .Der Mann Sachs, der Gelehrte, der Schriftsteller, der Dichter — er blieb, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen — der Masse fremd und unverständlich; in der Predigt sprach er zu ihnen und mit ihnen, und weil sie ihn nur so und dort verstanden, verkörperte sich ihnen in dem Prediger der ganze Mann, in der Predigt und im Gemeindegottesdienst, der ihnen deren Genuß eröffnete, der Jdeenkomplex und das religiöse Prinzip, die ihr Rabbiner zu vertreten berufen schien. Aber diese Zuge sind es wahrlich nicht, die das Charakterbild von Michael Sachs V'ST umschweben / sie sind zu geringfügig und zu klein, um für die Betrachtung dieser großen Persönlichkeit wesentlich in die Wagschale zu fallen. Für die Gedankenwelt von Michael Sachs V'ST und die religiöse Betätigung in seinem Sinne ist in der heutigen Berliner jüdischen Gemeinde kein Raum geblieben. Dieses Erbe ist der „Adaß Jisxoel" zu gefallen, die darum atzten Anlaß hat, mit ihrer Geschichte an ihn anzuknüpfen und sein Andenken als des Vorgängers ihres unvergeßlichen Begründers, Israel Hildesheimers V'XT, in ihrer Mitte lebendig zu erhalten! Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Kebch. Frankfurt a. M. 6. Okt. Die Freie Bereinigung f. d. I. d. o. I teilt mit, daß die Neuaustage des „Chorew" v. S. R. Hirsch erst Ende Oktober d. I. fertiggesteüt sein wird. Diejenigen, denen durch diesbezügliche Benachrichtigung ein Exemplar des Chorew zugeteilt worden ist, werden dasselbe alsdann erhalten. Bewerbungen auf die seitens der Fr. Ber. Mitteilung nicht erfolgt ist, konnten nicht berücksichtigt werden, weil bei ihrem Eintreffen über den Borrat bereits verfügt war. Berlin, 6. Okt. Das vorbereitende Komitee verschickt an die Teilnehmer der Konferenz vom 20. September folgenden Bericht: Die jüdische Massenemigration, welche unter dem Drucke der im europäischen Osten herrschenden Verhältnisse unabsässig vor sich geht, bringt durch Bildung neuer Anhäufungen in bereits dicht bevölkerten Gebieten die Gefahr einer Uebertragung der jüdischen Frage nach den liberalen, überseeischen Ländern mit sich. In der Tat sehen wir, daß diese Länder durch strenge Hinderungsmaßregeln für die jüdischen Einwanderer immer mehr sich verschließen. Angesichts dessen sieht sich die jüdische Wohlfahrtspflege zu einem System von 'Tätigkeiten gedrängt, die in ihrer Gesamtheit — aber eben nur bei gleichmäßiger Pflege aller Zweige — zur Lösung der Emigrationsfrage führen dürften. Diese Tätigkeiten bestehen: 1) in der Verbesserung der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in ihren Heimatsländern, 2) in der Regelung, d. h. in der zielbewußten Verteilung des Cmigrantenstromes, 3) in ber planvollen Ansiedelung geschlossener Gruppen der jüdischen Auswanderer und zwar auf noch dünn bevölkerten Gebieten, wo sie als bodenbesitzende und kulturfördernde Bevölkerung eine unangreifbare Stellung erringen können. Während nun die ersten zwei Tätigkeitszweige die Hauptaufmerksamkeit der großen Organisationen aus sich gezogen haben, ist das jüdische Ansiedelungswerk bis jetzt bekanntlich nur von zwei großen Philantropen, Baron Edmund Rothschild und Baron Hirsch, in großem Stil in Angriff genommen worden. Wohl wurden in Rußland, Deutschland und Oesterreich auch Kolonisationsvereine geschaffen, doch sind die durch sie vertretenen Leistungen der jüdischen Gesamtheit auf dem Gebiete der Ansiedelung trotz aller Verdienstlichkeit des Wirkens über enge Grenzen nicht hinausgegangen. Ergibt sich schon daraus die Notwendigkeit der von der Konferenz jüdischer Notabeln (Berlin, 29. März 1908) ins Auge gefaßten Vereinigung, so lassen andere Tatsachen ihre Schaffung als überaus zeitgemäß erscheinen. Nach der bei jeder Kolonisation unvermeidlichen langjährigen Versuchsperiode, die nur dank hochherzigen Opfern überstanden werden konnte, beginnen die jüdischen Kolonien in Amerika und im Orient unter der gemeinsamen, rationellen Leitung der I. C. A. infolge der erfreulichen Ausdauer und der nicht mehr bezweifelbaren Eignung der Kolonisten zum Ackerbau bemerkenswerte wirtschaftliche und moralische Erfolge zu erringen. Nun ist der Augenblick gekommen, wo auch die jüdische Gesamtheit an die Pionierarbeit Einzelner anknüpfend, das Kolonisationswerk mit Kollektivmitteln anzubauen verpflichtet ist. Dieser Pflicht werden heute auch die vorsichtigsten Elemente gern Nachkommen, da es sich nicht mehr um Versuche mit ungewissem Ausgange handelt, sondern um ein genau bekanntes, vielfach' erprobtes wirtschaftliches Unternehmen, das auf geschäftlicher Basis mit Aussicht auf Verzinsung des investierten Kapitals betrieben werden kann. Bei ihrer Betätigung wird die neue Kolonisations-Gesellschaft darauf bedacht sein, müssen, im engsten Einvernehmen mit den bestehenden Organisationen und in Anlehnung an die vorhandenen Entwickelungszentren in planvoll ergänzender Werse zu wirken: mit einem klar umschriebenen konkreten Arbeitsprogramm auf.bescheidener Grundlage zu beginnen urw nur nach Maßgabe erreichter Resultate zu höheren Aufgaben aufzusteigen. Von diesen Prinzipien ausgehend, läßt sich zunächst über das Gebiet der kolonisatorischen Tätigkeit der neuen Organisation folgendes sagen: Das amerikanische Kolonisationswerk ruht in den Händen der I. C. A., die auf Gruiü» ihrer Satzungen ihren Wirkungskreis speziell auf diesem Kontinent planmäßig erweitert. Hier ist das Eingreifen einer neuen Organisation nicht von Nöten. Um so dringender ist es auf dem zweiten jüdischen Kolonisationsgebiet, Aämlich im Orient, erwünscht. Wohl betätigen sich hier die meisten jüdischen Organisationen, jedoch nur auf humanitärem und kulturellem Felde. Für die wirtschaftliche Existenz der einheimischen jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Einwanderer ist biS jetzt nicht genügend gesorgt. Dieses Gebiet tritt gerade in der letzten Zeit mehr in den Vordergrund, da der Westen für die jüdischen Emigranten unzugänglicher wird, während hier ein Kreis fruchtbarer, äußerst schwach bevölkerter Länder der Einwanderung und kulturellen Entwickelung harrt. Neben Syrien und Palästina, wo es bereits emporblühende jüdische Dörfer gibt, gilt es jetzt auch die nordöstlichen Grenze striche Aegyptens für unsere Glaubensgenossen zu erschließen. Als Hinterland von beinahe unbegrenzter Aufnahmefähigkeit kommt dann Mesopotamien in Betracht. Die dringende Notwendigkeit, neben den bereits überfüllten überseeischen Judenzentren ein zweites Abslußgebiet für die Massenemigration zu schaffen, die geringe Entfernung des orientalischen Länderkreises von den Ausgangspunkten der Auswanderung, die daraus resultierende Billigkeit der Uebersiedelung — kostet boch die Reise von Odessa nach Jaffa nur 24 Mark, nach Newtionen, ihren Synagogen, fand ihr Grab unter den rauchenden Festungstrümern. Sogar der jüdischr Friedhof verschwand von der Erdoberfläche, kein einziger Grabstein verkündet der Nachwelt den Ruhm der Männer, welche dort der Auferstehung harrten. Die Bewohner fielen zum Teile der grausamen Wut der Belagerer zum Opfer, ein großer Teil wurde von den ErobevMt in die Gefangenschaft geschleppt. Jsak Schulhof (geboren 1650 gestorben 1732) Schwiegersohn des weitterühmten Ofner Rabbiners Rabbi Efraim Kochen, berichtet als Augenzeuge die furchtbaren Borgänge, die sich bei der Erstürmung Ofens abspielten. Seine Schrift erzählt di» grauenvollen Leiden der jüdischen Gemeinschaft, wre auch seine wunderbare Rettung. „Wie aus der Megillay trt den Synagogen Israels ferne wunderbare Rettung alljährlich zum ewigen Gedächtnisse verlesen wird, so sollte in der Familie des Geretteten die Megillah von Öfen davon erzählen, wie aus Not, Drangsal und Todesgefahr der Ahne der Familie durch Gottes Verstand dem Untergänge entrönnen ist." Ws die Sieger die von de« Geschossen hart mitgenommenen Bauten wieder Herrichten wollten, galt es ihnen selbstverständlich, die Grabsteine des Judenfriedhoses als Baumaterial zu verwenden. Der bequemste Steinbruch war der Friedhof, konnten doch die toten Juden auf keine Pietät rechnen in einer Zeit, wo die lebenden Juden als vogelftrr galten! Grundmauern, Treppen, Pfeiler wurden aus Grabsteinen errichtet. Die Inschrift wurde gewöhnlich abgehackt oder eingemauert. Me Zeugen und Denkmäler der ruhmreichen Vergangenheit verstummen so, bis die neue Zeit sich an die alten Gebäude heranwagt:. In den Grundmauern der Stephanskapelle drr MaMaskirche fanden sich die ersten Grabsteine drr Türkenzeit. Das Budapester Museum bewahrt die Denkmäler, die aus dem Zeitabschnitte 1672—78 zum Vorschein gebracht. Hie Häuser No. 4—5 auf dem Paradeplatz in Ofen, die Erzherzog Joseph für sün^ Mutter Erzherzogen Klothilde als Wohnung adovtieren läßt, bildeten das Jßiqetttum der Abtei zu Kremsmünster. 1688 ließ die Abtei das Gebäude umgestalten und hiezu wurden auch die jetzt zum Vorschein gekommenen Steine als Baumaterial verwendet. Der Baumeister fand dir Steine im Grundpfeiler eingemauert. Ich las dieselben. Zwei Steine enthalten eine vollständige, Inschrift. Der erste Stein verkündet den Ruhm des gottesfürchtigen Rabbi Judo, Sohnes des Rabbi Chaim Sussi, der im Jahre 1678 verschied. Es ist dies ein mächtiger Kalkstein 1,20 Meter lang, 0,49 Meter breit. Das zarte Grabmal war am Grabe des Nathan, Sohnes des Rabbi Gerson errichtet, der im Jahre 1656 das Zeitliche segnete. Der dritte Stein stand am Grabe eines Ehepaares. Name derselben fehlt. Ms Todesjahr gilt das Jahr 1600. Der vierte Stein, ein BruchMck, bezeichnte das Grab einer Frau, Tochter des Rabbi Juda aus dem Jahre 1657. Die Steine werden auf Veranlassung des Erzherzogs Joseph dem Budapester Museum einvrrleibt. (Line ritterliche Tat.) Bon. Cid, dem berühmten Nationalbelden Spaniens, erzählt der Bicomt» d.Avenel in der „Revue des deur Mondes" folgendes Geschichtchen: „Bom Könige verbannt, wollte er einen Kriegs¬ und Raubzug gegen die Mauren unternehmen, aber es fehlte ihm an Geld zur Ausrüstung. Da handelte er nach dem polnischen Sprichwort: Kiedy bieda to do zyda (In der Not geht man zum Juden). Ein moderner russischer Tschinownik hätte vielleicht einen Pogrom veranstaltet, um das nötige Kleingeld zu bekommen, aber der Spanier des elften Jahrhunderts war doch zivilisierter als ein orthodoxer treuer Diener des Zaren Nikolaus. Er beschloß, 2000 Goldstücke hei Juden zu borgen gegen Pfand. Er hatte ober nichts zu versetzen oder wollte die Juwelen seiner Töchter nicht verpfänden. Da ließ er denn zwei große Kisten mit Sand füllen und sie wohl verschließen und versiegeln: dann ließ er zwei Juden einladen, nahm sie mit großer Höflichkeit auf, wie es. ja die noblen Christen gewöhnlich tun, wenn sie das Geld der Juden brauchen, und gab ihnen die zwei Kisten als Pfand für das Darlehen, indem er den Juden versicherte, daß sie ganz mit Silbergrräten gefüllt seien. Doch zeigte er ihnen selbstverständlich den Inhalt nicht und ließ sich von ihnen das Versprechen geben, die Kisten erst zu öffnen, wenn sie nach, Ablauf eines Jahres keine Bezahlung erhalten würden. Die Juden, voll Vertrauen auf das Wort des christlichen Heldenn, zahlten ihm die 2000 Goldstücke und liehen die mit Sand gefüllten Kisten in ihr Haus bringen, wo sie sorgfältig aufbewahrt wurden." Selbst der spanische Dichter findet es für nöttg, die „schlechte Tat" seines Helden mit dessen Not zu entschuldigen. Indessen, der Cid hatte Glück auf seinem Kriegszug, machte viel Beute und löste bei seiner Rückkehr die verpfändeten Kisten bei den Juden ein. Bon Zinsen wirb nichts gesagt, und es scheint, sis haben das Geld nur aus Gefälligkeit geliehen. Was wäre mm geschehen, wenn der christlich: Held von den'Ungläubigen besiegt worden wäre? Da»»n hätten die Inden, die seinem Worte trauten, die Zeche bezahlt und die spanischen Anttsemiten sie noch ausgelacht. » —-' > -

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