Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der JSraelrt f. Oktober 1908. Seite *. STt. 4 sicher, trat zu Gunsten des Minjanvereins ein und unter feinem Schutze und Patronate konnte der Gottesdienst ungestört zu Ende geführt werden. Dieses Vorkommnis, das selbst für Wien, wo man an Skandale aller Art gewöhnt ist, doch etwas sehr stark ist, illustriert uns wiedereinmal den ganzen unhaltbaren, für beide Teile gleich unangenehmen Zustand, der sich notwendig daraus ergeben muß, wenn eine anders gesinnte Minorität, statt reine Scheidung anzustreben, sich bedingungslos der Gnade einer großen „liberalen" Gemeinde preisgibt, mit all seinen traurigen Folgen und Begleiterscheinungen. Das Minjanwesen ist eine altjüdische Institution, bietet aber da, wo die Verhältnisse so liegen, wie in Wien, einen denkbar schlechten Ersatz für eine autonome Separatgemeinde. Hier handelte es sich indes, wie die Wiener jüdischen Zeitungen berichten, um einen sozialen Notbehelf. Es waren ärmere Leute, die die hohen „Eintrittsgebühren" für die Gemeindetempel nicht erschwingen können. Aber der Wiener Kultusvorftand kannte kein Erbarmen. Wie die Dinge aber einmal liegen, hätte der Bethausverein in Berücksichtigung seines Abhänaigkeitsverhältniffes sich erst dreimal überlegen müssen, bevor er dem Entschlüsse des Vorstandes zuwider, von dem er wußte, daß er gegebenen Falls von Gewaltmitteln nicht zurückschrickt, seinen Gottesdienst veranstaltete. Die christlich-soziale Hilfe, die gewiß nicht aus Liebe zum brüskierten Minjanverein so bereitwillig gewährt wurde, hat den vven sicherlich nicht vermindert, für den allerdings in erster Reihe nicht die auseinandergejagten in ihrer Andacht gestörten Bethausmitglieder, sondern einzig der Kultusvorstand verantwortlich zu machen ist. 3u0enhran>alle in Portugal- In Lissabon soll ein Judenkrawall stattaefunden haben. Anläßlich einer jüdischen Beerdigung sollen, nach einer an anderer Stelle veröffentlichten Mitteilung dortselbst, Ausschreitungen inszeniert worden sein, die das Eingreifen der Polizei erforderlich machten und in deren Verlaufe mehrere Juden verwundet wurden. Diese Nachricht klingt so unglaublich, daß man sich zunächst damit noch trösten möchte, die Sache sei, wenn nicht ganz erfunden, doch stark übertrieben, und daß es sich dabei nur um einen Zwischenfall harmloser Natur handelt. Jedenfalls darf der Vorfall nicht voreilig als symptomatisch und beunruhigend angesehen werden. Was sollte auch in Lissabon den Anlaßzu Judenhetzen und Ausschreitungen ernster Natur gegeben haben? Außer in den beiden portu- Kleines Feuilleton. Mlrcbe Updorlsme«. Wir haben bereits vor einigen Monaten aus das anläßlich des Hirsch-Jubiläums veröffentlichte Buch von Dr. Raphael Breuer „Unter seinem Banner"*) kurz hingewieien. Es liegt in der Natur des Buches, das in freier feuilletonistischer Form eine Fülle tiefer und echt jüdischer Gedanken zu einem Ganzen verarbeitet, daß es einer gründlichen Würdigung bis ins Einzelne besondere Schwierigkeiten darbietet. Der Verfasser gibt seine Gedanken, die, obgleich aus den Grundideen Samson Raphael Hirsch's erwachsen, doch selbständig und originell sind, ohne den Anspruch aus Dogmenwahrheit, vielmehr mit der ganzen Subjektivität eines starken Temperaments. Das verleiht dem Buche an vielen Stellen für literarische Feinschmecker einen besondererl Reiz.,- aber auch der Mann aus dem Volke, der nicht gerade auf allereinfachste Kost reflektiert, wird bei dem Studium der „30 Briefe" auf seine Kosten kommen und reiche Anregung finden. Die meisten dieser Briefe behandeln in längeren Ausführungen irgend einen Gegenstand aus der jüdischen Gedankenwelt. Sie entziehen *) „Unter seinem Banner". Gin Beitrag ^ur Würdigung Rabbiner Samson Raphael Hlrschs oon Dr. Raphael Breuer, Frankfurt a. M. Druck und Verlag von Gebrüder Knauer. giesischen Städtchen Torto.fento und Ce*ejaes, die zum größten Teile von Juden^ Abkömmlingen der altjüdischen portugiesischen Adelsfamilien, bewohnt sind, ist die Zahl der Juden in Portugal verschwindend wenig. In Liffabon selbst, wo die wenigen einheimischen Juden eine äußerst geachtete Stellung einnehmen, und selbst die ausländischen zu Handelszwecken sich dort aufhaltenden Juden der weitgehendsten Rechte — oft weitgehendere als in der Heimat — sich erfreuen, fehlen alle Voraussetzungen für den konfessionellen Hader. Portugal hat von seiner Geschichte etwas gelernt und weiß, daß es der religiösen Unduldsamkeit seinen politischen und wirtschaftlichen Niedergang zu verdanken hatte. Darum hütet das durch und durch liberal gesinnte Volk die Toleranz als bitter erworbenes Gut vor allen „frommen" Anwandlungen, die sich auch dort ab und zu in den Kreisen der jesuitischen Geistlichkeit geltend machen. Und mehr als einmal haben die leitenden Kreise Portugals den ehrlichen Willen gezeigt, es an den Kindern wieder gut zu machen, was sie im Zeitalter der Inquisition an den Vätern verbrochen haben. Was ist nnn geschehen? Ein Judenkrawall in Portugal, ein Pogrom in Lissabon? Die Sache wird hoffentlich bald ihre Aufklärung finden. In einer Stadt, wie Liffabon, deren Straßen von einer bunt schillernden Menge aller Nationalitäten angefüllt sind, deren Mauern neben Portugiesen auch Egypter, Phönizier, Griechen, Araber und Mauern beherbergen, kann leicht eine Judenhetze auch ohne Wiffen und Willen der einheimischen Bevölkerung in Szene gesetzt worden sein. Das energische Einschreiten der potugiesischen Behörden, von dem das besagte Telegramm mitzuteilen weiß, kann unsere Vermutung nur bestätigen. Hoffen wir, daß hinter den Behörden das portugiesische Volk, getreu seiner Taktik in den letzten Jahrzehnten, steht, und daß es durch seine Haltung den jüdischen Mitbürgern gegenüber, ihnen den beruhigenden Beweis liefert, daß es nach wie vor entschlossen sei, für sie einzustehen und einen durch fremdes Gesindel von außen eingebrachten Antisemitismus nicht auf-- kommen zu lassen. Lin Zeitgenosse Samson stapbael Rirscb’s. Von Carl Cohn - Altona. Es möge gestattet sein an dieser Stelle auf einen Alters- und Studiengenossen S. R. Hirschs hinzuwetsen, dessen Geburtstag sich in diesem Jahre ebenfalls zum hunbersteu Male jährte, nämlich auf R. Jekef Cohn in Altona. Wenn S. R Hirsch es qewesen ist, der der übermächtig scheinenden. Reform siegreich entgegengeteten ist und gezeigt hat, daß sich mobetne Bildung und Judentum sehr wohl miteinander vereinigen lassen, ja so.mr in harmonischem Einklang mit einander stehen, so war es R. Jekef Cohn, der das Talmudstudium, dar in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Norddeutschland sehr darniederlag, wieder neu belebt und zu seiner schönen Höhe zurückgebracht hat. Fast ein volles Jahrhundert, 9? Jahre lang, war es ihm vergönnt, im Geiste eines Chaßam Szofer, dessen Schüler er gewesen war, f ' MM Rabbi Jeketv Coh« b"X1 die Thauroh zu verbreiten. Gerade sein Leben bietet den Beweis dafür, daß man trotz der Stürme und Veränderungen eines Jahrhunderts nicht schwankend zu werden braucht im Glauben an die alles überdauernde Kraft des alten Talmudjudentums. Ein halbes Jahr war R. Jekef Cohn älter als S. R. Hirsch; am 5. Teweth 5568 in Altona als Sproß einer schon seit 6 Generationen dort ansässigen Familie geboren, erhielt er seinen ersten Unterricht im Hebräischen bei R. Gamaliel ben Gamaliel, der damals auch gleich dem Vater Cohns Lehrer an der Talmud- Thora-Schule in Altona war, bald darauf zum Rabbiner der dortigen „Klaus" gewählt wurde. Bis zu seinem 13. Lebensjahre, wo der junge I. Cohn den Wanderstab ergriff, um bei Chaßam Szofer zusammen mit seinem späteren Schwager Jeschaia Holländer sich im talmudischen Wissen sich daher wegen ihres Umfanges der Wiedergabe. Einige Proben von kleineren 'eingestreuten Aphorismen möchten wir aber unteren Lesern doch bieten, um unfern Teil dazu beizuiragen, daß das Buch in recht viele jüdische Häuser Eingang finde: Wenn im Sommer animierte Gesellschaften sich ihrer Zugehörigkeit zum Universum wieder bewußt werden, indem sie den Staub des Werktags von den Füßen schütteln und hinauf aus die Bergesspitzen wandern, dann ist es überkommene Sitte, in solcher Position, im Anblick der gewaltigen Natur, im Anblick von Berg und Wald, Fluß und Wiese, in eine mehr oder weniger tief empfundene Verzückung zu geraten und dieser mehr oder weniger ebrlichen Empfindung einen mehr oder weniger entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Als Heine auf dem Brocken in begeisterter Stimmung den Sonnenaufgang bewunderte, da wurde er, wie in der Harzreise nachzulesen ist, von einem in der Nähe stehenden Prosaisten durch die tiefsinnige Bemerkung» die Natur sei im allgemeinen recht schön, aus allen seinen Himmeln gerissen. Dabei wäre nun an und für sich nichts, wenn der Betreffende wirklich einen Naturgenuß gehabt hat und nur nicht imstande war, seinen göttlichen Gefühlen einen adäquaten Ausorucr zu verleihen. Sich mit dem Universum eins zu fühlen, das kann halt nicht jeder. Dazu muß man erzogen werden. Dazu erzieht Gott, das lehrt die Thora, wenn sie uns am Sukkaus den Lulow in die Hand legt und vermittels der traditionellen Bewegungen nach allen Richtungen der Windrose uns die Wahrheit beherzigen läßt, daß alles, was rings im weiten Umkreis uns entgegentrete, entgegenlache und entgegenblühe, Ihm, dem göttlichen Schöpfer, eigne. Der Lulowträger darf und wird in dieser Anerkenntnis des Welteigners nicht an sich selbst vergessen und wird einsehen, daß .das gotthuldigende Universunl nicht gerade dort ein Loch haben kann, wo er steht, und in dieser Ueberzeugüng wird er den Lulow nicht umsonst zu sich geredet haben lassen. Ist aber ein solcher Lulowschüttler einmal von der ethischen Wendung, die das Mbewußtsein des einzelnen im Judentum findet, durchdrungen, dann wird er nicht erst auf die Spitze des Brockens steigen müssen, um sich mit dem Universum eins zu fühlen, er wird in seiner Wohnstube einen Sonnenaufgang bewundern können, der eine Stimmung erzeugt, die unsterblich ist. * * * Mahlzeit! .... Gr hatte es eilig. Noch mit dem Kauen des letzten Bissens beschäftigt, Verschivand er aus dem Lokal. Ter unästhetische Anblick wurde dadurch bewirkt, daß der betreffende seit Jahr und Tag das Benschen ausgesteckt hatte. Solch unschönes Betragen wird einem orthodoxen Juden nie passieren. Denn seine Heiligkeit erstreckt er bis ins Speisezimmer, und bis er dazu kommt, einen Bissen Fleisch genießen zu können, mußten eine ganze Reihe von Prozeduren vorgenommen werden, bis sich der Tierleib zur menschenwürdigen Nahrung eignete. Welches Tier zum Schächten geeignet sei, die Beschaffenheit des Messers, die Makellosigkeit des Schnittes, die Unverletztheit gewi«''er Organe, das Porschen, das Salzen, das Kochen auf eine solche Einleitung soll ein solcher Schluß folgen? — Mahlzeit! Der Mann hat ja „von seinem Standpunkte" vollkommen recht. Es ist ja „von seinem Standpunkte" schon recht viel, wenn er den Mittagstijch mit dem Schimmer eines höheren Gedankens einer „Mahlzeit" beschließt und nicht wie ein knurrender Hund nach getaner Arbeit zum Mittagsschläfchen eilt. Wenn Religion Privatsache ist, dann ist doch Essen erst recht Privatsache. Was hat die Religion mit dem Essen zu schassen! Der Mann hat