Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 79 (5.10.1897)
- Date
- 1897-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1530 seine Feinde mit ihm." Diesen salomonischen Spruch (Sprüche, Kap. 16,. Vers 17) wandte man damals in Posen auf Eger an, als er nach seiner Antrittsrede von der Kanzel herniederstieg! Es ging ein Zug mächtiger Begeisterung durch die Räume des Gotteshauses, als Akiba Eger vor der heiligen Lade seine Captatio benevolentiae eröffnet«, und mit ehrfurchtsvoller Scheu von den Heroen sprach, deren Nachfolgerschaft anzutreten er somit sich anschicke; als wäre ein Akiba Eger seinen Vorgängern in keinerlei Weise ebenbürtig gewesen!*) Diese Demuth erklärte ihn angesichts der andachtsvoll Versammelten zu einem höheren Wesen. Wer ihn sah, wer ihn sprach, wer ihn hörte, konnte seinem sanften Zauber nicht widerstehen; und alle jene Documente, die in der Confliktszeit zu den Akten der königlichen Regierung gekommen waren, sind mit seinem Amtsantritte gegenstandslos geworden. Der „große Mann", mehr noch der „große Mensch", hatte einen Sieg über allen Gemüther errungen. Hinter den blitzenden Gedanke des großen Geistes, zuckte das Wetterleuchten der Demuth und Bescheidenheit, der Herzensgute und der Sanftmuth hervor und reinigte die Atmosphäre, und Einklang erfüllte den Dunstkreis. Von Akiba Eger's Demuth und Bescheidenheit legt uns noch sein Grabeshügel ein glänzendes Zeugniß ab. Unsere Zeit liebt den Gräberschmuck durch Ephenranken und Kranzgewinden, sie liebt die ahnungsreiche Trauerverheißung der Cypreffe, den geheimnißvollen Schatten der Esche; sie strebt nach pompösen Denkmälern, auf welchen des Künstlers Hand die Worte der Liebe und der Verehrung geschmackvoll hervorgemeißelt. Da sollen Leben und Unsterblichkeit durch den Marmor fächeln, Pulse sollen schlagen Fels und Stein. Durch allerlei Aeußeres und äußeres Allerlei soll Stimmung an jenem heiligen Orte geschaffen werden, wo unsere Geliebten so sanft ruhen. Und fragen wir uns bisweilen: Wem gilt dieses äußere Zeichen der Verewigung? so schwebt uns Goethes Epigramm unwillkürlich vor: „Als Knabe verschlossen und trutzig, als Jüngling anmaßlich und stutzig" u. s. w. „Auf deinem Grabstein wird man lesen: das ist fürwahr ein Tlenjfy gewesen!"**) Nun, von Herrlichkeit und Prunk ist an der Ruhestätte Akiba Eger's nicht's zu schauen! Denke dir, freundlicher Leser, das Allereinfachste des Allereinfachsten! Und doch! Welche Hoheit schwellt über *) Um „Die Geschichte der Juden in Posen" und ihre Rabbinen, hat der gelebrte Perlcs sei. And. sich nnsterbliche Verdienste erworben. Die werthvolle Schrift ist leider nicht in dem Maaße verbreitet, wie sie es sein müßte. **) Lebhaft an die Stelle in Hiob, 13, 12, erinnernd. Die ironisirende Redeweise beginnt schon mit Kap. 12. — «Liebe Arnheims Hiob-Eommentar zum Kap. 26, und vergl. seiner Ruhescholle! Welche erhabene Weihe und feierliche Stille umfangen den andachtsvollen Beschauer an dieser Stätte des göttlichen Friedens! Unsere Seele athmet dort das Hochgefühl einer überirdischen Ruhe, einer himmlischen Seligkeit! Stehen wir ja am Grabe Akiba Egers! Bedarf es da noch der plastischen Darstellung seiner geistigen Errungenschaften? „Was will überhaupt ein Denkmal?" ruft Jean Paul aus! „unmöglich Unsterblichkeit geben, — denn jedes letzt eine voraus!" *) Ein kleiner, winziger, unansehnlicher Stein verkündet uns die Ruhestätte Akiba Eger's! Aber, bei diesem anspruchslosen Steinchen denken wir an das Wort der heiligen Schrift. Und Jakob nahm einen schlichten Stein, „er" aber „erhob" ihn zum Denkmal!" (Genesis, 31, 45) — Auf Eger's Grabsteinchen sind nämlich — so — hat er es selbst testamentarisch angeordnet, — die denkwürdigen Worte zu lesen: „Hier ruhet Akiba Eger, der Knecht der Knechte des Herrn!" Und diese Demuth, dieser engelreine Sinn, diese erhabene Gottesfurcht, sie „erheben" das prunklose Steinchen zu einem monumentalen, historischen Denkmal, das öde Sandhügelchen zu einem weihevollen Tempel. Wer zählt die Andächtigen, die bis auf den heutigen Tag ihr Herz im Gebete am Grabe Eger's ausgeschüttet habe, daß sein Genius ihre Bitten zum Throne des himmlischen Vater's trage! — Was Lessing einst gesprochen: „O, Kleist! Dein Denkmal dieser Stein? Du wirst des Steines Denkmal sein!" Das eigentlich ist es, was auch wir am Grabe Eger's empfinden! „Das Andenken an die großen Worte der Großen und Gerechten, ist dauernder denn ein Denkmal aus Erz nnd Stein!" heißt es treffend im jerusalemischen Talmud, Traktat Schekalim. Mit Ovid (ex Ponto) spricht man hier unwillkürlich: „Gutta cavat lapidem“ ic. „Der Tropfen höhlt den Stein, nicht durch Kraft, sondern durch häufiges Niederfallen. (Vergl. Hiob 14, 19.) Doch das Andenken, das wir in unserm Herzen verdienstvollen Männern errichten, entwurzeln nicht Windstöße und brausende Ströme, und auch nicht ununterbrochen herniederpraffelnde Regenströme.**) Der unsterbliche Eger wird seinen Grab- *) Was die moderne Literatur Philosophisches über Werth und Werlhlosigkeit der Denkmäler entwickelt, daS haben die alten hebr. Schriftsteller längst dargethan. Ich verweise hier nur auf die Quellenangabe bei Zunz: «Zur Geschichte und Litteratur." Berlin, 1845, S. 390—404. ** i Dies eben scheint die heilige Schrift hervorheben zu wollen, wenn sie dem Lehrer für ewige, unendliche Zeiten zurust: „Das ist das Grabdenkmal der Rahe! bis auf den heutigen Tag!"