Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 8. Oktober 1908 Der Jrraellt. K, 41. der Reformfreunde, deren Phrasentum und Unwahrhafttgkeit er in den Schlagworten der Korachrotte wiederfand. „Ihr brüstet Euch, daß Ihr den Gott im Herzen tragt, und glaubt Euch damit für das Handeln entschuldigt zu haben, das gegen Gott und seine Gesalbten sich kehrt. Glaubt Ihr Neues, Unerhörtes mit dieser selbstzufriedenen Entschuldigung, dieser stolzklingenden Redewendung, die der Menge genügt, auszusprechen? Ihr irrt! Dasselbe haben lange vor Euch, zu Mosche's Zeiten bereits die Genossen Korachs getan, die Korachsrotte gedacht. Dirn Dmrm Wir haben Gott in uns, drum dürfen wir durch die Tat ihn dreist verleugnen," so schallte es aus jener vielhundertköpsigen Menge dem Propheten Gottes damals entgegen, inv mp '221 und so schallt eS auch heute dem entgegen, der für Gott und seine Thora eintritt und sein Führer- und Lehreramt nicht nach dem Wunsch und Willen der Mehrheit richtet." Aber weder die stachlige Rede aus verbittertem, tiefbekümmerten Herzen, noch die mildmahnende Unterweisung und Belehrung, von welcher seine Schriften samt und sonders erfüllt sind, noch die aus prophetischem Geist herquillende Vorhersage des vollen religiösen Verfalls und der Scheidung der Geister in der Gemeinde vermochte die kompakte Majorität der zerstörungswütigen Reformfreunde von -ihrem Plane abzubringen oder auch nur einen Augenblick auf ihrem Wege aufzuhalten. Man verschwieg der Gemeinde, da man den Eindruck der Tatsache fürchtete, daß Michael Sachs y'XT ein Gutachten gegen die Orgel abgegeben und leistete dadurch, solange es anging, der Meinnng Vorschub, daß er mit dem kan a-ovoinpri sich abgefunden habe oder abfinden werde,' und als die Fiktion nicht länger auftecht zu erhalten war, als man von der Existenz des Gutachtens erfuhr und seine Bekanntgabe gefordert wurde, da griff man zu dem von jeher bei den Gewalthabern beliebten Kniff, wenn sie das Licht der Oeffentlichkeit bei ihren Taten scheuen zu müssen glaubten: man proklamierte das Amtsgeheimnis und bezeichnte das Aktenstück als sekret. So hat die Oeffentlichkeit von dem Sachs'schen Gutachten nichts erfahren, bis ein glücklicher Zufall Herrn Prof. Berliner das solange sorgsam gehütete Aktenstück auf seinen Arbeitstisch flattern ließ. Es ist seitdem in vielen Tausenden Exemplaren allerorten hin verbreitet worden, wo die Gefahr einer Hellenisierung oder Verchristlichung des Gottesdienstes vorzuliegen schien, und hat im Verein mit den übrigen in der wertvollen Broschüre gegebenen Materialien seine Bestimmung „zur Lehr' und zur Wehr" trefflich erfüllt.*) V Tie Broschüre ist Hom Bureau der „F r; i c n Vereinigung für die Interessen des vr- Guts über die Spanne feiertäglicher Stimmungen hinaus — Pessäch, Schwuoth, Suckoth, Schmini Azereth — die plötzliche Unterbrechung der werktäglichen Prosa durch die erhabensten Momente nationalgeschichtlicher Erinnerungen — Maarowotb und Jozeroth — bas Opfergedächntis festlicher Geoetsstücke, und wenn die Lage es will, unmittelbar vom Feste in den Sabbath hinein oder beim Ausgang des Sabbaths der Eintritt oes Festes, und so ein langer Kordon um eine ganze Woche gelegt und ihr die Weihe der tiefsten Spannungen des ^Geistes und Gemütes gebracht: kann man einen Tag durch bunte Fahnenwimpel, durch Tambourmärsche und Prozessionen festlicher gestalten als mit diesen historischen Mitteln einer tauserchjährigen Religion? Ueberall und stets das Volk mit seiner Erinnerung und seinen Ausgaben im Vordergrund und darüber die Majestät der göttlichen Pflichtforderung schwebend. Die Freiheit aus Gottes Hand, und nur dann ein Volk würdig dieser Freiheit, wenn sie es als ein Gottesgeschenk begreift und nicht als ein Mittel mißbraucht, sich selbst mit den Ansprüchen der Vergänglichkeit auf den.Thcon zu setzen. Das materielle Wohl aus Gottes Hand und nur dann zum Segen gereichend, wenn es dem Ideale dienstbar wird und den geschichtlichen Aufgaben als Grundlage sich darbietet. Die Erhaltung oesgeistigen Wohls, des materiellen Glücks dem Pslichtbcwußtsein des Volkes überantwortet, sodaß es als freier Gebieter seiner Lebenstat, aber auch als sreier Schöpfer seines Lebensglücks erscheint. Das wollen uns die Jomim Tauwim lehren. Und wenn sie uns auch in ihrer ganzen Tiefe nicht verständlich werden, wenn es stets nur die tatsächliche Uebung ihrer Forderungen ist, mit der sich Israels Gesamtheit dem unterordnet, der fern 'Volk an den Festtagen in den Kreis seither Herrlichkeit ladet, wenn es auch immer mehr praktische Ueberblickt man die gesamten wissenschaftlichen Leistungen von Michael Sachs Vst, so darf man, wie verschiedenartige Gebiete sie auch umfassen und in wie mannigfachen Disziplinen sie ihn uns kennen lernen lassen, e i n s als durchgehenden Zug in ihnen ansprechen und zu seinem Ruhme besonders hervorheben; das ist: die apologetische, auf die Ehrenrettung und Verbreitung richtigerer Erkenntnis vom Judentum, seiner Lehre, seiner Geschichte, seiner Gedankenwelt und seiner Mission gerichtete Tendenz dieser wissenschaftlichen Tätigkeit. Eine hermeneutische Studie über Jesajas 58 (in Kerem chemed Jahrgang VII) bietet ihm willkommene Gelegenheit sich mit der, inzwischen zum Dogma erstarrten Phrase von dem Gegensatz zwischen prophetischem Judentum und dem Judentum des Gesetzes auseinanderzusetzen. — Die Beschäftigung mit der religiösen Poesie des Judentums gibt dem hier vorwiegend in dem Gewände des Geschichtsforschers Einherschreitenden Anlaß, deß eingedenk zu sein, daß die Zeiten vorüber sind, in denen man mit der Darstellung eines jüdischen Stoffes bloß der nichtjüdischen Böswilligkeit und Unwissenheit ein Stückchen Terrain abzugewinnen sich vorsetzen konnte; an ihre Stelle ist das Schlimmere getreten, daß ein Teil der Juden selbst, die Helden des.Wortes und der Feder,. die Lehrer und die Führer, namentlich die Aufgabe sich, gestellt, als Angeber und Verlästerer ihrer Glaubenslehren und ihres, vielen unter ihnen allerdings unbekannten Schrifttums, die bisher von Nichtjuden geschmiedete Kette des Vorurteils durch neueingefiigte Ringe zu verlängern. „Diejenigen, welche die verbrauchten Redeblumen und Kraftwörter eines schon verhauchenden Nihilismus mit selbstgefälliger Eitelkeit als ein „neues Bewußtsein" ausbieten und feilhalten, und, indem sie auf den Geist der Gegenwart Hinweisen, der in ihnen durchgebrochen, nur zu oft die Gegenwart irgend eines Geistes vermissen lassen, und indem sie sich die Fortgeschrittenen dünken, dem mit dem Gange der Bewegungen tiefer Vertrauten als die Ueberschrittenen und Verschollenen erscheinen — diese sollten durch die wiederholte Hinweisung auf die Quellen der Erkenntnis und Weisheit, von denen sich ihre Philosophie nichts träumen läßt, zu bescheidenem Schweigen oder ehrlichem Lernen und Forschen gemahnt sein." Goldene Worte, die. wir für unsere Zeit geschrieben meinen und ihr nicht oft genug wiederholen können! In diese Jahre fällt auch ein Brief an Veit (Briefwechsel S. 68), in dem Michael Sachs schreibt: „Ich staune thodoxen Judentums" zu beziehen, der von Herrn Pros. Berliner eine größere Anzahl Exemplare überwiesen worden sino.' als nachdenkliche Zeiten gegeben hat und wohl immer geben wird, was schadet das? Gottes Institutionen wollen gern verstanden sein, aber wenn sie auch in stummer Schönheit an uns vocüberziehen, ihre Wirkungen auf die Volkspsyche sind so unerreicht und so wunderbar, daß es wahrlich nicht erst einer nationalen Selbstbesinnung bedarf, um in Israels festlicher Weihe und in der Rückwirkung dieser Weihe auf Israels nationale Physiognomie ein geschichtliches Phänomen sondergleichen zu erkennen. * . * * Wenn ein alter Mann, der nicht ganz unniitz gelebt hat, an uns vorübergeht, dann erheben wir uns vom Sitze und bezeugen ihnr damit ein Zeichen unserer Hochachtung. Es muß schon 'jemand ziemlich verroht sein, wenn er einem Greife nicht mit dem Respekte begegnet, der nicht nur gesellschaftlich geboten, sondern auch ethisch begründet ist. Wenn der Mensch ans die Welt gekommen wäre zu keinem anderen Zwecke, als sein Leben zu genießen und ohne von Gedankenblässe „angekränkelt" zu fein, ohne Ideal und Enthusiasmus ein stumpfsinniges Dasein zu führen, welchen Sinn hätte dieser der Menschennätnr so tief eingewurzelte Respekt, den wir einem Greise entgegentragen. Weil er bereits sechzig oder siebzig Jahre sich amüsiert hat und wir's nicht einmal bis zur Hälfte dieser Zeit gebracht haben, weil er zwei Menfchenalter hindurch Gelegenheit hatte, alle Honigsüße aus den Blumen der Erde zu schlürfen, weil er doppelt so viel und doppelt so oft, als wir, gegessen und getrunken, geraucht und uespielt hat, das sollte ihn eines Gefühls der Hochachtung, u,rd äußerte es sicki auch nur im flüchtigen Hutadnehmen, würdig machen? Das glaubt kein vernünftiger Mensch. Im Respekte vor einem grauen Haupte liegt die Anerkennung des Ideals, der Notwendigkeit einer durchgeistigten Lebensüber die Ignoranz und empöre mich noch tiefer da rüber, als über die sündliche Gesinnung, die in den neuen soi disant Reform-Bestrebungen sich kundgibt." Liest man statt neuen: allerneuesten, so paßt's allzugut für unsere Tage! — Den „Stimmen vom Jvrdan und Euphrat" gibt er die, an ein altes Mischnahwort anklingende Peroratio mit auf den Weg: „Noch unendlich viel mehr, als hier geboten wird, darf, wenn neben dem herrschenden Golddurste, dem mit dem Fluche des Neides behafteten, ein Durst nach dem edlen Erze, das in jenem reichen Geistesschachte vergraben liegt, .sich regt, dem redlichen Sucher verheißen werden." — Auch in den „Beiträgen" gibt es kaum ein Kapitel, in dem diese apologetische Tendenz nicht deutlich hervortritt. „Merkwürdige Nachrichten über Naturereignisse, Krankheiten und Heilmittel, die von Talmud und Midrasch berichtet werden und ihnen seitens mancher christlichen Theologen den Vorwurf des rabbinischen Aberwitzes" zugezogen haben, werdenals aus den Quellen des Aristoteles, Plinius, Dioskorides. u. A. stammend nachgewiesen. Und die zuweilen seltsamen etymologischen Erklärungen der jüdischen Schriftwerke erhalten ihre Analogieen in den Werken der griechischen Grammatiker. Wenn wir manchmal. über den ungeschichtlichen Sinn, der sich in den Midraschim kundgibt und über die naiven Vorstellungen, die sie von den Verhältnissen anderer Völker haben, staunen müssen, so lernen wir aus den Nachweisungen von Sachs diese Unkenntnis als ein allgemeines Charakteristikum jener dunklen Jahrhunderte kennen u.s.w." (Eschelbacher.) — Und daß schließlich den Antrieb zu der Machsor-Uebersetzung der Wunsch gab, gegenüber dem immer lärmender auftretenden Verlangen nach „zeitgemäßer Kürzung" der Liturgie den Wortführern und Vertretern dieser Forderung erst einmal zu zeigen, welchen Schatzes sie sich selbst und ihre Gemeinden in den Piutim zu berauben unternähmen, das ist zu sehr allgemein bekannt, um erst noch ausdrücklich belegt zu werden. — Mögen die Zünftler vielleicht gerade ob dieser Feststellung, daß das wissenschaftliche Lebenswerk von Michael Sachs y'XT Tendenz — im edelsten Sinne des Wortes - war, die Nase über seine Leistungen rümpfen und die Stirn in krause Falten ziehen: für uns steht diese Wissenschaft um so höher, weil sie im besten Sinne o'Ci? ovV betrieben wurde und das Ziel, das sie sich gesteckt hatte, den Ruhm des Gottesvolkes zu mehren, zu künden und gegen jeden Anwurf zu schützen, nie aus den Augen verlor. Führung, als Voraussetzung eines befriedigenden Daseins, wenn es nicht enden soll in Nacht und Verzweiflung. So .gedankenlos sind wir alle nicht, daß wir ein Leben zurücklegeu sollten, dem jede Weihe, jedes geistige Wohlbefinden mangelt. Und wenn wir einem alten Manne begegnen, so ist der erste Gedanke: Hier ist jemand, der wieder einmal die Mtelksiteu der Welt gesehen, verstanden und überwunden bat. Und wir grüßen ihn wie einen Sieger nach gewonnener Schlacht, wie einen, der mit» den irdischen Nichtigkeiten so ziemlich abgerechnet hat. Und gerade die, die sich beim Anblick eines Greises gar nichts denken, sondern unwillkürlich mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht ihm nachblicken, beweisen es am deutlichsten, wie nicht erst reflexionsmäßige Ueberlegung, wie schon der bloße Instinkt in einem alten Manne den ruhigen Ueberwinder ehrt, der,, wenn -ihm die Natur vergönnte, noch einmal zu leben,, vielleicht auf Grund zahlreicher Erfahrungen ein besseres, schöneres, reicheres Leben begänne. ^Jüdische Kunst im Knrstcnschloste.) In Teplitz wurde der in hohem Ansehen stehende Badearzt Geheimrat Tr. Hirsch zu Grabe getragen und unter den Nobilitäten, die am Leichenbegängnisse tcilnahmen, befand sich auch Sr. Durchlaucht Fürst Clary. Die jüdischen Gebete, die er bei dieser Gelegenheit vernahm, erweckten so sehr sein musikyist -risches Interesse, daß er den Ober-Kantor der Teplitzer Gemeinde, Herrn Eugen Davidson, zu einem Besuchs im Schlosse veran- ' laßte, um Ihre Durchlaucht die Fürstin mit den Klängen altjüdischer Gesänge Tekannt zu machen. Ober-Kantor Davidson wurde im großen Musiffaale des Schwsses von dem Fürsten, der Fürstin und her Prinzessin Radziwill entpsangen. Bor Den mitanwesenden llnwersitätsprosessoren und Prälaten entwickelte er znyächst die