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Der Israelit · 1908-09-10 · Heft 37 (10.9.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 37 (10.9.1908)
Date
1908-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Nr. 87. Der JSraeltt. Sette 3. 10. September 1908 zweifellos ergeben, daß man ausschließlich Chachamim und Notabeln mit reichem Thorawissen und von gewissenhafter altjüdischer Pflichttreue als Leiter und Vertrauensleute des Volkes anerkennt. Die Kenntnis des Französischen und Türkischen, die Herrn Nahoum auszeichnet, reicht wahrlich nicht aus, um im jüdischen Volke Führer und Lehrer zu sein. Man befürchtet, daß Herr Nahoum, auch wenn Rabbi Jacob Meier von Saloniki Chachem-Baschi werden sollte, die eigentliche Macht dennoch sobald nicht aus Händen geben wird. Inwieweit diese Befürchtung berechtigt ist, bleibt abzuwarten. Auf alle Fälle sollten sich alle diejenigen, die eine autonome, von fremden Einflüssen freie Entwicklung des jüdischen Volkslebens in der Türkei wünschen, zusammentun. Wenn die türkischen Juden sich der neu geschenkten Freiheit würdig erweisen wollen, dann müssen sie sich aufraffen, um vor allem das Joch der Alliance-Leute abzuschütteln, die sich dem jungtürkischen Komitee gegenüber als einzige Vertreter des Fortschritts und der Politik der Redlichkeit aufzuspielen verstehen . un d auf diese Weise ihren Willen dem Volke zu oktroieren versuchen. Die Regierung will die Meinung des Volkes hören, nicht diejenige der Herren' Nahoum, Antobi und Genossen. Mögen sich Männer finden, die das Wort der Wahrheit sprechen und die Massen zur Wahl gebührend vorbereiten. Dann wird Herr Nahoum wenigstens als definitiver Ehacham Baschi unmöglich sein. Hnfifemififdie HJahnDorflellungen. Der Jude hat wie jeder andere Mensch ein Anrecht darauf, zuweilen Dummheiten zu begehen. Dieses »vollen auch die Antisemiten gewiß nicht in Abrede stellen. Nur sprechen sie in solchen Fällen in der Regel nicht vom Juden, sondern v o n d e n Juden, die sich taktlos oder anmaßend benommen hätten. Eine Taktlosigkeit, die einer gewissen Komik nicht entbehrt, hat zweifelsohne der Warschauer Advokat, Herr Könitz, begangen, als er, ein Jude, als Vertreter der Polen am Panslavisten-Kongresse in Prag teilnahm, und seine Rede sogar mit den Worten „wir Slaven", einleitete. Die jüdische Presse aller Schattierungen versäumte es nicht, auf die unendlich lächerliche Rolle dieses jüdischer» Agitators des Panslavismus hinzuweisen. Doch weit ernster und tragischer nimmt die Sache die antisemitische Presse. Die Staatsbürger - zeitung verbreitet sich über diesen Fall und sucht ihn in ihrer Weise für ihre Hetzzwecke auszuschlachten. Ihr genügt die Feststellung der Tatsache, daß das Hauptprogramm des Slavenkongresses in fanatischer teutschenhetze bestand, an der ihrer Verrnutung nach der jüdisch-polnische Herr Könitz wacker mitgemacht habe. „Man wird sich das merken müssen," bemerkt die Staatsbürgerzeitung, „»venn »vieder einmal die Frage der Schutzmaßregeln gegen die Einwanderung polnischer Juden nach Deutschland akmell »vird." Also solle»» die Juden, die aus den Slavenländern ausivandern, um unter anderen Völkern eine neue Heimat zu suchen, es büßen, »veil ein als Jude geborener Warschauer Advokat sich zum Slaventum bekennt, und dadurch die Herren der Staatsbürgerzeitung, die das Deutschtum in Erbpacht genommen zu haben glauben, in ihren Nationalgefühlen verletzt hat. Allein, die Juden, die in Wort und Schrift sich als Deutsche bekennen »n»d nicht nur in Deutschland, sondern überall, selbst in den entfernsten Weltteilen das Deutschtum vertreten und förderr», die »»nzähligen Juden, die deutsch sprechen, de»»tsch denken und fühlen »»nd oft »»nter ben schivierigsten Umständen auch deutsch handeln, interessieren die Staatsbürger - Zeitung nicht. Desto mehr interessieren sie aber die der Staatsb. Ztg. sehr geistesverwandte polnisch antsemitische Presse. Es ist sonderbar und zugleich bezeichnend, baß zur gleichen Zeit, da die deutschen Kulturwächter über den Philoslavismus des Juden seufzen, just zur selben Zeit die in Posen erscheinende»» Blätter „Postep" »md „Dzennik Poznanski" wüte»»d über den germanisch gesinnten Inden herfalle»». Die letztere Zeitn»»g schreibt in ihrer 9fr. vom 8. September »t a. folgendes: Wenn wir tatsächlich zu unseren mosaischen Mitbürgern nicht allzu große Sympathien hegen, so find die Ursachen dieser Abneigung auf einem ganz anderen Gebiete zu suchen. In erster Reihe spielt hier eine Rolle die politische Haltung der hiestgen jüdischen Bevölkerung. Abgesehen davon, daß diese Bevölkerung fast ohne Ausnahme die Partei unserer Feinde hält, und in politischer, wie auch in nationaler Hinsicht nichts gemein hat, so ist es dabei viel schlimmer, daß von den hiesigen Juden eine überaus zahlreiche Schar den wütendsten Germanisatoren angehört. Dies tritt zu Tage, u. a. in den Räten unserer Städte und Flecken, wo die Juden Sitz und Stimme haben. Gedenken wir z. B. der Umtaufung von Jnowrazlaw in Hohensalza, die nur vermittelst der Unterstützung der jüdischen Stadträte zustande gekommen ist. Auch in Posen läßt die Haltung der jüdischen Stadträte, sobald es um Angelegenheiten der polnischen Bevölkerung zu tim ist, zu wünschen übrig. Unter diesen Umständen wäre ja doch ein folgerichtiger Boykott der jüdischen Geschäfte seitens der polnischen Bevölkerung begreiflich ustv Es ist schwer aus diesem Wirrsal antisemitischer Wahnvorstellungen herauszukommen und logische Schlüsse zu suchen, da »vo unversöhnlicher Haß »»nd Parteileidenschaft die Feder — auf beiden Seiten — geführt haben. Eins ist sicher. Der Jlide ist ein ebenso g»»terDeutscher in Deutschla»»d, wie er a»»ch ein treuer Bürger eines jeden andern Staates, in dem er wohnt und lebt werden kann und nach dem bekannten Prophetenworte werden mriß. Hat aber ein einzelner Jude irgendwo im Uebereifer dem Panslavismus das Wort geredet, so läßt sich daraus für die Gesinnung der Juden so wenig schließen wie ettva von den Hetzartikel»» der Staatsbürger- Zeitung auf die Denkart des deutschen Volkes. Her Jargon-„5rainä“. Neber unseren Artikel zur jüdisch-deutschen Sprachkonferenz in Czernowitz in Nr. 35 unseres Blattes zeigt sich der in Warschau erscheinende „Fraind" sehr ungehalten. Mit einem Aufwand von Kraftworten und Stilblüten, wie sie einmal den „Freundes"-Kreisen eigen sind, sucht er den Wunsch des „frommen Israelit", die jüdisch-de»»tsche Literatur möge für die Volkserziehung nutzbar gernacht werden, recht lächerlich'zu machen. Mit einigen hämischen Worten und geistreich sein sollenden Witzeleien glaubt die 'Jargonzeitung, die Sache abtun zu können. Aus den eigentlichen Inhalt des Artikels einzugehen, hält sie nicht für »tätig, da es auch »veit leichter ist, ihn zu entstellen als unsre Argunrente zu entkräften. Unterdessen haben aber die Verhandlungen der Konferenz, von denen wir an anderer Stelle berichten, unsere Ausführungen vollauf bestätigt. Das Bild, das sie darbot, entspricht ganz dem, das »vir vorausgeschaut. Herr Dr. Nathan Birnbaum, der bekannte Vertreter der jüdischen Moderne, sieht, »vie aus seiner Begrüßungsrede hervorgeht, in der Entwicklung der neuen Jargonliteratur einen Abglanz »»nserer inneren Kraft und Schö»»heit (?), eine E»»tfaltu»»g zur Macht und Stärke, eine Lösung des Problems, das ihm, Herrn Birnbaum, schon seit Jahren so großes Kopfzerbrechen macht, des jüdischen Kulturproblems. Herr I. L. Peretz, den zunächst die politische»» u»»d nationalen Momente der Konferenz interessieren, betont die Demokratisierung des Volkes, die Befreiung der jüdischen Frau und das Erwachen des jüdischen Proletariats, Kulturfortschritte, die aüeii» der neuen Jargonliteratur zu verdanken feien, und man muß es zugeben, daß Herr Peretz dieses Mal nicht in einer Aufwalluug von überschwänglicher Dichterphantasie sprach, als er diese Momente als die Wirkungen der modernen jüdisch-deutschen Literatur hervorhob. Die Demokratisierung, d. h. in der Sprache dieser Herre»» die Befreiung des jüdischen Volkes von den Fesseln der niXü) min der Gegenwart seinen festen Platz behaupten, denn mannigfach sind die Ecstlingspflichten, die das alle Gebiete des Lebens umfassende jüdische Religionsgesetz uns allezeit auferlegt. bvcw 'ord TD3 bj ■»!? '3 „Denn mir gehört der Erstgeborene in Israel, das auch als Volk an sich Erstgeborner Gottes genannt wird, VTD3 "03 Die ersten Tage im Leb.n des jüdischen Knäblein sollen es durch das Zeichen des göttlichen Bundes als Juden weihen. Früh soll der jüdische Vater auch schon auf das Kind erziehlich eintvirken und vornehmlich die ersten Kindeljahre sind es, in denen der Grundstein durch Erziehung und Gewöhnung zu einem starken, ver:rauensfesten und widerstandsfähigen jüdischen Leben gelegt werden soll und muß. Die ersten Stunden des Tages sind es ferner, an denen der Jude sich im Gebete mit seinem Gott vereinigt und sich für die Forderungen des Tages stärkt und wappnet. Der e r st e Tag eines jeden Monats wird durch Halle! und Mussaf gefeiert. Und sind eS doch auch endlich die ersten in Tage des Jahres, die der Buße und der Rückkehr geweiht find. Unser ganzes Dasein wie d s Leben eines jeden Tages und Jahres wird also mit einem Erstlingsopfer cingeleitet, die erste Kraft, das Beste und Edelste ,.n und in ihm sol auch sonst der Jude voll i an! und Vertrauen al > □’>T)D3=®pcnbe auf den Altar seines Gottes niederlegen. Uns sollten Zweifel und Kleinmut an uns herantreten, um uns wankend zu machen und uns von der Erfüllung der □'703^* djt abzubringen, so denken wir wiederum, wie der Bikurtm-Bringer vor den Stufen des Altars, an die glorreiche Geschichte der Väter, an ttc Leiden und Wanderungen unserer Ahnen. O, wie haben sie sich vermehrt, diese Leiden und Wanderungen! wie unendlich größer und umfangreicher sind fie im Laufe der Jahrtausende, die Kapitel unserer Volksgeschichte geworden, die wir uns heute in Erinnerung bringen und aus der wir heute lernen sollen, aus der wir Kraft, Mut und Ansporung bei der Erfüllung der Erstlingspflichten auch in der Gegenwart schöpfen müssen. Die sind auch eine Pflicht der Gegenwart und wer sie in chrer ganzen ethischen und geschichtlichen Be- »eutung erfaßt und erfüllt, darf nach den Worten des zitierenden ThorasatzeS sich „erfreuen all des Guten, das Gott ihm und seinem Hause gegeben hat." eutUeton. Der Treisprucb. Bon Arthur Sah«.' (Fortsetzung.) Da begab es sich eines Tages, als eben die Zimmerleute eine Arbeitspause machten, un» den Viernhrkasfee einzunehmen und ein wenig zu verschnaufen, der kaum vicrjülirigc Mirabe der Wäscherin Mivbicr, der schon die ganze Zeit über ohne Aufsicht hier gespielt hatte, sich immer tiefer ins Wasser begeben hatte, um der» kleinen blitzslinten Fischlein nachznjageir. Awromchen, der auf den Balken las;, nickte gerade eiir wenig ein, lvie ihm das stets passierte, wenn er Vormittags auf den Dörfern gewesen »md sich müde gegangen hatte. Da war es ihm, als höre er einen leisen Schrei, den aber die gerade Heranrauschenden Wellen, die ein vorüberziehenoer Schlevper a»rS Ufer »u-arf, nbertönten. Er riß die schlaftrnnkeneil Augen auf, uud sah deu kleinerr Buben ,leben eirrem Kahn im Wasser liegen und vergeblich Anstrengungen machen,, sich, zu erheben. War auch jene Stelle nicht besonders tief und konnte man sogar noch eine ganz erkleckliche Strecke weiter waten, ohne des Schtuiimnens kundig sein zu müssen, so war doch für das Kind, das bereits zum Teil unter den Kahn geraten war, die Lage kritisch. Ohne sich nur einen Augenblick zu besinnen, eilte Aivromcherk dem bedrängten Knaben zu Hilfe. Da der Kahn voll den durch den Schleppda»»ipser ausgeworsenen Wellen im Älugenblick, der ganzen Länge der Kette, cm der er angelegt war, nachgebcnd, abgetrieben lvar, so »vatcte Aivornrchen bis an die Knie ins Wasser und hob den Kleinen, der den Mund voll Wasser und Sand bekoimnen hatte, aus deu Arrn und suchte so das Trockene »vieder zu gewinnen. Der Vorgang »var inzwischen von de»» Zimmerleuten und einigen Wäscherinnen wahrgenoinrnen worden. Die letzteren hatten mm nichts eiligeres zu tun als ihrer gerade Wäsche nnsringenden Freundin zu berichten, ihr kleiner Karl sei soeben „versosse" und der Atvrom habe die Leiche grad »roch erwischt und ans Larrd gebracht, dielveil der „versoffene Bub" mörderisch schrie und nach feiircr Mutter verlangte. Was nun aber eine brave Mutter aus dem Bille »st, die säUt nicht erst in eine sogenannte lvohltätigc Ohnmacht, wie sie die Novellisten nicht gut entbehren können, auch nicht in die für Schriftsteller sehr angenehmen Hhstenfchen Krämpfe, die irgend eine tragische Szene noch erschütternder gestalten. Vielmehr nahm die erfihreckte Mutter, als sie bemerkte, daß ihr Sprössling mit einem nassen Bad davon gekommen »var, die'en auf und krönte s hi Abenteuer mit einer tüchtigen Tracht Prügel. Awromchcn setzte sich nach dieser Heldentat wieder auf seine Balken und lief; seine Beinkleider zunächst von der Sonne wieder trocknen, ruhte noch ein wenig ans und hatte die ganze Sache »rach eitrigen Kapiteln Tilii»n schon wieder vergessen, ohne

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