Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1908)
- Date
- 1908-01-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr 4 Sette 8. DerALraeUr. 23. Januar 1908 worden ist. Jedenfalls wird eine baldige Erganzungswahl stattzufinden haben, da so manche . Sachen ihrer Erledigung durch das Konsistorium harren. Aurich, 15. Jan. Die städtischen Kollegien setzten gestern den Etat für die hiesigen Schulen nach dem neuen Volksschulunterhaltungsgesetz fest. Zum Unterhalt der israelitischen Volksschule bewilligten die Kollegien einen jährlichen Beitrag von 1200 Mk. vom 1. April ab. Die israelitische Schule besuchen gegenwärtig 38 Kinder aus der Stadt und 5 von auswärts. Die Schuldeputation setzt sich aus dem Rektor, einem Lehrer der Stadtschule, einem lutherischen, einem reformierten, einem katholischen Geistlichen und dem Ortsrabbiner zusammen. Ungarn. Videant consules! (Von unsrem Correspondenten.) Budapest, 20. Januar. Die neologe Landeskanzlei verfügt jetzt über zwei Leiborgane. Beide sind offiziös. Beide werden vom Kanzleidespoten Dr. Franz Mezei inspiriert. Und beide Journale sind unentbehrliche Instrumente für die neologe Hexenküche, die mit zweierlei Wäffen operieren will. In dem jüdischen Blatte „Egyenlöseg", welches hauptsächlich von Juden gelesen wird, werden die Orthodoxen freundlich eingeladen, mit den neologen Brüdern gemeinsam für jüdische Interessen einzutreten. Es wird sogar zugestanden, daß der vierzigjährige Krieg, den die Kongreßpartei im Interesse der sinheitlichen Organisation führt, einem Traum gegolten habe, der leider nicht verwirklicht werden könne. Der offizielle Artikelschreiber plädirt auch für zwei Organisationen. Zu gleicher Zeit wird aber in dem zweiten offiziellen von einem Täufling redigierten christlich-reformierten-jüdischen Tageblatte gegen die orthodoxe Organisation mit den verwerflichsten, ja entschieden 'judenfeindlichen Mitteln gekämpft. Welche Auslassungen der beiden Offiziösen soll man nun für die „amtliche" Wahrheit halten? Heute erhielt die ungarische Judenheit und die nichtjüdische Oeffentlichkeit eine vorläufige Antwort. Unter außerordentlich lebhafter Teilnahme der Mitglieder und Delegierten wurde nämlich Heute die Generalversammlung des Budapester neologen Gemeindedistrikts abgehalten. Den Vorsitz führte Dr. Moritz Mezei. .Als Schriftführer fungierte Dr. Franz Mezei. 'Die Sitzung nahm einen sensationellen Verlauf. Es wurde ein Erlaß des Kultusministers verlesen, der den Neologen als der erste Schritt zur Erfüllung ihrer Wünsche erschien und den sie daher begeistert begrüßten. Dieser Erlaß enthält eine Aufforderung an die neologe Landeskanzlei, die alsbaldige gutachtliche Aeüßerung der Distriktspräsidenten einzuholen über die Frage, welches Vorgehen zweckmäßig sei, um einen allgemeinen Kongreß ein berufen zu können. Der Erlaß muß, wenn er auch die Autonomie der orthodoxen ungarischen Juden noch nicht unmittelbar bedroht, immerhin als der für die Juden wichtigste Regierungsakt seit 35 Jahren betrachtet werden, und die gesetzestreue Judenheit des Landes mit großer Beunruhigung erfüllen. Nach der Verlesung des Regierungserlasses erstattete der Präsident feinen Bericht. Er weist darauf hin, daß die Distriktspräsidenten am 11. Juni 1906 beim Kultusministerium ihre Aufwartung gemacht und nachdrücklichst darauf hinwiesen, daß die „ungesetzliche Regierung" (!) aus der einzigen jüdischen Konfession zwei Konfessionen gemacht , habe. Die Diftriktspräsidenten baten auch in einem Memorandum um die Außerkraftsetzung der ungesetzlichen Verordnung des gewesenen Kultusministers.. Man hatte, so führte "Herr Mezei weiter aus, die Einberufung eines zweiten jüdischen Kongresses urgiert, damit die Konfession 'selbst über die Art ihrer Organisation befragt werde. Zu dem prinzipiellen Standpunkt des ersten Kongresses, religiöse Fragen aus den Beratungen auszuschalten, bekenne man sich noch heute. Man verlangte auch, daß die Regierung bei Feststellung des Staatsbudgets die staatliche Subvention der israelitischen Konfession in einem der Gerechtigkeit entsprechenden Maße bestimme. Mit schlauer Rabulistik wird nachher von Mezei die Frage aufgeworfen, ob es nicht ratsam sei, den Orthodoxen zu gestatten, daß sie sich als eine von der rezipierten israelitischen Konfession abgerissene Partei, im Rahmen des Gesetzes von der freien Religionsübung konstituieren, sie, die Kongreßpartei aber ihre Organisation als die staatlich anerkannte israelitische Landeskirche weiter ausbaue. Wahrlich, nicht übel dieser Plan, das einzig, wahre, historische, gesetzestreue Judentum als außerhalb der jüdischen Religion stehend, zu stigmatisieren. Wir werden auf diesen übrigens nicht neuen Streich noch zurückkommen. Die Versammlung wählte eine Kommission zur Vorbereitung eines Kongresses. Das neologe Kesseltreiben gegen die orthodoxe Autonomie wird also aufs Neue beginnen. Es wird kein Waffenstillstand gewährt. Der Krieg wird fortgesetzt. Gut. Die gerechte Sache des gesetzestreuen Judentums befindet sich derzeit ti"2 in guten Händen. Wir wollen an dieser Stelle nur folgendes hervorheben. Die neologen Gewalthaber, die bei den früheren Regierungen immer die erste Geige gespielt, leben noch immer im politischen Größenwahn. Der Kultusminister — so lamentieren sie die ganze Zeit — habe ihr Memqrandum noch nicht beantwortet. Der Kultusminister Graf Albert Apponyi, hat ihnen aber sofort die Antwort erteilt, daß er sich ganz und gar nicht kompetent erachte, eine definitive Lösung zu schaffen, denn es handle sich um eine Aufforderung an das Ministerium, in rituellen jüdischen Angelegenheiten zu entscheiden. Dies sei jedoch das größte Absurdum in einem Staate, der auf der Basis der Gewissensfreiheit und Selbständigkeit des religiösen Lebeus aufgebaut ist. Das, meine Herren Kirchenpolitiker, hat der Kultusminister Ihnen geantwortet. Und das ist doch deutlich genug. Was aber die Einberufung des zweiten einheitlichen Kongresses betrifft, so verlangen Sie einen solchen seit 11 Jahren von jeder Regierung. Sie veranstalten fast alle. 3 Jahre einmal demonstrative Aufzüge Ihrer Distriktspräsidenten zu diesem Zwecke, der Ihnen alle Mittel heiligt. Diese Herren erschienen in ungarischer Gala vor Es aky, Wlassics und Bersewiczy ebenso wie vor dem derzeitigen Kultusminister. Sie überreichten jedesmal auch ein mit Nationalbändern geschmücktes Memorandum, in welchem um die Konfiszierung der orthodoxen Autonomie gebettelt und die Einberufung eines zweiten Kongresses betrieben wurde. Die früheren Minister waren mehr oder weniger Ihre politischen Gönner, aber die Einberufung eines zweiten einheitlichen Kongresses blieb für jede Regierung zumindest eine offene Frage. Im letzten Grunde hat es auch kein Minister gebilligt, daß die Orthodoxen von ihren neologen Glaubensbrüdern vergewaltigt werden. Und sollte jemals die ungarische Legislative gerade auf die j üdische Kircheneinheit erpicht sein, dann wird für's Erste die Frage beantwortet werden müssen: ob das historische, der mündlichen und schriftlichen Gotteslehre treugebliebene Judentum, oder die Neologie, welche, um mit Heine zu sprechen, den Ozean des Judentums in ihre Nippschale füllen zu können vermeint, als die vom ungarischen Staate rezipierte jüdische Religionsgenosienschaft zu betrachten sei. Einmal hat der ungarische Reichstag zu dieser Frage bereits Stellung genommen und feierlich ausgesprochen, daß „die Kongreßpartei eine von der bisher in Ungarn auf Grund der isr. Glaubenslehre vorhandenen Glaubenskirche wesentlich verschiedene Glaubenskirche bildet." Im Sinne dieses programmatischen Reichstagsbeschlusses ist also nicht die Orthodoxie, sondern die neologe Kongreßjudenschaft eine abgesplitterte Partei des offiziellen Judentums. Auf dieser Grundlange haben auch ein Jahr später die Orthodoxen ihre vom König sanktionierte Autonomie erworben. Unter der Leitung des derzeitigen orthodoxen Landespräsidiums ist die alte orthodoxen Organisation unter neuer königlicher Sanktion wesentlich erweitert worden. Es begann eine neue Epoche in der Geschichte des gesetzestreuen ungarischen Judentums. Nun hat es aber den Anschein, daß die Abwehrtätigkeit wieder die ganze Sorge des orthodoxen Landespräsidiums in Anspruch nehmen wird. — Was den auf der Distriktsversammlung mitgeteilten Erlaß betrifft, so erfahren wir — und der Kultusminister verständigte davon auch die orthodoxe Landeskanzlei — daß der Minister lediglich eine Klärung der Situation bezweckt, daß aber eine Unifikation durch Anwendung von Regierungsgewalt ausgeschlossen ist. Jedenfalls ist es aber nothwendig, daß das orthodoxe Judentum auf der Hut ist. kln oereifelfes Mental. (Bon unserem Korrespondenten.) ' Budapest, 19. Januar. „Jedes Werkzeug, gegen Dich geschmiedet, wird keinen Erfolg haben." An diese prophetische Verheißung wird man unwillkürlich erinnert, wenn man an das jüngste, an dieser Stelle bereits besprochene Attentat unserer Neologie denkt. Der thorafeindliche Streich unserer „liberalen" Stammesbrüder ist vi"a kläglich mißlungen. Das Gutachten der neologen Landeskanzlei, durch welches dem intensiven Thoralernen der Garaus gemacht und der größten Jeschiwah Ungarns das Oeffentlichkeitsrecht geraubt werden sollte, wurde von der Kultusregierung verworfen. Kultusminister Graf Albert Apponyi würdigte das bezügliche Referat des orthodoxen Landespräsidenten Adolf Frankl und sanktionierte die ihm unterbreitete neue Ordnung der Preßburger Jeschibah, die nun mit allen Attributen einer staatlich anerkannten öffentlichen Landes-Rabbinerschule ausgestattet ist. Dieser gerechte Akt des Kultusministers wird in gesetzestreuen Kreisen mit der größten Genugtuung ausgenommen werden und die maßgebenden Faktoren werden diese Errungenschaft zur Hebung der Thorapflege verwerten. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß der Leiter der Jeschibah, Oberrabbiner Akiba Schreiber, mit doppeltem Eifer darüber wachen wird, daß die staatlichen Begünstigungen nur würdigen Schülern, wirklich thorabeflissenen Jünglingen zu Gute kommen. Denn darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben. Diese Jeschibah ist den neologen Führern ein Dorn im Auge. Sie werden nicht rasten und nicht ruhen, bis sich ihnen wieder Gelegenheit zu einem Attentate bietet. Darum: viävavt oonsulvg! gvankveidj. Liberale Toleranz Paris, 17. Januar. „Paris hat zwei jüdische Volksschulen!" Diese haarsträubende Entdeckung, welche die Gemüter unserer radikalen Politiker wie ein Blitzstrahl trifft, haben einige eifrige Sozialisten schon im Früjahr vorigen Jahres gemacht und schleunigst die Aufmerksamkeit der berufenen Hüter der weltlichen Erziehung, des Munizipalrates, darauf gelenkt. Es handelt sich in Wirklichkeit um ganz waschechte städtische Schulen, ohne irgend welchen religiösen oder gar jüdischen Unterricht, nur haben es die Verhältnisse mit sich gebracht, daß die beiden Schulen ausschließlich von jüdischen Kindern und zwar hauptsächlich von den Kindern der ruffisch-jüdischen Einwanderer besucht werden und infolgedessen am Samstag geschlossen sind. Man sollte denken, daß vier Jahrzehnte republikanischer Erziehung hinreichen sollten, um oen Leuten soviel Liberalismus beizubringen, daß sie jedem Menschen gestatten, seinen Ruhetag — in der Schule wenigstens — auf seine Fayon zu feiern. Das scheint indessen nicht der Fall zu seindenn neuerdings hat auch M. de Preffensö, der Vorsitzende der „Liga der Menschenrechts, die Aufmerksamkeit des Unterrichtsministers auf diese