Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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' Nr. 41. '' ' auszubilden, Kat er bei R. Gamaliel gelernt. Und sehr wahrscheinlich ist es, daß auch S. R. Hirsch zu derselben Zeit bei R. Gamaliel in der Altonaer Klaus gelernt hat. Durch die Wirren, die damals infolge der Besetzung.Hamburgs seitens der Franzosen und infolge der dadurch hervorgerufenen Trennung der Gemeinden Altona und Hamburg in der jüdischen Gemeinde in Hamburg enstanden waren, war die wißbegierige jüdische Jugend Hamburgs genötigt, sich nach dem benachbarten Altona zu wenden, um dort in der Klaus ihren Wissensdurst zu befriedigen. Vermutlich waren also Hirsch, der. damals zu dieser Jugend Hamburgs gehörte, und R. Jekef nicht nur Alters-, sondern auch Studiengenossen. Wie schon erwähnt, ging Cohn im Alter von 13 Jahren zu Fuß nach Preßburg, um dort zu Füßen des großen Chaßam Szofer sich im talmudischen Wissen zu vervollkommnen. Noch im hohen Alter leuchtete sein Antlitz auf, wenn er von seinem hochverehrten Lehrer erzählte, der chn nach neunjährigem unermüdlichem Studium zu seinem „Hausbachur" ernannte, eine Würde, die nur sehr wenigen hervorragenden Schülern zu teil wurde.- Fast volle 12 Jahre blieben Cohn und Holländer in Preßburg,- während dieser Zeit waren sie durch ihren unablässsigen und eisernen Fleiß wahre Talmide-Chachamim geworden, die in ihrer Opferfreudiakeit selbst die Heimat im Stiche zu lassen und ihren Wohnsitz dauernd in Preßburg nehmen wollten, aus Furcht, sich von ihrem Lehrer trennen zu müssen. Da abyr riet ihnen Chaßam Szofer selbst, nach Deutschland und in ihre Vaterstadt zurückzukehren, weil sie dort ein größeres und geeigneteres Arbeitsfeld hätten, Thäuro zu lehren und zu verbreiten, als in Preßburg. Diesem Rat folgten beide willig und machten sich alsbald auf, um wiederum zu Fuß über Prag und Braunschweig nach Altona zu reisen. Der Ruf ihrer Gelehrsamkeit eilte ihnen vorraus und kaum waren sie in der Vaterstadt angelangt, ^als ihnen im Jahre 1833 die Würde eines Klausrabbiners übertragen wurde, die R. Jekef Cohn — R. I. Holländer starb schon 1872 — 72 Jahre innegehabt hat. 1845 ernannte ihn die Gemeinde wegen seines hervorragenden Wissens zum Dajan am jüdischen Gericht in Altona *), dessen Vorsitzender damals R. Jakob Ettlinger war. Nach dem Tode des roßen Mannes verwaltete er das Oberrabbinat is zum Amtsantritt von Dr. Lob. Er selbst drängte in seiner Bescheidenheit dazu, daß so schnell wie möglich ein neuer Rabbiner gewählt *) 1862 wurde dies Gericht, das auch über Streitig keilen zwischen Juden und Nichtjuden zu entscheiden hatte durch Friedrich VII. von Dänemark aufgehoben. vollkommen recht. Er vergißt nur, -atz Religion doch eigentlich gar keinen Sinn hat, wenn sie uns in uisserer täglichen Befriedigung einer körperlichen Notdurft, als die das Elsen gilt, im Stiche läßt und uns für ein paar Augenblicke in ihre Nähe ruft, um uttä mit ein paar Stimmungen für eine ganze Woche zu versorgen. Das wäre nnr eine schöne Religion. Es gibt Leute. die unmöglich aus ihrer Werkeltagsstimmung vertrieben werden können, durch die schönste Predigt und den erhabensten Chorgesang nicht. Mer Leute, die nicht essen, gibt es nicht. Wie klug nun, sie beim Mittagstisch zu fassen und in einen: Augenblick prosalschster Menschlichkeit ihnen beizubringen, daß die Unterschiede zwischen Mensch und Tier in der Tat fließende sind, wenn sich der Mensch nicht rechtzeitig aus seine Gottebenbildlichkeit besinnt. Ein Choral prallt an zahlreichen Gemütern wirkungslos ab, ja schläfert, sie in einen unverhofften Schlaf zum Gaudium aller wachgebliebenen Mitbeter ein. Wer aber jahraus jahrein rituelle Kost genießen und benschen muß, der wird allmählich, und wenn er der größte Stockfqch ist, mchi umhin können, zu gestehen, daß zwischen Mesick und Tier doch ein kleiner Unterschied bestehe. Sln der jüdischen, priesterlich bereiteten und geweihten Tafel findet der biologische Irrwahn den unerschütterlichen Fels, an welchem er ohnmächtig zerschellt. if H- Hs Ein Volk ohne Tradition ist kein rechtes oder überhaupt kein Volk. Wer eine Zukunft haben will, muh mit Bewußtsein in der Vergangenheit wurzeln.. Aus ihr empfängt er Direktiven und Anregungen, Lehren und Warnungen, lieber die Reinheit seiner Traditionen wacht jedes Volk, das sich die Zukunft erobern will. Sonst hätten die Archive und Familienstammbäume, sonst hätte die Weltgeschichte und aller ’ . L« JSraeltt. werde, da die Gemeinde darunter leide, wenn nur ein „Dajan" an ihrer Spitze stehe. Auch als Dr. Löb gestorben war, übernahm er noch einmal die Geschäfte eines. Rabbiners, bis der jetztige Oberrabbiner Dr. Lerner zum Leiter der Gemeinde berufen wurde. In den Mühen und Kämpfen seines Lebens fand der hervorragende Gelehrte eine, eifrige und treue Stütze an seiner Gattin Sophie. Im Verein mit ihr wirkte er 66 Jahre lang zum Segen der Gemeinde und zum Heile der gesamten Judenheit. Am 11. Tischri 5666 (1905), am Tage nach Jom Kippurim hauchte er im 98 Lebensjahre seine reine Seele aus, während seine Lebensgefährtin ihn noch 1'/, Jahre überlebte. Noch im Alter von 90 Jahren hatte es -sich der bis in das höchste Greisenalter mit geistiger und körperlicher Rüstigkeit äusgestattete Mann nicht Üehmen lassen, in der großen Synagoge zu Altona am Jom Kippurim das Neiloh- Gebet vorzutragen. WeHe Bedeutung R. Jekef Cohn für das Studiun und die Verbreitung der Thora hatte, wurde oben schon kurz berührt. Vor allem zu erwähnen ist auf diesem Gebiete seine neue Art des Mischnah-Lernens. Der allabendliche Mischnah-Vortrag in der Klaus war sehr vorbildlich geworden und erlangte weit und breit große Berühmtheit. Besonders kompetent war er auf dem schwierigen Gebiete von rvnntD rVD^n; so hat er unter anderm den rvnnto "HD der Altonaer Mischnajoht Ausgabe nachgesehen und korrigiert, wie er es selbst in seinem in derselben Ausgabe abaedruckten Nachwort zu rmnD "HD mitteilte. Verschiedene Neueinricktungen in Bezug auf rvnnto rna^n rühren von ihm her. Zum Beispiel hat er die Anordnung getroffen, daß für die O'ins ein besonderer für sie gangbarer Weg aus den rYnapn rva hergestellt werde. Auch die Ermöglichung eines Zutritts derwLNS zum Sn# stammt von ihm. Trotz seines umfassenden Wissens ging er in seiner Bescheidenheit so weit, daß er nicht erlaubte, daß etwas von seinen Schriften im Druck erscheine. Dafür hat er aber Hunderten und Tausenden vieles von dem kostbaren Gut des Gotteswortes vererbt und unauslöschlich war es denjenjenigen ins Herz geschrieben, die es einmal von ihm vernommen hatten. Und daß er es in Wahrheit verstand, seine Schüler für die Lehren des Judentums zu entstammen und sie selbst zu eigenem Wirken und Schaffen zu begeistern, davon zeugen die großen Namen seiner Schüler, von denen hier nur R. Esriöl Hildesheimer erwähnt werden mag. Jedem Rabdinatssitze hätte ein Mann wie R. Jekef Cohn zur Zierde gereicht, trotzdem aber hat er sich immer beharrlich geweigert seine Adelsstolz keinen Sinn, und die Historiker wären die überflüssigsten Tagediebe von der Welt. Tradition ist in einem Volksleben eben alles. Die Entwicklung verläuft in von der Traoition gezeichneten Bahnen und wer ein Volk vernichten will, soll ihm erst seine Tradition rauben. Was cs heute ist, war es bereits gestern im Keime und was es morgen sein wird, hat seinen Grund im Heute und im Gestern. Damit diese Wahrheit der Jugend recht frühzeitig beigebracht wird und sie aus ihr die Impulse zu einem sittlich graben Leben empfange, darum bekommt sie die Unmenge Geschichtszahlen eingetrichtert. Sonst wäre ja das die reinste Tierquälerei, und bevor die Antisemiten das Schächten verbieten, mühten sie sich dann vor allem gegen die Geschichtszahlen wenden. Aber Achtung vor der Tradition, die, mit Daten und Geschichtszahlen bepackt, stolz einherwandelt und uns haarklein erzählt, was wir gestern waren und morgen notwendig werden müssen, wenn wir uns heute nicht rechtzeitig besinnen. Wenn die reine Tradition eine solch gewaltige Macht beanspruchen darf im Volksleben, soll man sich da wundern,' wenn das Judentum die Mischehe verbietet? Man hat früher auch in jüdischen Kreisen in diesem Mischeheverbot eine feindliche Spitze gegen die Völker gesehen, es ist unglaublich, daß es Mute noch welche gibt, die es mit ihrem Judentum für vereinbar finden, der Mischehe das Wort zu reden. Mle Achtung vor unseren christlichen Mitbürgern, «her die Fähigkeit, als Väter und Mütter die Tradittonen des Judentums fortzuerben, können wir ihnen ruhig absprechen, ohne daß unser Freundschaftsgefühl dewurch irgendwelche Einbuße erleiden müßte. Die Thorä in die Zukunft zu pflanzen, das verstehen halt nur wir. * *- * Bor kurzem stand in den Zeitungen, man möge 8. Oktober. Sette 3 Klausrabbinerstelle aufzugeben und die Vaterstadt zu verlassen Wir hätten es auch seinem bescheidenen Sinne gemäß unterlassen, hier eine kurze Schilderung seines Lebens zu geben, wenn wir nicht geglaubt hätten, durch die Schilderung des Wirkens und Schaffens eines solchen echt jüdischen Weisen ein nachahmenswertes Beispiel zu geben. Darum gerade feiert man ja das Andenken großer Männer und hat man uns auch die Bedeutung und Größe eines S. R. Hirsch wieder klar und deutlich in Erinnerung zurückgerufen, um damit in dem ruhe- und trostlosen Dorwärtsdrängen der Gegenwart, den Kampf ums Dasein, wie man es nennt, wieder ein Vorbild vor unseren Augen stehe, nach dem wir unseren Lebenswandel abwägen und messen können. Das Grab unseres großen Lehrer Moses ist unbekannt; wohl gibt uns aber die Thauroh in ihren letzten Worten eine kurze Charakterisierung seiner Persönlichkeit, nicht um uns seinen Ruhm zu verkünden und ihn als Nationalheros hinzustellen, zu dessen irdischer Ruhestätte wir wallfahren sollen, sondern um uns zu ermahnen, daß wir uns bestreben, ihm in jeder Beziehung nachzustreben und nächzueifern. Mögen auch uns die großen Männer des letzten Jahrhunderts ewig leuchtende Vorbilder sein. Ans dem Leben von Michael Sacdr m. E. B. Berlin, 14. Sept. Noch ein Werk wäre hier anzuschließen, dessen Entdeckung wir Herrn Prof. Berliners Spürsinn zu danken haben: Das „Gutachten des Dr. Michael Sachs gegen die Orgel" (Berlin 1004, S. 12 ff., in der Schrift „Zur Lehr' und zur Wehr".) Man wußte schon immer, daß die letzten Lebensjahre von Michael Sachs durch aufreibende und, weil aussichtslos, doppelt und dreifach leidensreiche Kämpfe gegen die unjüdischen Bestrebungen in der Gemeindeverwaltung und den „maßgebenden" §kreisen erfüllt waren, und daß er die ganze Energie seines Handelns auf die Bekämpfung der immer unverhüllter auftretenden Forderungen nach radikalen Reformen mit oder gegen den Willen des Rabbiners aufbieten und richten mußte. Eine seiner letzten Predigten, am mp 'S ns» seiner Todesjahres war, wie mir ein Ohrenzeuge berichtete, eine eindrucksvolle Flucht in die Oeffentlichkeit vor den Machinattonen und Jntriguen — ich glaube nach amerikanischen: Vorbild — in den Großstäoten für billiges Gelo abgehetzten Menschenkindern Appartements eröffnen, worin sich dieselben nach Belieben von des Tages Last und Mühen auch während des Tages erholen könnten. Eine Art Restauratton für die Nerven. Gelegenheit zu seelischer Ausspannung, besser, zur Regeneratton des Körpers. Denn man verspricht sich von einem Wiederaufleben der körperlichen Frische auch eine heilvolle Wirkung aus die Seele. Ein sehr vernünftiger Vorschlag, herdorgegangen aus dem Gedanken, daß eine sonntägliche Ausspannung für Leute nicht genügt, die auch am Montag und Mittwoch der stillen Einkehr bedürfen. Allmählich kommt man darauf, daß sich die Seele nicht mit ein paar Stunden abspeisen läßt, daß auch während der Arbeitszeit Oasen geschaffen werden müssen, Ruheplätze, auf welchen der Mensch, der müde, erhitzte, abgeärbeitete Mensch sein reines Menfchtum wiedergewinnt. Der Vorschlag bleibt freilich auf halben: Wege stecken. Er denkt jedenfalls zunächst an ein bequemes Sofa, auf dem sich für eine Weile die Wirkungen der Bureauarbeit, des Straßenrennens verschlafen lassen. Historische Quellenforschung hätte hier ein dankbares Gebiet nachzuweisen, daß dieser humane Vorschlag einen sehr beachtenswerten Vorläufer in den Verordnungen des Judentums hat, täglich auch eine Weile an sich zu denken und im dreimaligen Gebet allen Trambahnlärm und alles Börsengeschrei zu vergessen. Die Synagoge, die vielbelächelte, ist eine Oase, ein Ruheplatz, wo Sie Ihr Menschentum wiederfindett können,. wenn Sie es auf der Straße verloren haben. * * He Das Fest der Befreiung, der Gesetzesübernahme, der Erhaltung des Volks daseins in den Schrecknissen der Wustenwanderung, die Bewahrung des geistigen