Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449340--64936-2507550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8. Oktober 1908. Der Israelit. 'Jlx. 41. Seite 7. York 150 Mark — vor allem aber die gchp? stigen Bedingungen, die unsere Glaubensgenossen notorisch unter.der judenfreundlichen türkischen und englisch-ägyptischen Regierung finden, hat denn in den letzten Jahren eine spontane jüdische Einwanderung und Kolonisation in diesen Ländern veranlaßt. Damit ist die jüdische Kolonisationsbeweg^ ung in ein neues Stadium getreten. Hier eröffnen sich neue und wichtige Aufgaben, mit denen sich keine der bestehenden Organisationen befaßt. Betrachten wir den Charakter dieser spontanen Orientkolonisation, so fallen uns nachstehende bedeutsame Merkmale ins Auge: es handelt sich um die Einwanderung ziemlich bemittelter Elemente, die gewisse Fachkenntnisse mitbringen und vorwiegend nicht landwirtschaftliche, sondern industrielle Betriebe gründen. Wir stehen heute an der Schwelle der industriellen Kolonisation, der sich erfreuliche Ansichten zu eröffnen scheinen. Dies ergibt sich nicht nur aus dem Erfolge der neugeschaffenen Etablissements, sondern auch aus der Erwägung der vorhandenen Bedingungen. Während die landwirtschaftliche Produktion im türkischen Reiche mit den höchsten Abgaben belastet wird, ist die Industrie völlig steuerfrei. Der früher allzu niedrige Einfuhrzoll von 8 Proz. wurde durch Erhöhung aus 11 Proz. zum wirksamen Schutzzoll, während gleichzeitig der Binnenzoll auf 8 Proz. erniedrigt wurde. Während ferner die landwirtschaftliche Kolonisation bei erheblichem Kapitalaufwande nur einer relativ geringen Menschenzahl in langsamem Tempo zur Existenz verhilft, vermag die industrielle unter Investierung geringerer Mittel einer größeren Anzahl von Familien rascher ein auskömmliches Dasein zu sichern. Schließlich eignet sich das auswandernde Menschenmaterial zunächst wesentlich besser für die Industrie als für die Landwirtschaft. Die russisch-jüdische Bevölkerung hat sich bekanntlich in gewissen Industrien, wie die Kleidermanusaktur, die Zucker-, Bürsten-, Schuh- und Zigarettenfabrikation spezialisiert. In Rußland haben die Üeineren Unternehmer und Arbeiter mit unerträglichen Bedingungen zu kämpfen. Ihre Verpfianzung nach den großen Industriezentren von London und Nework führt zu der verwerflichen Ausbeutung in orm des Schwitzsystems, zur unterbietenden vkurrenz und zu bedrohlichen Konstikten mit der einheimischen Arbeiterbevölkerung. In den Ländern desOrients dagegen können diese russisch-jüdischen Volks-Jndustrieen mit größtem Nutzen für das Kolonisationsgebiet ungehindert und in der blühensten Weise sich entwickeln. Erst durch die Uebertragung solcher ^idustrien aber würde tatsächlich ein erheblicherer Menschenstrom nach dem neuen Einwanderungsgebiet gelenkt werden, würde die Kolonisation dem enormen Auswanderungsbedürfnisse gegenüber eine bedeutende Volle zu spielen beginnen, würde sie zu einer gesunden, breiten Bewegung werden. Bei der Wechselwirkung zwischen Industrie und Landwirtschaft wird das Aufkommen der ersteren zweifellos auch auf die agrikulturelle Entwicklung befruchtend wirken, so daß auch der Zweck, einen jüdischen Bauernstand zu schaffen, durch Gründung industrieller Niederlassungen wesentlich gefördert werden würde. Diese Umstände legen der neuen Kolonisations- Organisation nahe, ihr Augenmerk zunächst vornehmlich der industriellen Ansiedlung zuzuwenden. Die hier für sie erwachsenden Aufgaben unterscheiden sich wesentlich von denen der bestehenden jüdischen Kolonisationsinstitutionen. Während letztere vornehmlich dazu bestimmt sind, völlig mittellose Elemente nach dem Ansiedlungslande zu bringen und auf philantropischem Wege mit Grundbesitz auszustatten, gilt es hier, für die Organisation und den Schutz der spontanen Kolonisation ‘ nicht unbemittelter Glaubensgenossen, sowie für eine Förderung auf geschäftlicher Grundlage mit entsprechend zu sorgen. Der nenen Gesellschaft wird es obliegen, Informationen zu erteilen, auf Art und Ort aussichtsreicher Niederlassungen hinzuweisen, Expertisen durchzuführen, Konzessionen zu erlangen, den Verkehr mit den Behörden zu erleichtern, mit einem Worte, die Bedingungen zu schaffen, unter denen die Ansiedlung wirtschaftlich selbständiger Elemente sich gedeihlich entwickeln kann. Hierzu gehört vor allem auch die Beschaffung eines zugänglichen, den > Erfordernissen angepaßten Kredits. Durch entsprechende Handhabung des Kredits und geeignete organisatorische Maßregeln wird die neue Vereinigung auch dahin wirken können, daß soziale Auswüchse, wie sie die jüdische Einwanderung in anderen Ländern mit sich gebracht hat, hintan gehalten werden. Mit allem Nachdruck muß hervorgehoben werden, daß die neue Kolonisationsgesellschaft, weit entfernt, Glaubensgenossen, die in ihrem Geburtslande ein auskömmliches Dasein finden, durch Erleichterung der Niederlassung zur Auswanderung zu ermuntern, sich darauf beschränken wird, die in jeder Hinsicht geeignetsten Elemente unter den zur Auswanderung tatsächlich Gezwungenen bei der Begründung einer neuen Existenz in wirtschaftlich rationeller Weise zu unterstützen. Neben der Förderung der Anfiedlung nach modernen Prinzipien und auf kommerzieller Basis wird es zu den Aufgaben der neuen Organisation gehören, jene großen jüdischen Kreise, die der Kolonisation bis jetzt fern standen, insbesondere aber die offiziellen Vertreter und sonstigen maßgebenden Faktoren der Judenheit für die Idee dieses unerläßlichen Rettungswerkes zu interessierendas jüdische Kapital, das an so vielen Kolonisationsunternehmungen anderer Völker sich beteiligt, auch für die jüoische Kolonisation zu gewinnen. So soll die neue Organisation im wesentlichen eine vermittelnde Institution sein, die, falls ihre ersten Schritte mit dem erwarteten Erfolge gekrönt sein werden, die Bildung von Konsortten für größere Kolonisattonsunternehmungen landwirtschaftlich-industrieller Natur anregen wird. Auf Grund des Gesagten lassen sich die Mittel zur Verwirklichung der Bestrebungen der geplanten Organisation etwa folgendermaßen formulieren: 1. Die dauernde geschloffene Ansiedlung der zur Auswanderung gedrängten Gruppen der jüdischen Bevölkerung. 2. Alle anderen Maßregeln, die zur Förderung des Zieles geeignet erscheinen und den Landesgesetzen entsprechen. Punkt 2 hat den Zweck, die neue Institution von jener statutarischen Kneblung zu befreien, die die bestehenden Organisationen bei der Entfaltung ihrer gemeinnützigen Tätigkeit zuweilen in empfindlicher Weise beschränkt. Für die Verwaltung der neuen Organisation dürfte folgender Modus vorzuschlagen sein: Die Organisation setzt sich aus koordinierten, in jeder Hinsicht gleich berechtigten Landessektionen zusammen. Jede Landessektion wählt ein beratendes Komitee (Conseil und einen Axbeitsausschuß (Exekutiv-Komitee). Gleichzeitig wählen die Mitglieder der Organisation in allen Ländern durch ihre Delegierten einen Zentralrat. Diesem wird einerseits ein aus jüdischen Notabeln, sowie aus Vertretern jüdischer Großgemeinden und Organisationen zusammengesetztes Kuratorium, andererseits ein mit einem Bureau verbundenes Zentral-Exekutiv-Komitee beigegeben. Als Bezeichnung für die neue Bereinigung schlägt das vorbereitende Komitee vor: Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation. Berlin, 3. October. Der die „Vereine Jüdischer Studenten" an den deutschen Hochschulen umfassende „Bund Jüdischer Corporationen" (B. I. C.) blickt auf ein erfolgreiches Semester zurück. Mit seinen neun Kartellvereinen (zwei Vereine au der Universität Berlin und je ein Verein an den Universitäten München, Breslau, Straßburg, Freiburg, Königsberg, Marburg und an der Charlottenburger Technischen Hochschule), die insgesamt etwa 450 Mitglieder zählen, ist er die grüßte jüdische Studen tenorgamsation Deutschlands, und entsprechend der von ihm vertretene Idee des selbstbewußten Judentums in stettgem Wachsen begriffen. Diese Größe der Organisation legte dem Bunde die Verpflichtung auf, auch für das spätere Fortkommen seiner Mitglieder zu sorgen, und da es überhaupt im Interesse des B. I. C. liegt, Leute jüdischer Gesinnung auf verantwortungsvolle Posten zu stellen, hat er im letzten Semester mit der Schaffung eines jüdischen Arbeitsamtes, d. h. eines sich über ganz Deutschland erstreckenden jüdischen Arbeitsnachweises für alle akademischen Berufe, begonnen, ein Unternehmen, das natürlich noch in den ersten Anfängen steckt, von dem aber schon jetzt gesagt werden kann, daß es für die jüdische Krästeverteilung und daher für das gesamte jüdische Leben Deutschlands von weittragender Bedeutung werden muß. Wir werden über diese Institution, die natürlich nicht nur Mitgliedern des B. I. C. zugute kommen soll, seinerzeit ausführlicher berichten. In den einzelnen Vereinen verging das verflossene Semesterin der gewohnten Weise. Fuxenstunden und Fuxenprüfungen machten die jüngeren Mitglieder mit den wichttgsten Fragen der jüdischen Gegenwart und den wichtigsten Dingen der jüdischen Geschichte vertraut. Kurse über jüdische Geschichte, Hebräische Sprachkurse oder Palästinakurse fanden in allen Vereinen statt, Diskussionsabende gaben, den Mitgliedern der einzelnen Vereine Gelegenheit, ihre Gedanken auszutauschen und die von dem in Berlin tagenden Präsidium des Bundes herausgegebene interne Monatsschrift „Der Jüdische Student" hielt die Einheit des Bundes aufrecht und. stellte allgemein interessierende Dinge zur Diskussion. Dabei ist es natürlich, daß im Sommersemester die Geselligkeit ganz besonders zu ihrem Rechte kam; durch Ausflüge, Kneipen, Schwimmen, Rudern etc. suchten sich die Bundesbrüder einander nähe^ukommen. Jede Auskunft über alle den B. I. C. betreffenden Fragen erteitt bereitwilligst der Schriftführer des Bundesvräsidiums cand. ehern. Arnold Hildesheimer Berlin, N. 24. Friedrichstraße 130. Berlin, 1. Oktbr. Der preußische Medizinal- Beamten-Berein hielt seine diesjährige Hauptversammlung in den Tagen vom 28.—30. Sept. in Berlin ab. U. a. hielt Prof. Dr. Lochte, Kreisarzt in Göttingen, einen interessanten Vortrag über die Psychologie der Aussage, der auch viele richterliche Personen angelockt hatte. Der Redner kam an der Hand eines reichen Materials und logischer Erwägungen zu dem Schluffe, daß der Richter bei der Vernehmung von Zeugen große Vorsicht walten lassen muß, denn sehr.viele Zeugen lassen sich von allerlei äußeren Momenten beeinflussen. Der Redner erinnerte dabei an die verschiedenen Ritualmordprozesse und andere Gerichtsverhandlungen, bei denen der antisemitische Fanatismus eine Rolle gespielt hat. Er gedachte des Tisza-Eszlarer Ritualmordprozeffes vor dem südungarischen Kreisgericht Nieregyhaza im Mai und Juni 1883, der Fälle in Lauten 1891/92 und in Polna 1899. In allen diesen Fällen haben sich in der Vorstellung der Zeugen die Tatsachen immer plastischer gestaltet. Die Zeugen sagten immer sicherer aus, je länger die Tatsachen zurücklagen. Normalerweise verblaßt aber doch gerade im Gegenteil die Erinnerung und die Aussage muß naturgemäß immer undeutticher werden. Zeugen gegenüber, die mit solcher Sicherheit sich angeblich genau der kleinsten Einzelheit entsinnen können, ist stets die allergrößte Vorsicht geboten. Hamburg, 26. September. Das Repräsen tantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt im Gemeindebureau eine Versammlung unter Vorsitz des Herrn Jakob Alexander ab. Zunächst wurde ein Antrag des Herrn Alexander Levy, den * Gemeindevorstand zu ersuchen, dem Repräsentantenkollegium eine genaue Aufzeichnung aller bei der Depositenkaffe für