Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-05-28 · Heft 22 (28.5.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 22 (28.5.1908)
Date
1908-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449321--64509-2507104
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

28. Mai 1908. Veite 3. Nr. 22 Der JSraelit der gewinnt gerade dadurch eine Tiefe und eine Vielseitigkeit des Denkens, die unsren streitbaren Reformtheologen ein Dorn im Äuge ist, wo sie ihr begegnen. Damit kommen wir zu einer neuen Methode der „liberalen" Herren, die wir die Methode der „wissenschaftlichen oder praktischen Konsequenzmacherei" Nennen möchten. Praktisch wird den Orthodoxen vorgehalten, sie seien gar keine richtigen Orthodoxen, denn siehe — sie reden richtiges Deutsch, gehen in kuitzen Röcken und mit wohlgepflegten Warten einher, setzen sich auf Stühle, ohne sie erst auf NVZNkk untersucht zu haben und hören eine Rede des Geheimen Oberregierungsrates Dr Mayer — ohne Kopfbedeckung an*)! Ergo — so geht's dann weiter —. seid Ihr Schwarzen auch nicht bester als wir, die wir auch im Gottesdienst deutsch reden, eine etwas radikalere Barttracht einführen, als abgeschafft und den Pentateuch unterricht alsMayer'sche Rede betrachten. Man lache nicht! Genau dieselbe Methode wie seine Straßburger Parteigenossin, nur aus dem Praktischen ins soi-disant Wissenschaftliche übertragen, wendet Se. Ehrwürden Herr Dr. A. Eckstein in der letzten Nummer der grünen Zeitung auf — Samson Raphaei Hirsch an. Mit dem genialen Scharfblicke, der diesen Riesen des Geistes auszeichnete, hat S. R. Hirsch in einer 1873 erschienenen und von Wohlgemut h in seinen Wasmann-Artikeln neuerdings Zitierten Schrift, die Stellung des Judentums, des biblischen Schöpfungsberichtes insbesondere, zur Entwicklungslehre gezeichnet. Zu einer Zeit, da der Materialismus als bewiesen, der Darwinismus als Dogma galt, hat Hirsch in Ausführungen, die heute von einer starken Strömung der Zeit getragen sein würden, die Schwächen der gegnerischen Position mit klarem Auge erschaut, dabei aber ausgesprochen, daß er den Grundgedanken der Entwicklungslehre für durchaus vereinbar halte mit dem Gottesworte. Diesen Gedanken hat Wohlgemuth ün ei n zel n en durchzuführen gesucht, gleich seinem großen Borbilde auf die Überlieferungen der mündlichen Lehre gestützt, an deren Hand allein die schriftliche für uns Sinn und Verstand gewinnt. Beide, Wohlgemuth wie S. R. Hirsch, sind getragen von der lebendigen Neberzeugung, daß /eder Buchstabe des Gotteswortes eben Gottes Wort sei und daß es — einerlei ob unsre Cr- *) 5 iehe darüber die Straßburger Israelitische Wochenschrift, offiziöses Organ der badischen Regierungsneologte. Kleines Feuilleton. Hein Ulieder$eben. Eine Erzählung aus der Gegenwart. Das große, aus weißem Sandstein erbaute Eckhaus hatte keine Einfahrt für Wagen. Wenn in einem modernen Großstadtpalast einer der Bewohner (Niste empfängt, so fahren diese nur selten mehr irr Equipagen vor; das Automobil hat das Pserdegcspann abgelöst. So fuhren denn die Wagen bis dicht an den Bürgersteig, von dem aus ein Teppich bis zu dem mit künstlerischem Eisen gitterwerk verzierten Portal gelegt war. Bon der langen Fensterfront war die eine Hälfte blendend hell erleuchtet. Hier wohnte der Kommerzienrat Kronweiler, dessen Gemahlin, Frau Margot, heute ihren Geburtstag feierte. Wer von Kronweilers Jugcndgenossen und sonstigen Bekannten des kleinen östlichen Städtchens hätte sich vor 40 Jahren träumen lassen, daß ^kronweiler, der Neffe und Mündel des Schammes Schmaje, der selber mit seiner zahlreichen Kinderschar nur wenig zu brechen und zu beißen hatte, einmal in einem solchen palastartigen Gebäude wohnen würde? Wer von all den. Leuten, die ihn kannten, aber nicht beachteten, hätte je gedacht, daß dieser Knabe, der sich durch keinerlei besondere Eigenschaften auszcichncte, einmal ein Börsenmatador, ein mehrfacher Millionär ergo Kommerzienrat, der Freund und Gastgeber ge- .fürchteter Zeitungsbesitzer und Redakteure, viel genannter Gelehrten, der Protektor berühmter Künstler und Künstlerinnen werden würde? Und wer von all den kenntnis schon dazu ausreiche oder nicht — nur eine Wahrheit geben könne in den beiden Gotteswerken: der Natur und der Thora! Was tut nun Herr Dr. Eckstein? Er zitiert Herrn Dr. Caesar Seligmann, dem, wie er selbst sagt, der „mosaische" Schöpfungsbericht nicht ein wissenschaftliches oder gar ein religiöses Dogma ist, stellt munter S. R. Hirschdaneben, der, nicht den „mosaischen" Schöpfungsbericht, sondern die „ptolemäische oder kvpernikanische Weltanschauung" als Dogma ablehnt und behauptet, weil beide den religiösen Gehalt der Entwicklungslehre betonen, sagten beide dasselbe hinsichtlich „der Freiheit des Denkens und seiner Resultate". Wenn das nicht Taschenspielerei in höchster Potenz ist, dann kann sich der selige Cagliostro noch einmal begraben lassen! Wie? Weiß Herr Dr. Eckstein nicht, daß — zum Unterschiede von Seligmann — für Hirsch, für Wohlgemuth die absolute Göttlichkeit und Wahrhaftigkeit des biblischen Schöpfungsberichtes das Feststehende, die naturwisienschaftliche Hypothese aber lediglich Vergleichsobjekt ist, besten Verwertbarkeit für die tiefere Erkenntnis des Gotteswortes eben geprüft werden soll? Weiß er nicht, hat er's nicht einmal gewußt, daß die von ihm als „modernistisch" gekennzeichneten Gedanken Wohlgemuths vor anderthalb Jahrhunderten schon in M. CH. Luzattos Schriften mit vollendeter Klarheit als uralte jüdische Ueberlieferung ausgesprochen, zum Teil vor Jahrtausenden schon in den Blättern des Talmud niedergelegt sind? Und gegenüber einer solchen, die Göttlichkeit der ganzen Thora in granitner Festigkeit, wahrenden Ueberzeugung wagt Eckstein die — Straßburger Methode in Anwendung zu bringen, wagt er, Wohlgemuth das Recht auf den Wunderglauben streitig zu machen, weil dieser das Bibelwort im Einklang mit Talmud und Naturwiffenschaft vollkommener, tiefer erklären zu können glaubt!! Wer von Parteihaß nicht völlig verblendet ist, muß es ja einsehen, daß es keinen besseren Prüfstein .für die Innigkeit und Attfrichtigkeit der religiösen Ueberzeugung eines Bibelforschers gibt, als die vraktische Handhabung jenes großen Grundsatzes, der in allem Fortschritt menschlicher Wissenschaft Mittel zur völligen, klaren Erfaßung jeder Nüance, jedes. Buchstabens des Gotteswortes erblickt, in Naturwissenschaft und Geschichte Hilfswissenschaften für die Erkenntnis der Thora. Wenn irgend ein alter Jude in Babylonien (man verzeihe die Lästerung) die biblische Schöpfungsgeschichte geschrieben hat, dann freilich ist's ungeheuer bequem , mit Norbert Peters im eigenen Gehirn eine dicke Brandmauer auf- Juden seiner Heimat hätte je daran gedacht, daß derselbe Knabe, der täglich für den Onkel die L-ynagogenpsvrte ansschloß und die Kerzen aufstecken und anzünden half, einmal in der Bersöhnungsnacht eine glänzende Festlichkeit veranstalten und von Champagrrerrausch umnebelt in seinen Sälen umherwandelnd, ausgelassen scherzen würde? Kronweiler hatte tagsüber öfter an diesen glücklichen Wandel der Dinge gedacht. Am Erew Jomkippnr tauchten oft die Erinnerungen an seine Jugendtage auf, und daß er an diesem. Tage alljährlich mit Onkel Schmaje auf den guten Ort ging, an das Grab seiner früh verstorbenen Eltern. Gott, wie lange war er nicht mehr aus Kewer owans gewesen! Wie sollte er auch in das weltentlegene von keiner Eisenbahn beriihrte Städtchen kommen? Und seit sein Aeltester Dissident geworden und seine Herta, die schon als Zwölfjährige, den jüdischen mit dem protestantischen Religionsunterricht vertauscht hatte, sich mit einem Religionswechsel trug, vielleicht je nach dem sich bietenden Heiratschancen war er nicht mehr ans Elterngrab getreten. „Was heißt Religionswechsel?" hatte sein Freund Jnstizrat, den Frau Kronweiler uin Rat befragt, geantwortet. „Wenn Jemand zu Ihrem Mann ins Kontor kommt und will tausend Mark wechseln, muß er doch so viel Geld bei sich haben. Also Wert gegen Wert, Besitz gegen Besitz Umtauschen. Wer keine Religion hat, kann keine tvechseln. Sie wollen gerne christliche Kinder haben, was braucht man da lange zu wechseln?" Frau Kronweiler hatte nicht ganz verstanden, was der boshafte Hausfreund gesagt und frug ihren Mann. Auch der konnte nicht Aar auslegen, was hier gemeint war. Ablenkend sagte er daher: „seien wir zurichten zwischen „naturwissenschaftlicher" und „religiöser" Wahrheit. Ist's aber das Wort des lebendigen Gottes, das uns, ob auch in schlichter, menschlicher Sprache, ob auch bestimmt durch religiöse, pädagogische Gesichtspunkte, Hie Geschichte seines Schöpfungswerkes erzählt, dann wird jedem Geschlechts auf's neue die heilige Pflicht erwachse^, im Lichte der Gottes- Wahrheit die wechselnden Ergebniste der jeweiligen Forschung zu prüfen und aus dieser Prüfung einerseits die Bausteine eines harmonischen Weltbildes, andererseits aber das Forscherglück w a chsenden Thoraverständnistes zu schöpfen: 'lmoontn '2k. Bon diesem durch eine große Vergangenheit uns vorgezeichneten Wege werden die kleinen Bosheiten der Herren Dr. Eckstein und Genossen uns wahrlich nicht abdrängen. Ein Glück übrigens, daß Herr Dr. Eckstein am Schlüsse seiner Philippika deutlich v.-rrät, woher seine Schmerzen in Wahrheit stammen: die Gutachten gegen das badische Gebetbuch sind's, die er Wohlgemuth nicht verzeiheil kann, und mit eitler rührenden Naivität, meint er, es sei doch.— wenn man so „modern" denke — sehr häßlich, „jeden mit verketzernden Gutachten zu überschütten, der auch nur eineAbänderung desWortlauts unsrer Gebete für zulässig halt." Bis zum Ueberdrutz ist es ausgesprochen und bewiesen worden, daß diese „Abänderung des Wortlauts unserer Gebete" die Lerrgnung der Göttlichkeit des Thorawortes und der Ueberlieferung involvierten, desselben Thorawortes und derselben Ueberlieferung, deren Anerkennung a'.s ewig wahren Gotteswortes die Bibelerklärung Wohlgemuths zur unerläßlichen Voraussetzung hat. Das ist der ganze Unterschied. Ob Sie ihn erfassen oder beherzigen wollen, Herr Dr. Eckstein? Traurig genug, daß man immer wieder Zeit und Kraft daran wenden muß, die heillose Begriffsverwirrung, mit der unsre Gegner arbeiten, zn kennzeichnen, und es wäre ein wahrer Segen, wenn die geistigen Führer der Neologie ihre Methoden endlich ändern und anstatt fortgesetzter geistiger Anklammerung lmd Anfrcundung an die Orthodoxie e.was mehr selbständige produktive Arbeit zu leisten versuchen möchten. mit dem Wechsel des Schicksals zufrieden; wir könneu's." Heute Abend, als bei Anbruch der Dämmerung Wagen auf Wagen vorfuhr und die hellen Gewänder der Damen und die schwarzen Röcke und Fräcke der Herren an den Blattpflanzen des Treppenhauses vorbeistreiften, hatte Herr Kronweiler allerdings keine Zeit, über diesen angenehmen Wandel der Dinge nachzudenken. Und dennoch, während er und seine Gattin, der in erster Reihe der Besuch der zahlreichen Gäste galt, den Eintretenden die Hand drückte und dieses mit einer entsprechenden Phrase begleitete, entriß sich sein Geist seiner glanzvollen Umgebung und huschte zurück in das Provinzstädtchen, in dem er seine Knabenzeit verlebt hatte. Heute Abend war Kol Nidre, die ernste, weihevolle Nacht vor dem Bersöhnungstag. Zum erstenmale in seinem Leben, daß er an diesem dlbend eine Festlichkeit in seinem Hause gab. Oester flog ein Schatten über sein Gesicht, weil ihn eine alte Erinnerung nicht loslassen wollte. Sein Onkel Schmaje, der Schammes, sah an solchen Nächten so feierlich aus in seinen Sterbekleidern: noch feierlicher aber erschien ihm seine Mutter in ihrem weihen Kleid, der weißen Kalloschürze, der weißen Haube, über dem schwarzen Scheitel der ihr bleiches Gesicht mit den dunklen Augen noch bleicher erscheinen ließ. Auch seine Mutter hatte, ihr Sterbegewand angelegt, ebenso wie Schmajes Gattin, seine Tante Beß. Und wie diese hatten alle übrigen Beter ihre Totengewänder angelegt und gingen auf weichen Filzschuhen lautlos einher und dir vielen Kerzen breiteten wie Totenlichtec ihren stillen Schein in der Synagoge aus. Wo ergreifend und ernst die weißen Gestatten auf ihren mit weißen Decken bekleidete« Sitzen auch aussahen, war es dennoch kein düsteres Pild, das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.