Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1908)
- Date
- 1908-01-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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r.d-c» euilleton. 7r t Der €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. 81 (Fortsetzung.) „Freilich ist das viel. Aber dabei lernt man auch den Wert der Gesundheit doppelt schätzen, lernt die Wohltaten würdigen, die die göttliche Liebe uns täglich und stündlich erweist, indem fie uns befähigt unsere Glieder nach freiem Willen zu bewegen und zu gebrauchen, indem sie uns den erquickenden Schlaf allnächtlich sendet, der unfern Körper und unfern Geist erfrischt und neu belebt — Ach, was lernt man nicht alles, an dem langjährigen Krankenbette eines edlen Dulders. — Aber ich denke gern an diese Zeit zurück, obgleich dieselbe auch viele schwere Stunden brachte. Denn leiden zu sehen, ohne helfen zu können, das tut wehe, überaus wehe — Und daß Verwandte von unberechtigten Launen der Kranken sprechen konnten" — „Vermutlich hat die Sorge um die Gesundheit der Pstegerin das Urteil der Angehörigen beeinflußt." , „Da haben Sie Recht, das glaube ich auch. Meine Verwandten sind doch so gut gegen mich, so überaus gut. Die Rente, von der wir gelebt haben, ist mit dem Ableben meiner Mutter erloschen, ich wollte mich daher sofort nach einer Erwerbsquelle umsehen, das aber haben mein Kinkel und meine Tante durchaus nicht zugeben wollen, anfangs bestanden sie darauf, ich sollte für immer bei ihnen bleiben, als ich das jedoch mit ebensoviel Entschiedenheit als Dank abgelehnte, haben sie mir das Versprechen abnommen, mich während der nächsten drei Monate nach keinem Erwerbszweig umsehen zu wollen. Darauf habe ich mich um so eher eingelassen, als ich mich in der Tat etwas angegriffen fühlte. Aber jetzt habe ich mich bereits genügend erholt" — „Und jetzt beabsichtigen Sie in Wirklichkeit, sich nach einer Erwerbsquelle umzusehen, Fräulein Kohn?" „Das habe ich längst getan, gleich nach den vereinbarten drei Ruhemonaten. Morgen über acht Tage will's Gott trete ich meinen Posten an." „Darf man fragen, was das für ein Posten ist." Irma errötete. „Fragen darf man alles", erwiderte sie lachend, „und ich schäme mich des Postens, den ich übernommen habe, auch durchaus nicht. Meine Verwandten sind zwar nicht einverstanden damit, denn es war mir hier ein weit besser dotierter Posten angeboten, von dem unserer Familie befreundeten W. Ahrens & Co., sie wollten mir sogar eine Art Vertrauensstellung übertragen" — „Und das haben Sie abgelehnt, Fräulein?" „Ich habe mich nicht dazu entschließen können. Man will doch nicht nur leben, sondern auch für etwas Erstrebenswertes leben, aber von früh ÖtS spät nur für's Geschäft zu leben" — ,-Das widerstrebt ihrem idealen Sinn", sagte Theodor lächelnd, „da finden wir materiellen .Geschäftsleute wohl keine Gnade vor ihren -Äugen." v. „Aber ich bitte sehr, das ist doch etwas ganz anderes. Der Geschäftsmann, wenn er auch von e zu Nr. 2 des „Israelit früh bis spät im Geschäft arbeitet, so hat seine Tätigkeit doch einen ethischen Zweck, er arbeitet für seine Familie, für Frau und Kinder. Aber das alleinstehende Mädchen, das von früh bis spät em Geschäft arbeitet, das lebt doch nur fürs Geschäft und für die eigenen Bedürfnisse, das läuft Gefahr Egoistin zu werden und vollständig aufzugehen ins Materielle. Schon der Gedanke daran war mir unerträglich." „Und der Posten, den Sie morgen über acht Tage anzutreten gedenken?" — „Der ist ganz anderer Art und soll sehr oft mannigfache Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Trotzdem hoffe ich innere Befriedigung dabei zu finden. Ich werde nämlich als Gouvernante in das Haus des Kommerzienrat Brünner in M. eintreten und die Erziehung seiner vier Kinder rm Alter von sechs bis zehn Jahren übernehmen. Ich habe mich in dergleichen allerdings noch nicht bewährt, aber ich hoffe, es wird mir gelingen den Samen zu allem Guten und Edlen in die jungen Herzen meiner Zöglinge zu senken, dann habe ich doch nicht nur eine Erwerbsquelle, sondern auch einen Wirkungskreis, wenn auch nur einen kleinen. Man darf keine allzu großen Ansprüche machen, weder an andere, noch an sich." Sie unterhielten sich noch über Verschiedenes, nahezu eine volle Stunde. Dann kam der Hausherr, entschuldigte sich bei Theodor, seinem Besuch, daß er ihn so lange habe warten lassen, und forderte ihn auf, mit ihm in sein Arbeitszimmer zu kommen. Theodor empfahl sich bei der jungen Dame, versicherte, daß es ihn außerordentlich gefreut habe, ihre Bekanntschaft zu machen, und wünschte ihr recht viel Glück in ihrem künftigen Beruf. Sie dankte lächelnd, ohne zu ahnen, daß er unter ihrem künftigen Beruf bereits ganz anderes verstand als sie. „Nun, Herr Gotthold", begann Doktor Schwarz, als sie in seinem Arbeitszimmer einander gegenüber saßen, „darf ich nach dem Resultat Ihres Besuches bei meiner Nichte fragen?" „Ihre Nichte isteine Perle", versetzte Theodor lebhaft, „je länger ich-mich mit ihr unterhalten habe, desto mehr hak sich die Ueberzeugungin mir gefestigt, daß eine Verbindung meines Vaters mit ihr mit ihr ihr beiderseitiges Glück begründen würde." „Ich bin ganz Ihrer Ansicht, Herr Gotthold und ich bewundere Ihre Menschenkenntnis, mit der Sie gleich in der ersten Stunde den hohen Wert meiner Nichte erkannt haben. — Aber wie denken sie sich nun den Fortgang der Angelegenheit?" Theodor zuckte die Achseln. „Ich wüßte doch keinen andern Weg als daß mein Vater Sie besuchen würde. Ein Zusammentreffen anderwärts würde mir nicht geeignet erscheinen." „Sie haben Recht, der gerade Weg, der beste — Wann glauben Sie, dürften -wir auf die Ehre rechnen, Ihren Herrn Vater bei uns zu sehen?" „Ich glaube, daß sowohl der Herr Doktor als auch mein Vater mir zustimmen werden, daß es geraten ist, die Angelegenheit nicht in die Länge zu ziehen." „Gewiß, gewiß." ^„Jch vermute, daß meinem Vater morgen die späteren Nachmittagsstunden als geeignetste Besuchszeit erscheinen dürften." „Das wäre morgen ungefähr um diese Zeit" „Wäre Ihnen diese Zeit recht, Herr Doktor?" „Aber selbstverständlich. — Nur gestatten Sie mir noch eine Frage, Herr Gotthold. Würden Sie es für richtiger halten, daß ich meine Nichte von dem Zwecke des Besuches Ihres Herrn Vaters im vorhinein, vielleicht heute schon in Kenntnis setze, oder wäre es bester sie in vollständiger Unkenntnis zu lassen, um ihre Unbefangenheit nicht zu trüben? Was meinen Sie?" „Es hätte vielleicht etwas für sich", erwiderte Theodor nach kurzem Ueberlegen, „der jungen Dame ihre Unbefangenheit zu lassen, und ichwürde auch nicht fürchten, daß mein Vater einen vergebenen Weg gemacht haben würde, wenn das Fräulein nicht vorher von unserem diesbezüglichem Wunsche unterrichtet würde — denn wenn ich auch nicht glaube, daß die günstige Position, die mein Vater seiner Gattin bieten kann, den Ausschlag geben würde, so glaube ich doch mit Bestimmtheit, daß die in Wirklichkeit sympathische Persönlichkeit meines Vaters des Eindruckes nicht verfehlen und der Gedanke, einem solchen Manne bei Wiederaufrichtung seines zertrümmerten Glückes behilflich zu sein, für das Fräulein ganz besonderen Reiz haben müsse — zudem die Hoffnung, durch die ihr von meinem Vater gewährten Mittel viel Gutes tun zu können — ich bin überzeugt, Ihre Nichte würde einen Antrag meines Vaters nicht zurückweisen." „Herr Gotthold, ich wiederhole, ich staune über ihre Menschenkenntnis. So, grade so wie Sie es schildern, denkt meine Nichte. Sie wünschen demnach, daß sie den Zweck des Besuches Ihres Vaters nicht zuvor erfährt" — „Ich glaube, es wäre besser, also auf Wiedersehen, Herr Doktor." Die Herren drückten einander die Hand und Theodor entfernte sich, von dem Hausherrn bis zur Haustür begleitet. Raschen Schrittes durcheilte er die Straßen in ernster und doch freudig erregter Stimmung, denn die Dame, die er kennen gelernt, hatte seine kühnsten Erwartungen übertrossen, an ihrer Seite hielt er in der Tat das Glück seines Vaters für gesichert. Es war bereits Dämmerung, als er in das Zimmer seines Vaters trat. Gotthold hatte das Buch, in bem er gelesen, zurückgeschoben und wanderte nun seiner Gewohnheit gemäß, die Händen auf dem Rücken übereinander gelegt, im Zimmer hin und her. „Guten Sabbath, mein lieber Junge!" sagte er, dem Sohne die Hand entgegen streckend. „Guten Sabbath, lieber Vater! Hast Du keinen Besuch gehabt? Ist Malwine nicht bei 'Dir gewesen?" Gotthold schüttelte verneinend den Kopf. „Seit Du hier warst, ist keiner bei mir gewesen. Wo warst denn Du? und was giebt's Neues?" „Ich war zuerst bei Herrn Meier und dann bei Herrn Doktor Schwarz." „Was? Du selbst bist beim Rabbiner gewesen? — und Du hast ihn getroffen?" „Ich habe nicht nur ihn getroffen, sondern auch seine Nichte und habe mich mit derselben eine volle Stunde Unterhalten." „Potztausend Junge, Du betreibst die Sache mit Dampf. Komm', setze dich und erzähle." Theodor entsprach der Aufforderung des Vaters, dann ergriff er dessen Hand. „Lieber Vater, ich möchte Dir am liebsten jetzt schon Maffeltow sagen, denn bei mir ist die Sache schon fertig." „Bei Dir geht es rasch", sagte Gotthold lächelnd, „aber so erzähle doch." „Ich habe so viel zu erzählen, daß ich wirklich nicht weiß, wo ich anfangen soll" „Also vor allem, wie sieht sie aus?" „Wie sie aussieht? — Im ersten Augenblick war ich geradezu frappiert von ihrer Schönheit, aber dann, während unserer Unterhaltung, habe ich daran vollständig vergessen, denn ihre Schönheit ist in Wirklichkeit der geringste ihrer Vorzüge." Gotthold schüttelte staunend den Kopf. „So habe ich Dich noch von Keiner sprechen hören." „Ich kenne auch keine,» keine Frau und kein Mädchen, die ich mit ihr vergleichen könnte. Ich habe doch von Verschiedenem mit ihr angefangen, ihre Antwort war fast immer so, daß ich mir gedacht habe: das hätte Mama hören sollen." Gotthold atmete tief auf. „Wenn Du das' gedacht hast, dann ist von meiner Seite aus die Sache auch bereits fertig."