Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1907)
- Date
- 1907-04-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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cl)e Warf illeraris üon Menüelssodn bis RcrzL Psychologische Studien zur jüdischen Geschichte. Bon Dr. Raphael Breuer in Frankfurt a. M. VI. Grätz. Es war Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die neunzehn Briefe und der Chaurew waren bereits in aller Munde, da erschien zu Oldenburg ein junger Mann, mit der Absicht, den großherzoglichen Landesrabbiner zu sprechen, um unter seiner Leitung in die Wissenschaft des Judentums eingeführt zu werden. Der junge Mann , hatte vorher, wie aus einer jüngst erschienenen Broschüre hervorgeht, den Landesrabbiner schriftlich um die Erlaubnis ersucht, bei ihm verweilen zu dürfen. Sie ward ihm ertellt und damit das Zusammentreffen zweier Männer ermöglicht, die in ihrem Wesen, ihrer ganzen Geistesrichtung und Charakteranlage so grundverschieden waren, daß es zu den größten Rätseln gehört, wie sie es jahrelang miteinander aushielten, ja wie eine gewisse fteundschaftliche Sympathie schließlich das förmliche Anstandsverhältnis zwischen Lehrer und Schüler ablöste, um dann allerdings, als der klaffende Gegensatz ihrer Anschauungen zutage trat, ein vollständiges Auseinandergehen ihrer Lebenswege zu veranlassen. Spät erst, ich glaube in ben achtziger Jahren, hat der Schüler seinem ehemaligen Lehrer zu Frankfurt a. M. seine Aufwartung zu machen gesucht, ohne jedoch von ihm empfangen zu werden. Ob dieser Mißerfolg nun aus zufällige Abwesenheit oder bewußte Absicht seitens des Besuchten zurückzuführen ist? Immerhin, eine gänzliche Entfremdung war an die Stelle des früheren Freundschaftsverhältnisses getreten. Wer Grätz aus seinen Schriften kennt, wird diese Entfremdung nur zu gut begreifen. Die Romantik ist ein goldener Saum oft um die Wahrheit, allein sie darf sie nicht ertöten. Die Poesie darf ein Schmuck sein für das Höchste und Tiefste, aber nicht das Ewige enden lassen im Schaum und Traum — den Schein nicht selbst auf den Herrscherthron erheben. In Grätz war die poetische Ader zu groß, als daß er sich mit Fug für einen berufenen Historiker hätte halten dürfen. Zumal in einer Zeit, die das Studium der Geschichte zu einem wichtigen Anliegen der Wissenschaft erhob, in einem Jahrhundert, dem neben anderen großen Wahrheitssuchern Ranke den Stempel feines Geistes und seiner Forschungsmethode aufgedrückt hatte. Grätz ist eben in ein für sein Können höchst unglückliches Zeitalter hineingeboren worden. In der Periode der Troubadours und Minnesänger hätte er vielleicht seinen Mann gestellt, aber nicht in einem Jahrhundert, das sich mit Stotz das historische oder exakt naturwissenschaftliche nennt. Er ist der Typus des dichtenden Historikers, der mit allen Mitteln stilistischer und sonstiger formeller Reize den Boden wiffenschaftlicher Probleme beackert und sich im Innern genügend belohnt findet, wenn für alle seine Mühe kein objektiv wiffenschaftlicher Ertrag, sondern der oft so billige Beifallsruf der Menge dankt. Grätz hat die Bibliotheken mit dicken Bänden bereichert. Seine Bücher wurden und werden viel gefefeit und zitiert. Denn er ist eben der einzige, der erste, der das gigantische Werk unternahm, ausführlich die Geschchte seines Volkes zu erzählen. Aber es ist recht peinlich, mit welchem Stolz' man in seinem Wesen nahestehenden Kreisen vielfach immer noch auf seine Werke hinweist, ohne zu bedenken, daß Fabulieren eine recht schöne Sache ist, wenn sie zu gelegener Zeit und an passendem Ort mit Maß und Witz gehandhabt wird, daß sie aber zu einer höchst verwerflichen Schwäche wird, wenn sie die Wissenschaftlichkeit verdrängt, ohne auf das Erbe ihrer Kronen verzichten zu wollen. Die Geschichte habe ohne Leidenschaft und Voreingenommenheit zu erzählen, was war und nicht, was nach den subjektiven Ansichten des Erzählers hätte sein und werden können. So ungefähr hat der historische Altmeister Ranke die Aufgabe des Geschichtsschreibers skizziert. Was war und wie es ward, als Aufgabe historischer Darstellung gefaßt, hätte auch in Grätz den Wunsch wachrufen sollen, mit strengerem Anschuß an die Quellen des Talmuds, sowie des gesamten jüdischen Schrifttums, die Vergangenheit des jüdischen Volkes — nicht aus dichterischer Phantasie heraus willkürlich zu rekonstruieren — sondern einfach so darzustellen, wie sie sich wirklich abgespielt hat und wie sie unter dem beherrschenden Einfluß des jüdischen Gesetzes sich notwendig gestalten mußte. Nichts lag Grätz ferner als dies. Mit einem fertigen Schema ging er an den Stoff. Diesen suchte er in den engen Rahmen der jüdischen Gegenwartsereignisse, wie sie sich auf dem Gebiete sonderlich der praktischen Religionserfülluna abspielten, hineinzuzwängen. Die Vergangenheit wurde in die Gegenwart, die Gegenwart in die Vergangenheit gehoben, ganz nach der Ebers-Dahnschen Manier, nur mit dem Riesenunterschiede, daß während Dahn und Ebers sich von der Jetztzeit nur den zufälligen und im Grunde belanglosen Rahmen für Zustände erborgen, die sie mit strenger Wissenschaftlichkeit kennzeichnen, bei Grätz eben die Analogie den äußeren Rahmen sprengt und Anschauungen, Denkformen, Lebensführung, Charakterzüge,' kurz, der ganze jüdische Mensch mit allem geistigen und sittlichen Zubehör unter einem ganz bestimmten Gesichtswinkel und für einen ganz bestimmten Zweck mit voller Absicht korrigiert, gemessen und abgepinselt wird. Die wissen fchaftliche Rechtfertigung her Re.- form war das treibende Agens der litterarischen Großtaten Grätz'. Und daß er dies Mottv vielleicht schon recht früh, noch zu einer Zeit, da er zu Nikolsburg, wohin inzwischen der großherzogliche Landesrabbiner von Oldenburg hinübergesiedelt war, sich historische Notizen machte, noch als Schüler seines ehemaligen Lehrers in sich empfand, scheint nicht ausgeschlossen zu sein und wäre dann nur umso beklagenswerter. Das Unglück dieses Mannes wollte es, daß ihn der Himmel Sohn eines Volkes werden ließ, dessen ungewöhnlicher Geschichts- und Schicksalsgang zur Wahrheit zielte und in Wahrheit begründet war und ist. Grätz hätte als nichtjüdischer Historiker nicht entfernt den Schaden angerichtet, der ihm als jüdischem Forscher zugeschrieben werden muß Hannibal und Walleustein sind nicht so empfindlich wie Jochanan und Schamai, wie Hillel und Josua; die allgemeine Weltgeschichte greift nicht so jedem kindlichen Auge offensichtlich in die Verhältnisse eines ganzen Volkes ein, wie die jüdische, die nichts weiter ist als der Werdegang des jüdischen Volkes zum sinaitischen Ideal der Gesetzeshut und Gesetzesvollbringung. Hätte Grätz statt an den Größen des Judentums sich zu vergreifen, einen Hannibal und Cäsar verunglimpft, er hätte sich bloß um den eigenen wissenschaftlichen Lorbeer gebracht, aber nicht um ein Haarbreit wäre die Wertschätzung von Roms geschichtlicher Bedeutung vom Wahren abgewichen. So aber hat er sich an einem ganzen Volke und an einer ganzen Weltanschauung versündigt, indem er eine der glänzendsten Perioden unserer Vergangenheit zu einer Karrikatur verdarb. Das wollen, das dürfen wir ihm nicht vergessen. Und wenn wir's auch wollten, die Geschichte täte es nimmer. Sie hat er verletzt, sie rächt sich an ihm. Es war sein trauriger Irrtum und eine Kurzsichttgkeit, die man bei einem Historiker am allerwenigsten erwarten sollte, daß Grätz offenbar glaubte, er könne ungestraft mit Hypothesen um sich werfen, da, wo es ihm an ausreichenden Quellen und sicherer Handhabe fehlte. Er vergaß, daß er mit dieser Unauftichtigkeit die Seele eines Volkes traf. Jüdische Geschichte ist nicht bloß Wissenschaft, kein Sammelbegriff für Daten und Namen, für Tatsachen und Zahlenjüdische Geschichte ist Tradition, die Erhalterin. des Gesetzes und die einzige Gewähr für die Wahrhafttgkeit unserer Sendung. Was wären wir ohne Tradition, die uns die reine Geschichte verbürgt? Das Judentum ist identisch 'mit seiner Tradition, seinen Ueberlieferungen und seiner Vergangenheit. Die Wurzel unsere Daseins liegt nicht im Heute, sondern im Einst, in der Tatsache eines vor Jahrtausenden eingetrttenen Ereignisses, aus dem wir unfern Mel.' und in W