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Der Israelit · 1908-05-28 · Heft 22 (28.5.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 22 (28.5.1908)
Date
1908-05-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fix 22. M-chmxMscha«. Ein Sieg 9er öemlffenstrelheif in Ba9en. - Rascher als wir erwarteten, haben die Bemühungen um Befreiung dissentierender (zunächst, gesetzestreuer) Schüler von dem zwangsweisen Religionsunterricht in Baden Erfolg gezeitigt! Wie aus Karlsruhe gemeldet wird, hat der Großherzogliche Oberschulrat der Jsr. Religionsgesellschaft auf ein im Sinne unserer früheren Ausführungen eingereichtes Gesuch folgenden erfreulichen Bescheidzugehen lassen: Da nach einer Neuerung des Olerrats der Israeliten der Gewährung des Gesuches kein Hindernis entgegensteht, sind künftighin schulpflichtige Kinder Von d m Besuche des isr. Religionsunterrichtes an der Volksschule zu befreien, falls durch eine Bestätigung des Rabbiners der Jsr. Reli^ionsgesellsckaft der regelmäßige Besuch des Unterrich es an der Religionsschule besagter Gemeinde nachgewiesen wird. Damit ist — für die, Volks schulen wenigstens und zunächst für die Stadt Karlsruhe — endlich einmal Bresche gelegt in ein System, das die Staatsgewalt in den Dienst einer — wenn auch unbeabsichtigten — neologen Missionstätigkeit unter den Kindern orthodoxer Eltern stellt. Ist das Prinzip der Gewissensfreiheit damit anerkannt, so kann seine Anwendung auf die höheren Schulen erst recht nicht versagt werden, und es kommt nur darauf an, daß möglichst zahlreiche orthodoxe Eltern von dem nunmehr formell anerkannten Rechte Gebrauch machen. In den anderen badischen Gemeinden, in denen der Religionsunterricht von neologen Kräften erteilt oder überwacht wird, müßte natürlich zunächst ein pädagogisch vollwertiger orthodoxer Religionsunterricht geschaffen werden, soweit er nicht schon heute neben dem neologen existiert. Und nun noch ein kleines Nachspiel. Auf unsere, vorwöchigen Altsführungen zur Frage des Zlvangsunterrichts empfingen wir von Herrn Rabbiner' Dr. Appel in Karlsruhe folgelldes Schreiben: In der Rümmer 21 Ihres Blattes heißt es in einem „Der Retigiondunterrtcht im bad Landtag" überschriebenen Artikel : „Das hindert aber den ehrwürdigen Herrn nicht, Kinder, deren Eltern nichts tum dieser neuen Religion wissen wollen, in seinen Rel igioncsich hier darbot, wohl aber ein feierliches, festlich stimmendes. Zerstreut blickte Kronweiler neuankommenden Besuchern, einigen jungen Männern entgegen. „Ha! unser Naturforscher! guten Abend, lieber Heinz!" „N'Abend, Herr Kronweiler!" erwiderte der etwa einundzwanzigjährige junge Mann, der mit dem rechten Arm einen spitzen Winket herstellte und den Ellenbogen wagrecht hielt, als er Kronberger die Hand bot. Diese Art zu grüßen,' war von einem feudalen L-tudentenkorps erfunden und von allen gebildeten, jüngeren, zuweilen auch älteren Herren, weiter übernommen worden. Hinter dem vertaulich mit „Heinz" begrüßten jungen Mann stand erwartungsvoll ein etwa gleichalteriger, etivas größerer blonder Mensch, der zunächst stramm dastand, etwa wie ein Soldat vor einem Borgesetzteu. Er hieß Kuno Lichtenstein, ttrcu? gerade als Einjährig - Freiwilliger mit seinem Militärdienst zu Ende und im Begriffe, sofort mit dem Assessorexamen seine jüdische Konfession abzulegen. Auch Kuno machte den jetzt vorschriftsmäßigen Armwinkel und schüttelte Kronweiler die Hand. „Die jungen Herren sollen heute Abend auf. ihre Rechnung kommen", sprach Herr Kronweiler, zu einem dritten jungen Manne, der sich stumm verneigend, ihm ohne die moderne Armbiegung die Hand reichte: Herr Schultheiß, der christliche Freund Norberts und Assessor. „Willkommen, Herr Schultheiß! Wenn die Herren sich hier in das Zimmer rechts begeben wollen, so finden Sie die jungen Damen, mit oenen Sie ja gleich Ihre Tanzarrangements treffen können." Jn dem bezeichneten Zimmer waren mehrere junge Mädchen schon beisammen, darunter die drei Töchter Kronweilers. Die Jüngste, noch ein Kind von Der JSraettt. unterricht »u zwingen und den Religionsunterricht der orthodoxen isr. Reltgtonsgesellschast, dem vor Jahren kein Geringerer als der Geh. Ooerregierungsrat Dr. Meyer seine Kinder anvertraut hat, die Anerkennung alS eines vollwertigen Ersatzes zu versagen." Ich gestatte mir, berichtigend zu bemerken, daß ich Weber Kinder, „deren Eltern nichts von dieser neuen Religion wißen wollen", in meinen Religionsunterricht gezwungen habe, noch auch, daß ich dem Religionsunterricht der orthodoxen iSr. Religionsgesellschast „die Anerkennung eines vollwertigen Ersatzes" versagt habe. Richtig ist vielmehr, daß schon wiederholt Kinder von angesehenen Mitgliedern der isr. Religionsgesellschaft freiwillig meinen Religionsunterricht besucht Haien und mir noch heute eine dankbare Gesinnung bewahren. Es spricht dieS für daS friedliche Verhältnis, daS bisher zwischen mir und den Mitgliedern der Religionsgesellschast geherrscht hat und dessen Fortdauer nicht durch mich gestört werden soll. Ich hege zu Ihrer lovalen Gesinnung bas Vertrauen, daß Eie diese Zeilen — auch ohne Berufung auf die gesetzlichen Bestimmungen — in Ihrem Blatte Aufnahme gewähren werden. Hochachtungsvoll Dr. M. Appel, Stadtrabbiner in Karlsruhe. Dieses Schreiben trägt die Journalnummer dreißig,- vielleicht schlägt Herr Dr. Appel in einer freien Stunde Nummer siebenundzwanzig des gleichen Jahrganges seines Correspondenzjournals nach. Er wird da zu seiner Ueberraschung folgenden von ihm eigenhändig Unterzeichneten höchst toleranten Bescheid an ein durch den Zwangsunterricht in seinem Gewissen bedrücktes Mitglied der Jsr. Religionsgesellschaft finden: Stadtrabbinat Karlsruhe, 11. Mai 1908. Karlsruhe. Nr. 27. Auf Ihre Eingabe vom 30. April, deren E,ledigun.i sich durch eine amtliche Reise des Unterzeichneten verzögert hat, beehre ich mich zu erwidern, daß ich nicht in oer Lage bin, die Befreiung Ihres Sohnes vom Besuch des geordneten Religionsunterrichtes zu genehmigen. gez. Dr. M Appel. Es ist gewiß ein Glück, daß infolge des i nzw ischen erfolgten Bescheides des Oberschulrats Herr Dr. Appel künftig zwar sehr wohl „in der Lage" sein wird, die Religionsschüler der orthodoxen Gemeinde aus dem Bereiche der liberalen Vereinigungs-Religion zu entlassen — aber daß er bisher dazu nicht „in der Lage" war, dürste hier durch ihn selbst wohl aktenmätzig festgestellt sein. Oder sollte Herr Dr. Appel bei dem durch ihn erteilten Unterricht in höheren Schulen mildere Formen der Nötigung ausgeübt haben als bei dem von ihm nur geleiteten Bolksschul-Unterricht? Wir glauben es fast. Denn die Tatsache, daß wahrhaft gesetzestreue Eltern freiwillig, aus innerstem Antriebe/ihre Kinder der religiösen Erziehung der neologen Herren anvertraut haben sollten, etwa fünfzehit Jahren, bereits mit allen Schönheitsattributen der Jugend geschmückt; ein künftiger Stern der reichen Gesellschaft, des reichen Westends der Großstadt. Auf einem tiefsitzigen Ledersessel hatte im Hintergrund, von den nmherskehenden Mädchen fast gattz unsichtbar gemacht, ein junger Mann, lässig hingestreckt, Cigaretten geraucht. Als die jungen Männer eintraten. und sich den noch nicht allen bekannten Mädchen hatten vorstellen lassen, erhob er sich langsam und leicht gähnend. Der Sohn des Hauses, Norbert Kronweiler. Neues Händeschütteln leitete dann eine schnell gefltndene Unterhaltung ein. Da erschien die Frau des Hanfes, deren Geburtstag jetzt festlich abschließeu sollte. „Ihre Mama, Heinz?" frug sie, dem jungen Mann die Fingerspitzen ihrer weißen und wohlgepflegtcn Hand hinhaltend. Eine tiefe Röte überflog das Gesicht des Befragten. ..Heute Abend — — — Mama bedauert sehr, — — aber heute Abend ist doch eigentlich — — — „Nur 'raus mit der Sprache", ermutigte ein alter Justizrat, „ist Jom Kippur." „Ach so!" beendete Frau Kronweiler, mit etwas Mißbehagen in ihrem noch immer jugendlichen Gesicht ,und ihrer klangloser! Stimme. Sie wandte fick einem eben cintrctenden jungen Paar zu; es tvaren Verlobte. — Wohl vierzig Personen saßen bei der Tafel, deren Glanz den Reichtu.m des Gastgebers ahnen, noch mehr, ihn förmlich taxieren ließ. Es mochten unter den Gästen auch solche Taxatoren fitzen, was den prüfenden Blicken und in Zahlen grübelnden Mienen Mancher unschwer anzusehen ivar. Auf die hinter Blattpflanzen hervortlingenden Weisen eines Doppelstreichquartetts Sette 3. 28. «at 1908. wenn daneben ein jedem zugänglicher altjüdischer Religionsunterricht besteht, wäre ein allzu beschämendes Zeugnis für die Gedankenlosigkeit und die Schwäche, denen man zuweilen allerdings im eigenen Kreise begegnet. Wenn die „Liberale Bereinigung" dazu beiträgt, gesetzestreue Eltern, selbst wenn sie in Logen und Verbänden in engstem Konnex mit \ liberalen Rabbinern stehen, von solchen unverantwortlichen Schwächen zu kurieren, dann wollen wir den Tag doppelt segnen, an dem diese Vereinigung gegründet wurde. Rus der neuhebräifdien Sthriflflellerethe. Noch ist der Judenstaat nicht gegründet, noch ist Altneuland nicht aufgerichtet, aber schon gibt es neben dem zionistischen Parlamente in Form des Kongresses auch einen zionistischen Gerichtshof. J Er tagte nicht in Jerusalem, sondern in Lem- \ b erg. Angeklagter war Herr Lazar, Redakteur des Hamizpoh in Krakau, der einen hebräischen Schriftsteller von Ruf, Herrn S. I. Hurwitz, öffentlich der Beteiligung an der englischen Judenmission bezichtigte. Nach sechstägiger Berbandlung hat sich die Grundlosigkeit des Ver- 4 sachtes gegen Hurwitz sonnenklar ergeben. Herr J Lazar wurde mit einer Strafe von fünfhundert % Kronen belegt und die Ehre des Herrn Hurwitz als Mensch und Schriftsteller ist gerettet. Soweit die Tatsachen, gegen welche sich nichts einwenden läßt. Wir sind auch unsererseits überzeugt, und waren es auch vor der Urteilsverkündung, daß Herr Hurwitz keine Beziehungen zur Mission unterhält,' daß die schwere Ver- / leumdung ihre angemessene Sühne finden mußte und auch gefunden hat. Allein über die nächstbeteiligten Personen ganz hinwegsehend, schienen uns doch noch ganz andere Leute auf der Anklagebank zu sitzen, eine gewisse Gruppe hebräischer Schriftsteller, die soweit es sich um den Verrat am Judentum handelt, vom zionistischen Ehrengerichte mehr belastet als reingewaschen wurden. Herr Hurwitz, der als typischer Vertreter einer Richtung unter einem gewissen Teil jungjüdischer Schriftsteller klageführend vor Gericht stano, hat den Weg zum Heil mit dem neuen Testament in der Hand nicht über London gesucht. Das ist unwiderleglich erwiesen. Daß man aber auch noch auf anderen, nicht minder gefährlichen Wegen als überzeugter und eifriger n^iDi rv>DD wirken kann, und daß Herr Hurwitz und Konsorten, weit entfernt vom einzigen Wege der reinen Gotteswahrheit, sich auf einem der j vielen Abwege befanden und befinden, die aus | dem Judentum hinausführen, das hat die H Gerichtsverhandlung mit all ihren interessanten und W charakteristischen Begleiterscheinungen mindestens ebenso klar dargetan. > -.'s achtete Niemand, da ja auch bei dem lauten Sprechen unb Lachen der Gäste die Musik ohnehin nur teilweise '' zu hören war. Ä Die üblichen Toaste waren zwischen den zahlreichen F Gängen gesprochen, dann die Tafel unter gegenseitig I gem Händeschütteln aufgehoben worden. Es sah aus, H als ob sich die Menschen untereinander zu einem be-- sonders angenehmen Ereignis beglückwünschen woll- -J ten, oder zu einer heroischen Tat, die durch einen jj Händedruck ihre Anerkennung finden sollte. i Ziemlich einsilbig, fast schüchtern, hatte Schulr* theiß, ein Studiengenosse des jungen Kronweiler an der Tasel gesessen. Er schien zu überlegen, daß er der I einzige Christ in dieser Gesellschaft war, obgleich er 7 wußte, daß etwa die Hälfte der anwesenden jüngeren Leute getauft war und das Brautpaar sich ebenfalls > vor der Hochzeit wollte taufen lassen. Schultheiß ge-Z hörte der „Frnkenschaft" an und fühlte sich vom Ju- % denhaß der Komilitonen frei, nicht aber von ihrem j Vorurteil. Weshalb er in diesem Vorurteil befangen Z war, ja, darüber vermochte er sich selber keine Rechenschast zu geben. Aber hier, inmitten dieser jüdische, Gesellschaft, denen durch die Taufe das Christentun: 4 ebenso fremd und fern geblieben schien, wie den wirtlichen Juden, empfand er klarer wie sonstwo unN! sonstwann, daß er sich, sogar rein menschlich, mh^j diesen Neuchristeil nicht identifizieren konnte. Er hattet das Gefühl, daß diese Neuchristen dem Christentun«: einen Makel anhesteten. Er empfand, daß sie es innerlich mit Wut und Glut haßten. Das waren keine Mer schen, die einen Gott und die Erlösung suchten, überhaupt an einem Gottheits- oder Mensch etwas gelegen war — das waren abtrünnige aber keine glaubenden Christen. Er sann und sann, sodaß er kaum hörte, was Tafelredner in ihren Toasten ausgesprochen hatten

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