Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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8. Oktober 1908. Der JSraeltt. Nr. 41. Seite 5 Die Makellosigkeit feines Charakters, die furchtlose Ehrlichkeit und Geradheit seines Handelns, die reine Menschlichkeit seines Wesens vermochte seine Feinde Mar nicht zu entwaffnen; aber ihre Waffen erwiesen sich hier zu stumpf und die Angriffsfläche war zu klein, um ihnen größere Erfolge zu bescheiden. Desto eifriger aber waren sie bei der Hand, um aus dem geschriebenen Worte des Mannes den Strick zu drehen, an dem sie ihn zur Richtstatt schleifen könnten, ihm Widersprüche zwischen Denken und Handeln vorzuwerfen und gegen ihn herabzuwürdigen. Sie schreckten vor den plumpsten Mitteln gröbster Fälschung nicht zurück, um nur dem Verhaßten ein Bein zu stellen; durch Wortverdrehung- Auslassen von Säetzn, Herausreißen von Gedanken aus dem Zusammenhang .suchten sie ihn mit sich selbst in Widerspruch zu fetzen, und vor seiner Gemeinde, seinen Freunden, vor der Oeffentlichkeit als Betrüger und Heuchler zu denunzieren. „In einem vor Kurzem erschienenen Nekrolog wird die Sache auf den Kops gestellt und Sachs als Verteidiger und Verfechter jener unwissenschaftlichen Auffassung (die er gerade bekämpft hatte!) erkannt und ihm daraufhin Inkonsequenz und Schwachheit in seinem praktischen Verhalten zu angeblich ähnlichen Fragen zum Borwurf gemacht", so urteilt ein Men starken Worten so abholder Mann wie Dr. R o s i n, über die niederträchtigen Verdrehungen, die man an den oben skizzierten Ausfiihrungen von Sachs im Kerem Chamed vorzunehmen wagte. (9. Bericht der Religionsschule der jüdischen Gemeinde. Berlin 1864. S. 10.) Eine andere derartige Fälschung hat Berli; ner in Löw's „graphischen Requisiten" nachwiesen, wo mit Hilfe eines ausgelassenen Satzes gegen Sachs der Anwurs geschleudert wird, er habe eine TDö nipp1? ro7n negiert. (Literatur-Blatt der „jüdischen Presse". 3. Jahrg. Nr. 6 „Löw contra eines Löwen"). Einzig in der Literaturgeschichte dastehend dürste aber wohl der Fall sein, daß ein Herausgeber dem nachgelassenen Werke eines Mannes, zu dessen Herausgabe seine „freundschaftliche Gesinnung" gegen den! Autor ihn legitimierte, ein Vorwort von der Art mit auf den Weg gab, welche M. Lazarus für den 2. Band der Stimmen vom Jordan und Euphrat wählte. Sie lautet in einem vielbesprochenen Punkte folgendermaßen: „Er war ein Rätsel für Viele; das ist unleugbar. Um so größer schien das Rätsel, da Niemand leugnen kann, daß er eine offene, steie Natur gewesen. . . . Unbegreiflich aber erschien es, daß ein Mann, heimisch im Geist des klassischen Altertums, auf der Höhe humanistischer Bildung der Zeit, vertraut mit der Entwicklung der Philosophie, so abschließend sich verhalten konnte gegen alle Forderungen der Gegenwart in Bezug auf das Judentum selbst und seine Lebensformen. .Kleine Beweggründe, Amtsrücksichten, Pastorenklugheit lagen ihm fern; sie hatten keine Stätte in seinem edlen Gemüt., Was ihn hob und was ihn hemmte, war aus gleicher Quelle; er war ein Dichter. Er sah alle Dinge des Lebens und die religiösen zumal nur von poetischem Schimmer umflossen. Nicht, daß er wie ein poetischer Künstler die ovalen Dinge nur mit diesem Schimmer umgeben hätte; nein, er sah sie nicht anders, er war reine poetische Natur. Der Erkenntnis der geistigen Schöpfungen seines Volkes an Gedanken uno Lebensformen mit aller Liebe hingegeben, erblickte erAlles, was ein Erbe der schöpferischen Vergangenheit,war, das Große und oas Kleine, das Ferne und das Nahe, das Bedeuffame und das Unbedeutsame in diesem poetischen Glanze — vder Nebel.Ob uns des Rätsels Lösung gelinge oder nicht, es gilt ein Zeugnis abzulegen, und die Tatsache auszusprechen. Sachs war im Urteil erstaunlich frei von jeder Tradition; er war stei wie ein griechischer Philosoph, selbständig, kühn gegen alles Hergebrachte, Gebräuchliche, allgemein Geltende. Aber in seiner Praxis wendet er diese Freiheit nur gegen den neuerdings bergebrachten, nachgebeteten, äußerlichen religiösen Liberalismus; er ist so kühn und so freisinnig — Orthodox zu sein." Daß das, was er einen „Räthsel"-Prozeß nennt, von dem Normalmenschen treffend als Heuchelei erfaßt und so auch genannt wird, mag Lazarus vielleicht nicht ins Bewußtsein getreten sein. Hier wie so oft anderwärts auch kämpfte in ihm der Psychologe mit dem Rhetor, dem die schöne Floskel Alles, der Inhalt Nichts galt. Immerhin war die Indignation, welche dieses „rätselhafte" Geleitwort weckte, stark genug, um in den folgenden Auflagen — ob mit oder ohne L's Willen weiß ich nicht — die Fortlassung desselben zu erzwingen. Aber nicht ohne einen pikanten Reiz ist diese posthume Würdigung des Wesens und Wirkens von Michael Sachs durch Lazarus mit dem Inhalt einer Festrede zu vergleichen, welche ebenfalls Lazarus auf den Tag vor Sachsens Tod, am 3. Februar 1862 bei der Feier seines 25 jährigen Amts-Jubiläums hielt. Sie lautet an der bezüglichen Stelle: „. . . . Nur wer mit tiefer Erkenntnis den ganzen Weg der Geschichte innerlich durchlebt, steht auf der Höhe der Geschichte. Und diese Epoche des neueren jüdischen Geisteslebens ist bezeichnend durch die Berufung unseres Jubilars an die hiesige Gemeinde; dieser Standpunkt ist in seinem Leben und in seinen Schriften ausgeprägt. Mit der echt modernen theoretischen Bergwerkskunst der Philologie steigt er hinab in den historischen Schacht der eignen, ererbten Weisheit und bringt er das lautre Gold gemüts- und glaubenstiefer Ideen zu Tage, so prägt er sie kundig und mit Meisterhand in klassische Formen der Beredsamkeit. Ganz erfüllt von dem Wert und der Würde des alten geistigen Erbiums, aber zugleich durchaus genährt von den Früchten alter klassischer und moderner Kultur," und geschmückt mit den Tugenden einer tiefen Ehrfurcht und einer unbeschränkten Empfänglichkeit ist sein Werk wie der Mann durchaus ein jüdischer Geist, aber geprägt in klassische Form . . . daß ein solcher Mann da ist, daß dieses Prinz l'p des jüdischen Geistes in ihm und so in ihm vertreten ift^ dies allein, daß er an der Spitze der geistigen Gemeinde steht,' ist eine Wirksamkeit, welche jeder erfährt, dessen Herz für die Interessen der Gemeinde beteiligt ist." (Treu und frei. S. 236, 237.) Armer Michael Sachs! So schwer machtest Du es dem Einen, dem vertrauten Freunde Deines Hauses zu einem gerechten Urteil über Dich zu gelangen; wie sollten die Vieleck Dir Fernstehenden zu einem besseren Verständnis Deines Wollens und Strebens sich durcharbeiten und mit ihren Vorurteilen Dir nicht die Seele kran? ken?! Seltsam! Dabei rühmen doch Alle, ob' Freund oder Feind, gerade Pas an Dir, daß „es für den Unbefangenen durchaus nicht schwer war. Dich ganz zu erkennen!" Ja, für den UM befangenen! Hat die langjährige Amtstätigkeit von Michael Sachs V'tfT in das Wesensbild der jüdischen Gemeinde zu Berlin, der sie zu gute kam, ihre charakteristischen Züge eingegraben? Sind Spuren dieser Wirksamkeit in der geistigen und religiösen Entwickelung dieser Gemeinde seitdem und bis heute zu erkennen? Oder war seine Amtszeit nur eine kurze Episode, das erste und zugleich letzte Aufflammen des Geistes strenggläubigen und glaubenstreuen Judentums, verbrüdert mit moderner Bildung und exakter Wissenschaftlichkeit im Schoße der Berliner jüdischen Gemeinde? Das Vorstehende gM die wenig erfreuliche Antwort. Wäre Sachs selbst ein stärkernerviger, rücksichtsloserer Kämpfer gewesen als er war: gegen den latenten oder offenen Widerstand eines Lazarus', eines Mäkowers, eines Magnus' e tutti quanti, konnte ihm, zumal in dein Berlin der sechziger Jachre des vorigen Jahrhunderts, ein über den Moment hinauswährender Erfolg nicht beschieden sein. Nur zwei Erscheinungsformen des öffentlichen jüdisch« Lebens in Berlin führen in ihren letzten Ausläufern heute noch auf diese Wirksamkeit zurück, und gerade sie sind von unserem Standpunkt am wenigsten geeignet, das Andenken an Michael Sachs in seiner Reinheit zu pflegen. Zum einen diejenige Sinnesart des Berliner Conservativisnlus, die durch die Nachgiebigkeit in scheinbar kleinen Dingen größere Gefahren beschwören und wertvollere Conzeffionen zu erringen zu können, glaubt. So hat auch Sachs V'2CT gehofft, durch Opfer, die er dem „Zeitgeist" im synagogalen Ritus brachte, größere Reformsorderungen abwenden zu können, und den Alukah-, Geist dieser Bestrebungen verkannt, deren Haw- Häw-Geschrei durch Entgegenkommen nur noch mehr aufgestachelt wird. — Zum zweiten, die Ueberschätzung der Predigt — eine freilich unbewußte Uebertragung protestantischer Kirchenanschauung und Religionsauffaffung im Judewgrundlegende Art der Jntervallensolge, die zur Steigertheorie von Weinfraub, Deutsch und Singer führt:. Im Anschlüsse daran trug er die Melodie des Wajchullu dor. Bor jedem neu besprochenen jüdischen Tonsystem ließen sich die Herrschaften als Ergänzung die entsprechende Stelle aus dem Gebetbuche vortragen. So sang Ober- Kantor Davidson als Beleg für Yen Orchodosch-Steiger den B-moll wschomru von Kirschner, ^tvo namentlich die Uebereinstimmung des chasonischen Stiles Mischen der Begleitung und der Solostimme höchstes Jntereffe erregte. Aber nicht bloß den Borträgen von Kvl nidrei, b'rosch haschonoy usw. . erkannte die kunstsinnige Fürstin das Prädikat „wunderbar" zu. Auch als Ober- Kantor Davidson von der Neginoth zu der Borttagsart des Eichos küm, erfuhr er für die Singweise der Klagelieder di »selb: Beurteilung. . (Zu Leo Tolstois 80. Geburtstag.) Der große Freiheitsapostel ist jederzeit und mit allem Nachdruck für die Juden und gegen den Barbarismus der russischen Machthaber eingetreten. Nach den Pogromen äußerte er sich dem Rechtsanwälte Tenerowo folgendermaßen: „Seit den Schrecken der Sklaverei weiß ich nichts Furchtbareres als. diese ruchlose, gegen das ganze Volk verübte Grausamkeit. Menschen wie Tiere in einem Käfig einsperren, sie mit schändlichen Ausnahmegesetzen absondern, sie durch gemeine und nach Bestechungen gierige Aufseher überwachen'lassen, sie von jeder vernünftigen urw legitimen Beschäftigung und namentlich vom Landback wegzudrängen, und alles dies KU tun eittKig zu dem empörenden Zwecke, drn Pöbel auf die Juden losKulassen, so oft ores für Petersburg dienlich erscheint,das ist genau dasselbe, was .unter den römischen Cäsaren geschah, da dir Bestien in den-Zirkussen auf Verbrecher uno Christen " losgelassen worden sind. -Das, ja das ist die Lage der Juden in Rußland. Es ist schrecklich, schrecklich! Genau so wir dis Cäsaren und ihre schmeichlerischen Höflinge den Pöbel mit blutigen Schauspielen unterhielten und so die Augen der Massen von drn Verbrechen der Regierungen ablenkten, genau ebenso hat dir nicht minder listige, aber noch mächttgere Bureaukratie einen ungeheuren Zirkus errichtet, den sie drn Rayon drr indischen Ansiedlungen nennt, und 'in diesem Zirkus hält sir die Gefangenen.für dieselben bluttgen Schauspiele und zu demselben niedrigen Zwecke, um nämlich die Augen des Volkes von den Verbrechen der Regierung abzulenken, so oft das Land zu erwachen sich anschickt, oedr wenn die Lüge allen die Augen zu öffnen droht. Um die Aufmerksamkeit des Bolkrs abzulenkm, . lädt sie das Land zu neuen Gladiatorenkämpfen und schickt sie Herolde von Stadt KU Stadt, um drn verarmten Pöbel aufzufordern, die Läden und Wohnungen der Juden zu plündern. . . . Das russische nationale Gefühl soll darin bestehen, Läden KU plündern und Greisen und Frauen die Köpfe einzuschlagen! Mein Gott, der Zorn kocht in mir, mein ganzes Wesen empört sich über diese Verleumdung unseres Volkes, dessen Führer nicht wert sind, ihm die Schuhriemen zu lösen, den Saum des Gewandes zu berühren. In Kiew wurde ein einfacher Polizist plötzlich von .Mitleid ergriffen, verteidigte einen Juden und jagte leine Angreifer davon. Sofort kam ein Vorgesetzter auf ihn zu und ermahnte ihn mit folgenden Worten: „Du darfst nicht die Asußerungen des Bolkszornes verhindern." Ern ganzes Volk, ein so altes Volk, welches der. Welt so viel, gegeben Hat, wird in eine Schale verwandelt, in die sich der Zorn .der Russen ergießen soll, wird ausgepreßt und zur Verzweiflung gebracht durch das Joch der Bureaukratie. Die Archen lind der Kanal geworden, der den Lauf der russischen Volkswut ablenken soll. -Ein solcher Fluch ist von deck Propheten niemals vorhergesehen worden. Seit meiner Kindheit wohne ich in einem ganz und gar russischem Dorfe, und niemals habe ich etwas bemerkt.oder gehört, was auch nur.im entferntesten zu dem Gedanken berechtigte, daß unsere Bauern den Juden feindlich gesinnt feien, fei es gegen ihre Religion ooer gegen ihre Rasse." (Die hohen Feiertage des Schweinemetzgers.) In einem Wiesbadener Lokalblatte lesen wir folgende Annonce: „Hoher Feiertage halber bleibt mein Geschäft von morgen Freitag abend S Uhr bis Montag früh geschlossen. Gleichzeitig bringe mein I» Rindfleisch, Ia Kalbfleisch, sowie den besten Schweinebraten und Hammelfleisch in empfehl. Erinnerung. Albert Hirsch, Metzgerei, Zietenring." Wir vermuten, daß die hohe Bedeutung der Feiertage für den Herrn darin liegt, daß sie ihm aG günstige Reklame für seine Schweinemetzgerei dienen. (Jüdische Altertümer in der Ofener Festung.) In einem Budapester Blatte gibt Prof. Tr. M. Weiß einige interessante Mitteilungen über jüdische Altertümer in der Ofener Festung. Ms am 2. September 1686 — vor genau 222 Jahren — Ofen von den verbündeten Heeren drr Christenheit den Türken entrissen wurde, verschwand auch die bis dahin blühend r jüdische Gemeindr. Dir berühmte Gemeinde mit ihren weitbekannten Jnstitn-