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Der Israelit · 1907-04-11 · Heft 15 (11.4.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 15 (11.4.1907)
Date
1907-04-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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11. April 1907. Der Israelit. No. 15. Seite 11. aufgabe ruht. Streicht die Tradition, und das Judentum sinkt zusammen. Nehmt unserm Volke seine Geschichte, seine Vergangenheit, seine Ueberlieferungen, seine Gesetze, seine Gebräuche, und ihr habt ihm den Grund seines Daseins entzogen, indem ihr ihm die Eigentümlichkeit seiner Weltstellung geraubt. Kein Volk, in dessen täglichem Sein die Tradition mächtiger wirkte wie in unserem. Was man das Rituelle am Judentum nennt, das ist weiter nichts als Niederschlag einer tausendjährigen Tradition. In den Uebungen kleiner jüdischer Kinder, in ihrem Anlegen des Tallith, der Tefillin, in ihrem Gebetestammeln, in ihrer sorgsamen Sabbathut, in ihrem Kopfbedecken und den tausend Arten ihrer nationalen Pflichterfüllung kann man das geheimnisvolle Rauschen der Geschichte, ihr Wirken und Wöben, ihr kulturell-erzieherisches und ästhetischethisierendes Walten verspüren. Auf der Tradition, auf der Reinheit unserer Geschichte, auf dem klaren Spiegelbild, das in der Vorstellung aller Volksglieder von den Größen unserer Vergangenheit lebt, beruht unsere Erhaltung als Gottesvolk, die Selbstachtung Israels in der Gegenwart und in aller Zukunft. Grätz hat sicher nicht bedacht, als er das Märchen vom toleranten Hillel und fanatischen Schamai dozierte, an welcher Geschichte er sich verging. Er hat schwerlich vor Augen gehabt, daß, wer das Charakterbild jüdischer Größen v.erwischt, sich an einem ganzen Volke versündigt, an dem eisernen Inventar einer Weltkultur rüttelt. Sein Verfahren nahm sich viel harmloser aus, als es in Wirklichkeit war. Es war kein bloßes Notizenmachen, keine bloße Schriftsiellerei, nicht nur eine Aufstellung von auch sonstauch auf anderen Gebieten unverbindlichen Hypothesen, es war der Versuch, eine eherne Säule, an deren Bestand die Zukunft einer ganzen Menschheit hing, von ihrem Postament zu stürzen. Er meinte zu spielen, dabei war das Spiel eine grausame Täuschung, eine furchtbare Unwahrheit. Dabei gibt es immer noch Leute, die meinen, der .Angriff, den diese Geschichtsdarstellung von Frankfurt aus erfuhr, sei doch etwas zu laut, zu rücksichtslos, zu wenig schonungsvoll, wie man es bei einem mit so emsigem Gelehrtenfleiß gearbeiteten Werke doch erwarten sollte, ausgefallen. Der Angreifer hätte in üblicher Rezensentenmanier in ruhiger Selbstbeherrschung die Ausstellungen Vorbringen sollen und die Angelegenheit wäre erledigt gewesen. Für Grätz gewiß, Nicht aber für das Heiligtum, an dessen Grundfesten er griff, das längst schon zu bröckeln begonnen hatte und dem er mit seinen Büchern den letzten Stoß zu versetzen dachte. Es ist schade um ihn. Das neunzehnte Jahrhundert hat der sogenannten „wissenschaftlichen" Welt nicht viele Köpfe verliehen, die neben exegetischen und sonstigen Studien ein elfbändiges Geschichtswerk geschrieben haben. Grätz' Geschichte ist bis heute das .erste und letzte deutsche Gefchichtswerk über den Schicksalsweg des jüdischen Volkes geblieben. Umso bedauerlicher seine Unwiffenschaftlichkeit, umso unberechenbarer, nachhaltiger und weitgreifender der Schaden, der von ihm ausgeht, umso peinlicher das Bewußtsein, daß dieser gvoßangelegte jüdische Historiker, der für sein Volk ein warmes Herz im Busen trug — eben nichts weniger als ein Historiker war. Aber nichtsdestoweniger wird er auch weiterhin tapfer gelesen, studiert und zitiert werden. Das ist bei uns schon einmal so. Man entschließt sich schwer, elf Bände als^Makulatur bei Seite zu legen. Dies die Lehre und dies ihr Lohn'? Wäre man doch für die wahre Lehre halbwegs so besorgt und wachte man mit halber Aengstlichkeit auf ihre Reinheit, wie man aufmerksam hinhorcht, ob man eine Pseudowiffenschaft nicht am Ende doch mit einem halben Ton zu stark verwirft. Grätz hat trotz seiner Willkürlichkeiten Schule gemacht. Er war nicht nur Breslauer Seminarlehrer und Universitätsproseffor, sondern er ist noch heute das Haupt einer zahlreichen Schule -von hingebungsvollen Lesern, die sich willig dem Zauber seiner Schriften hin' geben und unbewußt die Direktive für ihr eigenes wiffenschastliches Denken daraus empfangen. Bei wissenschaftlichen Charakteren seiner Art ist die ärgste Folge ihres Wirkens der Dunstkreis, der ihre Persönlichkeiten umgibt, auch wenn ihre Leiber längst in der Erde ruhen. Dieser Dunstkreis ist mit allerhand schädlichen Stoffen durchtränkt, die mit infektiöser Gewalt ihre schädliche Wirkung üben. Grätz hat eine ganze Reihe von Schlagwörtern, Gedankensplittern, Phrasen geschaffen, die von seinen Lesern arglos in sich eingelesen, bei oftmaliger Wiederholung einaeprägt und, was das schlimmste ist, geglaubt und zwar als etwas ganz selbstverständliches geglaubt und weitergesagt werden. Entwicklung der Auffassung und" des Lehrinhalts, dunkles, pilpulistisches Mittelälter, Begründung der jüdischen Wissenschaft und ihre Datierung von dem Auftreten Zuntz', Rapoports und Frankels — ich möchte den eifrigen Leser seiner Bücher sehen, der diese Schlagwörter oft willenlos, nicht in sich aufsaugt und, wenn er gelegentlich etwas darüber gründlicher nachdenkt, nicht in Erstaunen gerät, wie er denn, er, der sonst gewöhnt ist, in den talmudischen Größen, in den Helden des Pilpuls wissenschaftliche Heroen des Judentums zu bewundern, wie er, der orthodoxe Jude, der mit Leib uud Seele an Thora und Talmud hängt, zu solchen — Grätz'schen Ansichten kommt. Nur diese suggestive Kraft seiner Schriften war es, was diesen Mann zum Begründer einer Schule machen konnte. Hücherschan. Lekute Halevi, enthält: Die synagogalen Gebräuche.der Gemeinde Würzburg mit Erläutemngen und Zusätzen verfaßt von Nathan Bamberger, Distrikts-Rabbiner in Würzburg. Frankfurt a. M., I. Kauffmann, 1907. X u. 60 S. 8°. 1.50 Mk. Mit der pietätvollen Bescheidenheit, die als eine seiner hervorragendsten Eigenschaften bekannt ist, setzt cer Verfasser der anzuzeigenden Schrift seinem berühmten Vater, Lehrer und Amtsvorgänger zu dessen hundertstem Lebensjahre ein neues literarisches Denttnll, indem er die durch ihn erhaltenen bezw. geschaffenen shnagogalen Gebräuche seiner Gemeinde sammelt und veröffentlicht. War auch der Glanz und die Bedeutung der ehemals hervorragenden Würzburger Gemeinde vor ihrer Wiederbegründung und der Neuerrichtung des Rabbinatssitzes unter R. Abraham Bing längst durch mehrfache Unterbrechungen des Bestandes der Gemeinde und ihrer Traditionen geschwunden, so hat fie sich doch unter dem genannten ersten Führ r des neuen Distrikts-Rabbinats und seinem Schüler und Nachfolger R. Seligmann Bär Bamberger bald wieder zu einer gewiffen vorbildlichen Bedeutung für ihre nähere und fernere Umgebung emporgeschwuagen. Demgemäß hat die Zusammenstellung und Verbreitung ihrer „Minhagim" nicht nur lokale Bedeutung, sondern praktischen Wert für alle nach ihr sich richtenden Gemeinden, d. h. für den größten Teil Unterfrankens, soweit er nicht den Fürther Minhag als Norm angenommen har. — Ueber diesen — immerhin verhältnismäßig eng begrenzten — Kxeis hinaus dürfte jedoch diese Sammlung Verbreitung verdienen, da sie mehr, als der Titel besagt, enthält, eine fortlaufende Anleitung für den Gottesdienst und für sonstige Ritualien vom Jahresanfang bis zum Jahresende bietet und einzelne örtliche Verschiedenheiten sowie durch Kalender-Verschiebungen entstehende Schwankungen registriert und erklärt. (Zur befferen Brauchbarkeit außerhalb des Geltungsbereiches des Würzburger Minhag, dies sei schon hier bemerkt, würde es sich für eine spätere Auflage empfehlen, das nur für Würzöurg Geltende als solches durch den Druck zu kennzeichnen, um es von demjenigen zi unterscheiden, was ohne Weiteres anderwärts übernommen werden darf.) Der Leser findet Belehrung über den Grund landläufiger Gebräuche und Anweisungen für sein Verhalten in außergewöhnlichen Fällen des kulturellen Pflichtlebens. Hierfür erhalten wir nebst nahezu erschöpfenden Quellen- Nachweisungen aus der bezüglichen halachischen Literatur in eressante Proben aus dem großm Schatze der vom Vater des Verfassers hinterlaffmen handschriftlichen Responsen. Als ein BeuniS des großen Interesses, mit dem wir die Schrift gelesen haben, und als Einzelheiten, die der nicht quellenkundige Leser vor seiner Benutzung des prak ischen Handbuches berichtigen möge, fei folgendes hier angeführt: Zu S. 15 Z. 4. Das Omerzählen am Sabbath-Ausgange wird beim gemeinsamen Gebete vor (nicht: nach) -st» jrvi eingefügt. — Zu S. 22 Anm. 71. Bei der abschließenden Mahlzeit am Vorabend des 9. Ab. ist es nicht nötig, die Schuhe auszuziehen. — Zu S. 27 Z. 4. Die rfllT^D beginnen am letzten Sonntag vor «ton nwn auch, wenn dieses auf S a b b a t h fällt. — Dasewst Anm. 85. Man fastet nicht 10 Tage vor "VB'3 Dln sondern mit □"i. — Zu S. 29 Z. 5. Wämm nach dem Blasen der 90 n’l'np (gemäß der Einführung des R. S. B. Bamberger am Schluß 12 geblasen werden sollen, ist nicht ersichtlich. Es soll statt 2*' wohl 7*11 gelesen werden? — Zu S. 35 Anm. 113. Daß eine am 3*1 stattfindende Beschneidung nach der Thora-Borlesung vollzogen werden soll, gilt wohl nur für den Fall, daß fie in der Synagoge vollzogen wird. Andernfalls dürfte es, um die Beteiligten nicht das gemeinsame Muffaph-Gebet versäumen zu lassen, wohl am geeignetsten sein (was meines Wissens auch an vielen Orten üblich ist), während der Schacharith-Pijutim zum rVHD zu gehen. Der Rat des Vers., daß die Beteiligten nach der Thora-Vorlesung die Synagoge verlassen und dann zu Hause mit Minjan daS Mussaphgebet vor ihrer Rückkehr verrichten sollen, hat ein Bedenken in dem Umstände/ den auch der Vers, in Anm. 114 anführt, daß man Muffaph in der Synagoge gewöhlich kurz vor Mittag anfangt und demnach die Teilnehmer des rP"Q nach dessen Beendigung leicht mit der Frage ni^on 'ZW V»D in Kollision kommen könnten. — Warum in dem Gebet beim verlassen der Suckah (S. 58) die von den meisten nmen Gebetsammlungen anscheinend mit Recht ausgelassene Worte nton beibehalten find, scheint mir einer Erklärung bedürftig. Für eine spätere Auflage gestatte ich mir nebm einer berichttgenden Berücksichtigung vorstehender Bemerkungen nur noch eine gleichartige Darstellung mancher sachlich gleichen, jetzt aber bisweilen verschieden ausgedrückten Bestimmungen zu empfehlen. Zum Schluß sei dem Vers, für seine fleißige und vielfach anregende Arbett gedankt und ihr recht weite Verbreitung und fleißige Benutzung gewünscht. Leo Modenas Briefe und Schriftstücke, ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Italien und zur Geschichte des hebräischen Privatstiles, von Prof. Dr. Ludwig Blau. Zweite (Schluß) Hälfte. S. 97-184. Budapest 1906. Im Anschluß an seine Arbeit (in dem vorjährigem Programm der Landesrabbinerschule zu Budapest) über das Leben und die Werke Leo di Modenas gibt Prof. Blau eine kurze Darstellung der Verhältnisse, wie fie zur Zett Leon's für die Juden Italiens lagen. Voran geht eine kurze Biographie der fieben Rabbinen von Venedig, mit denen Leon in Verbindung gestanden. Am ausführlichsten ist die des berühmten Oberrabbinen von Venedig R. Samuel Jehuda Katzenellenbogen, de/sen Familie deutschen Ursprungs ist. Alle diese fieben Rabbinen waren an dem bekannten Miktwah-Streit von Rovigo beteiligt, zu welchem auch viele namhafte Gelehrte anderer Länder Stellung genommen hatten. Der Streit, dessen Geschichte der Verfasser kurz mitteilt, erinnert an dm späteren großen Scheldebrief-(Get)-Streit von Cleve. Dm Nottzen Leons entnimmt der Verfasser zum großm Teil seine Angaben über die wirtschaftliche und kulturelle Lage der Juden Venedigs. So die Angaben über die Gerichtspflege, die in jüdischen Händen gelegen, über Handel und Gewerbe, die die Juden noch eifriger zu treiben begannen, als die venezianischen Nobili sich immer mehr vom Handel zurückzogen. Die Juden Venedigs, die fich, abgesehen von den beiden Ausweisungen in den Jahren 1519 und 1571, in der Lagunmstadt relat v günstig gestanden, nahmen an all den Belustigungen teil, denen die Venezianer nachgingen. So am Theaterspiel, Gesang und an den Gesellschaftsspielcn. Der Verfasser erwähnt die interessante Notiz eines italienischen Gelehrten (in dm Kaufmannschen Manuskripten), die vom reliionsgesetzlichen Standpunkt die Frage erörtert, ob der ältere Bruder die mit dem vom Barer ererbten Gelbe erzielten Spielgewinne mit den minderjährigen Brüdern zu teilen habe. S. 162 meint der Verfasser, daß die Angabe, man hätte das s^ON'Gebot in vielen Gegmden Jtalims stark vernachlässigt, übertrieben sei. Dazu sei bemerkt, daß der Verfasser des (bni WllD 1DD), R. Moses aus Couch, in seinem Werke.(Abt 'jj'iDjUpy) schreibt, daß es in Spanien und auch in anderen Ländem, die er bereist, viele Tausende von Juden gab, dmen er die mnn nnTD pten IYIÜD erst beibringen mußte. Als Quelle zu seiner Darstellung diente dem Verfasser außer den Schriften Leon di Modena's auch die Manuskriptm- Sammlung des verstorbenen Prof David Kaufmann, die vor einiger Zeit in den Besitz der ungarischen Akademie der Wissenschaften übergegangen ist. Frankl.

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