Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 41-42 (26.5.1898)
- Date
- 1898-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIX. Jahrgang. Erste feil. m M 41 & 42 Srs „Israelit“. Leitender Artikel. Wie man „nbjtrtln" iefdjidjte schreM. Von Prof. Dr. A Srrlzvach. (Schluß.) Hingegen erhält Abraham Geiger die Note „recht gut." Dagegen läßt sich ja nichts einwenden, jeder mag loben oder tadeln, soviel er will, jeder darf seinen Standpunkt vertheidigen; aber die Art und Weise, wie der Verf. sein Urtheil über G. rechtfertigen will, ist doch gar zu merkwürdig. Der Verf. ist, wohlgemerkt, ein Gegner der radikalen Reform; soll also Geigers Thätigkeit das Lob verdienen, das ihm der Verf. spendet, so darf er nicht der Mann der radikalen Reform sein, und um dieses zu beweisen, versteigt sich der Verf. zu folgenden Sätzen: „In der Regel wird Abraham Geiger als der „„Reformator*" bezeichnet, der nur vor den Konsequenzen der radikalsten Reform Halt machte, wie sie spater Samuel Holdheim auf die Spitze getrieben. Indessen ist mit dieser Bezeichnung die Thätigkeit Geigers nicht richtig gekennzeichnet. Abraham Geiger war kein Reformator des Judenthums im landläufigen Sinne, er war vielmehr bestrebt, das Judentbum einer Fortentwickelung fähig zu machen. Er war somit kein Gegner des Talmuds, wie es Holdheim gewesen, vielmehr hat er den Talmud stets als das Produkt der Entwickelungsfähigkeit des Judenthums während einer bestimmten Periode mit der größten Achtung anerkannt. Indem er aber dies that, drang er darauf, nicht bei dem Talmud stehen zu bleiben, diesen nicht als den Abschluß der Fortentwickelung des Judenthums zu betrachten, sondern aus dirsrr Bahn muthig svrtzuschreitrn und das Judenthum den Zeitanschauungen gemäß umzugestalten. Er verwarf nicht den Talmud, wie die Karäer, er wollte vielmehr im Geiste des Talmuds fortschreiten, und diejenigen, welche den Schulchan- Aruch als den Abschluß der religiösen Entwickelung der Juden bezeichneten, nannte er von seinem Stand- ' punkt aus sehr treffend „Talmud-Karäer." . Daß der Verf. den Standpunkt Geigers theilt, könnte man aus dieser „Erklärung" von Geigers . Thätigkeit nicht folgern, wenn wir uns des Vorbehalts er- Innern wollten, den der Verf. im Vorwort dahin (.äbAibhchäß er nur in dtzn seltensten Füllen seinen .'«bwelchenden Standpunkt -von ßen erzählten Vorgängen angemerkt habe. Aber diese Hinterthür hilft hier nichts. Denn so viele Finessen aufzubieten, um Geiger nicht als den Reformator pur excelleiice erscheinen zu lassen, um das Kunststück fertig bringen zu können, ihn in schroffen Gegensatz zu Holdheinr zu stellen — hie Talmudsreundschaft, hie Talmuvfeindschaft — dazu muß man für Geigers Reformthätigkeit eine warme Liebe im Herzen spüren, die man allerdings nicht gern offen ausspricht, namentlich, wenn man in öffentlichen Blättern sich bisweilen darin gefällt einen Strauß gegen die heutige Reform, die doch gegen die Geigerschen Intentionen ein Waisenknabe ist, zu Gunsten der alten, frommen Sitte zu wagen. Und wahrlich, welch' eine Summe an Worten und täuschenden Wortplänkeleien wird hier aufgeboten, um einen Gegensatz Geigers gegen Holdheim künstlich zu konstruiren, und den angeblichen Jrrthum zu beseitigen, daß jener ein Reformator im landläufigen Sinne sei. „Fortentwickeln" wollte Geiger den Talmud! Man wäre fast versucht zu lächeln, ob solcher Wortkunststücke, und dem Verf. rechtgebend, den Kalauer zu wagen, daß Geiger in Wirklichkeit den Talmud fort, d. h. aus dem Bewußtsein der Judenheit hinaus entwickeln wollte, wenn die Sache nicht zu ernst wäre, wenn man nicht gegen eine derartige Korrektur der Geschichte entschieden Front machen müßte. Wir erkennen vollständig das umfaffende Wissen Geigers an, seine biographischen Werke sind meisterhaft, der größte Theil seiner wiffenschaftlichen Untersuchungen aber sind tendenziös Und wimmeln deßhalb von Unrichtigkeiten. Das Werk, das der Verf. sein grundlegendes nennt, „Urschrift und Ueberfetzungen der Bibel" bietet nicht nur eine Musterauewahl von Willkürlichkeiten, sondern geradezu von Entstellungen, und wer sich von dem wiffenschaftlichen Werthe dieses Werkes überzeugen will, der lese nur Rapvporis Kritik nach, die dir Hypothesen Geigers bis in die kleinsten Theile so zerpflückt, daß rein nichts zurückbleibt. Ebenso ist seine Abhandlung über Pharisäer und Sadducäer, trotz manchem Guten, das sie enthält, eine reine Tendenzschrift, welche der eigenen Resormthätigkeit einen Schutz- und Geleitsbries ausstellen, welche darstellen soll, daß er, Geiger selbst, der richtige Geisteserbe eines Hillel und Schamai, eines R. Jochanan ben Saccai u. s. w. sei, während wir, die wir noch an die Verbindlichkeit des Talmuds glauben, nur ärmliche Sadducäer, Nachfolger einer übermüthigen selbstsüchtigen Hohenpriesterclique seien. Nun hat aber Geiger eines übersehen. H)ie