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Der Israelit · 1908-01-23 · Heft 4 (23.1.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 4 (23.1.1908)
Date
1908-01-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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23. Januar 1908. beiden „gefährlichen" Schulen gelenkt. Monsieur de Prefsenss protestiert dagegen, daß diese Schulen am Samstag geschloffen sind und daß gar ihre Zöglinge am Samstag in die Synagoge geführt werden! Das Vorgehen des eifrigen Vorkämpfers der „Menschenrechte" gegen die religiöse Freiheit der orthodoxen Juden ist um so unberechtigter, als -as hier in Betracht kommende Gesetz von 1882 nirgends verbietet, daß Schulen am Samstag geschlossen bleiben, vielmehr anordnet, daß jede Schule außer Sonntag auch an einem zweiten, Jedoch unbestimmt gelassenen Tage der Woche geschloffen bleiben soll. Hoffen wir, daß der liberale Fanatismus in diesem Falle wenigstens an dem wahrhaft freiheitlichen Sinne der Regierung und der Mehrheit der Bevölkerung scheitert. England. Lorfl Rothschild und die killen Bill. London, 20. Januar. Wie ich Ihnen bereits früher berichtete, hatte der Board os Deputies im Oktober auf den Antrag seiner Sonderkommission für die Alien Bill den Beschluß gefaßt, wit aller Energie auf eine gründliche Revision dieses nicht nur als eine schreiende Härte gegen die unglücklichen Einwanderer, sondern auch als eine Herausforderung der ganzen englischen Judenheit empfundene Gesetz hinzuwirken. Die Streichung der Sektionen 1, 2 und 6 des Gesetzes, die damals gefordert werden sollte, wäre gleichbedeutend gewesen mit einer völligen Rücknahme der Bill; denn es würden nach diesen Vorschlägen nur diejenigen Bestimmungen übrig geblieben sein, die sich auf die Ausweisung bereits eingewanderter Familien, welche sich als lästig erweisen würden, beziehen. — Die Aktion des Board wäre nach der allgemein herrschenden Anschauung auch keineswegs aussichtslos gewesen; beweisen doch die Beriete über die Handhabung der Bill, daß sie tatsächlich ein Messer ohne Stiel und Klinge und einzig und allein geeignet ist, in einigen hundert Fällen das menschliche Mitgefühl und das jüdische Ehrgefühl aufs äußerste zu empören, ohne irgend einen merklichen Einfluß auf die Gestaltung des Arbeitsmarktes mit seinen nach Zehntausenden zählenden Ziffern zu üben. Nun hat die Angelegenheit durch das Eingreifen des Lord Rothschild eine etwas unerwartete Wendung genommen. Die Kommission unterbreitete ihren Entwurf nämlich vor Absendung Lord Rothschild, um die Meinung dieser einflußreichen und der Königlichen Einwanderungs- Kommission ungehörigen Persönlichkeit zu erfahren. Lord Rothschild riet entschieden, von den radikalen Forderungen, die man gestellt hatte, abzusehen und sich lediglich auf das Verlangen zu beschränken, daß ausreichende Empfangsräumtichkeiten für die Einwanderer hergestellt' werden sollten und daß ein die Rechte der Einwanderer besser.sicherndes Berufungsverfahren eingeführt werde. Obgleich die Alien Bill-Kommission des Board of Deputies sich auch nach der Beratung mit Lord Rothschild sich deffen Ansichten nicht anzuschließen vermochte, hat die Plenarsitzung des Board am 9. Januar trotzdem zu Gunsten des von Lord Rothschild vertretenen Standpunktes entschieden. Diese Entscheidung wird natürlich in der englischen Judenheit mit" gemischten Gefühlen ausgenommen. Man empfindet den Umsall vor der Autorität einerzwar hoch verdienten, aber doch immer nicht die Voiksstimmung repräsentierenden Persönlichkeit unangenehm. Trotzdem möchten wir glauben, daß das von dem Lord empfohlene vorsichtige Boraehen im Grunde der jüdischen Sache weit förderlicher ist. Wird die Bill tatsächlich gerecht gehandhabt, dann wird sie im nächsten Jahre noch geringere Ergebnisse liefern, als bisher, und ihre Urheber werden ihr dann noch weniger Tränen nachweinen als es heute der Fall sein würde. Einstweilen hat der Vater und Führer der Anti-Alien - Bewegung, Mr. Arnold White, ein Raffenpolitiker vom Schlage Houston Stewart Chamberlain's Der Israelit. einem Vertreter des „Jewish Chronicle" ganz offenherzig erklärt, daß ihm die Einwanderung wohlhabender und intelligenter ausländischer Juden, ganz einerlei, woher sie kommen, ebenso unerwünscht sei, wie diejenige der ruffischen Proletariermassen. White hat einen Respekt vor dem Uebergewicht der jüdischen Intelligenz, der geeignet wäre, uns stolz zu machen, wenn die Uebersetzung dieser Rassentheorie in die Politik, nicht in der Regel gar so traurige Folgen für die jüdische Gesamtheit hätte. Ein anderer vielgenannter wiffenschaftlicher Antisemit, Mr. Alfred Stead, der im Frühjahr vorigen Jahres fulminante Verteidigungsreden zu Gunsten der judenfeindlichen rumänischen Politik veröffentlicht hatte, ist jetzt gebührend belohnt worden/ Rumänien hat sich beeilt, den hülfsbereiten Herrn zum rumänischen Generalkonsul in London zu ernennen. Uermi$cbtt$. Mosbach, 21. Jan. Bei der jüngst stattgehabten Synagogenratswahl wurden die Herren Nathan Rothschild als Vorsteher, Anse m Bissinger und Samuel Baer als Synagogenräte, ersterer einstimmig auf sechs Jahre, wiedergewählt. Herr Rothschild versieht das Borsteheramt nuumehr schon zum Viertenmale, die beiden anderen Herren zum zweitenmaie. Die Gewählten wurden heute amtlich verpflichtet. Bon 32 Wählern hatten 29 abgestimmt. Zerkow, 15. Januar. (Aufgehobene Schule.) Die hiesige j ü d i > ch e Schule, die in letzter Zeit nur von fünf Schülern besucht wurde, ist aufgehoben worden. Lehrer Abraham, der 20 Jahre hier amtierte, ist nach Kurnik versetzt worden. Basel, 20. Jan. Herr und Frau I. Dreyfus- Brodski hatten aus Anlaß der Barmizwa-Feier ihres ältesten Sohnes der israelitischen Gemeinde zum Andenken an ihren seligen Bater, S Dreyfus-Neumann y'jfl, den langjährigen Gemeindevorsteher in Basel, eine Stiftung im Betrage von 100009 Frcs. überwiesen. Bei Gelegenheit der Barmizwa - Feier ihres zweiten Knaben, die am jüngsten Sabbath stattfand, haben sie zu dieser Summe 50000 Frcs. hinzugefügt. Der Baueines schönen Gemeindehauses soll nun demnächst in Angriff genommen werden. NeW-Boek, 13. Jan. Die New-Iorker Gerichte beschäftigen sich jetzt mit einem intereffanten Fall, deffen Fäden sich bis nach Galizien erstrecken. Ein aus Galizien stammender Einwanderer namens Leiser Wahlfisch wurde bald nach seiner Landung in New-Aork wahnsinnig und mußte in das State-Hospital überführt werden. Der galizische Krankenunterstützungsoerein in New York, der auch seine eigene Begräbnisstätte für seine Mitglieder besitzt, erhielt eines Tages von d?r Spitalverwaltung die Nachricht, daß Leiser Wahlfisch gestorben sei. Die Bereinsleitung ließ die ihr bezeichnete Leiche in den Bereinsfriedhof bringen und daselbst bestatten. Die Verwandten Leiser Wahlfischs in Galizien wurden ebenfalls von dem Tode des Emigranten verständigt. Nun ist Leiser Wahlfisch garnicht gestorben, sondern nach seiner Heilung in seine Heimat nach Galizien zurückgeschickt worden. Die über die Ankuift des Totgeglaubten erschreckten Verwandten des Leiser Wahlfisch wollten ihn gar nicht in die Wohnung lasien, als er fich eines Tages in dem kleinen galizifchen Städtchen meldete. Dieser Tage kam nun die offizielle Bestätigung aus Galizien an den New-I-orker Unterstützungsveretn, daß Leiser Wahlfisch am Leben sei. Der getäuschte Krankenunterstützungsverein hat nun vor allem gegen die Spitalsverwalumg die Klage auf Schadenersatz angestrengt und verlangt, daß der fremde Leichnam, deffen Jbendität noch garnicht festgestellt ist, auf Staatskosten exhumiert und anderswo begraben werde. Frankfurt a. M., 2l. Januar. Der „Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit" <rOV 'HDEO veranstaltet am Sonntag den 2. Februar in i ch t 26. Januar) nachmitags 6 Uhr eine Versammlung mit dem Thema: „Die Organisation der jüdischen Handlungsgehilfinnen." Die Versammlung findet im Lokale des Vereins „Mekor Chajim", Schützenstraße 2, statt. Gäste — nur Damen — sind willkommen. Frankfurt a. M., 20. Jan. Unter den hiesigen Vereinen, die es fich zur Aufgabe gestellt, 7I1D zu verbreiten, verdient auch das seit etwa einem halben Jahre von einigen ovo begründete „{8mon fTQ Frankfurt a. M." genannt zu werden. Dieser Verein hat Uhlandstraße 33 sein Lehrzimmmer, das den ganzen Tag (von Morgens 9 Uhr bis Abends 10 Uhr) geöffnet ist. Es kann hier jeder nach Maßgabe seiner Befähigung und Vorbildung, in Gemeinschaft mit anderen oder allein und zu jeder ihm paffenden Zeit in altjüdtscher Weise „lernen" und es haben auch Nichtmitglieder freien Zutritt. Die Leitung des Unterrichts untersteht dem Herrn Rabbiner M. Ch. Ratzker. Anmeldungen und Geschenke (auch neue und gut erhaltene alte qytqd) nimmt jedes der Vorstandsmitglieder gerne entgegen. Den Vorstand bilden die Herren: Heinemann Birnbaum (Vorsitzender), Hermann Lehmann, Max Mayer, N. H. Loeb, Adolf «ans, Sam. Weil und Leop. Halberstadt. Ro. 4. Sette 8 Frankfurt a. M., 20. Jan. Der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" veranstalte am Montag ein Vortragsabend, der hauptsächlich dem jüdischen Volkslied, wie es bei unseren Brüdern im Osten fich entwickelt hat, gewidmet war. Die künstlerische Leitung lag in den Händen von Dr. Bogumil Zepler, als Vortragende Künstler wirkten Leo Go ln in und Bera Goldberg. Dr. Zepler kettete die einzelnen Abschnitte deS Borttagsabends mit kurzen erklärenden Hinweisen ein. Im ersten Teile machte das Volkslied „Das Peckele" besonders tieftn Eindruck auf die Hörer. Der Sänger wußte sowohl das unsägliche Leid, das der Jude im Kampfe um die Erhaltung der Thora erduldet, als auch die unerschütterliche Hoffnungsfreudigkeit, die ihn ttotz allem beseett, ergreifend zu zeichnen. Den unvermittelten Uebergang vom Scherzhaften zum Tiefernsten, wie er dem östlichen Golusjuden eigentümlich ist, bringt baS reizvolle Rätsellied zum Ausdruck, das Fräulein Goldberg vorttefflich wiedergab. Der zweite Teil des Abcnds stellte dem Volkslied jüdische Kunstlieder verschiedener Komponisten, darunter auch Zeplers, gegenüber. Der letzte Abschnitt brachte volksliedmäßige Weisensehr eindrucksvoll wirkte das Lied vom „Talles", dem steten Begletter des Juden bis in den Tod. Sämtliche Darbietungen fanden lebhaften Beifall. Alzenau, 17. Jan. Hier wurde nach einem zündenden Borttage des Herrn Louis Kahn-Frankfurt a.M. eine Ortsgruppe des Verbandes derSabbath- - freunde gegründet, welcher fich der größte Teil der Gemeinde anschloß. Auch der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" traten viele Mitglieder bei.?rrro«s»ev. vlnlttvs Lmanuei veutscd jn. München, am 14. Schewet. Wenn diese Zeilen an die Oesfentlichkeit treten, haben die Leser der Tageszeitungen bereits von dem schweren Verlust Kunde erhalten, den das Hinscheiden Dr. Deutschs für »alle, die ihm je näher getreten waren, bedeutet. Er gehörte selber zu dem großen Stab der Presse und nahm dort eine hervorragende Stellung schon dadurch ein, daß er viele Jahre lang Direktor des Wolfffchen Telegraphenbureaus in München war. Die Tagespresse hat daher das Andenken ihres Heimgegangenen Mitgliedes in überaus ttef empfundener Werse gefeiert und seine Tätigkeit für den Münchener Journalisten-Berein, für die Pensionsanstalt und ferne eigentliche Berufstättgkeit als Letter des Süddeutschen Korrespondenz-Bureaus in warmen Tönen zum Ausdruck gebracht. Was er aber als Jude, was er uns, was er dem großen Kreis seiner jüdischen Stammesgenossen war, welchen Kiddusch Haschem seine bloße Persönlichkett bedeutete, wie er fern Judentum, das alte wahre, einzige, orthodoxe Talmudjudentum, in der Presse, im Bureau, bei den Behörden und Beamten bis hinauf zu den Ministern aller Ressorts vertrat, das zu schildern ist eine Ehrenpflicht des „Israelit", dessen tteuer Leser er seit dem ersten Erscheinen bis in die letzte Zeit geblieben ist. Deutsch entstammte der bekannten, schlesischen Gelehr tcnsamilie gleichen Namens, der auch die Brüder Israel und David Deutsch, Rabbiner in Beuthen und Sohrau i. S. angehörten. Ein dritter Bruder Abraham Deutsch, Rabbinats-Assessor in Gleiwitz, war der Vater unseres Emanuel Deutsch. *) Diese drei Brüder zahten unter bie etften beutjdfen Rabbiner, die gründliches talmudisches Wissen und echte jüdische Lebensanschauung mit vielseitiger moderner Bildung verbanden. Unter einer solchen Leitung genoß Emanuel Deutsch Unterricht und Erziehung und ihr ist er Zett seines Lebens in unwandelbarer Hingebung tteu geblieben. Er absolvierte mit Auszeichnung das Gymnasium und besuchte die Universität. Mer bei aller Hingebung für die Wissenschaft blieb er der Thora und ihrem Studium tteu zu einer Zeit, in der so viele in jüdischer und allgemeiner Bildung einen Gegensatz erblickten und daran Schisfbruch litten. Er betrieb in Breslau neben den Universitätsstudien mtt gleicher Hingebung das Talmudstudium unter den ersten dortigen Koryphäen der Thorakunde, er besuchte als Student in Würzburg die talmudischen Vorttäge des Rabbiners Seligmann Bär Bamberger, y'jjT setzte in Frankfurt a M., woselbst er sich dann längere Zeit aufhielt, bei Rabbmer Dr. B. H. Auerbach y'ST seine Tclmudstuöien fort und wurde ein besonders begersterter Anhänger von S. R. Hirsch y'^T und seiner großzügigen Auffassung des Judentums. Er wäre sicher eine Zierde des Rabbinerstandes geworden, für den ihn sein Bater ursprünglich bestimmt hatte, aber er konnte sich nicht für diesen Beruf entschließen, aus Erwägungen, die seinen lautern Gesinnungsadel in feiner ganzen Größe zeigten. Er siedelte vor mm bald 40 Jahren nach München über und wurde hier Direktor des Wölfischen Telegraphrnbureuus. War es schon ein Wunder, daß dieser bedeutende, einflußreiche Posten einem Juden übertragen wurde, so war es ein noch größeres Wunder, x) Der am British Museum in London angestellte gleichnamige Verfasser der berühmten Whandlung „Ter Talmud" war ein Vetter unseres Emanuel Deutsch.

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