Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1907)
- Date
- 1907-04-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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WWWWWWWWWWWWWWWWWDWWWWWWUW«M.MWWWM^>WMMW^U4WPWWW!tM Feuilleton-Beilage zu Nr. des „Israelit" Zwischen Fercht ««a bottlivng. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg 'euilleton. 3] von S. Schachnowitz in Endingen. „Halt! Ihr Spitzbuben! Wohin?" schrie er. Die Tiere, eingeschüchterr durch den blinkenden Stahl, machten eine heftige Bewegung nach vorwärts. „Halt! Oder ich schieße, Kanallies!" schrie der Soldat. Gutel aber war eine wetterfeste Natur und solche Vorkommnisse gehörten zu den alltäglichen oder richtiger allnächtlichen seines Lebens. Er tat, ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen, einen gewaltsamen Zug an die Zügel, die Gäule stolperten nach hinten nnd blieben stehen. „Wohin Iwan?!*) Was eine Frage!" lachte Gutel, „Ist dies etwa nicht der Weg nach Tcuvrik?" ,^Ob's der Weg ist, Jud'? Weiß schon! Aber wohin geht es, wenn der Wald hinter Dir ist, geht es da immer noch nach Tawrik oder links ab über die Grenze?" „Aber guter Iwan! Welcher Blödsinn!" lachte Gutel weiter. „Weiß doch jedes Kind, daß ich täglich mit ehrbaren Passagieren nach Tawrik fahre!" „Nun wohl!" versetzte der Soldat mürrisch. „Ich begleite den Wagen bis zum Scheidewege jenseits des Waldes." Gutel stieg vom Bocke ab. „Nun," sagte er vollständig gleichgiltig, „meinetwegen! So gute militärische Begleitung kann in dieser Finsternis und bei der Unsicherheit des Weges gar nicht schaden. Aber," fügte et hinzu, indem er den Soldaten auf die Seite nahm, „Du dauerst mich wirkich, guter Iwan! Alles ruht und schläft und Du mußt Dich plagen. Ein guter Schnaps dort im Kruge würde Dir jetzt nach einem Tage schweren Dienstes besser ziemen, als in der kalten, finstern Nacht so unnütz Dich ehrlichen Reisenden nachzuschleppen." Der Soldat schmunzelte und seine gierigen Augen, die im Scheine der Laterne wie die eines Wolfes funkelten, nahmen jetzt, als er sie nach dem bezeichneten Lichtschimmer, der durch eine lichte Stelle tu den Wald drang, richtete, einen freundlicheren Zug an. Gutel hielt den Augenblick für günstig und schob ihm etwas in die Hand. „Wenig, Gutel! wenig!" beteuerte der Soldat, indem er das Geldstück vor der Laterne betrachtete. „Ein anderes Mal," tröstete dieser. „Nun, meinetwegen! Gute Nacht!" Die Pferde, als ob sie aus Erfahrung wüßten, daß der Handel damit erledigt ist, zogen von selber weiter und Iwan nahm seinen Weg tatsächlich nach der Wirtschaft am Rande des Waldes hin. Der Wald lichtete sich endlich, ein nebelhaftes Grau löste wieder daS undurchdringliche Schwarz ab. Es war eine kahle Fläche, ein Stück Wüste, das nur den Uebergang zu einem anderen Walde büdete. *) titanetitfamer Soldatenname. „Die treifenen aussteigen!" kommandierte Gutel leise. Lautlos und schauernd stiegen von den neun Passagieren sechs aus, darunter auch Rahel und Salam, und übergaben sich der Leitung Peters, während Gutel mit den drei koscheren Insassen rechts einbog und wirklich die Landstraße nach Tawrik fuhr. Hier fanden sich die beiden Freunde wieder. „Reichen Sie mir, bitte, Ihre Hand und haben Sie Mut!" bat Salam flüsternd. „Danke sehr! Hier meine Hand nnd so" — sie überließ ihm ruhig ihre Hand — „und so verliere ich hoffentlich auch den Mut nicht." Ihr Ton war ein entschlossener und zugleich äußerst unbefangener. Es war die Sprache ihrer stillen Gedanken, denen sie während der zweistündigen Wagenfahrt nachhing. Salam hielt ihre Linke fest umklammert und vergaß dabei den ganzen Ernst der Situation. Er" hatte das Gefühl der eigenen Gefahr ganz verloren und seine Gedanken drehten sich nur um sie, um das liebe Wesen, das seiner Hand anvertraut war und das er nun schützend durch Nacht und Gefahr tragen müsse. Daß sein Schutzwerk mißlingen könnte, darüber kam ihm nicht der geringste Gedanke. Im Bewußtsein seiner edlen mutigen Tat war jede Spur von Angst und Furcht von ihm gewichen. Aus ihrer weichen, warmen Hand, die in der seinen ruhte, strömte ein mächtiges Gefühl von Glück und Wonne, das sich über seinen ganzen Körper ergoß. . . . Es war ihm so 'wohlig zu Mute, er hätte bei dem Marsche lustig pfeifen können, wie bei einem harmlosen nächtlichen Abenteuer . . . Der andere Wald war jetzt erreicht. Ein schmaler Fußweg zwischen jungem Strauchwerk und dichten Bäumen. Der Bauer ging tastend voran, die anderen mit pochenden Herzen ihm blindlings nach. „Hier der Graben," flüsterte Peter kaum hörbar. „Gerade mir nach! Rasch hinüber, dann noch einige Schritte vorwärts laufen, so wäre es getan!" Zum Hinüberspringen war der Graben doch zu breit, so wateten sie durch Schlamm und flaches Sumpfwasser hinter dem Führer her, der durch allerlei Zeichen immer zur größeren Eile antrieb. Rahel hing sich fast ganz an den Arm ihres Begleiters, der sie halb tragend weiter führte, so daß ihre Schuhsohlen kaum den Sumpf berührten. „So geschwind als möglich!" schrie Peter, jetzt plötzlich fast laut. In einiger Ferne am jenseitigen Grabenuser wurden einige Lichtschimmer sichtbar, die mit Windeseile immer näher kamen. „Reitende Grenzsoldaten!" schrie Peter, alle Vorsichtsmaßregeln in seinem Tone außer Acht lassend. „Also geschwind, vorwärts! geschwind!" Eine wilde Panik ergriff alle, die kopflos hinter, auch vor dem Bauer herliefen. Ein Schußknall ertönte und siel plätschernd ins Wasser des Grabens, wie ein herabfallender Donner. „Vorwärts! Immer vorwärts!" Aber Rahel war'wie gelähmt. Salam mußte sie förmlich in seinen Armen tragen. „Halt! Halt!" schrien mehrere Stimmen auf einmal. Ein schrilles Pfeifen tönte durch die stille Nacht. Von allen Seiten hörte man Reiter herantraben. „Halt! Halt!" Schüsse flogen in die Luft. Der Bauer war auf einmal verschwunden. „Peter!" schrien die Armen in ihrer SeeleMngst, aber Peter war weder zu sehen, noch zu hören, als wäre er in die Erde versunken. Die meisten liefen in rasendem Schrecken immer weiter und liefen immer noch, als sie längst auf preußischem Boden waren. Der alte Jankel verlor ganz den Kopf und lief zurück in die Böschung. „Halt! Halt!" schrie es von allen Seiten jetzt in nächster Nähe. , Salam spürte einen mächtigen Schlag wie mit einem Kolben an seinem Hinterkopf und dann eine kräftige Hand, die ihn am Kragen packte. Er begriff die Situation, und verlor seine Geistesgegenwart nicht. Er wollte noch vorwärts, wurde aber heftig zurückgezogen. „Rette Dich und denk' an mich!" rief er und warf Rahel mit Aufbietung aller Kraft mehrere Schritte vor sich hin. Sie fiel bewußtlos zu Boden, aber auf deutschem Gebiete — sie war ' gerettet, während er im Versuche, sich zu befreien, rücklings in die Hände seiner Häscher siel. Kapitel 2. Als Rahel wieder zum Bewußtsein gelangte, befand sie sich im Gafthause „Robenschein", das zugleich das Nächstliegende Haus jenseits der preußischen Grenze büWte. Sie lag auf einem Sofa auf Kissen gebettet im Wohnzimmer der Familie. Die ältere Tochter des Hauses saß neben ihr und fragte sie, indem sie sie freundlich und teilnehmend anschaute, ob sie etwas wünsche. Rahel schaute mit ihren großen, blauen Augen das Mädchen und das Zimmer an/ alles war ihr fremd und vollständig unbegreiflich. „Wünschen Sie etwas, Fräulein? Und fühlen Sie sich jetzt wohler?" wiederholte das Mädchen. „Wo bin ich? Wie kam ich hierher?" fragte sie statt jeder' Antwort. Fräulein Robenschein hatte, obzwar sonst noch arm an Erfahrungen, schon oft Gelegenheit, das Elend in seinen grausigsten Farben zu sehen und jedesmal regte sich ihr mitleidiges Herz von neuem. Als nächste Nachbaren zum Lande der Heimatlosen hatte das Haus ihrer Eltern in den vielen Jahren schon tausenden von müden und erschöpften Flüchtlingen die erste Zuflucht, die erste freie Atmungssphäre geboten. . . . Rosa hatte sich bei ihren Liebeswerken aus diesem Gebiete eine gewisse Routine an geeignet und so lag auch jetzt in ihrem Wesen und Tone, als sie sich zu Rahel setzte, um sie über ihre Situation aufzuklären, jene milde Festigkeit und sanfte Gelassenheit, wie man sie sonst nur bei älteren, gereisteren Damen, etwa bei Krankenschwestern, zu finden pflegte. Sie erzählte ihr, daß man gestern Nacht, wie immer nach mißlungenen Grenzüberschleichungen, noch einmal das Revier, am diesseitigen Grabenuser absuchen wollte Von den glücklich Herübergekommenen wollte keiner mit. Sie standen da zähneklappernd am Ofen, trockneten ihre nassen Kleider und zitterten am ganzen Körper, sobald sie nur noch das Wort „Grenze" hörten. Ihr Vater und Peter, der auf Gott weiß welchem Weg sich plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, in der Wirtschaft einsand, machten sichmit Stecken und Laterne auf den Weg. Als sie, Rosa, hörte, daß unter den drei Vermißten sich auch ein junges Mädchen befindet, ließ sie es sich nicht nehmen, die im Grunde müh- und gefahrlose Expedition mitzumachen. Von den drei Vermißten fanden sie dann nur sie allein, die wenige Schritte vom Grenzgraben entfernt auf preußischem Boden ohnmächtig dalag. Sie nahmen sie auf, brachte« sie heim und sie, Rosa, übernahm es, noch den kleinen Teil der Nacht bei ihr zu bleiben. Als der Ohnmachtszustand, erzählte Rosa weiter, durch Reibungen und Erwärmungen, die sie vornahm, aufhörte, da war sie in einen festen und, wie es schien, gesunden Schlaf verfallen. „Und", schloß Rosa ihren Bericht, „wie freue ich mich, haß Sie jetzt aufgewacht nnd sich wieder wohler fühlen!" „Und wo ist er?" stieß Rahel heraus. „Wer?" Rosa sah sie verwundert an. (Fortsetzung folgt.)