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Der Israelit · 1898-05-26 · Heft 41-42 (26.5.1898) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 41-42 (26.5.1898)
Date
1898-05-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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760 Pharisäer und die zu ihnen gehörigen Talmudisten standen mit ihrer „Fortentwickelung", wie er er bezeichnet, auf dem für sie unantastbaren Boden der offenbarten Lehre, die Bibel war für sie ein noli me tangere; und Geiger? Sein erster ist nicht nur die Göttlichkeit der Bibel zu leugnen, sondern sie als ein aus Fetzen unv Lappen zusammengesetztes Stückwerk zu konstruiren. Geiger ist nicht einmal ein Sadducäer. Und dieser war kein Reformator im landläufigen Sinne? Er war kein Gegner des Talmuds? Gewiß nicht, meint der Berf., denn er hat „den Talmud stet» als ein Produkt der Entwickelungsfähigkeit des Judenthums während einer bestimmten Periode mit der größten Achtung anerkannt." Ah, so! Ich erkenne auch das Zwölftafelgesetz der Römer mit der größten Achtung als das Produkt der Entwickelungsfähigkeit der Menschheit an, aber wollte man es heute ins praktische Leben einsühren, dann würde ich trotz meiner Hochachtung mit Hauen und Stechen dagegen sein, und so hat auch diese Hochachtung vor dem Talmud Geiger nicht zurückgehalten, seine Geltung für die Gegenwart zu bekämpfen, so war er nicht minder ein Gegner des Talmuds wie Holdheim. Darauf, wie sich einer zum Talmud in Bezug auf dapraktische Leben stellt, kommt es ja an, darnach ist die Gegnerschaft oder Freundschaft zu bemessen. Und wo ist denn diese Achtung ausgedrückt, die Geiger von Holdheim unterscheiden soll. Als ob noch kein Mensch Geigers Schriften gelesen hätte, wird hier etwas behauptet, das der Wirklichkeit vollständig widerspricht. Geiger stände in einem wesentlichen Gegensätze zu Holdheim? Wohlan! In einem Briefe an Berthold Auerbach, Breslau, 2b. Dezember 1843, schreibt Geiger: „Da ist ein anderer Kühner, Holdheim! Der hat wirklich ein tüchtiges Buch geschrieben : „„Die Autonomie der Rabbinen und das Prinzip der jüdischen Ehen,"" aber so faul sind noch unsere Verhältnisse, es irritirt nicht, es wirkt daher auch nicht."*) Wenn man weiß, daß dieses „tüchtige" Buch, von dem Geiger bedauert, daß es nicht wirke, an den jüdischen Ehegesetzen rütteln will, so muß man sich fragen, in welcher Beziehung Geiger, wenn er auch nicht den Sabbat auf den Sonntag verlegen wollte, ein milderer Reformator als Holdheim war. Genügen diese Proben, um zu beweisen, daß zwischen Geiger und Holdheim in Bezug auf Reformeifer und die Ansicht über unsere jüdischen Religionsquellen kein großer Unterschied ist? Genügen sie nicht, nun, sie können noch vermehrt werden. Wie sich zu all dem Gesagten folgender Satz de» Verf. verhält, überlassen wir dem Urtheil de» Publikum«. *) Abr. Geiger- Leben in Briefen. HerauSg. von Ludwig Geiger. Berlin 1878. S. 17S. „Von diesem Standpunkt aus vertrat Geiger das Prmzip der Fortbildung und nicht der Reformation im Judenthum. Nicht die Rückkehr zu den alten, biblischen Formen, nicht die Beseitigung des Talmuds war das Ziel Geigers, sondern die weitere Entwickelung der jüdischen Lehre, gerade im talmudischen Sinne." „Entwickelung der jüdischen Lehre, gerade im talmudischen Sinns; " wirklich kostbar! Nein, Geiger war Reformator im landläufigen Sinn, denn, ob Holdheim einen Schritt weiter gegangen, als jener, das ist ganz irrelevant, „die Entwickelung der jüdischen Lehre im talmudischen Sinne," wie sie der Verf. Geiger imputirt, hätte zu den Konsequenzen Holdheimscher Praxis führen müssen, wenn — wenn eben nicht von anderer Seite ein Halt! wäre geboten worden. Und hier begegnen wir einer Lücke im Buche, die sehr vielsagend ist. Der Verf. erzählt von all den Fort- und Rückschritten, die die Reform während des letzten Jahrhunderts gemacht. Daß es neben den Halb- und Ganzreformern auch eine Partei gegeben, die unverbrüchlich am alten Juoenlhum gehalten, erwähnt der Verf. nur dann, wenn er glaubt sie in einer Weise hinstellen zu können, die unsympathisch erscheint. Daß auch sie Führer hatte, erfahren wir nickt, nur von Sachs nimmt der Vers. Gelegenheit zu sprechen, um uns zu sagen, daß er in Berlin nichts habe wirken können, und von Frankel, um auch das Juste milieu zu erwähnen, un» zu sagen, daß er in Berlin an Sachs' Stelle hätte mehr wirken können. Alles übrige muß wohl eine todte Masse gewesen sein, die stumm und theilnahmlos der Zerstörung alles dessen, was ihnen heilig war, zusah. Und doch war es ein Mann, der vermöge seines Geistes, seiner Beherrschung der Sprache in Wort und Feder, den Kampf mit der Reform und ihren Vertretern, die ihm gegenüber nicht die Prärogative der zeitgemäßen Bildung hatten, aüfnehmen konnte und ihn aufnahm und dort ein Stillstehen, hier ein Vorwärtsschreiten bewirkte und die Zaghaften ermuthigte und den Anstoß zum mannhaften Sichaufraffen gab. Dieser Mann war Samson Raphael Hirsch, und diesen Namen sucht man vergebens in dem „unparteiischen und ohne Voreingenommenheit" geschriebenen Buche des Herrn Dr. Bernfeld. Dieses Verschweigen, eine Geschichte der deutschen Judenheit im letzten Jahrhundert zu schreiben, ohne Hirsch» Namen zu erwähnen, enthält eine Selbstkritik, der man nichts mehr hinzuzufügen braucht.

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