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Der Israelit · 1908-01-23 · Heft 4 (23.1.1908) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 4 (23.1.1908)
Date
1908-01-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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WWWM Nr. 4. Sette 10 Der Israelit. «üpp 28. Januar 1908,' f ein orthodoxer Jude eine solche Stellung bekleiden konnte, ohne auch nur um Haaresbreite von seinem Lebenswandel abzuweichen. Daß er an Schabbos und Jomlos fein Bureau nicht betrat, war selbstverständlich. Aber bei einem die ganze Welt umfassenden Institut, wie das von ihm geleitete, fehlte es mär an Anlässen und Versuchungen jeder Art, die wohl geeignet waren, dieses treue Festhalten an Gott und seinem Gesetz zu erschweren. Wie sein heller Geist und sein treuer, fester Sinn alle diese Schwierigkeiten unter ganz sichtlichem göttlichen Beistand überwand, das mutz man aus feinem eigenen Munde gehört h.ben, um die ganze Heiligung des göttlichen Namens zu begreifen, die ein solches Leben und Wirken in so exponierter Stellung bedeutete. Er wäre, wenn er eS auch gewollt hätte, nicht in der Lage gewesen, sein orthodoxes Judentum zu verleugnen. Die Vertreter der Presse, die Behörden und Beamten achteten uno ehrten in ihnr reicht nur den Juden, sondern auch den orthodoxen Juden, der jeden Augenblick lieber aus seine ganze Karriere als aus die Herlighaltung feines Sabbat verzichtete. Dieser Idealismus, der alle 'materiellen Vorteile ohne Bedenken preisgibt, um seine religiöse Ueberzeugung unverkümmert zu erhalten, dieser Idealismus, dessen nyr der Talrnudjude fähig ist, rang ihm und seinem Judentum die Achtung aller Kreise ab, mit welchen ihn sein Amt in Berührung brachte. Sie wurde noch gesteigert durch den Hellen Geist, der in allen schwierigen Fällen Rat wußte, durch ein gutes Herz, das für seine Menschenliebe keine Schranekn der Religion und Konfession kannte, durch die hilfsbereite Tat, die jederzeit zu fördern und zu helfe« bereit war. Am meisten erwarb er sich das Vertrauen der höchsten Kreise, von Botschaftern und Ministern durch die gewissenhafte Diskretion und die Delikatesse, die man bald an ihnr zu schätzen wußte. Wie oft kam es vor, daß ein Minister ein Interesse daran hatte, irgend eine Nachricht in die Presse zu lancieren, ohne daß Jemand eine Kenntnis davon hatte, von wem sie ausging. Das verstand Deutsch mit einer Feinheit und Gewandheit zu besorgen, daß - sich nachher der Minister und Leiter der Zeituna Deutsch gegenüber zum Dank verpflichtet fühlten. Er aev-arnr dadurch im Laufe der Jahre einen Einfluß, der merkwürdig war und Fernstehenden ganz unglaublich schien. Noch merkwürdiger aber war die Art und Weise, wie er diesen Einfluß verwertete. Er hat ihn niemals für sich ans genützt. Wiederholt ist ihm von Ministern nahe gelegt worden, wie es nur emes Wortes bedürfe, um ihm Titel, Orden und Auszei.chnungen zu sichern; feine anspruchslose Selbstlosigkeit hat für fickalles abgelehnt. Um so hingebungsvoller hat er dagegen diesen seinen Einfluß für sein Judentum, für die Judenheit immer und überall in die Wagschale geworfen, wo dieselben durch die Ungunst der Zeiten, der Verhältnisse und Gesetze zu leiden hatten. Wenn die Examina von Studenten aus einen Schabbos oder Jomtow fielen, so wandte man sich an Dr. Deutsch, der über die Köpfe der Ministerialräte sich an den Minster wandte und Remedur verlangte. Wenn arme ausländische Juden ausgewiesen werden sollten, so wandten sie sich an Dr. Deutsch und er gewann die zuständigen Botschafter dafür, daß sie sich mit Erfolg für ihre Landesangehörigen verwandten. Wenn einem orthodoxen Rabbiner in der ungetrübten -Erhaltung der Gemeinde-Institutionen durch neologe Borsteher oder Beamte Schwierigkeiten bereitet wurden, die nur durch ministerielle Entscheidung zu beseitigen waren, so informierte fick der Minister bei Deutsch Und entschied aus Grund dieser Information. Beim besten beiderseitigen Willen war eine solche Information über jüdische Interna nicht leicht und führte manchmal zu ergötzlichen Szene.- So hatte einmal ein Rabbiner einen Schächter, der sich über das Verbot des Tragens am Sabbat hinweggesetzt hatte, die Qualifikation für fein Amt ab gesprochen. Der so Gemaßregelte wandte sich deshalb beschwerdeführend an den Minister und suchte ihm die Sache so darzustellen, als ob es sich dabei nur um eine orthodoxe Marotte handle. Dr. Deutsch erllärte aus Befragen dem Minister, daß hier ein ganz zweifellos biblisches Verbot vorläge, das auch in den Propheten erwähnt fei und von jedem gewissenhaften Israeliten beobachtet werde. Er selber trage am Sabbat kein Buch, ja nicht einmal einen Regenschirm auf Grund dieses Verbots. Einige Monate später hatte im Winter unmittelbar nach Sabbat-Ausgang Deutsch bei dem- Ielben Minister vorzusprechen. Der Minister bemerkte, »aß Deutsch einen Regenschirm bei sich trug und glaubte ihn auf einer Inkonsequenz ertappt zu haben, da doch heute Sabbat sei! Deutsch mußte nun Se. Exzellenz aufs neue belehren, daß mit eintretender Nacht sein Sabbat aufgehört habe, wenn auch der bürgerlich- Sonntag sich noch bis Mitternacht erstrecke. Als parlamentarischer Berichterstatter kam er in Verbindung und enge Fühlung mit allen Parlamentariern jeder politischen Richtung. Er war bei den Konservativen und Fortschrittlern, bei den Klerikalen und Liberalen' und ebenso bei den Zeitungen der verschiedenen Parteien gleich hoch geachtet und verehrt. Die Opfer, die er seinem Judentum brachte, waren weit entfernt, seine Hingebung dafür zu schmälern, sie machten es ihm imGegenteil teuer in jedem Sinn dieses Wortes. Daraus erttärt fick eine Eigenart von ihm, an der gewöhnliche Dutzendmenschen verständnislos vorüber gingen und die sie ihm bisweilen recht herzlich übel nehmen konnten. Weil er mit jedem Splitter feines Geistes, mit jedem Tropfen fernes Herzblutes an seinem Judentum hing, stand es ihm als unantastbares Heiligtum da, dessen Verletzung, Entweihung und Entstellung ihm unertrüglich war. Wo er im Kreise ferner' jüdischen Bekannten Gleichgiltigkeit, Nachlässigkeit und Unkenntnis in der Erfüllung ihrer Lebenspflicht gewahrte, sprack» er sein belehrendes, ermahnendes und zuruckwcisendes Wort aus, obwohl seine bewährte Menschenkenntnis und bekannte Lebensklugheit wußte, daß die Masse aufrichtige Wahrhaftigkeit so leicht mtt ungebildeter Rücksichtslosigkeit verwechselt. Sein gutes Herz kannte keinen Groll und deshalb vcrichurähte sein gerades, entschiedenes Wort jede Rückicht und Verbrämung.' Seine liebende Nachsicht konnte n den Verirrungen eines dem jüdischen Bätererbe entfremdeten Lebens die letzte, dünne Faser aufsuchen, die es noch mit hem Heiligtum verband und für jede Schwäche und jeden Mangel mildernde Momente fckdden lassen. Sein heller Geist war tief bavott überzeugt, daß eine gemeindliche Verbindung derjenigen, die Gottes Gesetz als solches anerkennen und derjenigen, die seine Vrrbiudlichkeit leugnen ein Unding, und daß nur durch eine Scheidung dieser Gegensätze der Wahrheit und dem Friedew gedient sei. Er war schon vor vielen Jahren mit teurem Ansehen und seinem Einfluß bei den maßgebenden staatlichen Faktoren für eine Aenderuug der bestehenden Staatsgesrtzr zu Gunsten einer in religiöser Hinsicht vollständigen Trennung zwischen Orthodoxen und Neologen eingetreten. Wer er fand damals in seiner ganzen Umgebung Niemand, derihm aus diesem Wege folgte und mußte deshalb davon absehen. — Als fick vor einigen Monaten ähnliche Bestrebungen gellend machten und man an ihn herantrat um in erster Reihe ihn dafür zu gewinnen, lehnte er die Mitwirkung ab« lediglich deshalb, weil ihm der Trennungs- Gedanke religiöse Gewijsenspflicht war und er diese grundlegende prinzipielle Forderung nicht erst zum Gegenstand von politischen Verhandlungen und Kompromissen gemacht wissen wollte. Nach einer etwa 30jährigen aufreibenden beruflichen Tätigkeit trat er von 12 Jahren in den wohlverdienren Ruhestand. Seitdem war sein ganzes Leben der Thora, Aboda und Gemillus Chasodim gewidmet. Die Nekrologe der Tagesblätter berichten daß er seit seiner Pensionierung sich philosophischen Studien gewidmet habe. Wenn seine ihn besuchenden äußerjüdischen Freunde und Bekannte ihn bei seinen Folianten trafen, deren Schrift ihnen ftemd war, so vermuteten sie den jugendlichen Greis in das Studium der Philologie vertieft. Wer aber einen 'Kennerblick in die Liebtingslektüre werfen konnte, bei der man jederzeit den unermüdlichen, emsigen Forscher traf, der fand ihn gewöhnlich in das Studium von muilPTfl vertieft, von welcher er die n"^ miiT'S yTO ntit besonderer Hingebung studierte. Er. besaß eine reiche Bibliothek, die viele wertvolle Bücher jüdischen und außerjüdischen Inhalts auf wies. Die klassischen Werke der ersteren hatte er von seinem Vater übertommen, die ihm durch wertvolle väterliche Randbemerkungen besonders teuer waren, deren emsigen Studium er sich daher mit besonderer Gewissenhaftigkeit hingab. Dabei versäumte er keine Wissenhastigkeit hingab. Dabei versäumte »r kein 11222 nbsnbte wenige Wochen vor seinem Heimgang. Was er aber Hand in Hand mit feiner gleichgesinnten, seiner würdigen Lebensgefährtin an Armen und Leidenden, an Hilfesuchenden jeder Art tat, das spottet jeder Beschreibung. Da kam kein dürftiger O2N TD^n dem er nicht aus eigenen Mitteln und aus den Beträgen, die ihm andere dafür zuwiesen, unterstützte, den Studenten verschaffte er die Mittel zu ihrem Studium, den Armen und Kranken, den Hilfsbedürftigen jeder Art waren die wackeren Gatten jederzeit Helfer und Berater, Annehmer und Tröster in allen Sorgen und Gebresten des Lebens. Er suchte die angesehensten Firmen selber auf und wie war er glücklich, wenn er z. B. für die alljährliche Chanukabescherung, die seine Frau für arme Kinder veranstaltete, Geld und Naturalien, Kleider und Lebensbedürfnisse aller Art zugesagt erhielt! Wie hat er es auch nährend seiner Krankheit in den letzten ihm beschicdenen Wochen verstanden, die zahlreichen Besucher zu npt2u.’n//l in großem Stil heranzuziehen! Diesen sprach er für eine Leitung zur Kollekte für eine a2P! TD^n an, von Jenem verlangte er eine Gutschrift zum Zweck eines Darlehens für einen in Bedrängnis geratenen Familien-Vater, einen Dritten. bestimmte er statt seiner auf die russische Gesandtschaft zu gehen, um dort die nötigen Schritte zur Erlangung eines Heiratskonsenses für eine russische Eingewanderte zu tun. Diesem edlen, stillen, gottgetragenen Leben hat der Tod gestern plötzlich rin Ziel gesetzt. Er ist im Alter vor 73 Jahren einer Krankheit erlegen, welche der Talmud als das Leiden der D'£2ri vTD!?n zeichnet Auch^in den schwersten Tagen seiner Krankheit verließ ihn die heitere Seelenstimmung nicht, die sein ganzes Leben auszeichnete und welche auf alle überging, die das Glück hatten, in seiner Umgebung zu weilen und ihm menschlich näher zu treten. Sein Scheiden läßi eine unausfüllbare Lücke zurück, für die es keinen Ersatz gibt. Er hat keine Kinder hinterlassen. Mögen alle, in welche je ein Funke seines Geistes gefallen, sich als Kinder am Grabe ihres Vaters die Hand reichen und sich geloben, zu vollenden, was sein edles gottgesegnetes Leberr und Wirken anstrebte. Möge so sein Heimgang eine Sühne für die Verirrungen werden, die er mit Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit bekämpfte; Man kann während feines Lebens einen □2fl Töbn verkennen und bekämpfen, weil man sich an kleinen und kleinlichen Aeußerlichkeiten stößt. In dem Augenblick, in dem das, was irdisch ist, von uns scheidet, tritt er uns geistig näher, nDtf Q2TI V»21Tj7-72n und wird mit uns verlvandt. Wenn alle dem großen Toten Seelenverwandten das Banner aufgriffen, das feiner sterbenden Hand entsunken, wenn sie die Fahne des historisch-orthodoxen Judentums um so höher hielten, je tiefer die Fahnenflüchtigen sie in den Staub zerren möchten, so wäre das der schönste Kaddisch, den ihm die Erben seines Geistes und seiner Gesinnung als Leidtragende nachsagten, und die herrlichste Berwirllichung des Segens, den das bloße Gedächtnis des Verklärten bedeutet: -1272^ p*H2 12T Nördlingen, 14 Jan. Am 9. ds. Mts. derschied in Augsburg nach einer Operation der langjährige Kantor und Religionslehrer der htefigen israelitischen Kultusgemeinde, Herr Abraham Weiler, im 56. Lebensjahre. Die Leiche wurde durch zwei Vertreter der htefigen Kultusverwaltung von Augsburg hierher geleitet. Die Beerdigung gestaltete fich zu einer außerordentlich großen Trauerrunogebung. Dem Sarge folgten die Kultusverwaltung, dte Vorstände .und Lehrer der kal. Realschule und des ProgymnafiumS und anderer Schulen, die Geistlichkeit beider Konfessionen, Bcrtteter der städtischen Kollegien, ecke große Anzahl von Schülern und Schülerinnen, mehrere Vereine und die Gemeckdemitglteder samt vielen zur letzten Ehrung deS Verstorbenen herbeigeellten auswärtigen Freunden desselben. Herr Distrikterabbcker Dr. Kohn-Jchenhimsen gebüchte in seiner Rede der Perbienste, die der Entschlafene fich während seines 37jährigen Wirkens in hie ger Gemeinde erworbm. Namens der israelitischen Kultusgemeinde dankte, in Vertretung des ersten Vorstandes Sigmund Höchsiädter, Herr Salomon Gutmann dem Dahingeschiedenen für seine, ersprießliche Tätigkeit als Lehrer und Kantor, sowie für lecke eifrigen Bemühungen um die Zwecke des israelitischen FrauenvereinS. Es sprachen dann Herr Prediger Wetter aus Paderborn, der Bruder des Verewigten, Herr Rralschullrettvr Dr. MehliS für Realschule und Progymnafium, an welchen Herr Weiler gewirkt hat, und Herr Hauptlehrer Weiß für den Bezirkslehrerverein Nördlckpenferner ergriffen das Wort dte Herren Rechtsanwalt Schwarzkopf, Lithogr. pH Zeitrag, Siegfried Par und Lehrer Gutmann von Oellingen. Die israelitische Kultusgemeinde erleidet durch den Tod des Herrn Wetter ecken schweren Verlust. Mem l, 15. Jan. Bor kurzem verschieb hier Frau Theophtle Maisels, die fich um die Armen und Bedürftigen stets opferfreudig bemüht hatte. An ihrer Bahre sprachen die Herren Rabbiner Meier und Dr. Stein. UertinslKileiMler. Jüdischer Frauen vere«. Mittwoch, 29. Jan., abends 8l/a Uhr präzis. Tagesordnung: „Welche Fragen erweckt in uns Björnson's Drama „Ueber unsere Kraft II/'?" Referenttn: Fräulein Gertrud Kauffmann. Diskusfion. Gäste (Damen) willkommen. Briefkasten. aare Ei« Abonnent. Die Adresse lautet: Zedek-Hospital, Jerusalem. lamMennacdricdieli. Verlotot: Selma Elsässer mit Julius Merenl a n d e r» Frankfurt a. M. — Clara Schwab mit Adolf Neuburger, Rimhar-Arnstein. — BienchmFlörsh eim er mit Joseph Hamburger, Höchst (Odenwald)-Alzenau. Vermfttolt: Leon Hackenbroch mit Agathe geh. Mäher, Frankfurt a. M. — Armand Schiwak mit Herma geb. Levitta, Straßburg i. E. Getourten: Ein Sobn: Leo Bodenheimer, Frankfurt a. M. — Eine Tochter: Distrittsrabbiner Dr. Mannes (Jacobi), Schwabach. Terstortoen: Frau Julius L. Hamburger Wwe. 78 I., Karlsruhe. Silberne Hochselt: Joseph Horngrad und Frau geb. Jasser Frankfurt a. M. Sabbat-Anfang u. Ausgang. .nrv OBT: | Anfang Datum Ausgang UhrlMin. 19081 5768 UhrlRiu. Frankfurt a. M 4 45 22.Jan. L5.Schewat. 6 00 Berlin München . Strastbnrg Stuttgart. Pole» . . Nürnberg Hamburg. Prag. 50 00 00 5 5 6 5 5 5 5 6 24 44 00 51 80 43

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