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Der Israelit · 1897-10-05 · Heft 79 (5.10.1897) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 79 (5.10.1897)
Date
1897-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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sVv^V 1539 waren. Lächelte ihnen ja unter seinem Scepter das erste Frühroth des Emancipationsgedankens! — Die Stein - Hardenberg'sche Gesetzgebung, deren Edikt vom 11. März 1812 alle Juden Preußens zu Staatsbürgern erklärte, und diese für fähig erkannte, höhere Staatsämter zu verwalten, entflammte die Herzen der preußischen Juden für den gerechten König, der über alle Finsterlinge und Nachtinsecten des Geistes hinweg, seine jüdischen Unterthanen, — in diesen nur die Staatsbürger und nicht die Israeliten erkennend, — mit zärtlicher, landesväterlicher Liebe berücksichtigte. In den Freiheitskriegen fanden die jüdischen Jünglinge Preußens gar bald Gelegenheit, ihre Dankbarkeit opferfreudig, freiwillig und mit Löwenmuth, mit ihrem Blute zu besiegeln. Auch Akiba Eger, wenngleich dem Ungarlande entstammend, war voll und ganz Preuße geworden. Als Knabe von zwölf Jahren kam er nach Breslau, sich dort an den rabbinischen Capaeitäten emporzurecken;*) von dort siedelte er nach Liffa (Posen) über, aus welcher Stadt er seine Gattin heimholte, und woselbst er bis 1791, in welchem Jahre die ganze Stadt Lifla ein Raub der Flammen wurde, in privater Stellung erfolgreich lehrte, gottesdienstliche und humanitäre Pflichten übte. Dem freundlichen Anerbieten der Gelehrten der Nachbargemeinde Rawitsch, unter ihnen zu sein, nachdem Lissa eiugeäschert lag, ein williges Ohr schenkend, entfaltete Eger in Rawitsch eine Lehrthätigkeit, bis der ehrenvolle Ruf aus Märkisch-Friedland an ihn erging, und er daselbst das Rabbinat antrat; dort segensreich wirkend und schaffend, bis 1814 die israelitische Gemeinde zu Posen, die altehrwürdige Metropole, ihn auf den Platz bringt, der der Bedeutung eines Akiba Eger angemessen war! Somit ist Eger sehr frühzeitig Preuße geworden, und bis zu seinem letzten Athemzuge im Preußenlande geblieben, seinem Könige und zur Heimath gewordenen Vaterlande in Liebe und Treue ergeben! Und er persönlich stand Zeit seines Lebens in hohem Ansehen bei der Staatsregierung. In jeglicher Beziehung hatte die Posener Gemeinde demnach dreiundzwanzig Jahre hindurch, von 1814 bis 1837 an dem „großen Manne" und dem „großen Menschen" das mustergiltigste Beispiel. Wir muffen indeß dem Professor Grätz bei¬ *) Vorzüglich an seinen Onkel. Rabbi Wolfs Eger, den Bruder seiner Mutter, (der seine Schwester in Eger's Responscn Kap. 29 „gelehrt wie ein Mann" bezeichnet» und an dem ausgezeichneten Vielwisser und Kritiker Rabbi Jesaia—Berlin. stimmen, daß die „Bescheidenheit" der funkelnste Edelstein in Egers Tugendkrone gewesen war?) Diese rührende, kindliche Bescheidenheit hat ihm am Tage seines Eintreffens in Posen die Herzen der Gesammtgemeinde im Sturme erobert; so daß alle schrillen Dissonanzen, die vor seiner endgültigen Wahl im wirren Durcheinander sich vernehmen ließen, in harmonischen Wohlklang sich auflösten. Ich will mich näher erklären: Es gab nämlich schon im ersten Viertel unseres Jahrhunderts, innerhalb der Posener Gemeinde, eine Anzahl von Männern, die, einer religiös-freisinnigen Richtung huldigend, in der Wahl eines geistigen Oberhauptes uralten Schlages einen Rückschritt erblickten. Diese Neuerer haben denn auch der Wahl Akiba Egers alle nur erdenklichen Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und sie schenkten es auch nicht, ihn der Aufsichtsbehörde gegenüber als Zeloten zu kennzeichnen. Hierdurch war eine Agitation in Scene gesetzt, die durch den Widerstand, den die Traditionsgetreuen, zu welchen die überwiegende Mehrheit Posen's damals zählte, mannhaft leisteten, zu einem erbitterten Kampfe ausartete. In beiden Lager zeigte sich naturgemäß, was der große Dichter in der „Braut von Messina" gesungen : „Wir haben uns in des Kampfes Wuth nicht besonnen und nicht berathen!" zeigte sich wie wahr in feinem ganzen Umfange das ciceronische Wort ist: „Unter dem Lärm derWaffen schweigen die Gesetze!"**) Und, um wiederum mit Deutschland's größtem Dichter zu sprechen, „schwankte Eger's Charakterbild" in der Candidaturperiode, „von der Parteien Gunst und Haß verwirrt." Als aber Eger's Widersacher, überwunden in heißer Schlacht, die Wahl als vollzogene Thaisache anerkennen mußten, und dann sein anspruchsloses Auftreterl, seine Harmlosigkeit, trotz der, auch von der Opposition anerkannten Riesengeistesgröße, sein einfaches ungekünsteltes, wahrhaft bescheidenes Wesen, persönlich kennen und hochschätzen lernten, da war die vorangegangene Demonstrationszeit in Aller Augen einer Kräuselung auf der Oberfläche des Zeitstromes gleich. Gar bald wurden seine ehemaligen Angreifer, Eger's Freunde und Verehrer, die erkannten, daß es denn doch allzu kleinlich gewesen war, eine über die täglichen Erscheinungen so hocherhabene Gestalt in ein Gezanke hinabgezerrt zu haben. „Wenn eines Menschen Wandel Gott gefällt, so versöhnt er auch *) Nichtsdestoweniger war Eger ein Mann von „energischer Initiative und kühner Entschlossenheit", wo es galt religiösem Verfall vorzubeugen. Grätz, der seines Lobes voll ist, hält ihn für „einen stillen Mann ohne Initiative," - trifft nicht ganz zu! — wenn er auch, was Grätz hinzufügt: „ein Feind vom Lärmschlagen" war. **) Inter arma silent leges.

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