Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1908)
- Date
- 1908-09-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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«eite 4 10. September 1908 Der Israelit. Rr. 87. — und natürlich kann diese Beglückung nur mit Hilfe der Jargonliteratur auch den Frauen und dem Proletariat zuteil werden — ist es ja auch, worauf Vonseiten der Herren Peretz und Konsorten seit Jahren mit Hochdruck hingearbeitet wird. Und nun soll die Bibel in Jargon übersetzt werden! Eine jüdisch-deutsche Bibel! Und es handelt sich dabei keineswegs um einen leichtfaßlichen volkstümlichen Kommentar, oder eine dem Urtexte anzufügende erläuternde Uebersetzung, sondern um eine selbständige Bibelübertragung, die den Urtext entbehrlich machen soll. Die Bibel, die jetzt in alle Sprachen der Welt übersetzt und selbst den Hotentotten zugänglich ist, soll endlich auch einmal den Juden verständlich gemacht werden. Man weiß nicht, ob man darüber lachen oder weinen soll. Der Jude, der bis dahin allenthalben darauf angewiesen war, die heilige Sprache der Bibel mehr oder weniger zu erlernen, um das heilige Buch lesen zu können, der mit der Kenntnis der Bibel also auch die das Volk in seiner Zerstreuung umfaffenda Sprache erlernte, soll jetzt durch die Herren Jargon-Literaten dieser Mühe enthoben werden. Er würde die Schönheiten der altjüdischen Literatur, die alt-jüdischen Geistesschätze auch ohne Hebräisch kennen lernen, und dabei beteuernnoch die Herren ein über das andere Mal, daß die Konferenz keinerlei Demonstrationszwecke, weder geaen die alte, noch gegen die neue hebräische Literatur verfolge. Und wie würde sie aussehen, diese jüdischdeutsche Bibelübersetzung? Man sehe sich die Schöpfer dieser famosen Idee an und die Autoren, die sich zu ihrer Ausführung erbötig machten und man kann keinen Zweifel darüber hegen, westen Geistes Kind die neue Jargonbibel sein wird. Salom Asch ist der Vater des roßen Gedankens. Und es klingt fast wie eine ittereJronie, daß gerade dieser Autor, dessen krankhafte Phantasie die jüdische Thora in der Stätte des Lasters sich bewegen sieht, sich dazu berufen fühlt, aus dem Boden, aus dem seine und seiner Geistesverwandten „Kulturwerke" entstanden sind, auch eine jüdisch-deutsche Thora-Uebersetzung erblühen zu lasten. Wir wissen also von vorneherein, wie eine solche Jargobibel aussehen müßte, und sagen ihr jetzt schon toaatPD maa rb na. So weit die ethischen Momente der Konferenz. Bleiben also noch die Beratungen über äußere und formale Fragen, über Sprachgebrauch, Orthographie, Grammatik usw., „Dinge, über die eine Einigkeit niemals erzielt werden wird und erzielt werden kann," so sagten wir in unserem Artikel in Nr. 35. Und auch diese Behauptung wurde von dem Gange der Berhandlungen vollauf bestätigt. Kam es doch, wie man berichtet, vor, daß die Redner, die sich aus den verschiedensten Gegenden Osteuropas rekrutierten, sich nicht einmal gegenseitig recht verständlich machen konnten, und daß z. B. Teilnehmer, die den polnischen Jargon sprechen, die Redner des russischen Jargons nicht zu Worte kommen ließen, und diese wiederum den galizischen Abgeordneten zuriefen, sie möchten sich doch jiddisch ausdrücken. Der „Fraind" mag also nach Herzenslust unsere Worte absurd, lächerlich oder hyperorthodox finden, die Tatsachen, die sie vollauf bestätigen, kann auch er nicht hinwegleugnen. dem Leben von Michael Sachs b"sT. E. B. Berlin, 7. September. Ein Berufner, hat Prof. Sulzbach in der vorigen Nummer des „Israelit" das Lebensbild von Michael Sachs dessen 100. Geburtstag am heutigen Tage, 11. Elut, wehmutsvolle Erinnerungen an den allzufrüh Vollendeten weckt, in scharfumrissner Linienführung gezeichnet. Ein Berufner,- denn „er hatte noch das Glück des näheren Umgangs mit dem Unvergeßlichen genossen" und den Bolleindruck dieser mannhaften, starken und reinen Persönlichkeit aus unmittelbarem Anschauen empfangen. Er durfte sich darum auf eine Umrißzeichnung beschränken; bedarf es für ihn und die Genossen seiner Zeit ja nur dieser mehr andeutenden, skizzirenden Strichfuhrung, um die Geschichte der Berliner Judenheit in jenen Tagen und Michael Sachs als ihren gegebenen Mittelpunkt in plastischer Deutlichkeit und ebenbildlicher Treue vor ihren Augen wiederauferstehen zu lasten. Anders wir, die die Kämpfe, das Ringen jener Tage nur mehr vom Hörensagen kennen und noch immer kein Geschichtswerk besitzen, das von gesetzestreuem Standpunkt die Männer und die Ereignisse, welche damals im Vordergründe standen, beurteilt,' für uns sind auch die kleinen und kleinsten Züge im Lebensbilde dieser Männer, die an der Spitze der sich so bitter bekämpfenden, religiösen Parteien standen, wichtig und inhaltsreich genug, um als Belehrungs- und Aufklärungsmaterial dienen zu können. Diese Erwägung möge es rechtfertigen, wenn in diesem Sinne und zu diesem Zwecke hier nochmals die Erinnerung an Michael Sachs geweckt und die eine oder andere Episode aus seinem Leben, aus seinem Wirken in das rechte Licht gerückt wird*) *) Aus der Fülle des Materials, das mir mit sich überbietenüer Liebenswürdigkeit Herr Prof. Berliner Seine Lebensgeschichte ist schnell erzählt. Am 11. Elul (3. September) 1808 in Glogau geboren, Alters- und Heimathsgenosse von S. Munk und Zedner, studierte er, auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt vorgebildet, an der Berliner Universität Philosophie, Orientalia und klassische Philologie. 1835 schloß er durch das Oberlehrerexamen seine Studien ab, verzichtete aber von vornherein auf staatlichen oder städtischen Dienst, sondern faßte den Entschluß sein Wissen u: d Können ganz in den Dienst des Judentums und jüdischer Wissenschaft zu stellen, deren Studium er sich schon auf der Universität eifrigst hatte angelegen sein lassen. 1836 erfolgte seine Berufung nach Prag als Prediger an dem dortigen Tempel rmd dort fand er Gelegenheit als Schüler Rappaports seine talmudischen Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Schon 1835 hatte er „die Psalmen" übersetzt und erläutert erscheinen lassen,' 1837 steuerte er zu der Zunz- Arnheimschen Bibelübersetzung nicht weniger als 15 Bücher bei, ein Beweis für seine unverwüstliche, auf die Liebe zum Gegegenstand gestützte Arbeitskraft. 1844 wurde er auf Betreiben von Moritz Beit, mit dem ihm trotz der Verschiedenheit der religiösen Auffassung bis an ihr Lebensende — Veit überlebte den Freund nur um 8 Tage — innigste Freundschaft verband, als Prediger und dritter Rabbinatsastessor nach Berlin berufen. Am 31. Januar 1864 starb er, vom Alter noch nicht gebeugt, und mit Plänen für jüdisch-wissenschaftliche Arbeiten und Unternehmungen überreich beschäftigt. Man geht nicht fehl, wenn man die Zeit bis zu seiner Berufung nach Berlin als Michael Sachsen's Lehrjahre bezeichnet; von da an datieren seine Meisterjahre und — seine Kämpferjahre. Denn ein beständiger, untmterbrochener Kampf ist sein Leben gewesen von dem Tage an, da die bloße Berufung nach Berlin erfolgte, bis der Tod ihn davor bewahrte, es mitanzusehen und dulden zu müssen, daß die Orgel, dieses unheilvolle Symbol der Nachahmung christlichen Kultusbrauchs im Judentum, in die Berliner Gemeinde ihren Einzug hielt. Daß er, trotz seiner modernen Bildung, kein Mann der „Reform" war und sein wollte, das hatte der Geist, in dem seine Psalmenübersetzung gehalten, verraten, das hatte sein scharfablehnendes Gutachten, welches er zu der Trierschen Gutachtensammlung gegen die Reformbestrebungen in Frankfurt a. M. i. I. 1843 beigesteuert hatte, nur allzudeutlich bewiesen: Was Wunders, daß die Beer, die Jacobsohn, Bernstein und Konsorten, alle die Wortführer der Verchristzur Verfügung gestellt hat, konnte aus Raumrückstchten leider nur dieser Teil Verwendung finden. aus den Dank der Mutter zu warten, die sich nach jedem aufregenden Vorfall alsbald wieder an di; Wäsche begeben. Erst im Laufe der nächst;» Tag; wuchs das Ereignis sich immer mehr, dank den übrigen Wäscherinnen, zu einer Rettungstat, deren Schauplatz allmählich von dem beschriebenen Ufer aus, sich bereits bis zur Mitte des Rheins, der hier beträchtlich breit ist. erstreckte. Die dankbare Mutter aber versicherte hoch und teuer, sie würde, sc» lang; ihr di; Augen offen ständen, dem Awromchen nicht vergessen, daß sie ihm das Lebens ihres Kärtchens verdanke. Auch sollte der edle Retter s3 lange er lebe, alle seine 8Ä»vhemden, die er an Schabbos gebrauche umsonst von ihr gewaschen und gebügelt bekommen. Im Verlauf einer Woche schon war aber bereits der Vorgang nicht nur von den Zeugen, sondern den auch zumeist Beteiligten wieder vergessen. Das war ja auch ganz natürlich. Du lieber Himmel, welcher brav; am Rhein geborne und auferzogene Knabe ist nicht schon einmal als Kind mit dem Rheinwasser in unfreiwillige Berührung geraten! dtun stand.das vor mehr als dreißig Jahren gerettete „Karlchen" als der größt; Mann im Gerichtssaal, um für Awormchen, seinen Lebensretter, eine Lanze zu brechen, lieber das Wie war sich der starke Mensch allerdings nicht ganz klar, denn von advokatischen Sachen verstand er so gut wie gar nichts. Wenn aber seine Fäuste dem „alten Awrom" etwas nützen sollten, so machte er sich anheischig in wenigen Minuten mit dem weingriinen Heinrich gemeinsam den ganzen Saal zu leeren. Aber auch er wollt; so .gut wie der Weingrüne sein; Zeugengebühr in einem guten Schoppen anlegen. Als der die ganze Gegend erheiternde Prozeß so viel von sich reden machte, da erst erinnerte sich die«Wäscherin, die Witwe Kreblee, welchen Dank sie dem Awromchen noch schuld;. Die kostenlose Lieferung von gewaschenen Borhemden für Awromchens Bedarf am Schabbes hatte sie nie ausführen können, weil Scheuchen für alles weiter sorgte, was für ein tadelloses Aeußere Awromchens notwendig war. Jedoch schwatzte Frau Kreblee und noch mehr das „Karlchen", wenn er beim Schoppen saß, davon, daß er sein irdisches Dasein, nachdem er bereits einmal geboren war, nur der aufopferungsvollen Tat Awormchens verdanke. Mutter und Sohn schwatzten so lange davon, bis es zu Selig's Ohren kam, der sofort beschloß, den höchst dankbaren Stoff dramatisch zu verwerten. Jetzt war dieser Augenblick gekommen. Während Wolf seine Verteidigungsrede für Scheuchen gehalten hatte, überdachte Selig nochmals die von ihm wohlmemorierte Red; und kam zu dem Entschluß, seine Tatik zu ändern. Die von Wolf vcranlaßte, zwischen Awromchens Erzählung und Schenchens Verteidigung eingefügte Zeugenvernehmung, hatte zweifellos den tiefen Eindruck, den die schlichte Darstellung seines Schicksals aus den Richter gemacht, bedeutend verwischt. So beschloß Selig, die Zeugenvernehmung in seine Rede hineinzuslechten und den weiten Spielraum, der ihm in der Anlage der Verteidigung eingeräumt war, dazu zu benützen, zwischen Vernehmung und Rede keine merkbare Lücke oder sonstige Unterbrechung der Gedankenreihe auftommen zu lassen. Zeugenaussage und Verteidrgrmgsrede sollten ein geschloffenes Ganzes bilden und den Richter und die Zuhörer ununterbrochen im Laufenden erhalten, in Spannung und Mitgefühl, zugleich dem Humor sein volles Recht wahren; umso durchschlagender, je ernster er selber blieb und je pathetischer er sprach. Und recht blumenreich sollte sein: Sprache sein, denn darauf legte der Rheinländer sencr Tage — vielleicht lag es auch iu der Zeitrichtung - ein nicht geringes Gewicht. Selig beeilte sich keineswegs mit dem Beginn seiner Rede, sondern tat, als suche er noch irgend ein wichtiges Schriftstück, das er nicht finden konnte, um einen kleinen zeitlichen Abstand zwischen seiner und Wolfs Rede herbeizuführen, damit die Aufmerksamkeit des Publikums von neuem angeregt fei. Endlich, als die Leute schon wieder laut sprachen, erhob er sich und begann gang leise: „Herr Richter und meine Herren!" Selig wußte aus alter Erfahrung, daß, je leiser er begann, umso tiefer die Ruh; ward, di: dem Geschwätz der Menge zu folgen pflegte. „Sie haben vor kaum einer Viertelstunde Dir Lebensgeschichte eines Mannes gehört, der seit bald einem halben Jahrhundert ün dieser Stadt wohnt und in diesem ganzen langen Zeitraum nicht nur niemals mit den Gesetzen des Landes in Konflikt geraten ist, sondern auch durch seinen gottessürchtigen Lebenswandel, seinen Fleiß und seine Opferwilligkeit sich als vorbildlich erwiesen hat. Sie haben ferner gehört, daß dieser wackere Mann, der natürlich auch als ein strenggläubiger Israelit allen Versuchungen, denen wir anderen Sterblichen, ach, u«r zu leicht erliegen," (hier ries Jemand ganz hörbar: „Und Sie am ehesten, Herr Selig", was einige Augenblicke nur ein mühsam unterdrücktes Gelächter veranlaßte, den schlagfertigen Advokaten aber zu dem offenen Zugeständnis bewog, „der Rufer hat nicht so ganz Unrecht".) „Nun haben Sie aber auch alle gehört, welche geradezu unglaublichen Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden sind, um sich mit der Geliebten seines Herzens ehelich zu verbinden. Sie haben aber auch ferner gehört, daß der Mann, der hier seinem Urteilsspruch entgegensieht, des Pergehens, geziehen ist.