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Der Israelit · 1908-05-28 · Heft 22 (28.5.1908) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 22 (28.5.1908)
Date
1908-05-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israel EkCestraltrni fflrJas irfMnt Jiinfn iltirüktm ' 49. Jahrgans. 28. Mal 1908. i 5ranhturta.ni, Sen M 22. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements r Gewöhnliche AnSgaöe Mt. 1.50 vterteljShrlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Ml. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich'Ungarn S Kr., RuAand 1 Luv., Englands sw, Amerika SO cte., Niederlande 1,90 fl.) Abonnementbei allen Postanstalten» Buchhandlungen,sowie direkt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserate r 30 Pfennig für die sechsgespaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Taris. Jnseratenannahme nur durch iuHaasensteinu.Bogler A.-G. Lonto bei der fl. «. Postsparkasse Wie» Sko. 78 «05. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Conto bet der Rigaer Comme^bank tu Riga Conto bei dem fl, Postsparkassen amt Budapest Ro. 184S4._und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialpstok, Reval und Lodz Der nachdruth der ürfihel und Correfponden?en des „Israelit“ ift nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es sich um gröbere fluffäfce handelt, nur nach vorheriger öenehmigung gestattet Strategische Kunstmittel der ßcologic. Eine in die Tiefe dringende Geschichte des Abfalls vom Judentum innerhalb der Juden heit harrt noch ihres Bearbeiterswas sich darüber in den zumeist ja von neologer Seite stammenden jüdischen Geschichtswerken findet, entbehrt — von der Parteilichkeit jener Historiker abgesehen — der wissenschaftlichen C staltung. Bedeutet Wissenschaft im höchsten Sinne ja die Durchleuchtung des Wissensstoffes mit der Fackel der ordnenden und sichtenden Erkenntnis, die Gliederung des Mat-erials zum Organismus, die Zurückführung tausend zerstreuter Einzelheiten auf gestaltende Prinzipien — und nur wer, allem Wechsel der Zeiten zum Trotz, ein in sich geschlossenes, einheitliches Bild von der großen Gottesstiftung des Judentums im Herzen trägt, vermöchte auch die große welthistorische Tragödie des Abfalls einheitlich zu erfassen, die vom Tanz ums goldene Kalb über Bamothverirrung und Königssünden, Sadducäismus und Karäertum, Judenchristentum und Spinozismus, Grätz'sche Geschichtsdichtung und Frankls verschleierte Traditionsleugnung zur — „liberalen Vereini- : gung" führt mit ihrem bibelkritisch, naturwissenschaftlich und religionsgeschichtlich gereinigten Pseudojudentum. Allein noch ehe jenes große und lehrreiche Geschichtsw rk uns geschenkt wird, lohnt es, von Zeit zu Zeit einen orientierenden Blick auf die von den Gegnern des überlieferten Judentums gewählten Kampfesmethoden zu werfen, die sich bei all ihrer scheinbaren Buntscheckigkeit in jeder Zeit doch unschwer auf gewisse immer wiederkehrende Grundideen zurückführetl lasten. Auf dem Nährboden des durch den Antisentitismus neu geweckten Solidaritätsgefühls erhebt sich da in unsren Tagen vor allem eine eigentümliche Methode, die wir mit einem kurzen Schlagworte als die Methode der„wissenschaftlichen Anfreunduug" bezeichnen möchten. Sie geht bewußteynaßen darauf aus, die reli. misten Gegensätze zwischen dem überlieferten Judentum und den geistigen Erzeugnissen der Neologie entweder in eine höhere Einheit aufzulösey oder aber — sie ganz in Abrede zu stellen. Als Hauptvertreter der ersten Richtung kann Hermann Cohen gelten/dessen, ernste und strenge Denkarbeit an und für sich zum Glück vor populärer Ausbeutung einigermaßen geschützt ist. Die. „Anfreundung" im Volkston dagegen, im Stile echter Populärwissenschaft und mit aufdringlich deutlicher politischer Tendenz vollzieht der Offenbacher Rabbiner Dr. I. Goldschmidt, der mit seinem guten Herzen — wir meinen das durchaus nicht ironisch — und seiner psychisch schlecht überwundenen konservativen Vergangenheit für diese Ansreundungsmethode besonders prädestiniert scheint. Goldschmidt hat sich nun neuerdings den Spaß gemacht, in einem besonderen Kapitel seines Buches über das „Wesen des Judentums" haarscharf zu „beweisen", daß — man höre und staune — Orthodoxie und Neologie in „keiner grundsätzlichen Anschauung" differierten, sondern nur in der „Formulierung" einer an sich unbestrittenen historischen Thatsache! Die „freisinnige Richtung", meint Goldschmidt, sehe „auch den Abschluß des Bundes" als ein „Resultat der Reliaionsgeschichte Israels" (ein genialer Ausdruck für die Auslösung einer objektiven historischen Tatsache in einen rein subjektiven Gemürsvorgang!) an, während die Orthodoxie i n d e r T a t daran glaube, daß Gott dem Mose die ganze Thora übermittelt habe. Das sei nur eine „minimale Differenz". Diese abenteuerliche Dialektik ernsthaft zu widerlegen, hieße ihr allzuviel Ehre antun, sie wird im Zusammenhänge mit dem ganzen Buch im literarischen Teile unseres Blattes die verdiente Würdigung finden. Hier sei sie nur als Beispiel dafür citiert, zu welchen Irrungen selbst ein geistvoller Kopf gelangen muß, wenn er aus psychologisch erklärbaren Ursachen etwas beweisen will, was den Tatsachen schlechterdings ins Gesicht schlägt. Im Geiste der Goldschmidtstchen Dialektik würde auch zwischem dem Kaiser von Rußland und einem armen Teufel von Irrsinnigen, der sich für den Zaren hält, nur ein „formaler" Unterschied bestehen — jener ist der Selbstherrscher aller Reußen, dieser hält sich dafür! Weiter nichts. — Die alten dummen orthodoxen Juden sagten, die Offenbarung auf dem Sinai war wirklich eine Offenbarung, Gott hat auf dem Sinai gesprochen — die Neologen Goldschmidt'scher Observanz meinen, auf dem Sinai hat niemand gesprochen, eine übermenschliche Offenbarung hat nicht stattgefunden, sondern die Lehren des Judentums sind „im Volksleben Israels autonom zur Erkenntnis und Anerkennung gelangt!" (sie.) C’est tont. Nun, wir bekennen: größer als zwischen Ja und Nein, zwischen Offenbarung und Nicht Offenbarung ist die Differenz, die uns trennt, wirklich nicht, verehrter Herr Dr. Goldschmidt, und wenn wir wüßten, daß die Großherzoglich Hessische Regierung Ihr Buch mit ebenso kritischen Blicken p r ü f t e, wie wir es — sehr wider Willen — tun mußten, so würden wirs ihr als wertvolles Material gegen den gemeinsamen Oberrat selber submisteft überreichen. Denn der muß wahrlich alles nüchterne Wägen,verlernt haben, der nicht einsieht, daß ja eben von dieser angeblich „formalen" Differenz die ganze Frage, nicht nur der ewigen Berpflichtungskraft des Sinaigesetzes, sondern der ganze Charakter unserer Welt-, und Lebensart s ch a u n g bedingt ist! Tiefer als alle metaphysischen Feinheiten, tiefer als Gottes-Einheit, Willensfreiheit, Unsterblichkeit greift ja d i e Frage in unser inneres und äußeres Leben ein, ob Gott selbst uns jeden Pfad unsres Lebens objektiv vorgezeichnet, oder ob, in Ermangelung solcher unmittelbaren Gottesäußerung, autonom in jeder Zeit unser eigenes Innere das Gesetz seines Willens aus sich selbst zu erzeugen hat. Ob die Thora, die ganze Thora, das schriftliche Wort und seine Seele, das mündliche, einheitlich wie Körper und Geist, unmittelbar und buchstäblich von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, seinem Volke zur ewigen treuen Hut anvertraut worden ist oder nicht, daran und daran attei« scheiden sich die Geister denn alles andere, bis auf den kleinsten Synagogen-Minhag herab, der je zu Kämpfen zwischen Orthodoxie und Reform geführt hat, ist nur die Konsequenz der Stellung, die man zu jener großen Frage einnimmt. Wird sie bejaht, dann ist der kleinste Minhag ein unentbehrliches Glied in dem lebendigen Organismus des Gottesgesetzes und als solches unverletzlich, dann ist die Orgel als Ausdruck bewußter kultueller Selbstherrlichkeit eine Demonstration gegen die Autorität des Gottesgesetzes. Wird sie aber verneint — nun dann wird'S blutwenig nützen, wenn die .Herren Reformrabbiuer glauben, durch ein paar luftige, durchaus nicht spezifisch jüdische „Ideen" die Existenzberechtigung eines von ihnen gepredigten „Judentums" beweisen zu können. Wem die Göttlichkeit der schriftlichen und mündlichen Lehre eine lebendige Wahrheit ist, wer in der Neberzeugung an diese Thora herantritt, daß in ihr — ob auch dem Menschenblick durch Jahrhunderte oft geborgen — die absolute Wahrheit in goldner Reine geborgen liegt,

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