Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1908)
- Date
- 1908-09-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6. Nr. 67. Der J-raelH. und Nachrichten. orrespondenzen Deutsche« Motich. E. Rs. Berlin, 7. Sept. Unter zahlreicher Beteiligung angesehener Mitglieder der jüdischen Gemeinde fand heute in der Gemeindesynagoge Haidereutergaffe die Feier der 100 jährigen Wiederkehr des Geburtstages des Dr. Michael Sachs s. A. statt. Wir sahen dort die Mitglieder des Rabbinats, den greisen Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, Herrn Julius Jacoby, Justizrat Dr. Lach mann, Sanitätsrat Dr. Stern, Justizrat Throndorfer, Syndikus Dr. Lilienthal, Louis Sachsa Moritz Manheim er u. A. Nach Absingung des Matuwo und des Psalm 118, 16—24 betrat Herr Rabb. Dr. Eschelbacher die Kanzel und führte ungefähr Folgendes aus: „Das Andenken des Gerecht bleibt gesegnet." Diesen Worten gemäß haben wir uns hier versammelt um das Andenken von Michael Sachs zu feiern. 20 Jahre ist sein begeisterndes Wort von dieser Stätte gehört worden, ein Wort, das die Zuhörer mächtig erschüttert hat. Aus den Blättern, auf die es, wenn auch unvollkommen, übertragen wurde, hat es weiter gewirkt, die Einrichtungen dieses Gotteshauses sind mit ihm verbunden, das von ihm eingeführte Gebetbuch ist noch heute in Gebrauch, die Synagoge nennt ihn ihren Meister. Die Anerkennung seines Wesens ist nicht an eine Partei geknüpft. Er hatte viele Gegner, die Hochachtung galt seiner Persönlichkeit. Von ihm aalt das Wort des Propheten: „Lehre der Wahrheit war in seinem Munde", der Abglanz seiner reinen Seele strahlte aus seinem Angesicht, er war einer der Großen in Israel, sein Leben und seine Schriften waren von hervorragendem Einfluß. Einer der edelsten Söhne seines Volkes war Michael Sachs, er hat den Gottesdienst regelrecht gestaltet, er hat gelehrt fest zu stehen und die Gedanken der Neuzeit aufzunehmen, aber er hatte die schwere Aufgabe gegen die Kinder seiner eigenen Zeit zu kämpfen, er hat das Judentum, das die zusnmmengezogenen Brauen blickte Selig das verschüchterte Weib an und rief in drohendem Tone: „grau Lisbeth Kreblee! ich fordere Sie auf, im Namen des allmächtigen Gottes in dieser feierlichen Stunde, in bev Sie als Zeugin hier stehen, ter Wahrheit die Ehre zu geben, und nichts als die Wahrheit zu sagen, denn in diesem erhabenen Augenblick ist nicht nur das Auge der Menschheit, sondern auch das altes sehende Auge (Lottes, von dem Sie Ihre dereinstige Seligkeit erwarten, ans Sie, Frau Lisbetb .nreblec gerichtet. Und nun sprechen Sie!" Das sonnverbrannte Gesicht der Wäscherin war bei der sie heftig erschütternden Ansprache Seligs vor Angst ganz bleich geworden. Ihrer Fassung völl'.g beraubt, blickte sie erschrocken den Redner an, der ihr in diesem Augenblick geradezu furchtbar vorkam. Unter jämmcrtlchiem Schluchzen stieg sie in aba'- brochenen Worten hervor: „Ich will ja gern die Wahrheit sage, lasse Sie mich aber doch nit einsteck.', und kreischen Sie doch nit so mit mir, sonst iverd' ich ja noch ganz dabbelich:"') ( chlotz fvlgt.l (Die Sprache -er Sefardim im Orient.) Darüber schreibt im Bulletin d’Institut egyptien Abraham Galante: Die spanischen Juden, die im Jahre 1402 aus der pyrenäischen Halbinsel Vertrieben worden sind, haben den Gebrauch der alten Sprache in der Türfei, in Serbien, in Wien, in Aegypten, Tunis, Algerien und Marokko gewahrt, allerdings mit zahlreichen Veränderungen. In Salonik, wo zur Zeit ungefähr 70,000 Spaniolen wohnen, zeigt die Sprache die Einflüsse der aus Portugal vertriebenen und vieler italienischer Juden, die sich in Salonik niederließen. Während man also in Konstantrnopel für Sohn und Tochter „Kilo, hija" sagt, sagt man in Salonik „fijo" und x) Verwirrt. höchsten Gedanken enthält zu Ehren gebracht. Als unsere Alten das Griechentum kennen lernten, haben auch sie es bewundert „Gott breite aus den Japhet und Wohnung möge er nehmen in den Zelten Sems". Aristoteles und Plato waren gepriesene Namen. Aber Israel wurde von aller Kultur sabgesperrt Im 18. Jahrhundert begann eine neue Zeit, die Zelte Jakobs schienen nur wie Ruinen, die alten Mauern wollte man zwar stehen lassen, aber das Judentum aus den Angeln heben. Michael Sachs war ein Bewunderer des Griechentums aber er sprach: Gepriesen ist der Name des Gottes Sems, die Güte, die lautere Sitte des Hauses Israel sollte bestehen. Von dieser Stätte aus hat er Israel auferstehen lassen, er hat die Literaturdenkmale Israels in Spanien und im Orient der neuen Zeit übermittelt, er erkannte den Adel Israels aus seinem Wesen. Und so soll er auch uns gesegnet bleiben für alle Zeiten". Mit Gebet für das Seelenheil von M. Sachs und seinen Freund Moritz Veit schloß Redner seine eindrucksvollen Worte. Bei geöffneter heiliger Lade trug hierauf Herr Oberkantor Friedmann das El mole rachamim vor. Herr Dr. Eschelstacher sagte den Kaddisch derabonou. Mit dem Schlußgesang Schiwisi haschem lenegdi war die Feier beendet. Berlin, 30. August. In den letzten Wochen gingen mehrfach Notizen durch die Presse, in denen von einer Aenderung des gegenwärtigen unwürdigen Zustandes die Rede war, der nicht-russische Juden zwingt, sich bei Reisen nach Rußland allerlei Ausnahme-Bestimmungen zu unterwerfen, durch welche die russische Regierung sogar diejenigen Juden zu schikanieren sucht, die nicht ihrer weisen Obhut unterstehen. Vielfach war es nun so dargeftellt worden, als wäre die nene Verfügung der bayrischen Regierung, künftig in den Pässen die Angabe der Religion wegzulassen, ein großer Fortschritt für die Rußlandreisenden. Das ist aber durchaus nicht der Fall, denn obwohl in Preußen bereits seit mehr als zehn Jahren die Angabe der Religion in den Reisepässen unterbleibt, so sind die jüdischen Reisenden aus Preußen ebenso der russischen Willkür unterworfen wie alle anderen. Die russischen Konsulate verlangen nämlich von jedem Reisenden, der das Visum für seinen Paß beansprucht, die Vorlegung des Taufscheines. Wer einen solchen. nicht vorlegen kann, wird als „Jude X. A." registriert und entsprechend behandelt. Ja, die preußische Polizei legt den für Reisen nach Rußland verlangten Pässen sogar einen gedruckten Führer durch das Wirrsal der russischen Paßbestimmungen bei, der nebeneinander die entsprechenden Reglements „A. für Reisende christlicher Religion" und „B für Reisende „fija", ferner „facer" statt „hacer", ebenso werden alle Wörter ans „ei" italienisch ausgesprochen. Das jüdische Spanisch hat auch eine Anzahl hebräischer Worte ausgenommen, die es aus spanische Weise konjugiert und dekliniert, z. B. „akal, satab" (essen, trinken,! deutsch konjugieren und an deutsche Substantiv? im Plural die männliche oder weibliche Endung ans dem Hebräischen mit „im" oder „es" anhängen. Das spanisch-jüdische „laäranim" ist daher nicht besonders Ausfallendes. Dadurch, daß die rabbinischen Tribunale im Orient ihre Urteile oft in aramälsch.'r Sprache aussertigten, sind zahlreiche aramäische Ausdrücke ans dem Gerichts- und Handelsgebrauch in das jüdische Spanisch übergcgangen. Ter größt: Einfluß aber wurde durch das Türkische ansgeübt. Di: Mischung ist so bedeutend, daß die Spaniolen, die eine andere europäische Sprache nicht kennen, fick, kaum verständlich machen können, ohne sich türkischer Worte zu bedienen. Zweifelhaft bleibt es, ob arabische Worte, die sich in der Umgangssprache der Spaniolen vorsinden, noch aus der Zeit der arabischen .Herrschaft auf der pyrenäischen Halbinsel herrühren oder durch das Türkische eingeslossen sind. Auch das Haupthandclsvolk des Orients, die Griechen, haben Ausdrücke für die Sprache der Spaniolen geliefert, die dann der spanischen Grammatik unterworfen wurden. Und seitdem "die Alliance Israeli te durch ihre Schulen ihren großen Erfolg auf die östlichen Juden äusübt, kann man auch französische Worte finden, wie z. B. statt des alten spanischen „sentiäo", „senso" und statt „porvenir" „aveair" gesagt wird. Auch die hebräische Schrift, die nicht imstande ist, die spanisch: Aussprache genau wiederzugeben, hat zu der Deformation des alten castilianischen Spanisch viel beigetragen. Alle Veränderungen, die das Spanische in den vier Jahrhunderten seit der Vertreibung der Juden aus dem Lande hat ertragen müssen, finden sich in 10. September 1908. mosaischen Glaubens" enthält. Ob in dieser Beigabe ein Entgegenkommen an das Publikum oder an die russischen Behörden zu finden ist, soll hier nicht untersucht werden. Berlin, 7. Sept. Auch in Liberias (Palästina) ist nunmehr ein Kindergarten des „Hilfsvereins der deutschen Juden" eröffnet worden. Die Eröffnung desselben sollte schon im Herbst vorigen Jahres, zur Zeit des vorletzten Aufenthaltes des Herrn Dr. Nathan in Palästina erfolgen. Sie mußte aber infolge lokaler Schwierigkeiten, die jetzt behoben sind, hinausgeschoben werden. Nach einer dem Hilfsverein zugegangenen Mitteilung aus Palästina wird die Anstalt bereits von vielen Kindern besucht, was ein Beweis dafür ist, daß durch die Begründung eines Kindergartens in Liberias einem dringenden Bedürfnis entsprochen ist. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hatte, wie bereits gemeldet, in dankbarer Erinnerung an die tatkräftige Unterstützung, die den Opfern der Brandkatastrophe in Kaskieu durch die türkischen Behörden zuteil geworden, für die kürzlich abgebrannte muselmanische Bevölkerung in Stambul 2500 Frs. überwiesen. Diese Summe ist z. Zt. durch den Vertrauensmann des Hilfsvereins der deutschen Juden in Konstantinopel, Herrn Dr. Markus, dem Minister des Innern Hakky Bey zur Verteilung überreicht worden. Wie wir aus Konstantinopel erfahren, hat der Minister dem Danke der türkischen Regierung in warmen Worten Ausdruck gegeben, und sämtliche türkische Zeitungen Konftantinopels äußerten sich über die Schenkung mit herzlicher Anerkennung. Charlottenburg, 7. September. Am vergangenen Sonntag wurde die durch den verewigten Dr. Isidor Blum errichtete neue Synagoge unter einer ganz ungewöhnlich starken Beteiligung des Publikums feierlich eingeweiht. Dr. Blum, der in der Arbeit vieler Jahre, unter Drangabe seines eignen Vermögens, seiner ganzen geistigen Kraft, und schließlich seiner Gesundheit das Gotteshaus errichtet hatte, ist nur lvenige Wochen vor der Vollendung seines Lebenswerkes jäh verschieden. Seine Witwe hat nun in den letzten drei Wochen das Werk ihres Gatten zu Ende geführt. Kurz nach 4 Uhr begann die überaus eindrucksvolle Feier, die der erste Vorstand der neuen Synagoge, Herr Dr. Arthur Kahn, vor der noch geschlossenen Pforte mit einer Ansprache an die offiziellen und die zahlreichen Ehrengäste und Behörden er öffnete, nachdem eine Schülerin des verstorbenen Dr. Blum mit einem Gedicht dem Idiom vereinigt, das bic Spaniolen in Aagyptsn sprechen, deren Anzahl ungefähr 20,000 betrügt. Zur Zeit ist ein Gelehrter in Smyrna, Nessim de Juda Pardo, damit beschäftigt, ein Wörterbuch des indischen Spanisch herzustellen. In zehnjähriger Arbeit hat er bereits 1(5,000 Wörter zusammcngctragen, von denen nicht weniger als 10,000 aas fremden Sprachen in die Sprache der Spaniolen übergegangen sind. (Die älteste Synagoge der Welt.) Der Groß- Rabbincr von Messoul in der Türkei_bereift gegenwärtig verschiedene Städte, um einen ^schulhanssonds für seine (Gemeinde, die 3ö00 Seelen zählt, auszubringen. Seine Gemeinde, erzählte er, wurde seit der Zerstörung des ersten Tempels nur von Juden bewohnt. Die Gemeinde zählt drei Synagogen, deren eine 1206 ßal)rc alt ist und seit MO Jahren nicht mehr repariert wurde. Trotzdeut stellt sie eiu so bestes Gebäude dar, wie man es sich nur wünschen kann. Messoul hat seine eigen: Gerichtsverwaltung, sie in den Händen der Aeltesten der Gemeinde liegt. (Sin 106 Jahve alter Bräutigam ) In Browneville in den Bereinigten Staaten fand vergangenen Sonntag die Trauung des 106 Jahre alten Rabbiner Barnet Wo lins ki mit seiner „jungen" Braut, der siebzigjährigen Witwe eines verstorbenen Freundes des Rabbiners statt. Wolinski ist vor 30 Jahren als Greis aus Rußland eingewandert und die Behörden, die damals noch kein Einwanberungsgesetz kannten, legten dem alten „abgelebten" Manne keine Schwierigkeiten in den Weg. Wolinski, der von Hause aus talmudische Gelehrsamkeit und «Rabbinertitel mitbrachte, wirkte als Rabbiner einer polnischen Grmeinde in Browneville sehr segensreich,. Er ist seit einigen Jahren Witwer und will nun der Einsamkeit seines Lebens durch erneute Heirat ein Ende machen.