Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 79 (5.10.1897)
- Date
- 1897-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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’r,—.1 -^7 1528 schen Thesen aus dem weiten, schrankenlosen Gebiete talmudischer Wissenschaft, vor das Forumseiner Entscheidung. Im Ritual und in der Theorie zugleich, wandte man sich von Ost, West, Süd und Nord, fragestellend an ihn und man hing mit einer nach Weisheit und Wahrheit lechzender Wißbegierde an seiner Feder. Als „großer Mensch" stand Eger wiederum im Mittelpunkte des Volkes, war er Gemeingut geworden. In Volkskreisen, in welchen nur dann Reichthum an Kenntnissen bei den Gelehrten hochgeschätzt wird, wenn dieser mit edlem, humanem Wesen gepaart ist, erkannte man richtig den Herzensadel Eger's, der mit seiner hervorragenden geistigen Begabung Hand in Hand ging. Wir wollen in unserer „Erinnerung" nur den „großen Menschen" feiern; denn, was der „große Mann" Unsterbliches unterrichtend und fchriftstellernd geleistet und geschaffen, das muß in einem fachwiffenschaftlichen Organe besprochen werden. Akiba Eger — geboren zu Eisenstadt in Ungarn, *) 1752, verband mit seiner unermeßlichen Geisteshöhe, ein fühlendes Herz für Nothleidende und Hülfefuchende! Seine von ihm über alles geliebten Folianten konnte ec schließen, die wißbegierigen Jünger verlassen, und seinen Geistesflug im Aufschwünge hemmen, wenn es galt Retter in Gefahren zu sein, Kummererfüllten und Schmerzdurchwogten Trost zu gewähren. Gebeugte durch Rath und Thal emporzurichten, Schutz und Beistand allen Denen angedeihen zu lassen, die sich vertrauensvoll an ihn wandten. Und dieser menschenfreundliche Sinn kannte keine Grenzen. Eger war nicht nur ein Seelsorger, der das Wohl und Weh seiner Gemeindemiiglieder mit allen Fasern seines Herzens empfunden; mehr als dies zeigt uns sein leuchtendes Charakterbild; denn, er hat als Lehrer und Anwalt seines israelitischen Volke?, innigstes Mitgefühl für alle Leiden und alle Wonnen desselben bekundet. Eger reichte seinen Glaubensgenossen nach allen Richtungen der Windrose hin im Geiste seine Bruderhand, seine Kräfte für ihr Wohlergehen in den Dienst der Liebe stellend. Doch, noch weiter, entrollt sich Eger's Gemälde vor unseren Augen, immer glorreicher entfaltet und gestaltet sich seine Wirksamkeit zu Gunsten der Menschheit im Allgemeinen. Sein Wohlthun durchbrach alle konfessionellen Schranken. Galt es die Saat der Milde auf die lechzende Flur der Armuth auszuftreuen, so faßte Eger nur „Menschen," nicht „Religionsbekenner" ins Auge. **) *) Eger's Vater, ein gelehrter Kaufmann, hieß Moses Güns. Der Name „Eger" knüpft an seine Ahnen mütterlicherseits an. „Akiba Güns aus Eisenstadt" zeichnete unser Held. **) So will es der Talmud, Tractat Gittin, 61a; und der Talmud war Eger's Richtschnur. — Allein, der Hochherzige übte stets des Guten und Edlen weit mehr als ein Mensch zu thun verpflichtet ist. Als im Jahre 1831, um nur ein einziges, aber glänzendes Beispiel anzuführen, — die Cholera wüthend und fortraffend über Posen hereinbrach, da sammelte Eger unermüdlich Gelder und Lebensmittel, die neben den Armen der jüdischen Gemeinde Posen's, auch unseren evangelischen und katholischen Brüdern im reichen Maße zuflossen. Eger, von wackeren Männern unterstützt, sorgte in erster Reihe für nährende, kräftigende und sanitär empfehlenswerthe Kost bei den Armen; er sann unablässig nach Mitteln und Maßregeln zur Abwehrung, wie zur Heilung der verderbenbringenden Krankheit. Eger's musterhaft organisirtes Rettungswerk in jener furchtbaren Schreckenszeit, gelangte zur Kenntnih des Hochseligen Königs Friedrich Wilhelm III., und er beauftragte in einem sehr huldvollen Kabinetsschreiben, am 5. September 1831, den damaligen Präsidenten Flottwell, dem Oberrabbiner: „Mein Wohlwollen und meine Zufriedenheit mit dem von ihm und seiner Gemeinde beobachteten nachahmungswerthen Verfahren auszudrücken." Im Anschluß an dieses Königliche Anerkennungs- Schreiben, wird es die geschätzten Leser interessiren zu erfahren, mit welchem Feuereifer, mit welch' glühender Liebe, der Philanthrop Akiba Eger das Wort für König, staatliche Einrichtungen und Landesgesetze, ergriff. In seinen „Responsen" Kapitel 41, schreibt Eger, — nach wortgetreuer Uebertragung aus dem Hebräischen in unsere Landessprache, — folgende begeisterte Kundgebung: „Es ist heilige Pflicht jedes israelitischen Seelsorgers, es seinen Gemeindemitgliedern zu Herzen zu führen, daß sie das Wort des Königs in Ehren halten und seinen Bestimmungen nie den Gehorsam versagen mögen. Wie oft machte ich in meinen „Predigten"*) hierauf schon aufmerksam, und wies durch unwiderlegbare, spiegelklare Argumente aus der Bibel, dem Talmud und aus Vernuftgründen nach, daß die Pflicht des Patriotismus eine auf dem Boden des traditionellen Judenthum's fundamentale sei. Ganz besonders aber tritt diese Pflicht an den „Rabbiner" heran; „Er" muß seiner Gemeinde hierin in leuchtendem Beispiele vorangehen, von „ihm" nmß sie lernen den König ehren, ja ehrfürchten." Hierzu kam, daß dem verklärten Könige Friedrich Wilhelm III., speziell, die zeitgenössischen Juden Preußens zu ganz besonderem Danke verpflichtet *) Man denke hierbei nicht etwa an die modernen Predigten unserer heutigen Kanzelmänner. — Das schlichte Wort, die prunklose Rede, ohne Schmuck, ohne Blume, ohne schönklingende Phrase, — aus dem Munde eines gottgeweiheten Akiba Eger, — waren eindrucks- und wirkungsvoller, als die bilderreichste, pathetisch-vorgetragene, formvollendete Predigt der gewaltigsten Rhetoriker der Gegenwart.