Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1908)
- Date
- 1908-09-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit. & Sette 8. Nr. 37. nach einheitlichen Normen und Formen sich m entwickelnden jüdischen Literatur zu schaffen. Es soll auch vom Kongreffe erwogen werden, wie alle wertvollen Kulturwerke in jüdischer Sprache den anderen Völkern übermittelt werden könnten. Es soll daher der Vorschlag gemacht werden, alle wertvollen jüdisch-deutsche Werke in ^teinifcher Transkription herauszugeben. Es wurde nun zur Wahl des Tagesbureaus geschritten. Zum Vorsitzenden wurde Herr Dr. Birnbaum und zu seinen Stellvertretern die Herren Peretz, Schitlowsky und Taubes gewählt. Montag Vormittag hielt Herr Schalom Asch fein Referat über die Nebertragung jüdischer Kulturgüter in jiddischer Sprache. Der Redner empfiehlt vor allem die Nebertragung der Bibel ins Jiddische. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Debatte, die zum Teile ziemlich erregte Formen annahm. Es machten sich auch einige bibelfein dliche Stimmen geltend, die von hebräischer Kultur, ob alt oder neu, überhaupt nichts wissen wollten und für den Juden nur das Jiddische als Nationalfprache proklamierten. Andere dagegen traten sehr lebhaft dafür ein, wenigstens die alten Geistesschätze in neuer Form und Sprache der neuen Generation zu vermitteln. Ueber eine diesbezügliche Resolution eine Einigkeit zu erzielen, erwies sich als unmöglich, und so mußte sie einer Kommission zur Durchberatung überwiesen werden. Die Teilnehmer aus Rußland, die die überwiegende Mehrhrheit im Kongresse bilden, wollen einzig den russischen Jargon zelteten lassen, wodurch ihnen von den Galizianern vorgeworfen wird, daß sie mit Gewaltmitteln operierten. Die Einigkeit, die unter den Teilnehmern anfänglich herrschte, war bald einer Separierung und Gruppierung nach Landsmannschaften gewichen, deren Verhälten gegeneinander nichts weniger als tolerant bezeichnet werden kann. Es ist interessant, daß, sobald ein Redner im Jargon seines Landes das Wort ergreift, von den ailderen Vertretern heftig mit den Zwischenrufen: „Jiddisch, jiddisch sprechen!" unterbrochen wird. Montag Nachmittag hielt Herr Peretz sein Referat über „Organisationsfragen". Er plädiert für die Schaffung einer Gesellschaft oder eines Verbandes, der mit der Ausführung der Kongreßbeschlüsse betraut werden soll. In der Diskussion, die sich an diesen Vortrag anknüpfte, gingen die Meinungen auseinander, sodaß eine Resolution wieder nicht gefaßt werden konnte. Am dritten Berhandlungstage spricht zunächst Dr. Sotteck über die Geschichte der Entwicklung der jiddischen Sprache, Herr S. Eisenstadt erörterte in langen Ausführungen die Entstehung und Entwicklung der jiddischen Orthographie. Beide Vorträge, die trocken und rein wissenschaftlich gehalten wurden, erfteuten sich nur sehr schwacher Aufmerksamkeit seitens der Zuhörer. Daraus referierte Herr Mieses über die Anerkennung der jiddischen Sprache. An Hand von zahllosen Beispielen will der Redner beweisen, daß auch die anderen Sprachen Europas viele Wandlungen durchgemacht und keinen Anspruch auf ursprüngliche Reinheit machen dürften. Auch der Jargon dürfte daher mit vollem Rechte als eine Sprache, die von Millionen Menschen gesprochen wird, aus volle Anerkennung Anspruch machen. Sehr feindlich spricht sich der Redner gegen die hebräische Sprache aus und schildert sie als eine Sprache der Vergangenheit, die alles Leben verloren und in keiner Verbindung mehr zu ter neu erwachten Judenheit stände. Der Jargon dürfte umsomehr das Erbe des Hebräischen antreten, als er in seinem Sprachbau und seiner Grammatik (?) der hebräischen Sprache sehr nahe wäre. Die Referate riefen lebhafte, zum Teile sehr erregte Debatten hervor, die noch die Verhandlungen des ganzen Nachmittags ausfüllten. Es wurde aber endlich beschlossen, eine „Organisation für jiddische Sprache und Kultur" zu gründen. Am Sonntag fand unter freiem Himme eine von den Kongreßteilnehmern einberufene jüdische Volksversammlung statt, die ziemlich stark besucht war, und an der Peretz und Schitlowsky zündende Reden hielten und die Massen anfeuerten am Jargon festzuhalten und dessen Literatur zu fördern. Im Stadttheater fand am gleichen Abend ein literarischer Abend statt, unter Mitwirkung von Asch, Reisen, und Peretz, Am Samstag Abend soll eia Dichter abend stattfinden, an dem Morris Rosenfeld eigene Dichtungen zum Vortrag bringen wird Ungarn. Trugfrhliiff«. (Von unserem Korrespondenten.) Budapest, 1. September. Der wackere Verfechter der prinzipienlosen Neologie in Ungarn, Herr Szabolcsi, kann nicht umhin in der letzten Nummer seines Blattes, des Egyenlöseg, das „Centralorgan der internationalen Orthodoxie" den „Israelit", aus Anlaß seines in Nr. 32 erschienenenen Leitartikels: „Die Juden in Oesterreich" und der in demselgezogenen Resultate m seiner edlen, mit Kraftansdrücken vollgespickten Redeweise anzugreifen. Er schreibt: „So sie (die Orthodoxen) über triftige Argumente nicht verfügen, scheuen sie selbst davor nicht zurück, mit irgend einer frommen Lüge sich aus der Verwirrung herauszuhelfen. Natürlich, durch eine „wissenschaftliche" Lüge, durch welche man die Wahrheit noch tiefer verdecken kann." — Dies eine kleine Stichprobe der ritterlichen Kampsesweise des edlen Apostels und nach eigener Angabe „Märtyrers" der ungarischen Neologie und — Unifikationsidee. Nun begreifen wir sehr wohl, daß die im erwähnten Leitartikel des Israelit erörterten auf unanfechtbarer statistischer Grundlage beruhenden und für die Neologie recht deprimierenden Ausführungen den Herrn Szabolcsy, wie auch seine übrigen Brüder von der Neologie, nicht zu erbauen geeignet sind, da dieselben klipp und klar beweisen, daß die Neologie eine Vorhalle der Taufe ist! Aber wir gestehen es — selbst auf die Gefahr hin, daß der Herr Redakteur des „Egyenlöseg" uns deswegen zürnen wird —, daß die markanten Stilblüten dieses großen Schreibers vor dem Herrn, die markige Beweisführung jenes Artikels im Israelit nicht entkräften können! Was aber die von Herrn Sz. aufgestellte Behauptung betrifft, daß es auch unter den Orthodoxen in Ungarn solche giebt, die sich oder ihre unmündigen Kinder taufen lassen, so ist dieses keine wissenschaftliche Lüge, wohl aber eine absichtliche Täuschung des Publikums, eine wissentlich geübte Begriffsverwechslung. Oder meint etwa Herr Sz. daß, weil es zufolge gewisser staatsgesetzlicher Umstände, namentlich in Orten, wo nur eine einheitliche auf Grund des Schulchan-Aruch und des orthodoxen Landes-Organisations-Statuts konstituirte Gemeinde existiert, Vorkommen kann und auch leider vorkommt, daß n e o l o g e Juden einem orthodoxen Gemeindeverband angehören, ja, nach dem Staatsgesetze angehören müssen, daß, weil ferner unter solchen Talmi-Orthodoxen — die aber sowohl in Gesinnung und Leben eben solche waschechte Neologen sind, wie z. B. der ehrenwerte Redakteur des Egyenlöseg selber, — sich auch Täuflingskandidaten befinden, einen solchen Schluß ziehen zu können?! Nun, solche Schlüffe gehören eben zur wohlbekannten Logik des Herrn Sz.! Uebrigens täte der H. Sz. klug daran, die in der letzten Nummer des M. Zsido auch in bezug auf seine famose Tauf- und Unifikationshypothese ihm erteilte Belehrung zu beherzigen, und von nun an sich einer etwas gesünderen Logik zu befleißigen! Budapest, 28. August. , In der Stadt Szarvas sind die orthodoxjüdischen Käufleute bei der Stadtbehörde darum 10. September 1908. eingekommen, den auf dieHerbstfeiertage mxy 'i'vv? und mm nnottf fallenden Jahrmarkt auf einige Tage später zu verlegen. Die einsichtsvolle Stadtbehörde befürwortete dieses rechtmäßige Ansuchen der gesetzestreuen jüdischen Mitbürger bei der Stadtrepräsentanz. In derselben sitzen aber zum Unglücke auch einige neologe Juden, die den von großer jüdischer theologischen Gelehrtheit zeugenden Ausspruch taten, daß obige Feiertage, worauf die paar „galizischen" Juden sich berufen, eigentlich gar keine Feiertage sind! Hiermit war das Loos der Petition entschieden. Die neologe Gemeinde in Szarvas ist im glücklichen Besitz eines aus dem Pester Seminar hervorgegangenen Rabbiners. Wir sind nun wirklich neugierig zu erfahren, ob der Herr Seelsorger sich der Mühe unterziehen wird, seine werte Gemeinde darüber aufzuklären, daß es auch außer Rosch-Haschonoh und Jom-Kipur noch jüdische Feiertage giebt, wenig <ens für die — orthodoxen, ober wie die wackeren Herren sich markig ausgedrückt: „galizischen" Juden, deren Wiege aber vielleicht in einer viel „magyarischeren" Gegend gestanden als die ihrer hochherzigen neologen Brüder, die ihre einflußreiche Stellung dazu mißbrauchen, um ihre gesetzestreuen Brüder vor der Oeffentlichkeit zu beschimpfen und der ernsten Pflichterfüllung derselben Hindernisse in den Weg zu legen. Einer ähnlichen wackeren Tat befleißigten sich auch die größtenteils aus Juden bestehenden Vereine „Klub der Araber Kaufleute" und der „Verein der Kaufleute Araber Eomitats". Der neue Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe enthält nämlich die für die rnw-haltenden Kaufleute so günstige Klausel, daß die Sonntagssperre erst Mittag zu erfolgen hat, während nach dem gegenwärtig giltigen Gesetz bereits um 10 Uhr Vormitttags die Arbeitseinstellung bebeginnt. Erwähnte, aus neologen Juden bestehenden kaufmännischen Vereinigungen haben aber beschlossen, beim Handelsminister einzukommen, daß inbezug auf die Sonntagsruhe es beim gegenwärtigen Zustande bleiben möchte. Man sieht, die Reformbestrebungen Aron Chorius haben herrliche Früchte gebracht im Orte seiner Wirksamkeit. Großwardein, 29. August. In der Gemeinde Jllge wurde von böswilliger Seite ausgestreut, daß sich dort Juden Herumtreiben, die eine günstige Gelegenheit suchten, um ein Mädchen zu rauben, weiches sie zu Ritualzwecken brauchten. Dieser blöden Furcht fiel gestern abend ein ahnungsloser christlicher Bauer zum Opfer. Es. erschien nämlich in der Gemeinde der rumänische Bauer Simonka, um seine dort ansässige Verwandten zu besuchen. Er fragte, da er den Weg nicht wußte, ein kleines Mädchen. Das Mädchen lief davon und alsbald kamen mehrere Bauern, die den Fremden für einen jüdischen Mädchenräuber hielten, mit Stöcken und Heugabeln bewaffnet, die über Simonka hersielen und auf ihn solange losschlugen, bis er blutüberströmt zusammenstürzte. Hierauf schleppten sie ihn in den Gemeindearrest, wo sie den Bewußtlosen ohne ärztliche Hilfe so lange liegen ließen, bis der Gemeinderichter nach Hause kam. Der Bauer wurde freigelassen und kann nun in seiner Heimat erzählen, wie es einem zu Mute ist, wenn man unschuldig mißhandelt wird. gtafflanfr. Petersburg, 1. Sept. Wie hier bekannt wird, hat der wütende antisemitische Agitator Kruschewan, der Hauptbegründer der Pogrom-Aera in Rußland, der bereits vor üns Jahren in Kischinew seine traurige Rolle! jespielt hat und jetzt einer der wildesten Apostel )es „Verbandes der echt-russischen Leute" ist, eine publizistische Tätigkeit aufgegeben, um dafür eine Stellung im russischen Polizeidienst anzunehmen. Die Ruskoje Snamja wird also einen ihrer besten Mitarbeiter verlieren, aber dafür wird der „Verband der echt russischen Leute" einen um so einflußreicheren Protektor haben. In Jekaterinoslow haben sich am 30.