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Der Israelit · 1908-01-09 · Heft 2 (9.1.1908) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 2 (9.1.1908)
Date
1908-01-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Sk. 2. Der Jsraelir. Sette 11. 9. Januar 1S07. tücherscha«. Berthold Auerbach, Der Mann — Sem Werk - Sein Nachlaß, von Anton Bettelheim. Stuttgart und Berlin, I. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger. Es wird für den Geschichtsschreiber des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere für den Darsteller der Geschichte der Juden im eben verflossmmen Jahrhundert «ine der interessantesten, aber auch wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufg ben sein, unparteiisch und objektiv darzustellen, wie es gekommen ist, daß eine Rech > erleuchteter Geister durch die ihnen eröffnete Möglichkeit, die ganze Bildung ihrer Zeit in sich aufzunehmen, dem Judentume mehr oder weniger, zuweilen auch vollständig entfremdet Wurden. Soweit die heutige Generation, die dem Kampfe der Meinungen noch nicht vollständig entrückt ist, die Gründe und Ursachen feststellen kann, dürfen wir als einen dieser Gründe vielleicht den unkezweifelten Niedergang des geistigen Lebens der Juden im achtzehnten Jahrhundert bezeichnen. Ein lehrreiches Beispiel dafür ist der Mann, den das vorliegende Buch behandelt. Der Verfasser, einer der literarischen Testamentsvollstrecker Auerbachs, hat mit großem Fleiß und vieler Liebe dem Werden setncs Helden nachgespürt, er gibt uns eM anschauliches Bild se nes Lebens, eine eingehende Würdigung seiner Welke, aber bas, was die Leser dieser Blätter hauptsächlich interessieren müßte, ist nur nebenbei behandelt, manchmal nur angedeutet. Der Verfasser steht dem Judentum anscheinend völlig fremd gegenüber, und man sucht daher vergeblich eine Darstellung der inneren Vorgänge, die den Rabbinatskandidaten veranlassen, im Laufe der Zeit alles abzustreifen, was ihn äußerlich an den Glauben seiner Väter band. Man sucht in der Lebensgeschichte dieses gewiß bedeutungsvollen Mannes vergeblich nach einem warmen Worte über Judentum und Judenheit; die Beziehungen Auerbachs zum Judentum werden rein äußerlich dargestellt, wir finden kein Wort, keine Andeutung, daß er mit innerer Freudigkeit dem Berufe entgegen gegangen sei, zu dem er bestimmt worben warim Gegenteil, wie man einen Lehrling in ein Geschäft bringt, so wurde nach dieser Darstellung Berthold Auerbach zum Rabbiner Reichenberger nach Hechingen gebrachtdie Vorbereitung zum Rabbinat wird wie ein Brotstudtum, wie die Vorbereitung zu einer Beamtenstellung geschildert. Allerdings erzählt der Verfasser, dsß Auerbach weder in Hechingen, wo die Talmudschule „durchaus dem Rückschritt diente" (S. 44), noch in Karlsruhe, unter dem damaligen Rabbiner Millstätter, dem wenigstens das Zeugnis eines gebildeten frommen, von allem Ze'.otismus steten Gottesgelehrten ausgestellt wird, in seinen talmubischen Studien vorwärts kam und von seinem Aufenthalte in Stuttgart, Tübingen, München und Heidelberg erfahren wir genau, welche Professoren er dort gehört habe, aber wir suchen vergeblich nach einem Worte über wettere talmudische Studien, abgesehen von einer Bemerkung in dem Berichte über sein Verhör wegen angeblicher Zugehörigkeit zur Burschenschaft, wo er sagt (S. 75): Ich wollte in München bet dem dortigen Rabbiner den Talmud studieren. Es scheint also, als ob Gutzkow's Vermutung, „der junge Rabbina.s-Kandidat sei damals wohl schon von einem Amt in der Synagoge abgekommen" (S. 82), nicht gar» unrichtig gewesen ist, obwohl der Verfasser behauptet: „Berthold dachte noch immer an die Laufbahn des Seelsorger-, nach den Ideen von Abraham Geiger, wonach die jüdischen Theologen des Joch des Talmud von den Ge meinden nehmen, den Kultus vereinfachen und veredeln, als deutsche Prediger ' Besteter und Erzieher der deutschen Judenschaft werden sollten." Nach diesem Programm ist man allerdings ‘ versucht, den Umstand zu preisen, daß di»-Zugehörigkeit Sc Burschenschaft und seine Beruttetlung zu 2 Monaten stung ihm jede Möglichkeit verschloß, Seelsorger im nne Geigers oder des späteren Oberkirchenrats) Dr. Maier zu werden. Immerhin war der Einfluß seiner Abstammung auf seine geistige Tätigkeit noch so groß, daß er „zunächst über den engen Kreis des Judentums nicht hinauskam" <S. 101). Seine ersten Romane behandelten „den größten Sohn und gewaltigsten Gegner des Judentums der Diaspora", Spinoza, und einen Glücksritter des 18. Jahrhundert-, Ephraim Moses Kuh. Man darf mtt dem Verfasser weder wegen seines Wortes vom „engenKreife de« Judentums", noch wegen der überschwenglichen Lobpreisung Spinozas rechtenwem das Judentum stemd ist, der kann weder von seiner weltumspannenden Wette, noch von seinen „größten Söhnen" Kenntnis habeneS ist aber bezeichnend für die Leichtigkeit, mtt der man über Judentum und Judenheit zu allen Zeiten urteilt, daß solche Anschauungen heute noch zum Besten gegeben werden, wo es an Gelegenheit zur Verbesserung der Kenntnisse doch wirklich nicht mehr fühlt. Die weitere Entwicklung Auerbach 5 vollzieht sich auf rein deutschem Bodenaber wenn auch seine Entfremdung von dm Gesetzm und Sitten Israels sehr bald eine vollständige ist, so bleibt doch die Nachwirkung des stammen elterlichen Hauses nicht aus, und wir ersehen auS der SchUderung seines späterm Lebens, daß er sich zeitlebens als Jude fühlte, und im Gegensatz zu manchen anderen sein Judentum offiziell nie verleugnet hat. w Dem kurzen Traum der ersten Ehe, die Geiger in Breslau einsegnete, folgt eine zweite Verbindung mit der Tochter einer dem Judentum anscheinend vollständig entfremdeten Familie, welche des Eheglücks entbehrt uno den Dichter zu immerwährendem Wandern zwingt, da die Ehefrau offenbar es nicht verstand, dem Manne eine behagliche Häuslichkeit zu bieten. Und schon in den ersten Jahren seiner Ehe, während seines Dresdener Aufenthaltes, geht bet ihm die Abkehr von den heiligsten Gesetzen Israels soweit, daß er bei der Geburt seines Sohnes „von jeder religiösen Zeremonie" absah, und einen Kreis von Bekannten zu sich lud, um die „Menschenerklärung" des Neugeborenen vorzunehmenander, rseits wurde ihm bei Gelegenheit der Errichtung der Schillerstistung in kränkender Weise in Erinnerung gerufen wurde, daß alles Aufgehen ü s reine D utschtum oder selbst ins reine Menschentum nicht bevor schütze, daß er gelegentlich wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum zurückgesetzt werde. Es ist ohne weiteres verständlich, daß einen solchen Mann, dessen Arbeit nach seinen etgenm(im vorliegenden Buche nicht zitierten) Worten „nur dem deutschen Volke gewidmet war", das erneute Lebendigwerden des Anti! semitismus in den fiebenziger Jahren auf das tteffte verwunden mußte, obwohl er nach der Behauptung seines Biographen (S. 360) „lange vor den Ausbrüchen rohen und gelehrten Rassenhasses ahnte, daß neue Formen, neue Motivierungen der uralten Feindseligkeit gegen die Juden fich vorbereiteten." Ter Mann, der ('S. 366) „wohl wußte,, wieviel Selbsterziehung, Deutschtum, Judentum und deutsches Judentum be ürfen," stand viel zu sehr im Banne der „Reformer vom Schlage Geig rs (S. 353), als daß er hätte einsehen können, wie nach dem herrlichen Worte eines Späteren (Dr. Mendel Hirsch) nicht die Reform des Judentums, sondern diejenige der Judenheit das notwendige gewesen wäre,' und deshalb mußt.' ihm, wie den vielen anderen, die restlos aufgehen möchten, in den Geist ihrer Umgebung, das erneute Hervorbrechen eines längst tot geglaubten Hasses einen Schlag versehen, von dem er fich nicht mehr erholen konnte. Er, der seine letzte Ruhestätte nach seinem Wunsche bei seinen Glaubensgenossen gefunden, er ist auch für uns ein deutscher Dichter, — kein jüdischer. -E. Erdbeftattung und Le ch«Verbrennung. Bon Dr. A. Frehbe. Halle 1908. 136 S. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses. ' NaaB Der Verfasser betont im Eingang, daß die Beerdigung der Leichen nicht bloß eine Bolksfitte, sondern eine aus der Uroffenbarung stamnende Gottesordnung sei. Bon diesem Gesichtspunkte ausgehend, bettachtet er di.' Bestattungsweise bet den indogermanischen Völkern und weist nach, daß überall das Begraben die ältere, an die ursprüngliche Gottesordnung sich anschließende Sitte war. Der Leichenbrand bei den Griechen, der hauptsächlich bei den Heroen vorkommt, erscheint als ein Ausfluß prometheischen Trotzes, er soll den Tod aus einer Demütigung in eine Erhöhung verwandeln. Die Leichenverbrennung ist ein Gewaltakt, der für jeden nicht einmal relig ös, sondern nur natürlich denkenden und empfindenden Menschen etwas Verletzendes hat. Man kann fich auch des Gedankens nicht erwehren, daß die Verbrennung als schnellste radikale Vernichtung ein Spott auf die Hoffnung der Auferstehung und des ewigen Lebens fein soll. — Der Verfasser führt dann die verschiedenen wissenschaftlichen Autoritäten an, welche die vom hygienischen Standpunkte vorgebrachten Gründe egen die Erdbestattung widerlegen, und erklätt fich entreden gegen jede Teilnahme kirchlicher Organe bei der Leichenverbrennung. Wenn man einwende, eine solche Haltung würde bei den Ueberlebenden den Glauben an die christliche Liebe ershüttern, so müßte die Kirche fich überhaupt des Rechts begeben, irgend welche unannehmbare Zummungen zurückzuweisen. Freybe kritisiert scharf die inkonsequente Verordnung der sächsischen. Kirchenbehvrden, welche die Feuerbestattung als unkirchiich verwerfen, dabei aber doch die Teilnahme dem pflichtmäßigen Ermessen der Geistlichen steistelle. Einzelne von dem Verfasser angeführte Argumente, die etwas naiv erscheinen und darum wohl die K itik der Gegner herausfordern werden, wä en wohl besser weggebliebenso z. B. wenn er die Verbrennung einen Raub am Kirchenltede nennt. Im allgemeinen aber kann man den sachlichen und von sittlichem Ernst getragenen Ausführungen nur zusttmmen. U. Aus dem Tagebuch einer jüdischen Studentin. Von Dc. Raphael Breuer. Frankfurt a. M. 1907, Gebr. Knauex. Der Verfasser der geistvollen Schrift läßt eine jüdische Studentin erzählen, wie sie als junges Mädchen von einem falschen Ehrgeiz und L ngeweile getrieben, sich der Wissenschaft gewidmet hat, in ihr Jahre hindurch Befriedigung suchte, aber nicht fand und schließlich, zu spät, erkennt, daß ste ihren Beruf und damit ihr Glück verfehlte, den Beruf und das Glück einer jüdischen Mutter. Die Arbeit behandelt also die jüdische Frauenfrage und will offenbar keine erschöpfende Würdigung derselben, sondern nur ein bestimmte Gefichtspunkte heraushebendes Mahnwort an die Frauenwelt fein. Nicht dem Streb« der jüdischen Frau nach W ssen, nicht der durch die hatte Notwendigkeit unserer Lcbensverhältntsse veranlagte Tätigkeit jüdischer Frauen in Brotbecufen wird die Berechtigung abgesprochen - nur die in unserer Zeit an mancher Stelle stärker fich vordrängende Geringschätzung des heiligen Berufes einer jüdischen Mutter wttd bekämpft und der verhängnisvolle Irrtum, als könne und müsse die Frau, um die Gleichberechtigung ihres Geschlechtes zü erweisen, auch ohne den Zwang der materiellen Notwendigkeit auf dem Markte des Lebens mit dem Manne in Wettbewerb treten. Der Verfasser geht naturgemäß auch auf das Verhältnis der Schule zur jüdischen Frauenfrage ein. Daß es in dieser Beziehung zu bessern gtebt, ist nicht zu leu nen. Das wissen die. am besten, dte im Berufe drin stehen. Indessen kann, man dem absprechenden Urteil über die Mädchenerzieb .ng in der jüdischen Schule, das man aus dlesem Teile der S trist heran liest unmöglich, weder in seiner Schärfe, noch et«a gar in her ihm gegebenen Rich ung beipflichten. Üebrigens spricht der Verfasser auf Seite 17 seiner Schrift der Schule eine warme Anerkennungaus. Daß er gerade da ^Schicksal einer Studentin zum Rahmen für seine Darlegungen gewählt hat, begründet fich wohl damit, daß bei der studierenden Frau die Gefahr, baß sie ihrem natürlichen Beruf verloren gehe, besonders groß ist. X. Beruria. Gebet- und Andachtsbuch für jüdische Frauen und Mädchen. Bon Rabb. Dr. Max Grunwald. Wien. Verlag von Schlesinger. Dieses schön ausgestattete Buch, das den Namen einer der edelsten und trefflichsten jüdischen Frauen rrägt, soll in den Herzen jüdischer Frauen und Mädchen Begeisterung für ihr angestammtes Judentum wecken miste lehren, eine wirklich jüdische Frau zu sein. Es rethr fich den alten für das weibliche Geschlecht bestimmten Andachtsbüchern an, die in der Landessprache verfaßt waren, und gibt in Folge dte Hauptstücke der Tefillah für das ganze Jahr und teilweise das Machsor, teils in metrischer, teils in Prosaübersetzung wtwer. Untermischt mit prächtigen Betrachtungen über jüdische Sitten un> Gebräuche, bietet dieses Buch mehr alS ein etgent iches Gebetsuch. Hierzu kommt noch eine Reihe von Sentenzen aus jüdischen Schttften über die Stellung des Weibes im jüdisch?» Ärctfe und dessen Hochmw Wertschätzung, wie fie unsere Rabbiner empfunden und gelehrt haben. Wahrlich, zur rechten Zeit.kommen solche Betrachtungen, da jüdische Frauen sich nicht entblöden, dem jüdischen Schrifttum Anfichten über ihr Geschlecht zu imputieren, welche diejenigen, die fie aussprechen, und die, über welche fie ausge prochen werden, gleichmäßig herabsetzen. Freilich find jene, die so von jüdische Lehre und jüdischem Wesen sprechen, die am meisten bedauernswerten, da fie ihre fie beschämende Unwissenheit so freiwillig zu Markte ttagen. Eine Zusamm.nstellung von länger ausgeführten Utteilen christlicher Autoritäton über das Verächtliche des Apostatenlums schließt daZ schöne Werk. Soll mm dieses Buch das alte' jüdische Gebetbuch ablösen? Hören wir den Verfasser: „Dieses Buch ist nicht bestimmt, unsere altgewohnt« Ritualien, den Siddur und da Z Machsor zu verdrängen. Das Ohr, das fich den heiligen Leuten unserer alten Gebete noch nicht entfremdet hat, wird hier vielleicht für manchen Oberton geschärft, für manche leise mitschwingende Note erschlossen. — Dauerndes Hetmrecht aber erbittet das Buch dringend vor jenen Türen, von denen tic Sprache der Pfalmisten ttauernd sich fort* gewiesen steht und die nun dem trauernden Gespenst de- Abfalls vom alten Bäterglauben offen steh«. Hier ist ihm eine hohe -«ufgccke zugedacht." „Soll mit dem alten Wort auch die Sache, soll mtt der Form auch der edle, unvergänglich schöne, erhabene Inhalt schwinden? — Hier frommt kein müssigeS Wart«, kein stch Vertrösten auf ein besseres Morgen der Rückkehr zu ben alten Formen." „Gewiß, diesen ehrwürdigen Formen daS Herz des neuen Mschlechts erobern, die Urlaute altjüdisch« Empfindens wieder un?ermittelt zur Seele JungjudaS reden zu lassen, die in tausend Formen erprobten Richtung nicht dem Rost überantworten, sondern in fie htneinwachsen, das ist die ernste, gebieterische Forderung an unsere Zeit des Üebergangs. Aber btS bahnt?" „Zwischen dem Heut und dem erhofften Morgen steht, die Hand an der Tür der Entscheidung, dte Frau, die Mutter deS neuen Geschlechts." So soll also dies?S Buch ein „Notbehelf" sein in erster Linie für diejenigen, welche, mit an die Grenze gedrängt, den Weg wieder zurück zur alten Tefillah finden sollen- und wer Wien, wo das Buch erschienen ist, kennt, weiß, wie viele einer solchen Rückleitung bedürfen Aber auch diejenigen, die immer noch zur alten Tefillah greifen, werden mit Nutzen all die schönen Bettachtungen, welche eieses Buch enthält, lesen und fich an ihnen in Wahrhett erbaue . Daß in den Ueberrragungen der Gebete, wie z. B. in der metrisch vollkonimmenen der Schemonoh Esra, die Steilen, die von nU3*p und rPtPD reden, unverkürzt wiedergegeben find, halten wir zu bemerken nicht für überflüssig. 8. Die Hygiene i« Bibel und Talmud von Dr. S, Steintal. Berlin SW., Hugo Stetnitz. Ein interessantes lesenswertes. Schriftchen, aus welchem die Ausführungen über den Vergleich de- Sa baths mit dem Sonntag, und über unsere rituelle. Kost ganz besondere Beachtung verdienen. E.

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