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Der Israelit · 1908-09-10 · Heft 37 (10.9.1908) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 37 (10.9.1908)
Date
1908-09-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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... ,-y ,, .. ► 1 1 . . ■ - '^;L~ v . - 10 September 1908, August die Uebersälle auf die Juden in verstärktem Grade wiederholt. Die Verbändler konnten, mit Revolvern und Gummischläuchen ausgerüstet, stundenlang ungestört arbeiten, bis die Polizei endlich einschritt — und etwa 5 verwundete Juden ins Spital beförderte. Die Aufregung unter den Juden ist unbeschreiblich. Odessa, 35. Aug. Die Auswanderung 'aus den jüdischen Kolonien Südrußlands wächst mit jedem Tage. Die meisten wählen Amerika als Reiseziel, wo sie kraft ihrer landwirtschaftlichen ^Qualifikation gutes Fortkommen finden. Aus der Kolonie Dobroje ist dieser Tage eine Gruppe von 10 Personen ausgewandert, der nach den Feiertagen noch weitere 50—60 Personen folgen werden. Die Ursache der Emigration liegt überall in der kritischen wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bauern. In vielen Fällen wirken aber auch die guten Nachrichten, die von den Emigranten aus der neuen Welt hierhergelangen, die Wanderlust unter den Bauern zu steigern. Die Auswanderer fahren auf eigne Kosten, da sie fast alle noch einige Mittel besitzen. Das Entgegenkommen der Jea beschränkt sich bis dahin nur auf die Ausstellung von Zeugnissen, die sie empfehlen und ihnen die Reise und das Fortkommen etwas erleichtern. Rumänien. Jassy, 1. September. Gilt Rumänien neben Rußland als das judenfeindlichste Land der Welt, so dürfte man, wenn eine Steigerung noch zulässig ist, Jassy als die judenfeindlichste Stadt Rumäniens bezeichnen. Die hiesige jüdische Bevölkerung beträgt nicht weniger als 50°/o der Gesamtbevölkerung. Diese „Fremden" die alle kommunalen Pflichten doppelt zu tragen haben und zum großen Teile auch die für sie besonders beschwerliche, oft auch gefährliche Militärpflicht erfüllt haben, stehen buchstäblich außerhalb aller bürgerlichen Rechte, und es wird keine Gelegenheit versäumt, ihnen zu beweisen, daß sie als „Fremde" keinen Anspruch auf irgend eine Berücksichtigung machen dürfen. So beschloß der hiesige Stadtrat vor Kurzem mehrere städtische Bauten teils zu renovieren, teils neu herzustellen und, obzwar sich in der Stadt mehrere Hunderte anerkannt tüchtige und zuverlässige jüdische Maurer befinden, keinen einzigen Juden dabei zu beschäftigen. Wenn sich dadurch Mangel an Arbeitskräften ergeben sollte, so wissen die weisen Siadrväler Rat. Es sollen dann bulgarische oder italienische Arbeiter herangezogen werden. Eine Appellation seitens der zur größeren Hälfte zu den Bauten steuernden Juden ist undenkbar. Die Stadtbehörde ist für die städtischen Angelegenheiten die höchste Instanz und den Fremden steht es frei, die Stadt, wenn sie mit deren Verwaltung nicht zufrieden sind, zu verlassen. Marokko. Tanger, 31. August. Der Gouverneur hat sofort nach dem entscheidenden Siege Mul ey tafids's den Oberrabbiner Rabbi Mordechai engio nach Alcazaba beschieden, ihm schlossen sich die Vorsteher der jüdischen Gemeinde an. Der Gouverneur versicherte die jüdische Deputation des Wohlwollens des neuen Sultans und nahm ihr Treugelöbnis entgegen. Die Deputation wurde alsdann, von der Bevölkerung sympathisch begrüßt, durch eine Musikkapelle nach Hause geleitet'. vermischtes. Berlin, 7. Sept. Zum Gedächtnis an den verstorbenen Rabbiner Dr. Michael Sachs dessen 100. Geburtstag heute gefeiert wird, wurde bei dem heutigen Morgengottesdienste in' der Synagoge der Jsraelttischen Shnagogengemeinde (Adas Jisroey ein eigen dazu verfaßtes „El mole rachamim"-Gebet eingeschaltet. Tilsit, 6. September. Die jüdische Gemeinde erbturt auf ihrem rreuerworbenen Friedhof in Stolbeck bei Tilsit eine Leichenhalle nebst Wohnung kür den Friedhosswächter. Me Halle, ein schöner Kuppelbau, ist schon im Rohbau fertig und dürfte im nächsten Jahre der Benutzung übergeben werden. Der JSraeltt. Petersburg, 1. September. Von den 190 jüdischen Aspiranten, die in der Petersburger Universität Gesuche um Aufnahme eingev-icht haben, haben nicht weniger als 30 den Kursus der betr. Mittelschule mit einer goldenen Medaille und 40 mit einer silbernen Medaille beendet. Odessa, 5. Sept. Hier wurde dieser Tage ein anarchistisches Attentat verübt. Bei dieser Gelegenheit hat ein Jude, der in der Port-Atthurer Garnison gedient hatte, einen der Attentäter dingfest und unschädlich gemacht. Der Generalgouverneur erließ nun den Befehl, daß der Jude als Belohnung für seine selbstlose, heldenmütige Handlung als Wachmann in den Status der Odessaer Polizei ausgenommen werde. Der Generalgouverneur hat hierüber bereits die Meldung an das Ministerium des Innern erstattet. Jaffa, 3. Sept. Die jüdische Einwanderung nach Palästina hat im letzten Jahre bedeutend zugenommen. Nach einem Bericht aus Odessa verkauft-n im ersten Halbjahr annähernd 1000 jüdische Einwohner ihr Besitztum in Rußland und suchten in Palästina eine neue Heimat. Die meisten dieser jüdischen Einwanderer kamen von Litauen, Polen und Südrußland, aber auch der Kaukasus sandte etwa 200 Ansiedler. Ueberdie Hälfte der Einwanderer gehörten dem Alter von 15 bis 5V Jahren an. Jaffa nahm 3ö0, die kleineren Ackerbaukolonien 118 Einwanderer auf, der Rest nahm seinen Wohnsitz in Jerusalem. Tambow, 4. September. Der Tambowrr Rabbiner hat einen Brief vom Gouverneur von Boston, Senator Lakob erhalten, in dem dieser bittet, ihm die Adresse des Hutmachers Mann mitzuteilen. Er, Lakob, sei als armer Waisenknabe von Mann ausgenommen und erzogen worden, sei später nach AmeriN emigriert und habe es dort zum Senator und Gouverneur von Boston gebracht. Er wolle nun seinen Pflegevater bitten, zu ihm nach Boston überzusiedeln, damit er ihm ein glückliches Alter bereiten könne. — Leider konnte der Rabbiner nur mittcilen, daß der alte Mann vor drei Jahren unter oem Drucke der Not und des Elends und in geistiger Umnachtung Selbstmord begangen habe; doch lebten seine zwei Töchter noch in Tambow. New Bork, 25. Aug. In Illinois fanden vor kurzem Neuwahlen für den nächsten Kongreß statt. Da die Wahl auf einen Samstag festgesetzt wurde, haben die jüdischen Wähler damit demonstriert, daß sie sich der Abstimmung enthielten. Diese Demonstration hat um so größeres Aufsehen erregt, als daß dadurch das Wahlergebnis eine für die Republikaner recht unangenehme Verschiebung erlitten hat. vereinrvere«. Frankfurt a. M., 5. Sept. E8 hat sich hier ein Verein'„Wand er kl ub" gebildet, der die Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls der jüdischen Jünglinge Frankfurts zum Zwecke hat. Er will sein gestecktes Ziel durch gemeinsame Ausflüge und andere sportliche und gesellige Veranstaltungen erreichen. Bei schlechtem Wetter werden zwangslose Zusammenkünfte im Lokal des Montefiore- Vereins veranstaltet. Als Beitrag find nur 50 Pfg. vierteljährlich vorgesehen. Die außerordentliche Mitgliederversammlung findet Donnerstag, 17. September, abends 9 Uhr, im Bierkeller der Alemania (Schillerplatz) statt. Berlin, 1. Sept. Die jüdische Arbetterkolonie in Weißensee befindet sich im siebenten Jahre ihre Bestehens und hat bis jetzt 2800 dem Wanderbettel verfallene Personen ausgenommen und in einem ihrer verschiedene» Be riebe als da find: Möbelpoliererei, Rohrflechterei, Stockfabrikation u. bergl. beschäftigt. Die Arbeitsraume werden Unternehmern kostenlos zur Verfügung gestellt, auch die Arbeitskräfte find billig. Zurzeit ist Gelegenheit zur Einführung eines neuen Betriebes geboten. Prag, 4. September. Am 8. .September beginnen im Lokale der Toynbeehallr die vom Verbandder israelitischen Reliaionslehrer an den Mittelschulen in Böhmen veranstalteten Ferienkurse. Dieselben sind allen zugänglich und umfassen vier Vorlesungen und zwar: 1. Ausgewählte Kapitel aus dem Pentateuch mit älteren Kommentaren, von 9—10 Uhr (Rabbiner S. Knöpfelmacher); 2. Jüdisches und staatliches Cherecht für die Praxis in Oesterreich, von 10—11 Uhr (Rabbiner Pros. Dr. Alek Fisch); 3. Di: Religionsdisputationen im Mittelalter, von 3—4 Uhr (Rabbiner Pros. Dr. Hirsch-Karolinental); 4. Methodik des Religionsunterrichts von 4—5 Uhr (Rabbiner M. Freund-Bodenbach). Personalien. Heilbronn, 30. Aug. Bor 14 Tagen ist in hiesiger Gemeinde ein Mann zu Grabe getragen worden, dessen Leben und Wirken so sehr mit der Entwicklung der hiesigen Kebiüo verknüpft war, daß es als eine Pflicht der f tetät erscheint, seiner auch an dreser Stelle zu gedenken. iebmann Strauß, geboren inObergumpern(Baden) war einer der ersten Juden, die wieder in die alte Reichsstadt Heilbronn zu dauerndem Aufenthalt einzogen. Mit wenigen Genoffen bettachtete eres als seine Aufgabe, die neuerstandene jüdische Gemeinde zu organifieren und fie im Sinne des überlieferten Judentums weiter _Sette 9. No. 37 auszubauen. Vorbildlich in jeder Hinsicht ist die von ihm organisierte und zu hoher Blütt gebrachtt Chewra Gemilus Chesed geworden, deren selbstloses Wirken im Sinne unseres Gesetzes allgemein anerkannt wird. Ein Menschenalter hindurch widmete der Verstorbene seine besten Kräfte dem Dienste der jüdischen Gemeinde, hiezu umsomehr befähigt und berufen, als ihm neben umfaffender profaner Bildung reiches jüdisches Wiffen eigen war. Wohl hat auch in die Hetlbronner Gemeinde die Reform mit Orgelklang und gemischtem Chor ihren Einzug gehalten, dieses zu verhindern, reichtt die Macht des Verstorbenen nicht aus. Daß er aber, wenn auch mit schwerem Herzen, sich darein fügte, war sein Lebensschmerz, der Fehler, den er sich innerlich wohl selber nicht verzeihen konnte. Denn er blieb isoliert in seinem Kreise, isoliert in der Auffassung des jüdischen Pflichtenlebens. Unbegrenzt sind die Wohltaten, die der Verstorbene seiner Gemeinde erwiesen, aber sie wurden und werden auch gewürdigt von allen, denen er im Leben nahe stand. Seine Bescheidenheit und seine Selbstlosigkeit im Dienste der fljiöN ist rühmend. Die Hetlbronner Gemeinde wird diesen Mann nie vergessen, den zu ersetzen ihr nicht leicht fallen wird. •n'ißün Nürnberg, 3. Sept. Herr Lehrer Freuden* b erg er dahier, welcher sich im Laufe dieses Jahres dem Staatsexamen mit gutem Erfolge unterzog, erwarb sich Vor einigen Monaten an der Erlanger Universität den Doktortitel mit dem Prädikat „magna cum laude". Seine Dissertation lautete: „Textttittsche Bearbeitung eines mittelenglischen Gedichtes." Würzburg, 3. Sept. Die durch Pensionierung deS seit langer Zeit an der hiesigen jüdischen Bolsschule segensreich wirkenden Herrn Dr. Braunschweiger erledigtt Stelle, wurde durch Frl. Ottensooser, bisher Lehrerin in Fürth, besetzt. Grosi-Zimmern, 5. Scpt. rPW*n2 rQltr begeht Herr Lehrer Spier hier sein 25jährtaes Dienstjubtläum. Im Jahre 1883 ttat er gleich nach Absolvierung des Kölner Israelitischen Lehrerseminars sein Amt als Lehrer, Kantor und vklw in unserer Gemeinde an, wo er mm ununterbrochen ein Bierteljahrhundert segensreich wirkt Altenknndstadt, 3. Sept. Die durch den Tob des Herrn Lehrers Nordhäuser seit Dezember vorigen Jahres verwaiste israelitische Volksschullehrerstelle dahier wurde von Seilen der Königl. Regierung dem bisherigen Religionslehrer Jakob Bierschild überttagen, nachdem derselbe von der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde in Vorschlag gebracht worden war. Barchfelder a. d. Werra, 1. Sept. Das seltene Feld der goldenen Hochzeit feierten am 24. August d. I. Herr Nathan D. Wolfermann und Frau dahier. Mit Rücksicht auf das betagte Jubelpaar har man seitens der Familie von einer 6e onderen Feier abgesehen. Doch hatten sich, soweit es eben möglich war, alle näheren Verwandten, selbst von Amerika, eingefunden, um den Festag im Hause der Alten zu verleben. Zu Ehre» des Tages hat die Familie der hiefigen Synagoge ein prachtvolles nOTO nebst schöner P^p-Decke gestiftet. Welche Liebe und Verehrung man dem Jubelpaare nlcht nur im Orte, sondern auch darüber hinaus entgegenbr nat, zeigte sich so recht am Festtage selbst. Die israelitische Gemeinde, die Chewroh Kedtscho, deren Mitglied der Jubilar seit 1852 ist, sowie die Frauen-Chewroh überreichten kostbaren Geschenke. . Von den einzelnen jüdischen wie nichtjüdischen Familien waren gleichfalls allerlei Aufmerksamkeiten in Form von Präsente und hübschen Blumenspenden etngegangen. Eine besondere Freude wurde den beid n also Geehrten noch zuteil, als nachmittags der Königl. Landrat von Schmalkalden mit dem Herrn Bürgermeister persönlich im Hause erschien, im Napren Sr. M. des Königs die gestiftete EhejubiläumSmebaille mit einem Gratulat onsschreiben überreichte und hierauf noch in den herzlichsten Worten seine persönlichen Glückwünsche zum Ausdruck brachte. Bon den Gratulationen seien noch besonders erwähnt ein fteundlicheS ehrendes Schreiben des hiefigen Pfarrers und mehrere Depeschen von den Lehrerinnen und Schülerinnen der israelitischen Töchterschule in Hamburg, wo ein Sohn deS Jubilars als Lehrer wirft. Mögen den beiden Eheleutm noch ein langer, genuß- und segenseeicher Lebensabend beschieden sein.' Bafel, 1. Sept. Am letzten Sonntag fand hier die Beerdigung des bekannten Zionisten Herrn Dr. Levy Kohan aus Jaffa unter großer Beteiligung der zionistischen Kreise aus Basel und anderen Städten der Schweiz statt. Als Mitglied des großen A. C. war der Verstorbene in Basel, wo man ihn oft als einen der eifrigsten Wortführer an den Kongressen sah, rühmlichst bekannt. S~ett Dr. Kohan kam vor einigen Wochen nach der chweiz, um dort Erholung und Genesung von einem tückischen Leiden zu suchen und starb einsam im füllen Dorfe Wei enburg, von wo seine Leiche nach Basel gebracht wurde. Herr Rabbiner Dr. Cohn hielt eine ttef empfundene und eindrucksvolle Trauerrede, in der er die Verdienste des Verstorbenen für den und seine Bedeutung tmKreise seiner Gesinnungsgenossen schilderte. Am offenen Grabe sprach auch namens des A. C. und des Vorstandes des Schweizerischen Zio istenverbandeS, Herr Dr. C. Levy aus Biei warme Worte des Dankes. Dr. Kohan stand erst im 44. Lebensjahre. Er war früher einer der angesehensten Aerzte in Kischinew, wo er noch die furchtbaren Pogrome von 1905 miterlebte und fich tn aufopferungsvoller Weise zugunsten der Verletzten und Geschädigten betätigte. Er konnte, wie er sagte, in der blutbefleckten Stadt nicht länger leben und siedelte nach

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